Kapitel 5

1075 Words
Das Chaos im großen Saal explodierte wie ein Gewitter, das zu lange in der Luft gehangen hatte. Wölfe sprangen vor, Fäuste flogen, Knurren erfüllte den Raum bis unter die Balken. Viktor brüllte Befehle, seine Stimme überschlug sich vor Wut. Doch niemand hörte wirklich zu. Alle starrten nur auf die Stelle, wo das goldene Licht verblasste und ein neues Mal auf Elenas Haut zurückließ: schwarz wie die Mitternacht, umrandet von purem Silber, in der Form einer scharfen Mondsichel. Es pulsierte noch, als hätte es einen eigenen Herzschlag. Zack hielt Elena fest an sich gepresst, ein Arm um ihre Taille geschlungen, der andere schützend vor ihrer Brust. Sein Körper strahlte Hitze aus wie ein Ofen. Sein Geruch, wild und moschusartig, umhüllte sie vollständig. Das Band zwischen ihnen sang jetzt laut, ein tiefes, vibrierendes Lied, das in ihren Knochen widerhallte. „Bleibt zurück!“, donnerte Zack. Seine Stimme war nicht mehr menschlich. Sie trug das tiefe Grollen eines Alphas, der kurz davor stand, die Kontrolle zu verlieren. Viktor zog sein Messer vollends. Die Klinge glänzte im Fackellicht. „Du hast sie markiert. In meinem Haus. Vor meinem Rudel. Du hast den Tod verdient, Blackwood.“ Zack lächelte nur. Kalt. Gefährlich. „Versuch es.“ Zwei Wölfe sprangen gleichzeitig vor. Zack bewegte sich kaum. Ein Schlag mit dem Unterarm brach dem Ersten das Schlüsselbein. Der Zweite bekam einen Tritt in die Brust und flog rückwärts gegen einen Tisch, der unter seinem Gewicht zerbarst. Elena klammerte sich an Zacks Arm. „Nicht... bitte nicht hier.“ Er sah auf sie hinunter. Seine Augen waren immer noch silbern, doch darunter lag etwas Weicheres. Etwas, das nur sie sehen konnte. „Ich töte niemanden, solange sie dich nicht noch einmal anfassen.“ Viktor lachte bitter. „Du denkst, du kannst einfach nehmen, was dir gefällt? Sie ist meine Tochter. Meine Schande. Mein Eigentum.“ Zack knurrte so tief, dass die Kristallkelche auf den Tischen klirrten. „Sie war nie dein Eigentum. Und jetzt... jetzt gehört sie mir.“ Lima stand immer noch am Rand der Treppe. Ihr Gesicht war aschfahl. Sie starrte das neue Mal auf Elenas Schulter an. Tränen glänzten in ihren Augen. Doch sie sagte nichts. Sie konnte nicht. Die Wahrheit hing zu schwer in der Luft. Viktor machte einen Schritt vor. Zack schob Elena sanft hinter sich. „Wenn du sie noch einmal berührst“, sagte er leise, „werde ich dein Rudel auslöschen. Jeden Einzelnen. Und du wirst zusehen.“ Das Rudel zögerte. Die älteren Wölfe tauschten Blicke. Sie kannten die Geschichten über Zack Blackwood. Sie wussten, dass er nicht bluffte. Viktor ballte die Fäuste. „Das ist Verrat.“ „Das ist Natur“, erwiderte Zack. „Das Band lügt nicht. Und dieses Mal...“ Er strich mit dem Daumen sacht über die frische Bissstelle. Elena erschauderte. „...dieses Mal ist stärker als alles, was ihr je gesehen habt.“ Stille senkte sich herab. Nur das Knistern der Fackeln und das schwere Atmen der Wölfe waren zu hören. Dann sprach Lima. Leise. Doch klar. „Vater... lass sie gehen.“ Viktor fuhr herum. „Was sagst du da?