Hilfe? - Brauch Ich Nicht!

1357 Words
Noch immer gedemütigt und seine Worte nicht begreifend starrte ich ihn von hier unten mit großen Augen an. Ich hätte gerade alles andere erwartet, aber nicht so eine Aussage. Es verletzte mich…und zwar sehr. Als ich realisierte, dass ich jetzt nichts mehr daran ändern konnte, schaute ich wieder traurig auf mein Dilemma und wischte wortlos die restliche Milch auf. „Oh nein, Lia! Das tut mir so leid!“, sofort begriff er, was er mit seiner Aussage angestellt hatte und hockte sich zu mir auf den Boden. Seine Hand legte er auf meine Schulter und sagte: „Lia, schau mich an.“ Nach einem tiefen Seufzer hob ich schließlich meinen Blick. „Lia, es tut mir so leid. Ich wollte dich nicht verletzen. Bitte verzeih mir.“, versuchte er sich zu entschuldigen und ein kaum erkennbares Lächeln zwang sich über meine Lippen. „Oh man, manchmal muss ich echt meine Zunge zügeln. Ich hab nicht nachgedacht, bevor ich gesprochen habe. Weißt du, ich hab doch schon seit Anfang an mitbekommen, dass das dein großer Traum ist. Und ich find es einfach nur unglaublich mit wieviel Eifer du an diesem Traum dranbleibst. Mein Eifer dich darin zu unterstützen hat nun mal nicht so lange durchgehalten… Lia, wir haben dich jetzt schon über zwei Jahre hier und wir sind so mega zufrieden mit dir. Wir könnten uns keine bessere Arbeitskraft vorstellen. Wir arbeiten so extrem gerne mit dir zusammen und nicht in jeden haben wir so ein Vertrauen wie in dich. Die Freude, dass du eine Filmrolle bekommst würde eher untergehen in der Trauer deines Verlustes. Vielleicht war es auch die Angst dich gehen lassen zu müssen, die diese Aussage in mir hervorbrachte.“ Nun legte sich ein ehrliches Lächeln auf meine Lippen. Was für eine Entschuldigung? Und das auch noch von einem Chef, der eigentlich über mir stehen sollte. Stattdessen kniet er nun hier vor mir auf dem Boden und hält mir eine Entschuldigungsrede. Einfach nur WOW! Diese Menschen leben wirklich nach dem, was Jesus predigte und was in der Bibel steht. Dieser Mann hier vor mir ist ein wahrer Nachfolger Jesu. Und das scheint wirklich diese Liebe zu sein, die hier so spürbar herrscht. „Ich verzeih dir, Harry“. Plötzlich war ich ganz automatisch bereit ihm mit vollem Herzen zu vergeben. Und JA, ich darf ihn duzen, ist das nicht ein unfassbarer Chef? Ein Traum!!! „Danke Lia.“ Mit Schwung war er wieder auf den Beinen und hielt mir hilfsbereit seine Hand hin, die ich gerne ergriff und er zog mich zu sich hoch. „Und? Wie war das Casting nun?“, fragte er nun sichtlich interessiert. „Ich bin in der engeren Auswahl.“, gab ich leise von mir ohne ihn anzusehen. „Echt?“ Etwas überrascht versuchte er sich für mich zu freuen, doch man sah wie schwer es ihm fiel. Er muss mich wohl echt gernhaben. „Tut mir leid, dass ich mich nicht so für dich freuen kann. Jetzt weißt du ja warum. Ich will aber auf jeden Fall, dass du glücklich bist, und ich respektiere und unterstütze dich in deinen Entscheidungen.“ „Danke, Harry. Und hör auf dich die ganze Zeit zu entschuldigen.“ Ich schubste ihn ein wenig freundschaftlich. Kannst du dir das vorstellen, deinen Chef als einen Freund zu sehen? Wie unglaublich dankbar ich über die Bluewes bin! „Entschuldige mich nun bitte, ich hab hier noch ein Date mit dem Waschlappen.“ Verführerisch zog ich die Augenbrauen hoch und begab mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und entfernte die restlichen Milchreste, die teilweise sogar schon eingedorrt waren. *** Gerade brachte ich ein paar mit Liebe kreierte Kaffees zu Tisch 4, da tippte mich im Vorbeigehen ein anderer Kunde an. „Könnte ich bitte zahlen?