Kapitel 3

1462 Words
Gleiche Nacht Honey & Rileys Apartment Donnerstag, 5., 20:07 Uhr Honey schleppte sich die letzten Stufen zu ihrer Wohnung hinauf, Aktentasche in der einen Hand, Take-out in der anderen. Der Tag war erschöpfend gewesen und ihr Rücken schmerzte vom neun Stunden langen Vorbeugen über Tabellenkalkulationen, und ihre Augen brannten vom Starren auf Finanzprognosen, bis die Zahlen verschwammen. Alles, um Grayson Taylors Boston-Präsentation vorzubereiten. Sie war niemand, der Dinge bis zur letzten Minute aufschob, aber man hatte ihr die Zahlen erst heute Morgen geschickt, wodurch ihr wenig Zeit blieb, alles zu bestätigen und ihren detaillierten Bericht an Grayson zu übergeben. „Der Mann konnte nicht einmal ‚Danke‘ sagen“, murmelte sie, während sie mit ihren Schlüsseln hantierte. Nicht, dass sie lange genug geblieben wäre, um zu hören, ob er es getan hätte. In dem Moment, in dem sie die fertigen Dateien gemailt hatte, war sie aus dem Büro geflüchtet, bevor er eine weitere unmögliche Aufgabe für sie finden konnte. Sie glaubte nicht, dass er es getan hätte, aber sie hatte es einfach nicht riskiert. Die Wohnung war still, als sie eintrat… keine Überraschung. Riley hatte früher geschrieben: Partner-Dinner heute Abend. Warte nicht auf mich. In letzter Zeit hatte es viele späte Abende gegeben… Kundendinner und Papierkram, der für das Meeting am nächsten Tag erledigt werden musste. Honey streifte ihre vernünftigen Pumps ab und ließ sie fallen, wo sie eben landeten. Die Uhr an der Wand zeigte 20:07 Uhr. Sie seufzte, wissend, dass sie für den ruhigen Abend dankbar sein sollte. Nur sie, etwas Thai-Essen und vielleicht etwas gedankenloses Fernsehen. Sie zog ihr Arbeitsblazer aus… ein trister, übergroßer, der half, ihre „Joy Smith“-Arbeitspersona aufrechtzuerhalten, und warf ihn auf die Küchentheke. Als Nächstes kamen die Brille, die sie nicht brauchte, gefolgt von den Haarnadeln, die ihre hochwertige schulterlange braune Perücke an Ort und Stelle hielten. Sie war extra für sie angefertigt worden und von hoher Qualität, weil ihr Vater sie umbringen würde, wenn sie ihr natürliches rotes Haar färbte. Ihr Spiegelbild im Fenster fiel ihr ins Auge. Die Verwandlung begann bereits, Joy verblasste, Honey kam zum Vorschein. Sie ging auf Strümpfen ins Wohnzimmer, stellte die Take-out-Tüte ab und ließ sich aufs Sofa fallen. Etwas, das hinten im Sofakissen steckte, fiel ihr auf. Vielleicht, weil es knallpink war. „Was zum—“ Honey rückte zur Seite und griff zwischen die Kissen, wo ihre Finger Spitzenstoff erwischten. Sie zog es heraus und hielt es hoch. Ein knallpinker String baumelte an ihren Fingerspitzen. Honey starrte darauf, ihr Verstand weigerte sich zu begreifen, was sie sah. Das Kleidungsstück gehörte definitiv nicht ihr… sie hatte seit dem College nichts mehr in dieser Farbe getragen. Und es war ganz sicher nichts, was Riley tragen würde, es sei denn, er hätte mit Crossdressing angefangen. Es gab also keinen Grund, warum dieses winzige Stück Stoff in ihrem Zuhause sein sollte. Das ließ nur eine Möglichkeit. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Das Thai-Essen vergessen, ließ sie den String fallen, als hätte er sie verbrannt. Einen Moment lang saß sie vollkommen still, die Stille der Wohnung plötzlich erdrückend statt friedlich. „Dieser verdammte Bastard“, flüsterte sie. Ihr Mann betrog sie. Natürlich hätte sie es ahnen müssen. Die späten Abende und kurzfristigen Geschäftsreisen. Ganz zu schweigen vom Parfümgeruch an seiner Kleidung. Den er immer weg­erklärt hatte, indem er sie paranoid nannte. Die Art, wie er sie kaum noch berührte. Nicht, dass sie ehrlich gesagt dachte, das wäre ein großer Verlust. Aber eine Affäre zu vermuten war das eine. Einen physischen Beweis in der Hand zu halten etwas völlig anderes. Honey hob den String wieder auf und zwang sich, ihn genauer zu betrachten. Teuer, nach dem Gefühl des Stoffes zu urteilen. Größe extra klein. Ein Lachen stieg in ihrer Kehle auf. All die Male, in denen sie sich selbst die Schuld gegeben hatte, nicht aufregend genug zu sein, zu sehr auf die Arbeit fokussiert zu sein, sich zu der langweiligen, sexlosen Frau entwickelt zu haben, als die Riley sie bezeichnet hatte. Und die ganze Zeit über hatte er sie betrogen. Sie sollte am Boden zerstört sein. Sie sollte weinen oder schreien. Stattdessen legte sich eine seltsame Ruhe über sie. Rileys Betrug war keine Überraschung – nicht, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Sie hatte sich nur geweigert, es zu sehen. Zuzugeben, dass es ein Fehler gewesen war, ihn zu heiraten. Der Beweis, dass tatsächlich etwas lief, gab ihr die Erlaubnis, ihn zu verlassen. Sie brauchte