„Bitte, Mama. Vertrau mir doch mal. Ich habe mir das gut überlegt. Der Makler sagt, der Mieter hat Referenzen, ist unbescholten und alles stimmt überein. Es sind nur vier Monate. Das schaffe ich schon.“
Sie schwieg einen langen Moment. Dann gab sie schließlich nach.
„Du bist genauso stur wie dein Vater, weißt du das?“
„Ich habe von den Besten gelernt.“ Ich versuchte, meiner Stimme etwas Leichtigkeit zu verleihen. „Hör mal, wenn irgendetwas nicht stimmt, ganz egal was … Ich verspreche dir, ich rufe dich sofort an und schicke Eleanor vorbei, okay?“
„Das solltest du besser.“
Gerade als ich das Gespräch beendete, klingelte es an der Tür.
Mein Herz schlug wie wild.
Es war zwei Uhr. Die Mieterin war pünktlich.
„Eleanor, Schatz, komm her.“ Ich hob sie hoch und strich ihr über die platinblonden Zöpfe. „Erinnerst du dich, worüber wir gesprochen haben? Benimm dich vorbildlich, okay? Kannst du das für Mami tun?“
Sie blinzelte mich mit diesen moosgrünen Augen an, meinen Augen.
„Eis danach?“
„Wenn du brav bist, ja. Eis danach.“
„Okay!“ Sie strahlte und zeigte ihre winzigen Zähne.
Ich schnappte mir das Tablett mit den Willkommens-Cupcakes, die ich gestern Abend aus Stress gebacken hatte – Vanille mit Buttercreme-Glasur, verziert mit kleinen Blumen, weil ich nicht wusste, was ich sonst mit meiner nervösen Energie anfangen sollte.
Ich hob Eleanor auf meine Hüfte, balancierte das Cupcake-Tablett in meiner anderen Hand und öffnete die Tür.
„Hallo! Du musst wohl …“
Die Worte blieben mir im Hals stecken.
Das Tablett wäre mir fast aus den Händen gerutscht.
Nein.
Nein.
Vor meiner Haustür stand, im Gegenlicht der Nachmittagssonne, ein Mann mit schieferblauen Augen, die ich einst im Matheunterricht auswendig gelernt hatte.
Cassian.
Meine Lungen vergaßen, wie man atmet. Eleanors Gewicht an meiner Hüfte war das Einzige, was mich davon abhielt, zu Boden zu sinken.
Was machte er hier? Wie hatte er mich gefunden?
Doch dann bewegte er sich, und das Sonnenlicht fiel anders auf sein Gesicht.
Moment mal …
Das war nicht Cassian.
„Mhm. Mir geht es nur … ein bisschen nicht so gut, das ist alles.“ Ich deutete auf das andere Ende des Raums. „Komm, ich zeige dir dein neues Zuhause. Für die nächsten vier Monate.“
Er folgte mir schweigend und zuckte mit den Schultern. Aber mir entging nicht, wie er Eleanor ansah.
„Deine Tochter könnte glatt als mein Mini-Ich durchgehen.“
Er lachte leise.
Ich spürte, wie meine Nerven wieder hochkamen, und vermied es, eine Antwort zu geben.
„Das hier wird dein Wohnzimmer sein.“
„Moment, ist das nicht eher … ein Büro?“
Ich nickte.
„Ja. Aber es ist groß genug, um als Wohnzimmer für deine Gäste und dich zu dienen. Dein Zimmer ist ziemlich groß. Fast so groß wie meines, also bin ich mir sicher … es dir nichts ausmacht.“
Er verschränkte die Arme und mir fiel das komplizierte Muster aus Ranken auf, das sich bis zu seinem Handgelenk hinaufschlängelte.
Tattoos?
Seine Augen folgten meinem Blick.
„Ja. Hast du ein Problem damit? Der Makler sagte, du seist nicht prüde, also ...“
„Natürlich bin ich das nicht. Ich habe nur ... noch nie solche Tattoos gesehen.“
Er beugte sich vor.
„Farbenfroh? Extravagant? Sexy?“
Meine Lippen öffneten sich, und ich schloss sie fast sofort wieder.
„Wir besprechen gerade die Einrichtung des Wohnzimmers. Du bist gerade erst eingezogen und flirtest schon mit mir?“ Eleanor war weit außer Hörweite. „Ich verkehr nicht mit College-Jungs.“
Ein Glanz huschte über seine Augen, die dadurch noch katzenhafter wirkten.
Er trat einen Schritt zurück und legte seine Hand auf seinen Koffer.
„Das war kein Flirten. Es war einfach nur eine Frage.“
Sein Körperbau. Ohrstecker, Zungenpiercing, leicht zerzaustes Haar. Die Tatsache, dass ein so kraftvoller Nachname wie Rourke so gut zu ihm passte, konnte mir nur eines über ihn verraten.
Er würde definitiv Ärger bedeuten.
„Hör mal. Nimm einfach … das Arbeitszimmer oder was auch immer. Das Hauptwohnzimmer ist der Ort, an dem meine Tochter gerne spielt. Und es gehört nicht zu deinem Flügel.“
Er schenkte mir ein Lächeln.
„Ich habe viel Geld für Komfort bezahlt, ich habe es verdient, findest du nicht?“
„Nun. Wenn wir friedlich und erfolgreich zusammenleben sollen, würde ich es vorziehen, wenn du dich an meine Regeln und Vorschriften hältst.“
Ich bemühte mich zu sehr, mich nicht von seiner Statur oder seinem durchdringenden Blick einschüchtern zu lassen. Seine Arme waren verschränkt und meine Füße standen fest auf dem Boden.
„Ich gebe dir 300 Dollar, wenn du mir erlaubst, dein Wohnzimmer mitzunutzen. Abgemacht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann 400 Dollar.“
„Nein.“
„500 Dollar?“
„Nein.“
„Hm. Falls du annimmst, dass ich eine Gefahr für dein Kind bin, weil ich nicht wie ein braver, anständiger Goldjunge mit einem goldenen Stock in der Hand aussehe: Da irrst du dich. Ich bin ein sehr verantwortungsbewusster Erwachsener.“
Die theatralische Art, wie er seine Hand auf die Brust legte und das verkündete, ließ mich noch mehr daran zweifeln.
Aber aus irgendeinem Grund fand Eleanor ihn sehr lustig.
„Du bist wie alt … vierundzwanzig? Nun, junger Mann, ich bin siebenundzwanzig. Das heißt, ich bin älter, und allein schon deshalb solltest du auf mich hören.“
Er winkte abweisend mit der Hand.
„Ein Altersunterschied von drei Jahren? Komm schon, ich habe schon Frauen in den Vierzigern gevögelt –“
Ich schnappte nach Luft.
Eleanor kicherte.
„Vögel Mama! Vögel!“
Ich warf Luca einen bösen Blick zu, dessen Lippen zu einer schmalen Linie gepresst waren.
„Entschuldigung. Ich bin es nicht gewohnt, mit Kindern zusammen zu sein.“
„Du –“
„Vor allem nicht mit solchen, die wie mein Bruder aussehen.“