Bad Day 4/4

1455 Words
Rowan war zu weit gegangen. Er hatte Clara seit seiner Abreise penibel genau beobachten lassen. Checkte ihre Internet-Vorgänge, Buchungen, Seitenbesuche, Telefonate und zapfte jede Kamera an, an der sie vorbeilief. Er war regelrecht besessen von ihr! Seine Kiefer mahlten aufeinander und bevor das Auto stoppte, sprang Clara bereits hinaus. Sofort eilte er hinterher. „Clara!“ „VERSCHWINDE!“, schrie sie ihn schniefend über die Schulter an und machte sich ungeschickt an ihrem Briefkasten zu schaffen. Es war bereits dunkel geworden und kalter Wind pfiff durch die Straßen. Clara zitterte überall. Rowan sah es genau und er wollte sie am liebsten in den Arm nehmen, sie wärmen und trösten. Nun stand er hinter ihr und legte seine Hände auf ihre Schultern „Hör mich an, Clara ich-“ „NEIN!“ Sie wirbelte herum und hielt ihm einen Brief aus Detroit unter die Nase. „Das hier ist mein neues Leben, Rowan!“, blaffte sie ihn an. „Nicht diese absurde Welt, in der mich zuerst mein Exmann demütigt, auf die Straße setzt und mir jegliche Zukunft verbaut!“ Wütend schnaubte sie aus und die kalte Herbstluft wirbelte in weißen Wolken um sie herum. „Und jetzt du! Der geläuterte Fürst der Unterwelt“, äffte sie hervor, „der mich in seiner kriminellen Welt gefangen hält, welche mir mehr Brechreiz beschert als das billige Fastfood von dem ich mich wochenlang ernähren musste, nur um meine Miete bezahlen zu können!“ Heftig keuchend stand sie vor ihm. Bibbernd vor Kälte und den Tränen nahe. Ich bin definitiv zu weit gegangen! „Clara, ich...“ Seine Hände zuckten und wollten sich an ihre kühlen Wangen legen, doch sie schlug sie beiseite. „Nein! Ich habe genug von euch angeberischen und herrischen Egomanen!“ Clara stapfte zur Tür und versuchte sie mit zittrigen Händen aufzuschließen. Dabei wetterte sie unaufhörlich weiter. „Ich gebe stets mein Bestes und bin mit jedem Herzschlag bei der Sache! Egal was ich tue!“ Sie fluchte, als ihr die Schlüssel aus den kalten Fingern rutschten und zu Boden fielen. Rowan griff sofort danach und hielt ihn in seiner Faust fest eingeschlossen. Clara stand zwei Stufen höher an der Tür und versuchte verbissen die Schlüssel aus seiner Faust heraus zu bekommen. „Und was ist der Dank?“, schnaufte sie, als sie an ihm kratzte und zerrte. Erfolglos gab sie auf und strich sich grob eine Haarsträhne aus dem verheulten Gesicht. „Während mich der eine, wie einen schmutzigen Küchenlappen wegwirft und die Nichte seines Chefs vögelt, versuchst du dich über deine Exverlobte hinweg zu trösten, in dem du glaubst das ich dir dabei die Zeit im Bett vertreibe!“ Clara atmete heftig und schniefte abermals. Tränen flossen ihr mittlerweile über die Wangen, an denen ihre hellen Haare klebten und ihre Brille schief saß. Ihre Finger hielten sich nun verzweifelt um ihre Oberarme fest und erst jetzt erkannte Rowan, wie zierlich und zerbrechlich sie eigentlich war. Er kam ihr eine Stufe entgegen. „Was willst du denn noch von mir, Rowan?“, fragte sie hilfesuchend und presste die Lippen zusammen. „Hat es dir nicht gereicht mich zu belügen und mit Kitty zu verletzen? Musstest du mir auch noch hinterher spionieren und mir meinen einzigen Lichtblick auf ein normales Leben vermiesen?“ Ihr Kinn zitterte und er legte vorsichtig seine Hände um ihr Gesicht, dabei wischte er mit dem Daumen ihre Tränen weg. „Was ist es was du willst, Rowan?“, fragte sie abermals schniefend. Seine Füße stellten sich nun auf ihre Stufe und Rowan drückte Clara an die Haustür. „Ich will das du bei mir bleibst, Clara.“ Sie schloss kopfschüttelnd die Augen und eine weitere Träne floss bibbernd heraus. „Ich brauche dich...“ Seine Lippen legten sich auf ihre. Sanft, liebevoll und aufrichtig. Und du brauchst mich, Clara… Eine Weile geschah nichts, außer dass sie sich in dieser miesen Kälte und den feuchten Kleidern küssten. Dann endlich fühlte er ihre Hände um seine Körpermitte und wie sie sich an ihn heranzog. „Gib mir die beiden versprochenen Chancen, Clara“, wisperte er aufgeregt und ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten und küsste sie leidenschaftlicher, gieriger, bevor er noch einmal innehielt. „Sonst kann ich für nichts mehr garantieren...