“ Gestresst drehte ich mich halb zu ihm, entgegnete ein schnelles „Ja, ich komme gleich“ und steuerte auf mein Ziel, Tisch 4, zu. Auf meinem Rückweg, sah ich neue Leute das Café betreten und wie ein weiterer Mann weiter hinten im Café mich zu sich winkte. Oh man, war heute viel los. Okay es war Sonntag, da ist meistens viel los, aber heute ganz besonders. Bisher hatte ich all die Bestellungen alleine geschmissen. Mr. und Ms. Bluewes sind einkaufen gefahren. Also war auch nur ich alleine hier. Naja…und David (englisch ausgesprochen), der sich noch irgendwo im oberen Stockwerk befand. Harry meinte noch ich soll einfach klingeln, wenn ich Hilfe brauche, dann hat ihr Sohn seinen Hintern hier runter zu bewegen. Und fürs Klingeln hatte ich bisher noch keine Zeit gehabt, da ich von Bestellungen überhäuft wurde. Manchmal bilde ich mir ein, dass ich das alleine schaukeln kann und keine Hilfe brauche, aber mit dieser Einstellung würde ich mich wahrscheinlich irgendwann zu Tode arbeiten. David war eigentlich meistens Wochenends hier und unterstütze mich. Auch Mr. und Ms. Bluewes halfen wenn’s notwendig war, aber genossen es eher Gespräche mit der Kundschaft zu führen. Ihnen war es wichtig Beziehung zu den Gästen aufzubauen und etwas von ihrer Liebe spüren zu lassen. Das ist total besonders, weshalb ich auch nicht böse bin, wenn sie nicht so oft Hand anlegen. Deshalb war David meistens die Aushilfe. Ich kenne David schon mindestens 5 Jahre. Da ich, bevor ich hier arbeitete, selbst in diesem wundervollen Café Stammkunde war und er sich früher schon öfter hier aufhielt, oder eben selbst mal ein Tablett in die Hand nahm und schwungvoll heiße Getränke servierte. Früher fanden Aly und ich ihn immer ziemlich süß und mit dem Charme, mit dem er die Bestellung der Getränke aufnahm, brachte er uns oft zum Schmunzeln. Aber das war früher. Jetzt ist er mein Arbeitskollege und einer der nervigsten Männer, die ich kenne. Er ist zwar zwei Jahre älter als ich, aber verhält sich oft noch wie ein Kind. Was manchmal zwar auch echt amüsant ist, aber auch extrem nervtötend sein kann. Ein lautes „Entschuldigung“ holte mich aus meinen Gedanken, welchem Wunsch ich nun wohl als erstes nachgehen sollte. Der Mann, der nach mir rief, war der, der gerade zur Bezahlung aufforderte und winkte nun nervös mit seinem Geldbeutel. Alles klar, DAS war nun wohl das, was ich als aller erstes machen sollte. Gäste die Zahlen möchten, wollen gehen, deshalb sollte man sie nicht länger hier festhalten. Also checkte ich am Kassengerät nochmal die Bestellung ab und druckte schließlich den Kassenzettel aus. Mein direkter Weg war nun zu diesem Herrn, und hoffte, dass mich kein weiterer Gast aufhielt und ich wieder jemanden vertrösten musste. Ich lasse wirklich ungern Leute warte, aber bei dem Ansturm geht es manchmal nicht anders. „Naja, du könntest die charmante Aushilfe mal um Hilfe bitten, meine Liebe.“, meldete sich meine innere Stimme wiedermal äußerst passend zu Wort. Mit schnellen Schritten war ich auch schon bei dem Tisch des nervösen Mannes mit dem Geldbeutel und kassierte den Geldbetrag und durfte mich über ein klein wenig Trinkgeld freuen. Vielleicht hätte er ja mehr gegeben, wenn er nicht so lange warten hätte müssen... „Schönen restlichen Sonntag wünsch ich Ihnen noch.“ Ich grinste ihm noch kurz hinterher, da hörte ich ein weiteres Schreien nach mir. Irgendwann ist man echt getrimmt die Rufe der Gäste nicht zu überhören. „Wir würden gerne bestellen“, informierte mich die Frau auf dem Tisch, die gerade gekommen waren und stellte die gebrauchten Gläser und Tassen der vorherigen Gäste auf den Tischrand. Mit dieser Geste wollte sie mir wohl vermitteln, dass ich das gefälligst abräumen soll und sie bei einem sauberen Tisch ihren Kaffee genießen möchte. Mit meinen Händen nahm ich einen Teil davon mit, konnte aber nicht mehr tragen, da ich das Tablett beim Kassieren nicht mit dabeihatte. Ok…nun war ich definitiv überfordert und brauchte Hilfe. „Hättest du früher David geholt, hättest du dir den Stress ersparen können.“, sang mein liebes (*hust* Sarkasmus *hust*) Ich in mir. Ich verdrehte meine Augen, als ich durch die Pendeltür in die Küche gehen wollte, um endlich David zu holen. Doch hinter der Pendeltür befand sich ein Widerstand, was einen dumpfen Schlag auslöste. „Aua.“, ertönte es von der anderen Seite der Tür.
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