Der Wind heulte wie ein hungriges Tier um die hohen Mauern des alten Herrenhauses. Schnee wirbelte in dichten Schleiern durch die Luft und legte sich wie ein weißes Leichentuch über die Wälder ringsum. Elena zog den dünnen Wollstoff ihres abgetragenen Kleides enger um die Schultern, während sie mit schnellen, leisen Schritten den Dienstbotengang entlanghuschte. Ihre Hände waren rot und rissig von der Kälte, doch sie spürte den Schmerz kaum noch. Schmerz war ein alter Begleiter, so vertraut wie ihr eigener Schatten.
Seit ihrer Geburt hatte niemand je den heiligen Mondsichelfleck auf ihrer Haut entdeckt. Jenes silberne Mal, das die Götter nur den Würdigen schenkten, den wahren Erben des Rudels. Ohne dieses Zeichen war sie nichts. Eine Bastardtochter, geduldet, aber niemals anerkannt. Im Haus ihres Vaters, Alpha Viktor, diente sie als Magd, wusch Geschirr, schrubbte Böden und hielt den Mund, wenn die hohen Herrschaften sprachen. Ihre Halbschwester Lima hingegen trug das Mal stolz und leuchtend auf der linken Schulter. Lima war das Licht des Rudels, die zukünftige Luna, schön wie der Vollmond selbst, mit langem goldenem Haar und Augen so blau wie Bergseen. Alle liebten sie. Alle wollten sie.
Elena liebte sie ebenfalls. Auf eine stille, schmerzhafte Art. Lima war die Einzige, die je freundlich zu ihr gewesen war. Vor zwei Wintern, als Elena Fieber hatte und tagelang zitternd in der kalten Kammer unter dem Dach lag, hatte Lima ihr heimlich Suppe gebracht und ihre Hand gehalten, bis das Fieber sank. „Du bist meine Schwester“, hatte sie geflüstert. „Egal, was Vater sagt.“ Seitdem trug Elena diese Worte wie einen Schatz in ihrem Herzen. Sie würde alles tun, um Lima zu schützen. Alles.
Heute Abend fand das große Willkommensbankett statt. Der gefürchtete Erbe des Nordrudels war angereist. Zack Blackwood. Schon der Name ließ die älteren Wölfe erbleichen. Man erzählte sich Geschichten von ihm: Wie er mit bloßen Händen einen abtrünnigen Bären getötet hatte. Wie er Rivalen mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte. Wie seine Augen die Farbe eines Gewitterhimmels hatten, kalt und unbarmherzig. Und doch wollten alle ihre Töchter mit ihm verbinden. Denn wer Zack zur Seite stand, der beherrschte nicht nur ein Rudel. Er beherrschte den gesamten Norden.
Elena trug ein schweres Tablett mit dampfenden Krügen voll gewürztem Met durch den Flur. Der Duft von Nelken und Zimt mischte sich mit dem beißenden Rauch des großen Kamins. Ihre Arme schmerzten, doch sie hielt das Tablett ruhig. Ein Tropfen, ein Fleck auf dem teuren Teppich, und sie würde die Peitsche spüren. Wieder einmal.
Als sie den Saal betrat, senkte sie den Blick sofort. Der Raum war erfüllt von Gelächter, tiefen Stimmen und dem Klirren schwerer Kelche. Fackeln warfen flackerndes Licht auf die langen Tische, die mit Wildschweinbraten, frischem Brot und dunklen Beeren beladen waren. Am Kopfende saß ihr Vater, Alpha Viktor, mit breitem Lächeln und kalten Augen. Neben ihm thronte Lima, wunderschön in einem Kleid aus tiefem Mitternachtsblau, das silberne Mal auf ihrer Schulter schimmerte im Feuerschein wie ein lebendiger Stern.
Und dann sah Elena ihn.
Zack Blackwood saß zu Viktors Rechten. Groß, breitschultrig, in schwarzem Leder und dunklem Leinen. Sein Haar fiel ihm in wilden Wellen bis auf die Schultern, schwarz wie die Nacht. Seine Haltung war entspannt, fast lässig, doch etwas an ihm strahlte Gefahr aus. Wie ein Raubtier, das sich nur zum Schein ruhig verhielt. Seine Hände ruhten locker auf dem Tisch, doch die Knöchel waren weiß vor Anspannung.
Elena stellte das Tablett ab und wollte sich sofort zurückziehen, doch die Stimme ihres Vaters hielt sie auf.
„Elena. Noch mehr Met für unseren Gast.“
Sie gehorchte stumm, goss nach, hielt den Blick gesenkt. Doch sie spürte seinen Blick auf sich. Schwer. Durchdringend. Als würde er sie sezieren.
„Die Kleine ist fleißig“, bemerkte Zack mit tiefer, rauer Stimme. Ein Hauch von Spott lag darin.
Viktor lachte kurz. „Sie kennt ihren Platz. Im Gegensatz zu manchen.“
Lima lächelte höflich, doch Elena sah die Angst in ihren Augen. Die Finger ihrer Schwester zitterten leicht um den Kelch.
Elena wollte gehen, doch dann sprach Zack weiter, leiser, nur für Viktor bestimmt, doch laut genug, dass sie es hörte.
„Ich habe über Euren Vorschlag nachgedacht, Alpha. Lima ist... ansprechend. Das Mal ist ein Garant für starke Welpen. Ich werde sie nehmen. Sie wird mir einen Erben schenken. Danach...“ Er machte eine Pause, nahm einen Schluck Met. „Danach erwarte ich Gehorsam. Stille. Sie wird ihre Rolle spielen. Und wenn sie brav ist, werde ich sie vielleicht sogar am Leben lassen.“
Elena erstarrte. Der Krug in ihrer Hand schwankte. Ein Tropfen Met fiel auf den Boden.
Viktor lachte nur. „Ihr seid ein Mann nach meinem Geschmack, Blackwood. Direkt. Ehrlich.“
„Ehrlich?“, wiederholte Zack mit einem kalten Lächeln. „Dann lasst uns ehrlich sein. Ich brauche einen Erben. Schnell. Lima wird ihn mir geben. Und dann... nun, eine Luna ist austauschbar. Solange das Rudel stark bleibt.“
Limas Gesicht wurde bleich. Sie starrte auf ihren Teller, als könnte sie darin verschwinden.
Elena spürte, wie heiße Wut in ihr hochkochte. Ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen. Wie konnte er nur so reden? Über Lima, als wäre sie ein Ding? Ein Zuchtvieh?
Sie wollte schreien, wollte das Tablett fallen lassen, wollte ihn ansehen und ihm ins Gesicht sagen, was sie von ihm hielt. Doch stattdessen tat sie etwas anderes.
Sie lauschte weiter.
Und dann sagte Zack etwas, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Und die andere. Die ohne Mal. Die Dienerin.“
Viktor runzelte die Stirn. „Elena? Was soll mit ihr sein?“
Zack lehnte sich zurück. Seine grauen Augen glitten langsam über Elena, die immer noch wie erstarrt dastand.
„Sie hat Feuer in sich. Man sieht es in ihren Augen. Sie hasst mich bereits. Und doch... sie schaut nicht weg.“
Viktor schnaubte verächtlich. „Sie ist nichts. Vergesst sie.“
„Ich vergesse selten“, erwiderte Zack leise
Elena konnte nicht mehr atmen. Sie drehte sich um und floh. Das Tablett ließ sie stehen. Sie rannte durch den Flur, bog um Ecken, bis sie die kleine Vorratskammer erreichte. Dort presste sie sich gegen die Wand, die Hände auf den Mund gepresst, Tränen in den Augen.