4
Chloe
Verblüfft schüttele ich seine Hand. Er ist groß und stark, seine leicht gebräunte Haut warm, als sich seine langen Finger um die meinen legen und mit sorgfältig kontrollierter Kraft zusammendrücken. Ein Schauer läuft über meinen Rücken, mein Körper erhitzt sich, und es kostet mich meine ganze Kraft, nicht zu ihm zu taumeln, während meine Knie puddingweich werden.
Reiß dich zusammen, Chloe. Dies ist ein potenzieller Arbeitgeber. Reiß dich verdammt nochmal zusammen.
Mit einer herkulischen Anstrengung ziehe ich meine Hand weg und kratze zusammen, was von meiner Gelassenheit übrig geblieben ist. »Es ist schön, Sie kennenzulernen, Mr. Molotow.« Zu meiner Erleichterung ist meine Stimme fest, mein Tonfall ruhig und freundlich, wie es sich für eine Person gehört, die sich um einen Job bewirbt. Ich trete einen halben Schritt zurück und lächele zu meinem Gastgeber hoch. »Es tut mir leid, dass ich ein wenig zu früh bin.«
Seine Tigeraugen glänzen heller. »Kein Problem. Ich habe mich darauf gefreut, dich zu treffen, Chloe. Und bitte nenn mich Nikolai.«
»Nikolai«, wiederhole ich, und mein dummer Herzschlag beschleunigt sich weiter. Ich verstehe nicht, was mit mir passiert, warum ich diese Reaktion auf diesen Mann zeige. Ich war noch nie jemand, der wegen eines gemeißelten Kiefers und eines Waschbrettbauchs den Verstand verliert, nicht einmal als hormongesteuerter Teenager. Während meine Freundinnen in Fußballspieler und Filmstars verknallt waren, ging ich mit Jungs aus, deren Persönlichkeiten ich mochte, deren Kopf mich mehr anzog als ihre Körper. Für mich war die sexuelle Chemie immer etwas, was sich mit der Zeit entwickelt und nicht von Anfang an da ist.
Andererseits habe ich noch nie einen Mann mit einer so rohen und animalischen Anziehungskraft getroffen.
Ich wusste nicht, dass Männer wie er existieren.
Konzentriere dich, Chloe. Er ist höchstwahrscheinlich verheiratet.
Der Gedanke ist wie ein Spritzer kaltes Wasser in mein Gesicht, der mich in die Realität meiner Situation zurückholt. Was zum Teufel mache ich hier? Warum sabbere ich nach dem Vater irgendeines Kindes? Ich brauche diesen Job, um zu überleben. Die fünfundsechzig Kilometer Fahrt hierher haben mehr als einen viertel Tank Benzin verschlungen, und wenn ich nicht bald etwas Geld verdiene, werde ich gestrandet sein und ein leichtes Ziel für die Killer, die hinter mir her sind.
Die Hitze in mir kühlt bei dem Gedanken ab, und als Nikolai mich bittet, ihm zu folgen, und zurück ins Haus geht, sind meine Nerven vor Angst angespannt, anstatt vor was auch immer es war, was mich bei seinem Anblick überkam.
Innen ist das Haus genauso ultramodern wie von außen. Überall um mich herum sind raumhohe Fenster mit einer atemberaubenden Aussicht, moderne, museumswürdige Dekorationen und elegante Möbel, die aussehen, als kämen sie direkt aus dem Showroom eines Innenarchitekten. Alles ist in Grau- und Weißtönen gehalten, die an einigen Stellen durch natürliche Holz- und Steinakzente aufgelockert werden. Es ist wunderschön und mehr als nur ein bisschen einschüchternd, genau wie der Mann vor mir. Als er mich durch ein offenes Wohnzimmer zu einer Wendeltreppe aus Holz und Glas im hinteren Bereich führt, fühle ich mich wie eine räudige Taube, die versehentlich in einen vergoldeten Konzertsaal geflogen ist.
