Kapitel 4
Ich setzte mich neben Isabella, mein Herz schlug wie wild, als ich das Telefon auf Lautsprecher stellte. Das sanfte Leuchten des Telefonbildschirms warf ein blasses Licht auf unsere Gesichter, und ich spürte Isabellas besorgten Blick auf mich.
„Ich sitze jetzt, Liam, was gibt es?“, fragte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten.
Das Telefon knisterte, und Liams Stimme war leise und ernst zu hören. „Es geht um das Ergebnis der Nachforschungen über deine leiblichen Eltern“,
Ich spürte, wie mir ein Schauer über den Rücken lief, als ich mich vorbeugte und meine Hände zu Fäusten ballte. „Was ist das Ergebnis?“, fragte ich hastig.
Die Stille am Telefon war erdrückend. Mein Herz pochte so laut, dass ich es in meinen Ohren widerhallen hörte. Selbst das Ticken der Uhr an der Wand schien zu verstummen, als würde der ganze Raum auf Liams nächste Worte warten. Ich spürte, wie meine Handflächen feucht wurden und mir trotz der kühlen Luft aus der Klimaanlage Schweißperlen auf der Stirn standen.
Ein Knoten bildete sich in meinem Magen, als eine unangenehme Kälte meine Brust durchdrang. Ein Teil von mir wünschte sich, er würde es einfach sagen, was auch immer es war, damit meine Gedanken nicht mehr mit Möglichkeiten herumspielen würden, auf die ich emotional nicht vorbereitet war.
Isabella blinzelte nicht einmal. Sie sah mich an, als wüsste sie bereits, dass etwas Schreckliches bevorstand, und allein das verstärkte meine Angst noch.
„Nun, laut dem Ermittler könnten sie einige Leute verärgert haben, die ihre Existenz ausgelöscht haben und nicht wollen, dass jemand etwas über sie erfährt, basierend auf den Informationen, die Sie uns gegeben haben“, sagte er, und ich konnte Liams Zögern fast hören.
Mein Kopf schwirrte, als ich versuchte, die Worte zu verarbeiten. „Wie kann das sein?“, fragte ich mit kaum mehr als einem Flüstern.
Bei jedem Atemzug brannte meine Kehle. Der Raum fühlte sich zu still an, zu ruhig, als wäre die Welt um mich herum für einen Moment eingefroren. Meine Kindheitserinnerungen spielten sich in meinem Kopf ab wie ein kaputter Film: verschwommene Gesichter, gedämpftes Lachen, warme Hände, die meine hielten ... und dann Dunkelheit. Eine sich schließende Tür. Ein Abschied, den ich nie verstanden habe.
Was, wenn all das nicht real war?
Was, wenn alles, woran ich mich erinnerte, nur eine Geschichte war, die ich mir ausgedacht hatte, um mich selbst zu trösten?
Ein leichter Schmerz breitete sich in meiner Brust aus. Die Art von Schmerz, die entsteht, wenn man etwas verliert, dessen Verlust man noch nicht akzeptieren kann.
Isabellas Hand umfasste meine und drückte sie tröstend. „Was meinst du damit, Liam?“
Liams Stimme war sanft, aber seine nächsten Worte ließen mich erschauern. „Es gibt kein Paar namens Nina Isolde und Noah Isolde in Willow Creek City.“
Ich fühlte mich, als hätte mir jemand in den Magen geboxt, und mir stockte der Atem. Ich starrte ausdruckslos auf das Telefon, während meine Gedanken rasten. „Ich glaube, ich erinnere mich wirklich richtig ... Ich war schlau und wusste schon mit fünf Jahren einiges, ich bin mir sicher, dass sie Nina und Noah heißen. Ich werde ihren Nachnamen und ihren Vornamen nie vergessen. Deshalb benutze ich ihn bis heute.“
Isabella drückte meine Hand fester, und ich wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Aber ich durfte mich nicht von meinen Gefühlen überwältigen lassen, noch nicht.
