Kapitel 5: Ein Name, der alles verändert
Aria versuchte, ihn zu ignorieren.
Zwei Tage lang hatte sie sich dazu gezwungen, keinen Gedanken an ihn zu verschwenden. Keine Nachrichten, keine Wege, die sich zufällig kreuzen konnten, keine Orte, an denen sie ihn erwarten würde. Sie hielt sich beschäftigt, arbeitete länger als nötig, blieb unter Menschen und ließ sich keine ruhige Minute.
Es funktionierte nicht.
Seine Stimme blieb in ihrem Kopf.
Sein Blick ebenso.
Und vor allem diese eine Frage, die sich nicht verdrängen ließ.
Was würdest du tun, wenn ich ja sage?
Aria presste die Lippen zusammen und zwang sich, den Gedanken loszulassen. Sie brauchte Fakten, keine Vermutungen, keine Gefühle, die sich ihrer Kontrolle entzogen.
Genau deshalb stand sie jetzt hier.
Vor einem kleinen Café, das sie sonst nie betreten hätte.
„Du bist zu früh.“
Aria drehte sich um. Lena kam auf sie zu, die Hände in den Taschen, ihr Blick sofort aufmerksam.
„Ich wollte nicht zu Hause sitzen,“ antwortete Aria ruhig.
Lena musterte sie kurz. „Du meinst, du wolltest nicht nachdenken.“
Aria schwieg.
Das reichte als Antwort.
Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Draußen zog das Leben vorbei, doch Aria nahm es kaum wahr.
„Also,“ begann Lena und lehnte sich leicht vor, „was genau läuft hier eigentlich?“
Aria atmete langsam aus. „Ich weiß es nicht.“
„Du hast ihn wieder getroffen.“
„Ja.“
„Und?“
Aria zögerte einen Moment. „Er weicht aus. Immer. Egal, wie direkt ich frage.“
Lena runzelte die Stirn. „Das überrascht mich nicht.“
„Mich schon,“ sagte Aria leise. „Er wirkt nicht wie jemand, der etwas verstecken muss.“
„Genau das sind meistens die, die am meisten verbergen,“ entgegnete Lena trocken.
Aria wandte den Blick ab. „Jemand hat mich angerufen.“
Lena hielt inne. „Was?“
„Die gleiche Person, die mir geschrieben hat.“
„Und du gehst einfach ran?“ Lena schüttelte den Kopf. „Aria, das ist alles andere als normal.“
„Ich weiß.“
„Was hat sie gesagt?“
Aria zögerte kurz. „Dass ich nicht die Erste bin.“
Lena lehnte sich langsam zurück, ihr Ausdruck wurde ernster. „Okay… das gefällt mir überhaupt nicht.“
„Mir auch nicht.“
„Und trotzdem bist du noch drin.“
Aria antwortete nicht sofort.
Weil sie wusste, dass Lena recht hatte.
„Sie hat noch etwas gesagt,“ fügte Aria leise hinzu.
Lena hob den Blick. „Was genau?“
Aria strich mit dem Finger über den Rand ihrer Tasse. „Ich soll ihn fragen, warum er mich ausgesucht hat.“
Lena verzog leicht das Gesicht. „Das klingt nicht nur schlecht, das ist schlecht.“
„Ich habe ihn gefragt.“
„Und?“
„Er hat nicht geantwortet. Zumindest nicht wirklich.“
„Natürlich nicht.“
Aria nickte langsam. „Aber er hat es auch nicht abgestritten.“
Für einen Moment sagte Lena nichts, dann sah sie Aria direkt an. „Das ist gefährlich.“
Aria hielt ihrem Blick stand. „Ich weiß.“
„Und was machst du jetzt?“
„Ich finde heraus, was dahinter steckt.“
Lena schüttelte den Kopf, diesmal entschlossener. „Und wenn dir die Wahrheit nicht gefällt?“
Aria zögerte kurz. „Dann höre ich auf.“
Lena sah sie lange an, als würde sie diese Antwort prüfen. „Nein,“ sagte sie schließlich leise. „Das wirst du nicht.“
Als Aria das Café später verließ, fühlte sich nichts leichter an.