Ich unterdrücke das beunruhigende Gefühl und sage: »Du hast ein schönes Haus. Lebst du schon lange hier?«
»Ein paar Monate«, antwortet er, als wir die Treppe hinaufgehen. Er blickt mich an. »Was ist mit dir? Du hast in deinem Anschreiben gesagt, dass du auf einem Roadtrip bist?«
»Das ist richtig.« Ich fühle mich sicherer und erkläre ihm, dass ich im Juni meinen Abschluss am Middlebury College gemacht und beschlossen habe, mir das Land anzusehen, bevor ich in die Arbeitswelt eintauche. »Aber dann habe ich dein Angebot gesehen«, schließe ich, »und es klang zu perfekt, um es mir entgehen zu lassen, also bin ich hier.«
»Ja, in der Tat«, sagt er leise, als wir vor einer geschlossenen Tür anhalten. »Hier bist du.«
Mein Atem stockt wieder, und mein Puls beschleunigt sich unkontrolliert. Es gibt etwas Beunruhigendes in der dunklen, sinnlichen Wölbung seines Mundes, etwas fast … Gefährliches in der Intensität seines Blickes. Vielleicht liegt es an der ungewöhnlichen Farbe seiner Augen, aber ich fühle mich ausgesprochen unwohl, als er seine Handfläche gegen ein unauffälliges Paneel an der Wand drückt und die Tür wie in einem Spionagefilm vor uns aufschwingt.
»Bitte«, murmelt er und bedeutet mir, einzutreten. Ich gebe mein Bestes, um das beunruhigende Gefühl zu ignorieren, dass ich die Höhle eines Raubtieres betrete.
Die Höhle entpuppt sich als ein großes, sonnendurchflutetes Büro. Zwei der Wände sind komplett aus Glas und geben einen atemberaubenden Blick auf die Berge frei, und auf einem schlanken, L-förmigen Schreibtisch in der Mitte stehen mehrere Computermonitore. An der Seite gibt es einen kleinen runden Tisch mit zwei Stühlen, und dorthin führt mich Nikolai.
Ich verberge ein erleichtertes Ausatmen, setze mich und lege meinen Lebenslauf vor ihm auf den Tisch. Natürlich bin ich nervös, meine Nerven sind nach dem letzten Monat so angespannt, dass ich überall Gefahren sehe. Das ist ein Vorstellungsgespräch für eine Hauslehrerstelle, mehr nicht, und ich muss mich zusammenreißen, bevor ich es vermassele.
Trotz der Ermahnung steigt mein Puls wieder an, als Nikolai sich in seinem Stuhl zurücklehnt und mich mit diesen beunruhigend schönen Augen ansieht. Ich spüre, wie meine Handflächen immer feuchter werden, und ich kann nicht anders, als sie wieder an meiner Jeans abzuwischen. So lächerlich es auch ist, ich fühle mich durch diesen Blick entblößt, so als ob alle meine Geheimnisse und Ängste offenliegen.
Hör auf, Chloe. Er weiß nichts. Du bewirbst dich als Lehrerin, mehr nicht.
»Also«, sage ich fröhlich, um meine Besorgnis zu verbergen, »darf ich nach dem Kind fragen, das ich betreuen würde? Ist es dein Sohn oder deine Tochter?«
Sein Gesicht nimmt einen nicht entzifferbaren Ausdruck an. »Mein Sohn. Miroslav. Wir nennen ihn Slava.«
»Das ist ein toller Name. Ist er …«
»Erzähl mir von dir, Chloe.« Er beugt sich vor und nimmt meinen Lebenslauf in die Hand, schaut ihn aber nicht an. Stattdessen sind seine Augen auf mein Gesicht gerichtet, und ich fühle mich wie ein Schmetterling, der unter einem Mikroskop festgehalten wird. »Was ist es, das dich an dieser Position so fasziniert?«
»Oh, alles.« Ich atme tief durch, um meine Stimme zu beruhigen, und beschreibe all die Kinderbetreuung sowie die Nachhilfestunden, die ich im Laufe der Jahre erlebt habe, und dann gehe ich auf meine Praktika ein, einschließlich meines letzten Sommerjobs in einem Camp für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, wo ich mit Kindern aller Altersgruppen gearbeitet habe. »Es war eine tolle Erfahrung«, schließe ich meinen Bericht ab, »sowohl herausfordernd als auch erfüllend. Am liebsten habe ich jedoch den jüngeren Kindern Mathe und Lesen beigebracht – deshalb denke ich, dass ich perfekt für diese Rolle geeignet wäre. Unterrichten ist meine Leidenschaft, und ich würde sehr gerne mit einem Kind individuell arbeiten, um den Lehrplan auf seine Interessen und Fähigkeiten abzustimmen.«
Er legt den Lebenslauf ab, ohne sich die Mühe zu machen, ihn anzuschauen. »Und was hältst du davon, an einem Ort zu leben, der so weit von der Zivilisation entfernt ist? Wo es über Dutzende von Meilen nichts als Wildnis gibt und nur minimalen Kontakt zur Außenwelt?«
»Das klingt …« Wie ein sicherer Hafen. »… toll.« Ich strahle ihn an, meine Begeisterung ist nicht vorgetäuscht. »Ich bin ein großer Fan der Wildnis und der Natur im Allgemeinen. Tatsächlich wurde meine Alma Mater – das Middlebury College – teilweise wegen seiner ländlichen Lage ausgewählt. Ich liebe es, zu wandern und zu angeln, und ich kenne mich mit Lagerfeuern aus. Hier zu leben wäre ein wahr gewordener Traum.« Vor allem angesichts all der Sicherheitsmaßnahmen, die ich auf dem Weg hierher entdeckt habe – aber das sage ich natürlich nicht.
