Arbeit

1286 Words
Kapitel Zwei Arbeit Amelia starrte auf das Chaos und schluckte ihren Ärger hinunter. Ein falsches Wort konnte sie ihren Job kosten. Sie öffnete die Akte des Kunden, nahm die Unterlagen an sich und ging in ihr Büro. Ken Roland – Milliardär, Perfektionist und Selfmade-Tycoon. Amelias Magen zog sich zusammen. Das war nicht einfach nur ein Kunde. Das war ein Sturm, von dem sie nicht wusste, ob sie ihm gewachsen war. Eine Stunde später kam er herein. Sie warf einen heimlichen Blick auf den Mann. Ihre Augen weiteten sich. Er war groß – sehr groß, etwa eins achtzig oder mehr. Kräftig gebaut. Der perfekte Sitz seines teuren schwarzen Anzugs betonte die ausgeprägten Muskeln seines Körpers. Sein Gesicht war attraktiv, mit scharfen, markanten Zügen. Nase, Kiefer und Wangenknochen waren klar definiert und verstärkten seine ohnehin schon guten Aussehen. Doch das faszinierendste an ihm waren seine blauen Augen. Scharfe, verführerische blaue Augen. Ihre Intensität konnte jemanden unruhig machen – so wie sie gerade eine starke Wirkung auf sie hatten. Ups. Offenbar hatte er sie dabei ertappt, wie sie ihn unhöflich anstarrte. Sie senkte hastig den Blick, während Angst und Verlegenheit ihr den Rücken hinaufkrochen und sie zurück in die Realität zogen. „Sie sind Am?“, fragte er und musterte sie von Kopf bis Fuß, als würde er eine Investition prüfen. „Amelia, Mr. Roland“, stammelte sie und zwang ihre Stimme zur Ruhe. „Ich werde das Projekt von jetzt an betreuen.“ Eine Augenbraue hob sich – scharf und skeptisch. „Dann beweisen Sie es“, sagte er. Amelia blickte auf die Aktenstapel auf ihrem Schreibtisch. „Ja, Sir“, antwortete sie. „Ich hoffe, wir werden eine gute Zeit haben, gemeinsam an diesem Projekt zu arbeiten“, sagte Ken, bevor er ging. Und aus Gründen, die sie sich nicht erklären konnte, beschleunigte sich ihr Puls. „Sicher“, murmelte sie. Amelia sah auf die Uhr – Feierabend. Sie hatte gerade einen Teil der Arbeit geschafft. Tief seufzend stellte sie fest, dass ihr noch eine Woche blieb, um alles abzuliefern. Sie machte sich auf den Weg nach unten, der Himmel war bereits dunkel geworden. „Das war ein langer Tag“, murmelte sie, griff nach ihrem Handy, um ihren Bolt-Fahrer zu rufen, als ein Auto vor ihr anhielt. „Steigen Sie ein, ich bringe Sie nach Hause.“ „Danke, Sir, aber ich warte auf meine Fahrt.“ „Ich bestehe darauf“, erwiderte er. Zögernd glitt sie auf den Beifahrersitz, die kühle Brise der Klimaanlage umhüllte sie wie eine Umarmung. Die Ledersitze verströmten einen dezenten, teuren Duft – reich, sauber und einschüchternd. Sie verschränkte die Hände in ihrem Schoß, den Blick starr auf die Straße gerichtet, und tat so, als bemerke sie nicht, wie sein Blick einen Moment zu lange auf ihr verweilte, bevor er die Stille brach. „Ich hoffe, dieses neue Projekt wird nicht zu viel für Sie.“ „Nein, wird es nicht. Ich verspreche, mein Bestes zu geben, damit es ein Erfolg wird.“ „Wenn Sie irgendeine Unterstützung brauchen, bin ich für Sie da. Sie können mich anrufen.“ Er ließ den Rolls-Royce vor ihrem Tor sanft zum Stehen kommen, das tiefe Brummen des Motors vibrierte leise unter ihren Füßen. „Gute Nacht“, sagte er ruhig, sein Ton höflich, aber undurchschaubar. Als sie ausstieg, spürte sie die Nachtluft auf ihrer Haut, kühler als erwartet. Die Tür schloss sich mit einem gedämpften Schlag, und noch bevor sie sich umdrehen konnte, glitt der Wagen davon – hinein in die Dunkelheit. Sie blieb stehen, begleitet nur vom leisen Pochen ihres eigenen Herzens und dem Schmerz von etwas, das sie nicht benennen konnte. Was geschah da mit ihr? Sie hatte sich noch nicht einmal von dem Herzschmerz erholt. Sie nahm ihre Schlüssel, öffnete die Tür. Lydia war noch bei der Arbeit. Amelia ging ins Bad, duschte, kochte etwas und setzte sich wieder an die Arbeit. Zwei Stunden später kam Lydia herein. „Ich habe Hunger. Was gibt es zum Abendessen?