Die Fahrt zum Anwesen meines Vaters ist lang, aber die Zeit fühlt sich jetzt unwichtig an. Die Welt außerhalb des Fensters verschwimmt – Bäume, Felder, die Straßen, von denen ich einst dachte, dass ich sie nie verlassen würde. Alles ist vertraut, aber auch weit weg. Es kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her, dass ich eine Prinzessin war, bestimmt für ein Leben, das ich mir nie aussuchen konnte.
Aber jetzt, als das Auto an den Toren unseres Landes vorbeifährt, habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. In der Ferne erhebt sich das Anwesen, ein Zufluchtsort, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe, aber er ist immer noch so großartig wie in meiner Erinnerung. Es ist die Welt meines Vaters, in der sich das Gewicht der Geschichte und der Tradition wie eine zweite Haut um uns legt.
Als das Auto vor dem großen Eingang zum Stehen kommt, steige ich aus und spüre den Kies unter meinen Stiefeln. Es ist seltsam, wie etwas so Einfaches sich so erdend anfühlen kann, als wäre ich endlich an einem Ort, an dem ich wieder atmen kann.
Ich merke gar nicht, dass ich den Atem anhalte, bis ich ihn sehe – meinen Vater, der auf der Treppe steht, sein großer Körper im Schatten der untergehenden Sonne. Sein Gesicht ist vom Alter gezeichnet, aber seine Augen sind so scharf und weise wie immer. Er spricht nicht, aber sein Gesichtsausdruck sagt alles.
„Chloe“, sagt er leise und geht mit langen Schritten auf mich zu.
Ich lasse meinen Koffer fallen, und ehe ich mich versehe, liege ich in seinen Armen, und die Wärme seiner Umarmung fühlt sich an wie ein Schutzschild gegen alles, was ich durchgemacht habe. Ich war immer seine Tochter, sein ganzer Stolz, und zum ersten Mal seit so langer Zeit habe ich das Gefühl, dass ich das endlich wieder sein darf.
„Es tut mir leid, Dad“, sage ich, meine Stimme ist voller Emotionen. „Ich war so… impulsiv. Ich hätte früher zurückkommen sollen. Ich hätte nicht…“
Er zieht sich gerade so weit zurück, dass er mir in die Augen sehen kann, und seine Hände umschließen sanft mein Gesicht. „Chloe“, unterbricht er mich, seine Stimme ist ruhig, aber fest. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du hast schon genug durchgemacht. Was jetzt zählt, ist, dass du hier bist. Und du bist in Sicherheit.“
Die Tränen, die ich so lange zurückgehalten habe, fließen jetzt ungehindert. Zum ersten Mal habe ich nicht versucht, sie zu unterdrücken. Ich bin es leid, so zu tun, als ginge es mir gut.
Er führt mich hinein, und ich spüre, wie sich die Schwere des Ortes um mich legt. Es ist alles so vertraut, aber es ist nicht mehr das, was es einmal war. Die Spannung in meiner Brust lässt mit jedem Schritt nach, aber es gibt immer noch einen Teil von mir, der das Gefühl hat, nicht mehr hierher zu gehören, als hätte ich einen Teil von mir selbst in der Welt zurückgelassen, die ich mit Dylan aufzubauen versucht habe.
Als wir die große Halle betreten, spricht mein Vater wieder. „Wir werden uns um alles kümmern, Chloe. Du musst dir um nichts Sorgen machen.“
Ich nicke, obwohl ich mich nicht ganz beruhigt fühle. Es liegt noch ein langer Weg vor mir. Der Wiederaufbau meines Lebens wird Zeit brauchen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich hier vielleicht – nur vielleicht – neu anfangen kann.
Ich sitze mit meinem Vater in seinem Arbeitszimmer, dem Raum, in dem wir so viele Nächte damit verbracht haben, über Rudelpolitik, königliche Angelegenheiten und alles dazwischen zu diskutieren. Das Gewicht der Welt fühlte sich hier, im Schutz des Erbes meiner Familie, leichter an.
Aber es gibt etwas, das ich fragen muss. Etwas, das ich verstehen muss, bevor ich wirklich vorankommen kann.
