Alyssa
Niko ist nicht so ein Idiot wie King. Aber er macht es sich trotzdem zur Aufgabe, mich zu verärgern. Er ist etwas kleiner und weniger muskulös als King, mit stacheligem, dunkelblondem Haar und blauen Augen. Wie üblich trägt er ein blaues Bandana um den Kopf, obwohl er einen schwarzen Anzug trägt.
Mason hingegen ist mittelgroß mit einer schlanken Statur. Er ist ein Rothaariger mit fransigem Haar, grünen Augen und einer Brille mit relativ dickem Gestell. Er ist wahrscheinlich der Entspannteste von allen und will sich nie die Hände schmutzig machen. Aber nur weil er mit ihnen zu tun hat, hasse ich ihn auch.
Ich verdrehe genervt die Augen. „Fantastisch, genau das, was ich gebraucht habe. Die komplette Sammlung der nervigen Freunde meines Bruders.“
Niko schmunzelt amüsiert. „So grundlos gemein, Alyssa. Wir passen nur auf dich auf, Schwesterlein.“
„Wenn ihr auf mich aufpassen würdet, würdet ihr mich nicht die ganze verdammte Zeit quälen“, entgegne ich und verschränke die Arme, während ich sie anstarre.
King nimmt einen weiteren Zug von seiner Zigarette, aber sein intensiver Blick weicht nicht von meinem. „Das ist unsere Art, Zuneigung zu zeigen, Kätzchen. Du weißt, dass du es liebst.“
Nein, tue ich nicht!
Niko legt einen Arm um meine Schulter und ich versteife mich bei dem unerwünschten Kontakt. „Wie gesagt, mir geht's gut. Niemand muss sich Sorgen machen, besonders nicht Grayson. Isaac ist mein Ehemann. Er wird sich um mich kümmern“, beharre ich darauf.
„Bist du bereit zu gehen, Alyssa?“ Isaacs Stimme durchbricht die Spannung, als er über den Rasen auf uns zukommt. Erleichterung überkommt mich. Endlich ist er hier, um mich von meinen Quälgeistern zu retten.
Isaacs Blick wandert zwischen den drei Männern um mich herum hin und her. Ein Schatten zieht über sein Gesicht, als er Nikos Arm bemerkt, der lässig über meiner Schulter liegt. „Was macht ihr hier draußen mit meiner Frau? Nehmt eure verdammten Hände von ihr!“ Seine Stimme ist laut und bringt mich in Verlegenheit, da sie die Aufmerksamkeit der wenigen anderen Gäste hier draußen auf sich zieht. Ich schaffe schnell Abstand zwischen mir und den Jungs, eile zu Isaac und lege beruhigend eine Hand auf seine Brust.
„Es ist ok, Isaac. Sie haben sich nur verabschiedet“, flüstere ich, um die Situation zu entschärfen, bevor sie weiter eskaliert und mehr Leute herauskommen, um zuzusehen.
Ich kann bereits erkennen, dass er etwas getrunken hat. Das bedeutet, dass er schneller einen Streit anfangen wird. Sein Atem riecht beißend nach Alkohol und seine Augen haben diesen harten, unfokussierten Blick.
„Willst du, dass meine Freunde und Familie denken, du bist ein Flittchen?“, zischt mein Ehemann bedrohlich. „Steig in das verdammte Auto, bevor du mich noch mehr blamierst.“
Ich lasse den Kopf hängen und fühle, wie Scham über mich hinwegrollt, obwohl ich weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe. Mein Herz wird schwer und ein Kloß steckt in meinem Hals. Ich will nicht an unserem Hochzeitsabend streiten. Ich will zu all dem Spaß und der Freude zurückkehren, die wir vor ein paar Minuten noch hatten.
„Aber wir müssen uns doch noch bei allen verabschieden, oder nicht?“, frage ich mit leiser Stimme und blicke zurück zum Haus, wo unsere Gäste noch feiern.
„Ich bin zu sauer dafür. Wir gehen einfach“, sagt er und sein Ton lässt keine Diskussion zu. Er packt meinen Arm, seine Finger graben sich schmerzhaft in meine Haut und ich zucke zusammen.
Es ist ok, er ist nur betrunken! Das ist nicht mein Isaac! Das versicherte ich mir immer wieder selbst.
Als ich zu King, Niko und Mason aufblicke, sehe ich, dass ihre Gesichter angespannt und bedrohlich wirken. Kings ständiges Grinsen ist verschwunden, ersetzt durch einen furchteinflößenden Blick. Selbst Masons entspannte Haltung hat sich in eine angespannte Wachsamkeit verwandelt. Niko tritt mit verengten Augen vor. Ich schüttele aber schnell den Kopf und flehe sie stumm an, es sein zu lassen.
Nikos Kiefer spannt sich an und er knurrt mit tiefer Stimme. „Alyssa, ich glaube nicht, dass wir wollen, dass du mit ihm gehst. Er denkt wirklich, es sei ok, so mit dir zu sprechen. Ich glaube, King und ich sollten ihm den verdammten Kiefer brechen.“
Oh, nein!
„Wer bist du, dass du meiner Frau sagen kannst, mit wem sie geht? Vergiss nicht, wo dein Platz ist, Freak“, zischt Isaac, während er mich zum Auto zieht.
„Pass auf, wie du mit ihm redest!“, warnt King in bedrohlichem Ton.
„Oder was?“, entgegnet Isaac, der Alkohol gibt ihm offensichtlich ein falsches Selbstvertrauen.