“ Lydia ging direkt in die Küche, hob den Topfdeckel und lächelte. „Kartoffelbrei ist mein Lieblingsessen.“ Sie füllte sich einen Teller und setzte sich zu Amelia an den Tisch. „Ich sehe, wie müde du bist. Du solltest dich ausruhen.“ „Ich werde gleich. Lass mich nur noch den zweiten Teil meiner Arbeit fertig entwerfen“, antwortete Amelia und beeilte sich, das Projekt abzuschließen. „Du bist so engagiert bei der Arbeit. Ich sehe keinen Grund, warum dein Chef dir keine Gehaltserhöhung geben sollte, um dich zu ermutigen.“ „Ich werde es bei ihm ansprechen, aber ich habe Angst vor seiner Reaktion. Ich will meinen Job nicht verlieren. Du weißt, wie schwer es ist, einen gut bezahlten Job zu bekommen, und die Miete ist überfällig, die Rechnungen stapeln sich.“ Lydia sagte zunächst nichts. Sie trat nur vor und zog Amelia in ihre Arme, hielt sie so fest, als könnte sie sie vor der ganzen Welt beschützen. Amelia versteifte sich einen Moment lang, dann ließ sie sich in die Umarmung sinken. Lydias Wärme, der zarte Duft von Jasmin in ihrem Haar, der ruhige, gleichmäßige Rhythmus ihres Atems – all das erinnerte Amelia an eine Zeit, bevor alles so schwer geworden war. „Du hast abgenommen“, murmelte Lydia in ihr Haar, ihre Stimme leise und vorsichtig, als könnte ein lautes Wort Amelia völlig zerbrechen. Amelia lachte schwach – es war kein echtes Lachen. „Vielleicht esse ich einfach nicht mehr richtig.“ Lydia lehnte sich ein wenig zurück, um ihr ins Gesicht zu sehen, die Hände immer noch fest an Amelias Armen. „Deine Augen sehen müde aus. Und ich meine nicht die Art von müde nach einem langen Arbeitstag. Das hier ist etwas anderes.“ Amelia wandte den Blick ab und blinzelte schnell. „Mir geht es gut.“ „Nein, das tut es nicht.“ Lydias Ton wurde sanfter, doch ihr Griff fester. Für einen Moment dachte Amelia, sie würde wirklich zerbrechen und alles herauslassen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Stattdessen drückte sie ihr Gesicht wieder an Lydias Schulter und klammerte sich fester an sie, als sie es beabsichtigt hatte. Und Lydia, die all das spürte, was Amelia nicht aussprechen konnte, hielt sie einfach nur noch fester. „Du musst dir nicht länger die Schuld für das geben, was in der Vergangenheit passiert ist. Du bist größer als alles, was dir widerfahren ist, und lass es dich nicht definieren.“ „Es ist sein Verlust, dass er dich für dieses Nichts verlassen hat.“ „Es ist okay, du musst mich nicht an diese Erinnerungen erinnern“, keuchte Amelia vor Schmerz und konnte ihren Satz nicht beenden. „Sprich mit deinem Chef darüber und hör dir an, was er zu sagen hat.“ „Ich brauche dich mutig. Lass nicht zu, dass Angst dich davon abhält, das zu bekommen, was du wirklich verdienst.“ „Ja, das werde ich. Und danke dir noch einmal, meine wunderbare Schwester.“ Lydia wischte sich die Tränen ab. „Wenn du müde bist, komm zu mir. Ich gehe jetzt ins Bett, ich muss mich ausruhen. Ich hatte einen langen Tag im Café, in dem ich arbeite.“ „Geh ruhig, ich komme später nach“, antwortete Amelia. Als Lydia gegangen war, rieb sich Amelia die Augen. Die Erschöpfung brannte in ihnen, doch sie brauchte diese Gehaltserhöhung. Das sollte ihr großer Durchbruch werden. Ihr einziger Wunsch war der vollständige Erfolg des Projekts. Amelia seufzte, wohl wissend, was die Zusammenarbeit zwischen Kelly’s Heights Industry und einem kleinen Unternehmen wie Feights Enterprises bewirken würde. Gähnend sammelte sie ihre Unterlagen ein, legte sie ordentlich beiseite und ging schließlich ins Bett.
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