Fünfzehnter Gesang

907 Words
Fünfzehnter GesangJetzt trägt der harten Ufer eins von dannen uns; Und dunkel qualmt darüber, vor dem Feuer Verwahrend Dämm' und Flut, der Rauch des Bächleins. Wie zwischen Brügg' und Cadsand die Flamänder, Die Flut, die gegen sie heranstürzt, fürchtend, Sich eine Wehr' baun, der die Brandung weiche, Und wie die Paduaner längs der Brenta Sie baun zum Schirm der Villen und Kastelle. Bevor noch Kärntens Höhn die Wärme fühlen, Dem ähnlich waren jene hier gebildet, Nur daß von gleicher Höhe nicht, noch Stärke, Wer er auch war, der Meister sie errichtet. Schon waren wir so weit vom Wald entfernet, Daß, wo er stand, ich nicht mehr unterschieden, Ob ich auch rückwärts mich gewendet hätte, Als uns entgegenkam ein Haufen Seelen, Herwandelnd längs dem Damm, und unter ihnen Sah uns jedwede an, wie wohl des Abends Beim Neumond einer auf den andern hinblickt, Anblinzelnd also uns mit ihren Augen, Wie auf das Nadelöhr ein alter Schneider. So angestarrt von solcherlei Gesellschaft, Ward ich erkannt von einem, der, beim Saum mich Erfassend des Gewands, rief: »Welch ein Wunder!« Und ich, da er den Arm nach mir gestrecket, Hing mit dem Blick an dem verbrannten Antlitz So, daß die von der Glut zerstörten Züge Nicht wehrten meinem Geist, ihn zu erkennen, Und hin mein Angesicht zu seinem neigend, Antwortet' ich: ›Seid Ihr hier, Herr Brunetto?‹ Und er: »O lieber Sohn, laß dir's gefallen, Daß, weichend von der andern Spur, Brunetto Latini mit dir wandl' ein Stückchen rückwärts.« Ich sprach zu ihm: ›Aus ganzer Seel' erfleh' ich's Und setze mich mit euch, wenn ihr es wünschet, Dafern es dem gefällt, denn mit ihm wandr' ich.‹ »O lieber Sohn,« sprach er, »wer aus der Schar hier Sich irgend aufhält, liegt dann hundert Jahre, Ob auch die Glut ihn senge, unbeweglich. Drum geh' nur fort, ich folg' am Saum des Kleids dir Und hole wieder ein dann meine Rotte, Die weinend wallt ob ihres ew'gen Unheils.« Ich wagt' es nicht, vom Damm herabzusteigen Um mich ihm gleichzustellen, doch gebücket Hielt ich das Haupt, wie wer voll Ehrfurcht wandelt. Er nun begann: »Welch Schicksal oder Zufall Führt vor dem letzten Tag dich hier hernieder, Und wer ist dieser, der den Weg dir zeiget?« ›Dort oben über uns, im heitern Leben,‹ Entgegnet' ich, ›verirrt' in einem Tale Ich mich, bevor erfüllt noch war mein Alter. Erst gestern morgens wandt' ich ihm den Rücken, Doch da zu ihm ich kehrt', erschien mir jener Und führt' mich heim nunmehr auf diesem Pfade.‹ Und er zu mir: »Wenn deinem Stern du folgest, Kannst des ruhmvollen Ports du nicht verfehlen, Dafern ich recht gesehn im schönen Leben; Und wär' ich so nicht vor der Zeit gestorben, So hätt' ich, da ich dir des Himmels Zeichen So günstig sah, zum Werke dich ermuntert. Doch jenes Volk, so undankbar und boshaft, Das niederstieg von Fiesole vor Alters Und nach dem Berg und Schieferfels noch artet, Wird dir zum Feind ob deines Rechttuns werden, Und da, weil sich's nicht ziemt, daß zwischen herben Spierlingen süßer Feigen Frucht gedeihe. Blind nennt sie eine alte Sag' auf Erden, Ein geiziges Geschlecht voll Stolz und Mißgunst. Sieh zu, dich ihrer Sitten zu entschlagen. So großen Ruhm bewahret dir dein Schicksal, Daß beide Teil' einst Hunger nach dir fühlen, Doch wird vom Mund dann fern der Bissen bleiben. Wohl mögen selber sich zu Streu zertreten Die Bestien Fiesoles, doch sollen nimmer Die Pflanze sie berühren, wenn noch eine Dem Wust entkeimt, in der der heil'ge Samen Der Römer auflebt, die dort wohnhaft waren, Als solches Nest voll Bosheit ward gegründet.« ›Wenn mein Begehren ganz erfüllt der Himmel,‹ Entgegnet' ich ihm drauf,›Ihr würdet jetzt noch Nicht aus der menschlichen Natur verbannt sein. Denn fest bewahrt mein Sinn, ob auch voll Schmerz jetzt Das teure, liebe, väterliche Bild mir Von Euch, da in der Welt Ihr Tag für Tag mich Den Weg gelehrt, wie sich der Mensch verewigt, Und wie ich dankbar drob, so lang' ich lebe, Müßt Ihr an meinen Worten noch erkennen. Was Ihr von meinem Lauf erzählt, bemerk' ich Mit anderm Spruch, es zur Erläut'rung wahrend, Bis ich ein Weib, das dies versteht, erschaue. So viel indes will ich Euch offenbaren, Daß, schilt mich anders nur nicht mein Gewissen, Ich auf das Schicksal, wie's auch sei, gefaßt bin. Nicht neu ist solch ein Vorklang meinen Ohren, Drum mag Fortuna immer nach Gefallen Ihr Rad umdrehn und seinen Karst der Landmann.‹ Da wandte auf die rechte Seite rückwärts Mein Meister sich, ins Angesicht mir blickend, Und sprach darauf: »Recht höret, wer es merket.« Doch drob nicht minder wandl' ich im Gespräch hin Mit Herrn Brunetto, wer von den Genossen Am größten und berühmt'sten wohl? ihn fragend. Und er zu mir drauf: »Manche ziemt's zu kennen, Von andern wird es löblich sein zu schweigen, Weil allzu kurz die Zeit für die Erzählung. Wiss' überhaupt, daß Geistliche, Gelehrte Sie alle waren, groß und weltberühmet, Die gleiche Sünd' einst auf der Welt befleckte. Dort wallt mit jener Unglücksschar Priscianus Und Franz Accursius, auch erblicken kannst du, Wenn dich gelüsten sollte solches Unflats, Den, der vom Knecht der Knechte ward vom Arno Versetzt zum Bacchiglione, wo die Nerven, Zu schnöder Brunst mißbraucht, er hinterlassen. Mehr würd' ich sagen, aber Red' und Wandrung Darf nun nicht länger dauern, denn schon seh' ich Dort neuen Dunst vom Sandmeer sich erheben; Es nahet Volk, mit dem mir nicht zu weilen Vergönnt. Laß meinen Schatz dir sein empfohlen, In dem ich leb' annoch, und mehr nicht fordr' ich.« Drauf wandt' er sich und schien von jenen einer, Die zu Verona durch das Blachfeld laufen Ums grüne Tuch, und schien von ihnen jener, Der Sieger bleibt, nicht jener, der besiegt wird.
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