“ Lima trat einen Schritt vor. Ihre Hände zitterten, doch ihre Stimme blieb fest. „Sie ist deine Tochter. Auch ohne Mal. Und jetzt... jetzt trägt sie ein Mal. Ein echtes. Du kannst das nicht leugnen. Die Götter haben gesprochen.“ Viktor starrte sie an, als hätte sie ihn geschlagen. „Du verteidigst sie? Die Bastardtochter?“ „Ich verteidige meine Schwester“, sagte Lima. „Und ich will keinen Krieg. Nicht wegen mir. Nicht wegen... irgendetwas.“ Elena spürte Tränen in ihren Augen. Sie wollte zu Lima gehen, sie umarmen, doch Zack hielt sie fest. Viktor sah von Lima zu Elena. Dann zu Zack. Schließlich senkte er das Messer. Langsam. „Geht“, sagte er tonlos. „Aber wisst eines: Das hier ist nicht vorbei. Das Rudel wird sich erinnern.“ Zack nickte knapp. „Gut. Dann erinnert euch gut.“ Er drehte sich um, zog Elena mit sich zur Tür. Niemand hielt sie auf. Draußen tobte der Sturm immer noch. Schnee peitschte ihnen ins Gesicht. Zack hob Elena hoch, als wöge sie nichts, und trug sie durch den Hof. Seine Schritte waren sicher, trotz der Dunkelheit und des Schnees. „Wohin bringst du mich?“, flüsterte sie. „Weg von hier“, sagte er rau. „Zu meinem Lager. Es liegt eine halbe Tagesreise nördlich. Dort kann uns niemand finden. Nicht heute Nacht.“ Elena legte den Kopf an seine Schulter. Sein Herz schlug stark und schnell. Genau wie ihres. Das Band zog sie enger zusammen. Es verlangte. Es brannte. Es wollte vollendet werden. Sie erreichten den Waldrand. Zack setzte sie ab, doch er ließ sie nicht los. „Kannst du laufen?“ „Ja.“ „Dann lauf mit mir.“ Er begann zu rennen. Nicht menschlich schnell. Wolfsschnell. Elena hielt mit. Ihre Beine bewegten sich wie von selbst. Das neue Mal auf ihrer Schulter glühte warm. Es gab ihr Kraft. Es gab ihr Geschwindigkeit. Sie rannten durch den Wald, Seite an Seite. Der Schnee wirbelte um sie herum. Bäume flogen vorbei. Der Wind heulte. Doch in Elenas Brust war nur noch Hitze. Nach einer Ewigkeit, die vielleicht nur eine Stunde dauerte, lichtete sich der Wald. Vor ihnen öffnete sich eine kleine Lichtung. Eine Höhle gähnte im Fels. Davor brannte ein kleines Feuer, das jemand vorbereitet hatte. Zacks Männer? Oder er selbst? Zack führte sie hinein. Die Höhle war warm. Felle lagen auf dem Boden. Ein Lager aus dicken Decken. Waffen an der Wand. Doch Elena sah nichts davon wirklich. Sie sah nur ihn. Zack schloss den schweren Fellvorhang vor dem Eingang. Der Sturm wurde zu einem dumpfen Rauschen. Stille. Nur ihr beider Atem. Zack drehte sich langsam zu ihr um. Seine Augen waren jetzt nicht mehr silbern. Sie waren grau wie Gewitterwolken, doch darin brannte ein Feuer, das Elena den Atem raubte. „Elena“, sagte er leise. Zum ersten Mal sprach er ihren Namen aus. Es klang wie ein Gebet und wie ein Fluch zugleich. Sie trat einen Schritt auf ihn zu. Das Band sang lauter. „Ich habe Angst“, flüsterte sie. „Ich weiß.“ „Aber ich will das auch.“ Zack schloss die Augen kurz. Als kämpfte er mit sich selbst. Dann öffnete er sie wieder. Und er kam zu ihr. Seine Hände legten sich um ihr Gesicht. Sanft. Fast ehrfürchtig.
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