Kapitel 1

963 Words
Dunkelbraune Augen weiteten sich und starrten die Frau, die ihnen gegenüber am großen Eichenschreibtisch saß, fasziniert an. Corvell hatte nicht erwartet, dass sein Morgen so beginnen würde. Die Frau, Sirelle Vethryn, überraschte ihn mit ihrer unerwarteten Aussage jedoch nicht sonderlich. Als Anwalt hatte er schon unzählige Männer, Frauen und sogar Kinder gegenübersitzen sehen, und sie hatten die tollsten Dinge von sich gegeben. Diese Frau mit schulterlangem, braunem Haar, heller Haut und grünen Augen war in seinen Augen alles andere als durchschnittlich. Sie hatte ein paar Sommersprossen auf Wangen und Nase, ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit, die sie offenbar nicht mit Make-up kaschierte. Er glaubte nicht, dass sie welches trug, und es tat ihrem hübschen Gesicht keinen Abbruch. Ihre Wangen waren mit Grübchen versehen, was sie noch jünger wirken ließ. Doch ihr Körper hatte mit 27 Jahren bereits vier Kinder geboren, wie er genau wusste. Die Jüngste, ein etwa einjähriges Mädchen, hatte sie zu ihrem letzten Termin mitgebracht. Sirelle war in ihrer Jugend schlank gewesen, hatte aber durch die Schwangerschaften etwas zugenommen, und die Pfunde hatten sich an den üblichen Stellen verteilt. Er schätzte ihr Gewicht auf etwa 98 Kilo. Nicht wirklich sein Typ, aber sie hatte schöne Brüste, und er genoss es, die Brüste einer Frau zu berühren. Corvell fragte sich kurz, ob die Frau noch Milch gab. Aber nur kurz, denn was sie ihm gerade gesagt hatte, schoss ihm wieder in den Kopf. "Wie bitte?", fragte er leise, nachdem er gehustet und sich in dem harten Ledersessel, in dem er sich zurückgelehnt hatte, etwas aufgerichtet hatte. „Ich bitte um Verzeihung, Mr. Corvell. Das hätte ich nicht sagen sollen.“ Sirelle seufzte, schloss kurz die Augen und wünschte sich, sie könnte die Worte, die ihr in einem Anfall von Frustration herausgerutscht waren, ungeschehen machen. Er hatte sie nur gefragt, wie es ihr gehe. Warum hatte sie das bloß herausgeplatzt? Sie hatte immer ein leichtes Kribbeln in sich gespürt, wenn sie den Anwalt ihres Mannes getroffen hatte, aber nach dem, was sie gesagt hatte, war Sirelle wohl völlig außer sich gewesen. „Meine Liebe, ich bin Ihre Anwältin, Sie können mir alles erzählen, was Sie möchten. Nicht viele können von sich behaupten, gesetzlich daran gehindert zu sein, das, was Sie sagen, jemals weiterzuverbreiten. Bitte wiederholen Sie es, damit ich sichergehen kann, dass ich es richtig verstanden habe.“ Corvell wusste, dass seine Neugier sie verwirrte; sie runzelte die Stirn und sah ihn etwas finster an. „Mr. Corvell, nochmals, ich entschuldige mich…“ Sirelle rang nach Luft und hielt inne. „Ich sagte, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als richtig durchgenommen zu werden, aber da mein Mann tot ist, stehen die Chancen dafür heutzutage schlecht.“ Sirelle verstummte, und eine Röte stieg ihr in die Brust und färbte Hals und Wangen rosiger. Der Anwalt, ein verheirateter Mann Ende vierzig mit schwarzem Haar, an den Schläfen graue Haare durchschimmerten, saß da ​​und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an. Sein schokoladenbraunes Auge funkelte auf seinem hübschen Gesicht. Sirelle wünschte sich, der Boden würde sich unter ihren Füßen auftun, damit sie aus dem Zimmer in die Tiefe stürzen, weglaufen, ein tiefes, dunkles Loch finden und sich darin vergraben könnte. Seit Aldrics Tod vor sieben Monaten hatte sie sich immer wieder gegenüber Freunden und Familie ins Fettnäpfchen gesetzt, aber dies war das erste Mal, dass sie so etwas sagte – und ausgerechnet zu ihrem Anwalt. Einem Mann, zu dem sie sich früher tatsächlich hingezogen gefühlt hatte. „Es sind jetzt sieben Monate seit dem Unfall vergangen, richtig?“ Corvell nahm ihre Akte von seinem Schreibtisch und schlug sie auf. „Ja, Mr. Corvell.“ Sirelle nickte leise und konnte ihm kaum in die Augen sehen. Attraktive Männer hatten sie schon immer eingeschüchtert, seit ihrer Kindheit. Aldric war attraktiv gewesen und hatte sie von ganzem Herzen geliebt, und dann war er bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Er hatte in der städtischen Tiefbauabteilung gearbeitet. Ein U-Bahn-Tunnel war eingestürzt. Er war das einzige Opfer gewesen. Seit seinem Tod hatte sie scheinbar niemand mehr eines Blickes gewürdigt. „Dann haben Sie wohl jedes Recht, so zu empfinden“, erwiderte er beiläufig, während er ihre Akte weiter überflog. Ihr Mann war vor Jahren ihr erster Mandant gewesen, nachdem seine Großtante gestorben war und ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hatte. Über die Jahre war er immer wieder mit seiner Frau – oder auch allein – gekommen, um ihr Testament gegebenenfalls zu aktualisieren. Nun, da er gestorben war, war seine Frau endlich gekommen, um ihr Testament erneut zu ändern. Heute war ihr Termin zur Unterzeichnung der Dokumente vereinbart worden. Es sollte ein kurzes und langweiliges Treffen werden, eines, das Corvell normalerweise an einen seiner Rechtsanwaltsgehilfen delegiert hätte, doch nun entwickelte es sich zu etwas interessanterem Verlauf, und er war froh, dass er ihr aus Nächstenliebe den Termin gegeben hatte. „Es tut mir leid, Mr. Corvell. Ich sollte wohl gehen, oder – oder die Papiere unterschreiben und einfach verschwinden. Ich habe mich heute schon genug blamiert, denke ich.“ Sirelle stand auf, griff nach ihrer Handtasche und schenkte dem Anwalt ihr gegenüber kaum Beachtung. Sie ging um den Schreibtisch herum, um sie daran zu hindern, seine Bürotür zu öffnen. „Mrs. Vethryn. Ich glaube, Sie sollten bleiben.“ Seine Stimme klang etwas rauer, und Sirelle keuchte auf und sah zu ihm auf. Sie war 1,63 Meter groß, und der Anwalt war mindestens 30 Zentimeter größer als sie. Allein schon, so nah bei ihm zu stehen, spürte sie, wie ihre Körpertemperatur stieg, und sie berührten sich nicht einmal. Diese Wärme sammelte sich schnell in ihrer einsamen v****a. „Mr. Corvell“, sagte Sirelle verwirrt, als sie beobachtete, wie er das Schloss an der Innenseite der Tür umdrehte, sich dann zu ihr umdrehte und seine Hände auf ihre Schultern legte.
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