King tritt vor und überragt Isaac mühelos. Er ist etwa 1,90 Meter groß und doppelt so schwer. Der Gewichtsunterschied kommt durch seine straffen Muskeln. „Oder ich werde dein Gesicht neu anordnen“, warnt King. Seine Stimme ist gefährlich leise.
Ich stelle mich zwischen sie, lege eine Hand auf Isaacs Brust und drücke ihn sanft. „Isaac, bitte hör auf! Nicht auf unserer Hochzeitsfeier“, flehe ich und Tränen steigen mir in die Augen. Die Spannung ist greifbar und verdichtet die einst friedliche Atmosphäre um uns herum.
Will er wirklich weiterhin drei Mitglieder einer Motorradgang provozieren? Und zusätzlich noch meinen Bruder, der wahrscheinlich herauskommen und sich ihnen anschließen wird? Was ist, wenn sie beschließen einzugreifen?
Isaacs Gesicht verzieht sich vor Wut und Demütigung. „Stehst du wirklich auf deren Seite?“, schreit er mir ins Gesicht.
„Sie versucht, dich davor zu bewahren, dass du verprügelt wirst, Junge“, mischt sich Mace ein. Seine normalerweise ruhige Stimme klingt nun extrem verärgert. Seine waldgrünen Augen, die normalerweise von seiner Brille verborgen sind, lodern vor Zorn.
„Ich habe mit ihr geredet!“, brüllt Isaac und richtet seine Wut wieder auf mich.
Ich halte meinen Blick auf meinen Ehemann gerichtet und versuche den Mann zu erreichen, von dem ich weiß, dass er irgendwo in dem tobenden Monster vor mir steckt. „Bitte, können wir einfach gehen?“, frage ich und ziehe an seiner Hand. Meine Stimme zittert und verrät die Angst, die ich fühle.
Seine Nasenflügel blähen sich auf, während er auf mich herabblickt. „Gut. Aber ich will dich nie wieder allein mit diesen Arschlöchern sehen, kapiert?“
Ich nicke schnell, um ihn zu beruhigen, bevor er noch mehr außer Kontrolle gerät. Das fühlt sich an wie das Meisterschaftsspiel in unserem vorletzten Schuljahr, als er eine heftige Auseinandersetzung mit dem Quarterback der anderen Mannschaft hatte. Aber diesmal ist die Situation brenzliger. King und Niko werden ihn umbringen, während Mace zusieht. Das Letzte, was ich auf meiner Hochzeitsfeier sehen möchte, ist, dass mein Mann stirbt.
„Lass uns gehen, lass uns gehen“, murmele ich beruhigend und ziehe Isaac zum Auto. Ich schaue sie nicht an. Aber ich kann ihre stechenden Blicke spüren, als ich an ihnen vorbeigehe und mich auf den Beifahrersitz des Autos setze.
Selbst als wir losfahren und Isaac durch den Verkehr rast, halte ich meinen Kopf gesenkt und starre auf meine zitternden Hände. Die Stille im Auto ist durch die unausgesprochene Wut und Anspannung erdrückend.
An einer Ampel schaue ich schließlich auf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Isaacs Hand auf meine Wange trifft. Der scharfe Schmerz lässt mich keuchen. „Mach so etwas nie wieder! Du hast mich da draußen schwach aussehen lassen. Ich hätte sie erledigen können“, knurrt er und sein Gesicht verfinstert sich vor Wut.
Ein leises, verzweifeltes Schluchzen entfährt mir. Er, er hat mich geschlagen. Er hat mich tatsächlich geschlagen, und das am Tag unserer Hochzeit. Ich sollte jetzt aus dem Auto aussteigen, oder? Aber dann spiele ich die Szene sofort wieder in meinem Kopf ab.
Es war meine Schuld. Ich weiß, wie besitzergreifend Isaac sein kann. Daher hätte ich nicht mit den Freunden meines Bruders draußen sein sollen. Auch wenn es nicht mal absichtlich war. Sobald ich King dort draußen gesehen habe, hätte ich zurück ins Haus gehen sollen.
„Es tut mir leid, Isaac“, sage ich leise. Meine Stimme ist durch das Motorengeräusch des Autos kaum hörbar.
„Das sollte dir auch leidtun“, antwortet er ruhig. Sein Atem beruhigt sich allmählich. „Es war nicht meine Absicht, dich zu schlagen. Aber wenn unsere Ehe funktionieren soll, musst du aufhören, mich wütend zu machen, verstehst du?“
Ich nicke, aber meine Wange pocht. „Ja.“
Ich meine, ich will wirklich, dass wir eine glückliche Ehe führen werden. Mein Vater starb, als ich jünger war, und obwohl er ein gefährlicher Mann war, waren meine Eltern glücklich und verliebt. Das ist es, was ich mir wünsche.
Eine glückliche Ehe.
Ich habe Isaac heute Abend an seine Grenzen gebracht. Aber ab jetzt werde ich besser darauf achten, was ich sage oder tue. Dann wird alles zwischen uns in Ordnung sein.
Isaac reicht mir seine Hand, und obwohl mein Gesicht noch schmerzt, lege ich meine Hand in seine. Sein Griff ist fest und fordernd.
„Ich liebe dich“, murmelt er und seine Stimme wird weicher.
„Ich liebe dich auch“, sage ich mit einem kleinen Lächeln und versuche, mich selbst von den Worten zu überzeugen.
Leider wusste ich zu jenem Zeitpunkt nicht, dass seine Art zu lieben mich Stück für Stück brechen würde, bis nichts mehr von mir übrig war.