KAPITEL EINS

1573 Words
KAPITEL EINS Oliver Blue stand in einer Besenkammer und wusste nicht, warum. Ein seltsames Gefühl durchdrang seinen ganzen Körper. Es hämmerte laut in seinem Kopf. Er blickte sich desorientiert um und versuchte, seine bruchstückhafte Erinnerung wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Er war durch einen wirbelnden Strudel hierhergekommen. Ein Wurmloch. Ja! Jetzt erinnerte er sich! Professor Amethyst hatte für ihn ein Portal geschaffen und Oliver war hindurch gereist. Aber warum? Das Wurmloch war jetzt nirgends mehr zu sehen. Oliver hatte gehofft, dass es ihm einen Hinweis darauf geben könnte, warum er hier war. Aber es war nicht mehr da. Plötzlich spürte er kaltes Metall auf seiner Brust und zog ein Amulett heraus. Professor Amethyst hatte es ihm gegeben, so viel wusste er noch. Was hatte er ihm dazu erklärt? Oliver brauchte eine Weile, bis er sich erinnerte. Es hatte etwas mit seiner Rückkehr in die Schule für Seher zu tun. Nur wenn es heiß wurde und leuchtete, gab es für Oliver eine Chance zurückzukehren. Im Moment war es jedoch eiskalt. Das bedeutete, dass jetzt und hier kein Portal zurück zur Schule existierte. Oliver fühlte sich wahnsinnig traurig. Er dachte an die Schule und seine Freunde, die er zurückgelassen hatte. Aber warum er sie überhaupt verlassen hatte, wusste Oliver einfach nicht mehr. Er wurde immer unruhiger und versuchte verzweifelt, sich daran zu erinnern, wo er gelandet war. Und warum? Und in welcher Zeit? Langsam, ganz langsam, kam es zurück. Armando! Er war zurück in seine Zeitebene gereist, um seinen Mentor Armando Illstrom zu retten. Er durfte keine Zeit verlieren! Armando sollte bald umgebracht werden und jede Sekunde konnte entscheidend sein. Oliver stürmte aus der Besenkammer und stand in den Gängen der Fabrik. Er erkannte sie sofort. Es war wirklich Armandos Fabrik! Dort hing sogar ein Schild: Illstroms Erfindungen. Er rannte zu den Werkräumen. Als er das Ende des Ganges erreichte, blieb er stehen und steckte vorsichtig seinen Kopf um die Ecke. Anstelle von Armandos geheimer Drehwand und den verschlungenen Gängen, war die Fabrik wieder offen angelegt wie in ihrer Anfangszeit. Überall waren Arbeiter und alle trugen die blauen Overalls der 40er Jahre. Auch Oliver trug einen dieser Overalls. Alles war sauber und gepflegt. Fliegende Tiere aus Metall huschten durch die Luft. Hier und da flogen Funken von Schweißarbeiten in die Höhe. Sie waren dabei, riesige Maschinen zu reparieren. Metallische Vögel flogen unter der Decke umher, die Fenster waren nicht mehr vernagelt. Alles hatte sich verändert. Oliver staunte. War das sein Werk? Hatten seine Handlungen im Jahr 1944 die heutige Situation verändert? War Illstroms Erfindungen dank Oliver in Betrieb? Selbst wenn, wäre es nicht mehr lange der Fall, wenn er Armando nicht rechtzeitig rettete. Durch eines der Dachfenster sah Oliver dunkle Gewitterwolken. Schon fielen die ersten Tropfen auf das Glas. Dann zuckte plötzlich ein Blitz über den Himmel, kurz bevor ein mächtiger Donnerschlag dröhnte. Die Lichter der Fabrik begannen zu flackern. Dann wurde es dunkel. Surrend fuhren sämtliche Maschinen herunter. Ein paar Generatoren sprangen an und die Notbeleuchtung tauchte die Fabrik in ein unheilvolles Rot. Oliver wurde sofort klar, in welcher Zeit er gelandet war. Es war der Tag des großen Sturms. Der Tag, an dem der Bürgermeister alle Schulen und Geschäfte der Stadt geschlossen hatte. Der Tag, an