nur unumstößliche Beweise, um zu behalten, was ihr gehörte. Sie war in ihrer Hochzeitsnacht noch Jungfrau gewesen. Also würde es für sie nicht leicht sein, ihn zu verlassen. Sie hatte Gelübde abgelegt, und sie nahm diese Gelübde sehr ernst. Jetzt wünschte sie sich in vielerlei Hinsicht, sie hätte ihn vor der Hochzeit Probe gefahren. Es hätte ihr das vielleicht erspart. Honey zog ihr Handy heraus, öffnete die Kamera-App und machte mehrere Fotos des Strings aus verschiedenen Winkeln, wobei sie darauf achtete, ihn vor dem Hintergrund ihres Wohnzimmers aufzunehmen. Dann ging sie in die Küche und legte den String in einen Zip-Lock-Beutel, bevor sie ihn in ihre Handtasche steckte. Sie griff nach einem Weinglas und einer Flasche Rotwein und ging zurück ins Wohnzimmer, entkorkte die Flasche. Nun, den Seitensprung seines Ehemanns zu entdecken war Grund genug, sich zu betrinken, wenn schon sonst nichts. Sie schenkte sich ein großzügiges Glas ein, ließ sich wieder aufs Sofa sinken, vermied die Stelle, an der sie den String gefunden hatte, und öffnete endlich ihr Essen. Während sie ihr Pad Thai direkt aus der Verpackung aß, scrollte sie durch ihr Handy, bis sie den Kontakt fand, den sie suchte: Ben Walters, der Privatdetektiv, den ihr Vater früher für Unternehmensangelegenheiten eingesetzt hatte. Honey: Brauche deine Dienste für eine persönliche Angelegenheit. Diskretion essenziell. Morgen verfügbar für ein Treffen? Sie drückte auf Senden und legte das Handy beiseite. Kein Weinen. Keine verzweifelten Anrufe bei Freunden. Kein Konfrontieren von Riley, wenn er irgendwann nach Hause taumelte, alles abstreiten und sie gaslighten würde. Darin war er sehr gut. Ihr die Schuld geben. Nein, sie würde das klug angehen. Er war wirklich ein Idiot, oder so arrogant, dass er geglaubt hatte, nicht erwischt zu werden. Ihr Handy vibrierte mit Bens Antwort: Ben: Hi Honey, verfügbar um 11:30 Uhr. Mein Büro oder deins? Honey nahm einen weiteren Schluck Wein. Honey: Deins. Ich werde da sein. Danke. Sie legte das Handy weg und lehnte sich gegen die Kissen zurück. Seit Monaten… nein, eigentlich seit Jahren lebte sie ein unglückliches Leben. Und wofür? Für einen Mann, der seinen Schwanz nicht in der Hose behalten konnte. Der pinke String war nicht nur ein Beweis für Rileys Verrat. Er war die Erlaubnis, aufzuhören zu pretendieren. Mit ihrem Leben weiterzumachen. Ihr Handy vibrierte erneut, und als sie es aufhob, sah sie eine Nachricht von Riley: Dinner dauert länger. Bleibe heute Nacht bei Paul. Zu viel getrunken. Eine neue Welle der Wut durchströmte sie. Sie kannte Paul. Sein „Kumpel“ aus dem Jurastudium, der in einem schicken Junggesellen-Apartment in der Innenstadt lebte. Das perfekte Alibi. Wie oft hatte Riley diese Ausrede benutzt? Wie oft war Paul bereit gewesen, ihn zu decken? Gleich und gleich gesellt sich gern. Sie antwortete nicht auf die Nachricht — er konnte sehen, dass sie sie gelesen hatte. Stattdessen trank sie ihr Glas leer und schenkte sich ein neues ein. Drei Jahre Ehe. Drei Jahre Unglück, des So-Tun-Als-Ob sie jemand anderes war, des Ertragens von Rileys zunehmend kontrollierendem Verhalten. Drei Jahre ohne Orgasmen. Dieser letzte Gedanke ließ sie in ihr Weinglas schnauben. Riley hatte sie davon überzeugt, sie sei frigide, dass ihre Unfähigkeit, mit ihm zum Höhepunkt zu kommen, ihr Problem sei, nicht seines. Noch eine Lüge in einer Ehe, die darauf aufgebaut war. Denn sie war bei ihren Fantasien und ihren eigenen Fingern feuchter geworden, als Riley sie je gemacht hatte. Honey holte ihren Laptop aus der Aktentasche und öffnete ein neues Dokument. Wenn sie das durchziehen wollte, Ben, den PI ihres Vaters, engagieren, Beweise sammeln, Riley scheiden lassen, musste sie methodisch vorgehen. Das war schließlich ihre Stärke. Muster in Zahlen zu erkennen. Sie begann zu tippen und erstellte eine Zeitleiste verdächtiger Ereignisse der vergangenen Monate. Späte Abende. Unerklärliche Ausgaben auf ihren Kreditkartenabrechnungen. Die jugendliche Haushälterin, deren Einstellung Riley gegen Honeys Einwände durchgesetzt hatte. Die Haushälterin. Neunzehn Jahre alt. Aufgedreht, blond und ständig herumflatternd, hatte Honey ihr eigenes Unbehagen als kleinliche Eifersucht abgetan. Brittany würde sehr leicht in diese Unterwäsche passen. Aber sie war keine im Haus lebende Haushälterin, also kein Grund, warum sie hier sein sollte. „Verdammter Idiot“, murmelte sie zu sich selbst, nahm einen großen Schluck Wein und hob dann ihr Glas zu einem Toast. „Danke, wer auch immer du bist“, flüsterte sie der abwesenden Besitzerin des pinken Strings zu. „Du hast mich gerade befreit.“
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