Ich darf nicht anders wirken als eine frische College-Absolventin auf der Suche nach einem Abenteuer.
Er zieht seine Augenbrauen in die Höhe. »Wirst du deine Freunde nicht vermissen? Oder Familie?«
»Nein, ich …« Zu meinem Entsetzen schnürt sich mein Hals mit einem plötzlichen Ansturm von Trauer zusammen. Ich schlucke und versuche es erneut. »Ich bin sehr unabhängig. Ich bin in den letzten Monaten allein durch das Land gereist, und außerdem gibt es immer Telefone, Videokonferenz-Apps und soziale Medien.«
Er neigt seinen Kopf. »Trotzdem hast du seit einem Monat nichts mehr auf deinen Social-Media-Profilen gepostet. Warum nicht?«
Ich starre ihn an, und mein Herzschlag schießt in die Höhe. Er hat sich meine sozialen Medien angeschaut? Wie? Wann? Ich habe die höchsten Privatsphäre-Einstellungen ausgewählt – er sollte nichts über mich sehen können, außer der Tatsache, dass ich existiere und wie ein normaler Mensch soziale Medien nutze. Hat er mich überprüfen lassen? Sich irgendwie in meine Accounts gehackt?
Wer ist dieser Mann?
»Ich habe im Moment kein Telefon.« Ein Rinnsal Schweiß läuft mir den Rücken hinunter, aber ich schaffe es, meine Stimme ruhig zu halten. »Ich habe es nicht mitgenommen, weil ich sehen wollte, ob ich auf diesem Roadtrip ohne die ganze Elektronik leben kann. Eine persönliche Herausforderung sozusagen.«
»Ich verstehe.« Seine Augen sind in diesem Licht mehr grün als bernsteinfarben. »Und wie hältst du Kontakt zu Familie und Freunden?«
»E-Mail, meistens«, lüge ich. Ich kann auf keinen Fall zugeben, dass ich mit niemandem in Kontakt geblieben bin und auch nicht vorhabe, dies zu ändern. »Ich besuche öffentliche Bibliotheken und benutze die Computer dort hin und wieder.« Als ich merke, dass meine Finger fest verschränkt sind, löse ich meine Hände und zwinge ein Lächeln auf meine Lippen. »Es ist ziemlich befreiend, nicht an ein Telefon gebunden zu sein. Die extreme Erreichbarkeit ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch, und ich genieße die Freiheit, durch das Land zu reisen, wie es die Menschen in der Vergangenheit getan haben, nur mit einer Papierkarte, die mich leitet.«
»Eine Technikverweigerin der Generation Z. Wie erfrischend.«
Ich erröte über den sanften Spott in seiner Stimme. Ich weiß, wie sich meine Erklärung anhört, aber es ist das Einzige, was mir einfällt, um meine mangelnde Aktivität in den sozialen Medien zu rechtfertigen … und, für den Fall, dass er sich meinen Lebenslauf genau ansieht, das Fehlen einer Handynummer. Und eigentlich ist es eine gute Ausrede für alles, also kann ich das gleich aufgreifen.
