Kapitel 3

1039 Words
Elena roch nichts außer Schnee und Kiefernharz. Doch Torins Gesicht veränderte sich. Von Spott zu plötzlichem Misstrauen. „Blut“, murmelte er. „Frisches Blut.“ Er ließ ihren Arm los und zog sein Messer. Die Klinge glänzte matt im Fackellicht. „Bleib hinter mir“, befahl er. Elena gehorchte nicht. Sie wich zurück. Torin bewegte sich langsam vorwärts, die Fackel hoch erhoben. Dann sahen sie es. Zwischen zwei Bäumen lag etwas Dunkles im Schnee. Ein Körper. Reglos. Torin fluchte leise. Es war einer der jüngeren Wölfe. Ein Junge namens Ryk, kaum älter als siebzehn Winter. Seine Kehle war aufgerissen. Blut hatte einen weiten, dunklen Kreis um seinen Kopf gezogen. Seine Augen starrten leer in den Nachthimmel. Elena presste die Hand auf den Mund, um nicht zu schreien. Torin kniete sich neben die Leiche. „Das war kein Tier“, sagte er tonlos. „Das war ein Wolf. Ein starker. Jemand hat ihn von hinten überrascht. Ein einziger Biss. Sauber. Präzise.“ Er hob den Blick. Seine Augen suchten die Dunkelheit ab. „Jemand ist hier. Jemand, der nicht zum Rudel gehört.“ Elena spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Das Band in ihrer Brust zog plötzlich schmerzhaft. Als würde es schreien. „Wir müssen zurück“, flüsterte sie. Torin nickte langsam. Doch bevor er aufstehen konnte, knackte wieder ein Ast. Diesmal viel näher. Torin sprang hoch, das Messer in Kampfstellung. „Zeig dich!“, brüllte er. Aus dem Schatten trat niemand. Stattdessen kam der Wind stärker. Er trug einen Geruch mit sich. Moschus. Leder. Und darunter... etwas Metallisches. Blut. Elena kannte diesen Geruch. Zack. Er war hier draußen. Torin bemerkte es im selben Moment. Seine Pupillen weiteten sich. „Blackwood“, knurrte er. „Was zur Hölle...“ Ein tiefes, grollendes Knurren antwortete aus der Dunkelheit. Kein menschliches. Ein Wolf. Groß. Gefährlich. Dann trat er hervor. Nicht in Menschengestalt. Ein riesiger schwarzer Wolf, größer als jedes Tier, das Elena je gesehen hatte. Sein Fell glänzte wie Obsidian im Fackellicht. Seine Augen leuchteten silbergrau, kalt und brennend zugleich. Blut tropfte von seinen Lefzen. Torin hob das Messer höher. „Bleib stehen, Blackwood! Das hier geht dich nichts an!“ Der Wolf senkte den Kopf. Ein tiefes, warnendes Grollen vibrierte durch den Wald. Elena konnte sich nicht bewegen. Das Band pulsierte so stark, dass ihre Knie weich wurden. Sie spürte ihn. Jeden Muskel. Jeden Atemzug. Jeden mörderischen Gedanken. Torin machte einen Fehler. Er stürzte vor. Der Wolf war schneller. Ein schwarzer Blitz. Ein dumpfer Aufprall. Torin schrie auf, als sich die gewaltigen Kiefer um seinen Unterarm schlossen. Das Messer fiel. Blut spritzte in den Schnee. Elena schrie endlich. „Hört auf!“ Der Wolf hielt inne. Seine Ohren zuckten in ihre Richtung. Langsam, ganz langsam, löste er den Biss. Torin sackte stöhnend zu Boden, den Arm an die Brust gepresst. Der Wolf drehte den Kopf zu Elena. Ihre Blicke trafen sich. Und in diesem Moment wusste sie es mit absoluter Sicherheit. Er hatte Ryk getötet. Nicht aus Wut. Nicht aus Hunger. Sondern um sie zu finden. Um sie zu schützen. Oder um sie zu beanspruchen. Der Wolf machte einen Schritt auf sie zu. Elena wich zurück. „Nein“, flüsterte sie. „Bitte... nein.“ Doch er kam näher. Langsam. Fast vorsichtig. Sein Atem strich heiß über ihr Gesicht, als er direkt vor ihr stand. Sein Kopf war fast auf ihrer Höhe. Die Schnauze berührte sacht ihre Schulter. Elena zitterte am ganzen Körper. Dann spürte sie es wieder. Das Band. Es sang. Es brannte. Es verlangte. Der Wolf senkte den Kopf noch tiefer. Seine Zunge strich einmal kurz über die Stelle, wo normalerweise das Mal hätte sein sollen. Eine federleichte Berührung. Doch sie fühlte sich an wie Feuer. Elena keuchte auf. Im nächsten Moment begann der Wolf zu schimmern. Sein Körper zog sich zusammen, Knochen knackten, Fell zog sich zurück. Innerhalb weniger Herzschläge stand Zack wieder vor ihr. Nackt. Mit Blut verschmiert. Die Muskeln angespannt, die Augen immer noch silbern leuchtend. Torin stöhnte am Boden. Zack ignorierte ihn. Sein Blick lag nur auf Elena. „Du bist weggelaufen“, sagte er rau. „Ich... ich musste.“ „Du hast Angst vor mir.“ „Ja.“ „Gut.“ Er trat näher. „Du solltest Angst haben.“ Elena wich zurück, bis sie wieder gegen einen Baum stieß. „Warum hast du ihn getötet?“, flüsterte sie und deutete auf Ryks Leiche. Zack folgte ihrem Blick. Sein Gesicht blieb ausdruckslos. „Er stand zwischen mir und dir.“ „Und Torin?“ „Er hat dich angefasst.“ Einfache Worte. Brutale Wahrheit. Elena schloss die Augen. „Das Band... es ist echt, oder?“ Zack schwieg lange. Dann: „Ja.“ „Aber ich habe kein Mal.“ „Ich weiß.“ „Dann kann es nicht...“ „Es ist“, unterbrach er sie scharf. „Ich spüre es. Du spürst es. Die Götter lügen nicht.“ „Die Götter haben mich vergessen“, sagte sie bitter. Zack lachte leise. Ein dunkles, gefährliches Geräusch. „Vielleicht haben sie dich für etwas anderes aufgespart.“ Er streckte die Hand aus. Nicht bedrohlich. Sondern... fast zögernd. „Komm mit mir.“ Elena schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Lima...“ „Deine Schwester wird heute Nacht nichts geschehen. Ich habe mein Wort gegeben.“ „Dein Wort?“ Sie lachte bitter. „Du hast gesagt, du würdest sie nehmen. Benutzen. Wegwerfen.“ Zacks Kiefer spannte sich an. „Das war bevor...“ „Bevor was?“ „Bevor ich dich gerochen habe“, knurrte er. „Bevor dieses verdammte Band mich fast in den Wahnsinn getrieben hat.“ Elena starrte ihn an. „Du willst mich immer noch wegwerfen, nachdem du... einen Erben hast?“ Zack trat so nah, dass sie seine Körperwärme spürte. „Ich will gar nichts mehr wegwerfen“, sagte er leise. „Ich will nur dich.“ Die Worte hingen zwischen ihnen wie eine Klinge. Elena konnte nicht atmen. Dann hörten sie es. Rufe. Fackeln. Hundegebell. Das Rudel kam. Viktor hatte die Wachen losgeschickt. Zack fluchte leise. „Wir haben keine Zeit mehr.“ Er packte ihren Arm. Nicht brutal. Aber unnachgiebig.
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