Im Gegenteil.
Alles war schwerer geworden.
Sie zog ihre Jacke enger um sich, während sie die Straße entlangging, ohne ein festes Ziel. Ihre Gedanken kreisten, verbanden sich, lösten sich wieder auf, ohne ein klares Bild zu ergeben.
Bis sie stehen blieb.
Nicht wegen eines Geräusches.
Sondern wegen eines Blicks.
Auf der anderen Straßenseite stand eine Frau, leicht an ein Auto gelehnt, und sah sie direkt an.
Zu direkt.
Zu bewusst.
Aria spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Die Frau bewegte sich nicht, wich ihrem Blick nicht aus, als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet.
Langsam überquerte Aria die Straße.
Schritt für Schritt.
Ohne genau zu wissen, warum.
Die Frau blieb stehen.
Ruhig.
Selbstsicher.
Als Aria vor ihr stehen blieb, sagte sie zunächst nichts.
Die Frau musterte sie ruhig, von oben bis unten, als würde sie etwas überprüfen.
„Du bist also Aria.“
Ihre Stimme war ruhig, sicher, ohne den geringsten Zweifel.
Aria spürte, wie sich ihre Anspannung verstärkte. „Kennen wir uns?“
Ein leichtes Lächeln erschien. „Nein.“
Eine kurze Pause.
Dann: „Aber ich kenne ihn.“
Arias Herz schlug schneller. „Kael?“
Die Frau antwortete nicht direkt, aber ihr Blick ließ keinen Zweifel.
„Wer bist du?“ fragte Aria.
„Mara.“
Der Name blieb einen Moment in der Luft hängen, als hätte er mehr Bedeutung, als er auf den ersten Blick erkennen ließ.
„Und was willst du von mir?“
Mara neigte leicht den Kopf. „Ich wollte dich sehen.“
„Warum?“
Ein schwaches Lächeln. „Weil ich neugierig war.“
Aria verschränkte die Arme. „Auf mich?“
„Auf seine Wahl.“
Die Worte trafen sofort.
Arias Blick wurde kälter. „Ich bin keine Wahl.“
Mara betrachtete sie ruhig. „Das glaubst du wirklich?“
Ein Moment verging.
Dann trat Mara einen kleinen Schritt näher.
„Du solltest vorsichtig sein,“ sagte sie leise.
Aria verengte die Augen. „Du klingst wie die Person, die mich angerufen hat.“
Ein kurzes, leises Lachen. „Vielleicht war ich das.“
Für einen Moment schien alles stillzustehen.
„Warum?“ fragte Aria.
Mara sah sie direkt an. „Weil ich wissen wollte, wie weit du gehst.“
„Und?“
Mara musterte sie länger, prüfender. „Weiter, als du solltest.“
Aria spürte, wie sich ihre Finger leicht zusammenzogen. „Dann sag mir, was hier wirklich läuft.“
Mara schüttelte langsam den Kopf. „Das ist nicht meine Aufgabe.“
„Dann wessen?“
Ein kurzer Moment.
Dann kam die Antwort ruhig und klar:
„Seine.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging.
Aria blieb stehen.
Ihr Herz schlug schnell, ihre Gedanken liefen durcheinander, während sich die Worte langsam zu einem Bild zusammensetzten.
Seine Wahl.
Nicht die Erste.
Ausgesucht.
Es fühlte sich nicht mehr wie eine Möglichkeit an.
Sondern wie etwas, das längst begonnen hatte, lange bevor sie es bemerkt hatte.
Und genau das ließ sie zum ersten Mal wirklich begreifen, dass sie bereits Teil von etwas geworden war, das sie nicht kontrollieren konnte.