„Dad“, beginne ich, meine Stimme ist fest, aber unsicher. „Ich muss wissen… Ich muss wissen, warum du mich hast gehen lassen.“
Er sieht mich an, die Stirn leicht gerunzelt. „Was meinst du?“
„Warum hast du mich ihn heiraten lassen? Warum hast du mich nicht aufgehalten? Ich war so jung. Ich war so geblendet von der Liebe. Ich… ich dachte, ich tue das Richtige. Aber sieh dir an, was passiert ist. Ich habe alles für ihn aufgegeben, und er…“ Ich stocke, der Schmerz des Verrats durchdringt mich erneut. „Und er hat sich nie darum gekümmert. Er war nicht einmal treu.“
Mein Vater beugt sich vor, sein Blick ist fest. „Chloe, ich wollte nie, dass du in so eine Lage kommst. Aber du warst deine eigene Person. Du hast ihn gewählt. Das habe ich respektiert. Du warst immer dazu bestimmt, die Luna deines Rudels zu sein, und ich dachte… ich dachte, du würdest glücklich sein. Aber das warst du nicht, oder?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein. War ich nicht.“
Er nickt, als würden meine Worte etwas bestätigen, was er bereits wusste. „Ich wusste, dass du stark bist, Chloe. Aber mir war nicht klar, wie viel Kraft es dich kosten würde, dich von ihm zu lösen. Von allem, was du dir aufgebaut hast.“
„Ich weiß nicht, was mir jetzt noch bleibt“, gebe ich mit leiser Stimme zu. „Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin. Ich war so gefangen in dem Versuch, die Luna zu sein, die er wollte… die Luna, die sie wollten. Und jetzt – jetzt weiß ich nicht, was ich mit mir anfangen soll.“
„Du bist meine Tochter“, sagt mein Vater mit Nachdruck. „Und egal, was passiert, so bist du nun mal. Du wirst deinen Weg finden, Chloe. Aber jetzt hast du erst einmal Zeit. Zeit, um zu heilen, um deine Bestimmung zu finden. Und du wirst dabei nicht allein sein.“
Seine Worte legen sich wie eine Decke über mich, warm und sicher. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich das Gefühl, dass ich vielleicht, nur vielleicht, einen Platz für mich in dieser Welt finden kann.
Ich lehne mich zurück, atme tief durch und spüre, wie sich die Last der Vergangenheit langsam zu lösen beginnt. Es ist noch nicht weg. Aber es ist ein Anfang.
Dylans p.o.v
Die letzten zwei Tage waren eine Übung in Frustration gewesen. Mein Rudel, die Blutsauger, hatte jeden Winkel der Stadt auf der Suche nach einem Zeichen von Chloe abgesucht. Aber das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: nichts. Sie war spurlos verschwunden.
Ich hasste dieses Gefühl. Ich hasste es, dass ich es nicht kontrollieren konnte, dass ich sie nicht zwingen konnte, zu mir zurückzukommen. Schließlich hatte ich doch das Kommando über sie, nicht wahr? Sie hätte bleiben sollen. Stattdessen war sie weggelaufen und wie Rauch im Wind verschwunden.
Ich lehnte mich gegen den Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer und versuchte, meinen Atem zu beruhigen.
„Was soll das heißen, Sie haben nichts gefunden?“, fragte ich, und meine Stimme war unheimlich ruhig. Ich war nicht wütend – zumindest nicht nach außen hin. Aber innerlich kochte die Frustration hoch.
Kade, einer meiner vertrautesten Krieger, stand vor mir mit eiskaltem Blick.
„Wir haben überall gesucht, Alpha. Sie ist verschwunden. Wir haben uns auch bei den anderen Rudeln umgehört. Keiner hat sie gesehen. Es ist, als wäre sie einfach … verschwunden.“
Ich atmete scharf aus und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht, um die zunehmende Anspannung in meiner Brust zu verbergen.
„Sie kann nicht einfach verschwinden. Sie ist zu stur, um so leise zu gehen.“
Aber Kades Gesichtsausdruck änderte sich nicht.
„Es ist wahr. Keiner weiß, wohin sie gegangen ist. Es tut mir leid, Alpha.“
Ich sagte nichts mehr. Es gab nichts mehr zu sagen. Chloe war weg, und ich saß im Dunkeln.
Gerade als sich das Gewicht dieser Realität zu legen begann, öffnete sich die Tür zu meinem Arbeitszimmer, und Serene trat ein. Sie bewegte sich mit der gleichen Anmut, der ruhigen Präsenz, die mich immer zu beruhigen vermochte. Aber heute konnte ich feststellen, dass sie die Stimmung im Raum genau beobachtete.
„Dylan“, sagte sie leise, ihre Stimme war sanft wie Honig. „Du suchst immer noch nach ihr, wie ich sehe?“
Ich drehte mich zu ihr um, und mein Kiefer krampfte sich unwillkürlich zusammen.
„Natürlich tue ich das. Glaubst du, ich kann sie einfach so entkommen lassen?“
Serene verringerte den Abstand zwischen uns, ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Sie ist weg, Dylan. Du hast bereits alles getan, was du tun konntest. Sie wird nicht zurückkommen. Und selbst wenn – du weißt, dass es nicht dasselbe sein wird.“
Ich wusste, dass sie recht hatte, aber das tat dem Gefühl in meiner Brust keinen Abbruch. Ich war nicht bereit, es zuzugeben. Noch nicht.
Aber Serene drängte weiter, ihre Berührung ruhte jetzt auf meiner Schulter.