dem Oliver sich in einer Mülltonne versteckt hatte, um Chris und seinen furchtbaren Freunden zu entkommen. Es war der Tag, an dem er Armando zum ersten Mal begegnet war. Im schummrigen, roten Lichtern erblickte Oliver Armando – seinen Armando – nicht den jungen Mann von 1944, sondern seinen wahren Helden, den alten Mann. Sein Herz schlug schneller. Doch dann traf es ihn. Armando würde sich nicht an ihn erinnern. Sie hatten sich nicht einmal kennengelernt. All diese wertvollen Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit würden in Armandos Kopf einfach fehlen. „Ich denke, wir sollten Schluss machen für heute!“, rief Armando seinen Arbeitern zu. „Sieht aus, als würde dieser Sturm uns früher treffen, als sie vorhergesagt haben! Die Busse stehen bereit, geht nach Hause, Männer.“ Als die Arbeiter die Fabrik verließen, fiel Oliver ein seltsames, blaues Schimmern auf. Er erkannte es sofort. Dieses eisige, blaue Leuchten waren die Augen eines bösartigen Sehers. Das konnte nur eines bedeuten: Lucas war hier, Olivers schlimmster Feind. Oliver versuchte, ihn in der Dunkelheit auszumachen. Ein plötzlicher Blitzschlag erhellte die ganze Halle. Er sah eine Silhouette, die durch den Schatten der Fabrik streifte. Oliver erstarrte. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken. Es war wirklich Lucas. Und er verfolgte Armando. Ein Donner dröhnte. Entschlossen ging Oliver hinter ihnen her. Er näherte sich dem bösartigen Seher immer weiter, bis er ihn fast eingeholt hatte. Beim nächsten Blitz wandte der alte Mann sein Gesicht zur Seite. Oliver sah das verzerrte Gesicht in allen Facetten. Sein starrer blauer Blick war auf Oliver gerichtet. Seine Augen funkelten unheimlich. „Oliver Blue“, zischte er. Oliver schluckte. Sein Hals war wie zugeschnürt. Jetzt stand er dem Mann gegenüber, der ihn am liebsten tot sehen wollte. Es war erschütternd. Lähmend. Genau in diesem Moment trat Horatio, der alte Hund aus dem Schatten. Er lief direkt vor die Füße des fiesen Alten und Lucas stolperte. „Verfluchter Köter!“, rief Lucas, der nur mit Mühe das Gleichgewicht wiederfand. Oliver war noch nie so glücklich gewesen, den alten Bluthund zu sehen. Schnell nutzte er den Moment und lief Armando hinterher. Er erreichte den Flur gerade noch rechtzeitig, um Armando in seinem Büro verschwinden zu sehen. Hinter ihm kamen die schweren Schritte immer näher. Oliver blickte über die Schulter. Ein weiterer Blitz erleuchtete den Raum, sodass Oliver den verrückten Gesichtsausdruck von Lucas sehen konnte. Erschrocken sprang er zu Armandos Bürotür und platzte in den Raum. Armandos Büro war chaotisch wie immer. Mehrere Schreibtische waren mit Stapeln von einzelnen Blättern Papier bedeckten, Computer aus verschiedenen Epochen standen herum. Regale drohten unter der Last unzähliger Bücher zusammenzubrechen. Und inmitten dieses Durcheinanders stand Armando selbst. Überrascht sah er Oliver an. „Kann ich dir helfen, mein Junge?“ Oliver starrte seinen Helden erwartungsvoll an. Ob er sich doch an ihn erinnerte? Er konnte in seinem Blick keinen Hinweis finden und er hatte jetzt auch keine Zeit, dieser Frage nachzugehen. Er musste schnell herausfinden, ob Armando in unmittelbarer Gefahr war. Oliver suchte hastig den Raum ab. Er konnte nichts feststellen, keine offensichtliche Falle. Augenscheinlich war alles ganz normal. Hatte Oliver sich getäuscht? Vielleicht war Armando gar nicht in Gefahr. Hatte er am Ende die Schule für Seher ohne jeden Grund verlassen? Doch schon stürzte Lucas in das Büro. „Die Wachen kommen um dich zu holen, du kleiner Quälgeist!