»Du hast recht. Ich bin so eine Art Technikverweigerin«, sage ich. »Das ist wahrscheinlich der Grund, warum mich das Stadtleben so wenig reizt, und warum ich deine Stellenausschreibung so faszinierend fand. Hier draußen zu leben«, ich mache einen Schritt in Richtung der herrlichen Aussicht, »und deinen Sohn zu unterrichten, ist die Art von Job, die ich schon immer wollte, und wenn du mich einstellst, werde ich mich dem komplett widmen.«
Ein langsames, dunkles Lächeln umspielt seine Lippen. »Ist das so?«
»Ja.« Ich halte seinem Blick stand, auch wenn mein Atem flach wird und ein Kribbeln über meine Haut läuft. Ich verstehe meine Reaktion auf diesen Mann wirklich nicht, verstehe nicht, wie ich ihn so anziehend finden kann, obwohl er in meinem Kopf alle Arten von Alarmen auslöst. Paranoia oder nicht, meine Instinkte schreien, dass er gefährlich ist, und doch juckt es mich in den Fingern, die klar definierten Ränder seiner vollen, weich aussehenden Lippen nachzufahren. Ich schlucke, reiße meine Gedanken von diesem verräterischen Territorium fort und sage mit so viel Ernsthaftigkeit wie möglich: »Ich werde die perfekteste Lehrerin sein, die du dir vorstellen kannst.«
Er betrachtet mich, ohne zu blinzeln, und die Stille hält mehrere lange Sekunden lang an. Gerade als ich das Gefühl habe, dass meine Nerven wie ein überdehntes Gummiband reißen könnten, steht er auf und sagt: »Folge mir.«
Er führt mich aus dem Büro und einen langen Flur entlang, bis wir eine weitere geschlossene Tür erreichen. Diese scheint keine biometrische Sicherung zu haben, denn er klopft einfach an und geht hinein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Im Inneren sorgt ein weiteres raumhohes Fenster für eine weitere atemberaubende Aussicht. Allerdings hat dieser Raum nichts Schickes und Modernes an sich. Stattdessen sieht er aus wie die Nachwehen einer Explosion in einer Spielzeugfabrik. Überall herrscht buntes Chaos. Stapel von Spielzeug, Kinderbüchern und Legosteinen sind auf dem Boden verstreut, und in der Ecke steht ein Kinderbett mit einem Superman-Laken. Die Superman-Kissen und die Decke vom Bett liegen in einer anderen Ecke, und erst als mein Gastgeber in einem Befehlston »Slava!«, sagt, wird mir klar, dass ein kleiner Junge neben dem Haufen eine Legoburg baut.
Bei der Stimme seines Vaters zuckt der Kopf des Jungen hoch und offenbart ein Paar riesiger bernsteinfarbener Augen mit grünen Einsprenkelungen – dieselben faszinierenden Augen, die der Mann neben mir hat. Im Allgemeinen ist der Junge Nikolai in Miniatur, sein schwarzes Haar fällt in einem glatten, glänzenden Vorhang um seine Ohren, und sein kindlich-rundes Gesicht zeigt bereits eine Andeutung dieser markanten Wangenknochen. Sogar der Mund ist der gleiche, es fehlt nur die zynische, wissende Wölbung der Lippen seines Vaters.
»Slava, idi sjuda«, befiehlt Nikolai, und der Junge steht auf und kommt vorsichtig zu uns. Als er vor uns stehen bleibt, bemerke ich, dass er eine Jeans und ein T-Shirt mit einem Bild von Spiderman auf der Vorderseite trägt.
Nikolai blickt auf seinen Sohn und beginnt, in schnellem Russisch mit ihm zu sprechen. Ich habe keine Ahnung, was er sagt, aber es muss etwas mit mir zu tun haben, denn der Junge schaut mich immer wieder an, und sein Blick ist neugierig und ängstlich zugleich.
Als Nikolai mit dem Sprechen fertig ist, lächele ich das Kind an und knie mich auf den Boden, so dass wir auf gleicher Augenhöhe sind. »Hi, Slava«, sage ich sanft. »Ich bin Chloe. Es ist schön, dich kennenzulernen.«
Der Junge schaut mich verständnislos an.