“ Clara klammerte sich unter Rowans Mantel an ihm fest, als könne er jederzeit wieder verschwinden. Sprach er gerade die Wahrheit oder waren das nur die infamen Worte von Rowan Blaze, dem Scharlatan, dem Fürst der Unterwelt, der mit dem privaten und geschäftlichen Getuschel des Nachtlebens, ganze Leben zerstörte? Ein Teil von ihr wollte ihn wegstoßen. Doch der andere sehnte sich nach diesem gefährlichen Mann, dessen Äußeres einer engelsgleichen Illusion glich, ohne dass man erahnte, welch perfide Macht er besaß. Und das nur, um im nächsten Moment seinen gegenüber zu schocken, als würde der Leibhaftige vor einem stehen! Bedrohlich eilte ihm sein Schatten stets voraus und viele hielten sich für clever, seinem Durst nach intimen Details entkommen zu können. Doch letztlich bekam er sie alle. Und ausgerechnet er, dieser Unterwelt Gangster Boss, hatte Clara die Chance gegeben, wieder ins sichere Leben zurückzukehren. Es war sein Jobangebot gewesen, dass sie davon abhielt, in den dunklen Sumpf der Stadt abzurutschen. Sein sturer und kalter Egoismus, den sie oft mit Überheblichkeit verwechselte, der ihr seit ungefähr fünf Monaten wieder ein sorgenfreies Leben bescherte. Und dann war da noch Rowan. Nur Rowan. Der Mann, der sie gerade küsste und festhielt als ihr wieder einmal alles über den Kopf zu wachsen schien. Er war da, als sie einen Beschützer brauchte. Wachte über sie und gab ihr das Gefühl mit all ihren Facetten willkommen zu sein. Leise klimperte ihr Schlüsselbund, als sich eine Hand von ihr löste und blind die Tür aufschloss. Langsam beförderte Rowan sie ins Haus und blieb mit ihr am Treppenansatz stehen. „Bleib zu Hause, Süße“, raunte er liebevoll und zugleich entschieden. Er schmiegte seine Stirn an ihr Gesicht und stupste sie mit der Nase hier und da behutsam an. Dabei ließ er ein paar Küsse auf sie niederregnen. „Reginald wird sich um alles andere kümmern…“ Clara nickt und schniefte erneut unelegant auf. Ein amüsiertes Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit. Sie drehte sich in seinen Armen herum und im Augenwinkel erblickte sie Misses Bradfords halboffene Tür. Irritiert schaute sie ein weiteres Mal hin. Da stimmt etwas nicht… Sie drückte Rowans Oberarm und schaute ihn verwundert an. Er folgte ihr, als sie auf die Wohnung zu lief. „Misses Bradford?“ Clara klopfte an die Tür und ging gleichzeitig hinein. „Ich bin es, Clara De Brouche!“ Die alte Dame mochte zwar körperlich keinen Marathon mehr laufen, aber im Kopf war sie noch fit und vor allem verantwortungsbewusst. Eine halboffene Tür, war demnach ein schlechtes Zeichen! Die kleine schiefe Wohnung von Misses Bradford war heimelig und liebevoll eingerichtet. Erinnerungsstücke und etliche antike Möbel tummelten sich an den Wänden entlang. Und es war kalt. Als Clara niemanden im Wohnzimmer antraf, ging sie den schmalen Flur zum Schlafzimmer entlang und rief besorgt immer wieder den Namen der alten Frau. Als sie die Tür aufstieß, japste sie mit einem Aufschrei nach Luft. „Schau nicht hin, Clara!“ Ruckartig wurde sie von Rowan an die Brust gezogen und Clara versteckte ihr Gesicht sogleich in seinem Mantel. Keine Millisekunde hatte sie auf das Bett geschaut und doch schien sich dieser Anblick wie ein heißes Eisen in ihre Augen gebrannt zu haben. Misses Bradford lag dort tot auf ihrem Bett. Stranguliert mit ihrem eigenen Seidenschal, den sie damals von ihrem Ehemann zum Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte. Clara kannte diese Erinnerung, als wäre es ihre eigene. Oft genug hatte ihr die Greisin davon vorgeschwärmt und was sie doch für ein Glück mit ihrem Mann hatte. Rowan bugsierte sie aus der Wohnung, telefonierte gleichzeitig und tippte anschließend eine Nachricht. Clara war zu bestürzt und hielt sich die Hand vor dem Mund. Wer tut denn nur so etwas? Diese Frau war so unschuldig wie ein kleines Kind! Plötzlich klirrte ein Fenster im Flur. Dann ein zweites und drittes. Sie hielten inne und oberhalb der Treppe kullerte wie von selbst, eine brennende Flasche herunter. Das Holzgeländer fing bereits Feuer. Das Glas zerbrach und ein heißer Schwall Feuer fing an sich auszubreiten. „Raus hier!“ Rowan zog sie fort und sprang mit ihr aus dem Haus. Sie stolperten die Steinstufen hinunter und drehten sich nach ein paar Metern um. Überall am Haus fing es an zu glimmen und zu rauchen. Das Feuer fraß sich gierig an Vorhängen, den Papiertapeten, dem Mobiliar und was es sonst noch finden konnte, empor. Fassungslos standen sie in der Mitte der Straße und sahen wie das Haus in nur wenigen Minuten lichterloh brannte.
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