„Ich erinnere mich, dass wir eine liebevolle Familie waren“, fuhr ich mit zitternder Stimme fort. „An einem Nachmittag änderte sich alles, ich wurde weggeschickt ... Ich möchte wissen, warum.“
„Aber jetzt sagst du mir, dass es niemanden mit diesen Namen in derselben Stadt gibt“, sagte ich und schaute verständnislos, ob meine Erinnerungen falsch waren.
Liams Stimme war sanft und verständnisvoll. „Es tut mir leid, Selena. Es gibt keine Personen namens Noah und Nina Isolde. Entweder sind deine Erinnerungen falsch oder jemand hat die Spuren ihrer Existenz ausgelöscht.“
Ich zog meine Hand von Isabellas weg, stand auf und ging zum Fenster.
Das kühle Glas drückte gegen meine Fingerspitzen, während ich aus dem Fenster starrte. Die Lichter der Stadt verschwimmen zu goldenen und blauen Streifen, die sanft gegen den Nachthimmel leuchten. Die Menschen gingen immer noch auf den Straßen unten spazieren, lachten, redeten und lebten ihr normales Leben.
Für einen Moment beneidete ich sie.
Sie hatten keine verlorenen Identitäten, die über ihren Köpfen schwebten.
Sie gingen nicht schlafen und fragten sich, ob ihre gesamte Kindheit auf Lügen aufgebaut war.
Ich lehnte meine Stirn gegen das Fenster und ließ mich von den schwachen Vibrationen der vorbeifahrenden Autos beruhigen. Aber das schwere Gefühl in meiner Brust wollte einfach nicht verschwinden.
Isabellas Stimme hinter mir war leise, als sie meine Schulter berührte. „Wir werden es herausfinden, Selena. Wir werden die Wahrheit herausfinden.“
Ich nickte und spürte, wie mich eine Welle der Entschlossenheit überkam. Ich würde die Wahrheit aufdecken, egal was es kostet.
„Ich wurde im Alter von 5 Jahren im Waisenhaus abgegeben. Ich bin nicht im Waisenhaus aufgewachsen“, sagte ich mit kaum mehr als einem Flüstern.
„Ich wurde dort von jemandem zurückgelassen, aber nicht von meinen Eltern, wie ein Paket ohne Absenderadresse.“ Ich schüttelte den Kopf. Ich kniff die Augen zusammen, als die Erinnerung an diesen Tag in meinem Kopf auf blitzte. Eine Silhouette. Eine Hand auf meiner Schulter. Der Geruch von etwas leicht Metallischem. Aber jedes Mal, wenn ich versuchte, es zu fassen, verschwand das Bild wie Rauch.
Wer auch immer mich im Waisenhaus abgegeben hatte, wollte nicht in Erinnerung bleiben. Oder wollte nicht gefunden werden.
Ein seltsamer Schauer lief mir über den Rücken, und die Luft um mich herum fühlte sich schwerer an, als hätte mir jemand ein Geheimnis zugeflüstert, das ich nicht wissen sollte.
„Wenn meine leiblichen Eltern mich verlassen wollten, hätten sie das bei meiner Geburt getan, nicht erst, als ich alt genug war, um mich an einige Dinge über sie zu erinnern.“ Obwohl ich mich nicht daran erinnere, wie sie aussehen
Isabellas Augen waren vor Mitgefühl weit aufgerissen, aber ich wusste, dass sie besorgt war. Liams Schweigen am Telefon war ohrenbetäubend.
„Oder vielleicht sind sie tot“, fuhr ich fort, meine Stimme brach.
„Und ihre Familie will mich nicht großziehen, also haben sie mich im Waisenhaus abgegeben und die Existenz meiner Eltern ausgelöscht, um Komplikationen zu vermeiden“, sagte ich und hoffte, dass Isabella und Liam sich keine Sorgen machen würden.
Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass hinter meiner Herkunft mehr steckte, als man auf den ersten Blick sehen konnte.
Liams Stimme klang fröhlich.
„Ja, das ist die einzige logische Erklärung, die mir einfällt, Selena“, sagte er.