»Er spricht kein Englisch«, sagt Nikolai mit fester Stimme. »Alina und ich haben versucht, ihn zu unterrichten, aber er weiß, dass wir Russisch sprechen, und weigert sich, es von uns zu lernen. Das wäre also deine Aufgabe: ihm Englisch beizubringen, zusammen mit allem anderen, was ein Kind in seinem Alter wissen sollte.«
»Ich verstehe.« Ich halte meinen Blick auf den Jungen gerichtet und lächele ihn freundlich an, auch wenn in meinem Kopf weitere Alarme losgehen. Die Art und Weise, wie Nikolai mit und über das Kind redet, hat etwas Seltsames an sich. Es ist, als ob sein Sohn ein Fremder für ihn ist. Und wenn Alina – von der ich annehme, dass sie seine Frau und die Mutter des Kindes ist – genauso gut Englisch kann wie mein Gastgeber, warum spricht Slava dann nicht wenigstens ein paar Worte? Warum sollte er sich weigern, die Sprache von seinen Eltern zu lernen?
Überhaupt, warum nimmt Nikolai den Jungen nicht in den Arm und umarmt ihn? Oder zerzaust spielerisch sein Haar?
Wo ist die herzliche Leichtigkeit, mit der Eltern normalerweise mit ihren Kindern kommunizieren?
»Slava«, sage ich leise zu dem Jungen, »ich bin Chloe.« Ich zeige auf mich. »Chloe.«
Er betrachtet mich für einige lange Momente mit dem unumwundenen Blick seines Vaters. Dann bewegt sich sein Mund und formt die Silben. »Klo-ee.«
Ich strahle ihn an. »Das ist richtig. Chloe.« Ich klopfe mir auf die Brust. »Und du bist Slava.« Ich zeige auf ihn. »Miroslav, richtig?«
Er nickt ernst. »Slava.«
»Magst du Comics, Slava?« Ich berühre sanft das Bild auf seinem T-Shirt. »Das ist Spiderman, nicht wahr?«
Seine Augen leuchten auf. »Da, Spiderman.« Er spricht es mit einem russischen Akzent aus. »Ti znajesh o njom?«
Ich blicke zu Nikolai auf und stelle fest, dass er mich mit einem dunklen, nicht zu entziffernden Gesichtsausdruck beobachtet. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, und mein Atem stockt bei dem plötzlichen Gefühl von Verletzlichkeit. Ich möchte vor diesem Mann nicht auf Knien sein.
Das fühlt sich so an, als würde ich meine Kehle vor einem schönen, wilden Wolf entblößen.
»Mein Sohn fragt, ob du etwas über Spiderman weißt«, sagt er nach einem spannungsgeladenen Moment. »Ich nehme an, die Antwort ist Ja.«
Mühsam reiße ich meinen Blick von ihm los und konzentriere mich auf den Jungen. »Ja, ich weiß alles von Spiderman«, sage ich und lächele. »Ich habe Spiderman geliebt, als ich in deinem Alter war. Auch Superman und Batman und Wonder Woman und Aquaman.«
Das Gesicht des Kindes hellt sich mit jedem Superhelden, den ich nenne, mehr auf, und als ich bei Aquaman ankomme, erscheint ein verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht. »Aquaman?« Er rümpft seine kleine Nase. »Njet, nje Aquaman.«
»Kein Aquaman?« Ich weite meine Augen übertrieben. »Warum nicht? Was stimmt nicht mit Aquaman?«
Das lässt ihn kichern. »Nje Aquaman.«
»Okay, du hast gewonnen. Nicht Aquaman.« Ich stoße einen traurigen Seufzer aus. »Armer Aquaman. So wenige Kinder mögen ihn.«
Der Junge kichert wieder und läuft hinüber zu einem Stapel Comics neben dem Bett. Er schnappt sich einen, bringt ihn zurück und zeigt auf das Bild auf der Vorderseite. »Superman samij sil’nij«, erklärt er.
»Superman ist der Beste?«, rate ich. »Dein Favorit?«
»Er hat gesagt, er ist der Stärkste«, sagt Nikolai ruhig, dann wechselt er ins Russische, und seine Stimme nimmt den gleichen Befehlston wie zuvor an.
Das Gesicht des Jungen sieht enttäuscht aus, er lässt das Buch sinken, und seine Haltung wirkt niedergeschlagen.
»Lass uns zurück in mein Büro gehen«, sagt Nikolai zu mir, und ohne ein weiteres Wort zu seinem Sohn geht er zur Tür.