„Lass es gut sein. Sie versucht nur, ihren letzten Rest an Würde zu bewahren. Sie versteckt sich irgendwo auf dem Land und klammert sich an das bisschen Selbstachtung, das ihr noch geblieben ist. Aber seien wir doch mal ehrlich – ohne dich ist sie nichts. Du hast sie geschaffen. Und das weiß sie. Sie ist nicht stark genug, um ohne dich weiterzuleben.“
Ihre Worte waren genau das, was ich hören musste, die Art von Bestätigung, nach der ich mich gesehnt hatte. Die Zweifel, die sich in meinen Kopf geschlichen hatten, verblassten, als ich ihre Worte auf mich wirken ließ.
„Du hast recht“, murmelte ich, und die Enge in meiner Brust ließ nach. „Ohne mich ist sie nichts.“
Serenes Lächeln vertiefte sich.
„Ganz genau. Du hast es immer gewusst. Sie wird dich nie vergessen können. Du warst ihre Welt.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür erneut, und Seth – mein Beta – trat ein, mit ernster Miene. Sein sonst so selbstsicheres Auftreten wurde durch etwas Dringlicheres ersetzt.
„Alpha, es gibt etwas, das du wissen solltest“, sagte Seth schnell und mit leiser Stimme.
Ich nickte und gab ihm ein Zeichen, fortzufahren.
„Es gibt ein königliches Ereignis, das bevorsteht. Eine Willkommensparty“, erklärte Seth, wobei sein Blick zu Serene glitt, bevor er zu mir zurückkehrte. „Der König ist der Gastgeber. Es ist eine große Sache. Und …“
Ich hob eine Augenbraue.
„Was hat das mit mir oder dem Rudel zu tun?“
Seth sah unbehaglich aus, fuhr aber fort.
„Die Tochter des Königs … sie wird in die Öffentlichkeit gehen. Die Party ist für sie. Er hat sie bisher versteckt gehalten, aber jetzt ist er bereit, sie der Welt vorzustellen. Es ist das erste Mal, dass jemand sie sieht.“
Ich lehnte mich zurück und nahm die Information auf. Der König hatte sich nach dem tragischen Tod seiner Frau und seines Sohnes jahrelang nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Aber jetzt gab er eine Party, um seine Tochter zu feiern – seine einzige verbliebene Familie.
„Und wir sind eingeladen?“, fragte ich und versuchte zu verstehen, warum das so wichtig war.
Seth nickte.
„Ja. Jedes Rudel ist eingeladen. Die ganze Stadt wird da sein. Es wird ein Spektakel.“
Irgendetwas an der Art, wie er sprach, kam mir seltsam vor, aber ich konnte es nicht genau sagen. Trotzdem nickte ich.
„Gut. Wir werden hingehen. Aber wir werden nicht an einer königlichen Parade teilnehmen. Ich habe Besseres zu tun, als mich unter die Adligen des Königs zu mischen.“
Seth zögerte.
„Da ist noch etwas. Die Gerüchte …“
„Was für Gerüchte?“, fragte ich, und Irritation sickerte in meine Stimme.
Seth schluckte, bevor er antwortete. Seine Stimme war kaum höher als ein Flüstern.
„Die Gerüchte besagen, dass … es Chloe ist. Sie ist die Tochter des Königs. Seine verborgene Erbin. Niemand wusste es bis jetzt.“
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Der Schock traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Chloe? Die Tochter des Königs? Das konnte nicht sein.
Ich starrte Seth an, meine Gedanken rasten, aber es lag ein deutliches Unbehagen in der Luft. Er hatte nicht viel gesagt, aber die Art, wie er mich ansah – das Zögern in seinen Augen – das reichte, um mich innehalten zu lassen.
„Die Tochter des Königs“, wiederholte ich und versuchte, den Sinn der Worte zu begreifen. „Ist jemand sicher, dass sie es wirklich ist? Keiner kennt sie, oder?“
Seth nickte, seine Augen verfinsterten sich, als würde er die Last dieser Information tragen.
„Keiner weiß, wer sie ist, Alpha. Genau das ist der Punkt. Man hat sie all die Jahre versteckt gehalten. Der König hat nur im Flüsterton von ihr gesprochen.“
Ich ballte die Fäuste an meinen Seiten. Das Geheimnis um die königliche Familie hatte mich schon immer fasziniert, aber ich hätte nie erwartet, dass es so mit meinem Privatleben kollidieren würde. Chloe – war sie wirklich die Tochter des Königs? Ich hatte keine Ahnung, aber alles in mir schrie, dass etwas nicht stimmte. Diese … diese Party musste etwas mehr bedeuten.
Ich wandte meinen Blick wieder zu Seth.
„Wir gehen hin“, sagte ich und versuchte, die Ungewissheit aus meinem Kopf zu verdrängen. „Aber erwähne niemandem gegenüber ihren Namen. Ich mache das schon.“