“ Er sprang auf Oliver zu, doch der war schneller. Er hüpfte zur Seite und suchte weiter nach der Bedrohung. Er hatte nicht mehr viel Zeit, um Armandos Leben zu retten. Was führte Lucas im Schilde? „Komm sofort zurück!“, schnappte Lucas. Armando machte einen Satz rückwärts, als Oliver an ihm vorbeischoss und auf seinen Knien unter Armandos Schreibtisch hindurchschnellte. Lucas war sofort zur Stelle, aber jetzt trennte der große Schreibtisch Oliver von seinem Feind. Immer wieder versuchte er Oliver zu packen, aber er bekam ihn nicht zu fassen. Da sah Oliver einen Kaffeebecher, der von dem Gerangel fast überschwappte. Armando streckte die Hand danach aus, damit er nicht umfiel. Ein seltsamer Schimmer bedeckte die Oberfläche. Gift! Oliver sprang auf den Tisch und trat den Becher weg. Er flog vor Armandos Händen davon und landete scheppernd auf dem Boden. Der Kaffee spritzte durch den Raum. „Was geht hier vor?“, rief Armando. Lucas bekam Olivers Beine zu fassen und zog. Oliver landete mit einem lauten Krachen auf dem Schreibtisch. „Das ist GIFT!“, wollte er rufen, aber Lucas drückte ihm bereits seine große Hand auf den Mund. Wild schlug und trat er um sich, um sich aus dem Griff des Alten zu befreien. Da kamen die Wachen. „Werft diesen Jungen raus!“, befahl Lucas. Oliver biss ihm in die Hand. Lucas ließ schimpfend von ihm ab. Oliver sprang über den Tisch und rannte im Zickzack durch den Raum, um den Wachen zu entkommen. Es hatte keinen Zweck. Sie schnappten ihn und drehten seinen Arm auf den Rücken. Dann schoben sie ihn unsanft zur Tür. „Armando! Bitte! Hör mich an!“, schrie Oliver und versuchte sich zu wehren. „Lucas will dich umbringen!“ Lucas hielt sich die verletzte Hand. Mit schmalen Augen beobachtete er, wie Oliver aus dem Raum gezerrt wurde. „Lächerlich“, knurrte er. Da sah Oliver, wie eine kleine Maus an dem verschütteten Kaffee schnüffelte. „Sieh doch!“, rief Oliver. Armando folgte seinem Blick und beobachtete, wie die Maus den Kaffee aufleckte. Keine zwei Sekunden später brach sie zuckend zusammen. Sie war tot. Die Wachen erstarrten. Dann sahen sie zu Armando. Armando starrte Lucas an. Fassungslos. Erschrocken. Dann verzerrte sich sein Blick. „Lucas?“, flüsterte er. Armando konnte den Betrug kaum glauben. Lucas lief rot an vor Wut – oder war es Scham? Armandos Augen wurden schmal. Er erhob die Hand und zeigte auf Lucas. „Nehmt ihn fest“, sagte er kühl. Sofort ließen die Wachen Oliver los und umstellten Lucas. „Das ist doch wahnsinnig!“, protestierte Lucas, als sie seine Arme auf den Rücken drehten. „Armando! Du wirst doch dieser kleinen Ratte nicht mehr Glauben schenken als mir!“ Doch Armando sagte nichts, als die Wachen ihn abführten. Lucas kochte vor Wut. Sein Gesicht war ebenso verrückt wie das von Hitler, als Oliver seine Bombe zerstört hatte. „Es ist noch nicht vorbei, Oliver Blue! Eines Tages kriege ich dich!“, schrie er. Doch er wurde bereits aus der Tür geschoben und verschwand im dunklen g**g. Oliver atmete erleichtert durch. Er hatte es wirklich geschafft. Er hatte Armando das Leben gerettet. Langsam blickte er zu dem alten Erfinder auf, der im Chaos seines Büros stand und immer noch fassungslos aussah. Sie sahen sich lange an. Dann lächelte Armando endlich. „Ich habe sehr lange gewartet, dich wieder zu sehen.“
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