„Aber was wäre, wenn wir einen übernatürlichen Undercover-Agenten beauftragen würden, um Nachforschungen anzustellen? Die müssen doch etwas herausfinden können.“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Nein, untersucht das nicht weiter. Zumindest noch nicht.“
Mein Instinkt schrie lautstark auf und warnte mich davor, den übernatürlichen Undercover-Agenten einzuschalten. Mein Instinkt hatte mich noch nie getäuscht, er hatte mich unzählige Male gerettet.
Isabella kniff die Augen zusammen, aber sie wusste, dass es besser war, nicht zu widersprechen.
„Okay, wir lassen es vorerst sein. Aber versprich mir, dass du vorsichtig bist, Selena, denn wir wissen nicht, ob deine leiblichen Eltern einen Feind haben, der nach dir sucht.“
Ich nickte und zwang mich zu einem Lächeln.
„Ich verspreche es.“
Ich nahm das Telefon vom Lautsprecher und gab es Isabella zurück, dann ging ich in mein Zimmer. Ich schloss die Tür und setzte mich auf die Bettkante.
In letzter Zeit habe ich einen schrecklichen Albtraum, einen Traum, der eher wie eine verschwommene, unklare Erinnerung ist. Das bringt mich dazu, meine wahre Familie kennenlernen zu wollen und den Namen meiner leiblichen Eltern zu recherchieren, an den ich mich erinnere, seit ich im Waisenhaus abgegeben wurde.
Ich weiß, dass dieser Name möglicherweise falsch ist. Und das war er auch.
Es stellte sich heraus, dass es so war, wie ich vermutet hatte. Ich erinnere mich nicht einmal an das Gesicht oder die Identität der Person, die mich im Waisenhaus abgegeben habe. Ich wusste nur, dass mich jemand im Waisenhaus abgegeben hatte.
In letzter Zeit ist mein Gehör schärfer und lauter geworden. Besonders nachts. Ich nehme das leiseste Geräusch vor dem Fenster wahr oder spüre ein seltsames Kribbeln im Nacken, als würden unsichtbare Augen meine Bewegungen verfolgen.
Ein paar Mal blieb ich sogar im Flur unseres Wohnhauses stehen, weil ich mir sicher war, leise Schritte zu hören, die immer dann verstummten, wenn ich stehen blieb.
Vielleicht war es Stress.
Vielleicht war es auch etwas ganz anderes.
Aber jedes Mal, wenn ich dieses Gefühl ignorierte, wurde es nur noch stärker.
All das ist nicht normal, aber ich kann im Moment nur darauf warten, dass diejenigen, die mich im Waisenhaus abgegeben haben, kommen und nach mir fragen.
Ich weiß, dass es in unserer Welt nicht nur uns Menschen gibt, sondern auch andere übernatürliche Wesen wie die Lykaner, die gegen die anderen Rassen um das Recht der Menschen kämpfen und uns helfen, unsere Freiheit von der Sklaverei zurückzugewinnen; dann gibt es noch Vampire, Hexen, Engel, Feen, Dämonen und so viele andere Rassen unter den übernatürlichen Wesen.
Sie stehen immer noch in Kontakt mit uns Menschen und arbeiten mit uns zusammen. Nur die Lykaner haben sich nach dem Krieg von der Welt zurückgezogen, niemand hat mehr etwas von ihnen gehört.
Die übernatürlichen Wesen haben selten Kontakt zu uns gewöhnlichen Menschen, sie verkehren nur mit Adligen und Anführern. Sie bleiben in ihren Reichen, und wir Menschen betreten selten ihre.
Sind meine Eltern also auch übernatürliche Wesen? Oder haben sie eines beleidigt und wurden ausgelöscht, woraufhin sie mich aus Sicherheitsgründen weggegeben haben?
Egal wie, ich hoffe nur, dass ich und meine Lieben nicht in Gefahr sind.
Ich sollte all das jetzt vergessen und schlafen gehen. Ich muss morgen früh für meinen neuen Job aufstehen und darf am ersten Tag nicht zu spät kommen. Der erste Eindruck, den ich meinem Chef vermittelt habe, war schon falsch, und ich darf nicht zulassen, dass irgendetwas den zweiten ruiniert.
Ich weiß nicht, wie der morgige Tag werden wird …