Die Hitze im Ballsaal war erdrückend. Jedes Mal, wenn Kaelens Hand während des Walzers meinen Rücken berührte, fühlte es sich wie ein Brandmal an. Meine Haut kribbelte, und die Drachenherz-Halskette vibrierte an meinem Schlüsselbein und arbeitete Überstunden, um den Urschrei einer schicksalhaften Verbindung zu unterdrücken, die sich weigerte, begraben zu bleiben.
Ich brauchte Luft. Ich musste weg von seinem Geruch – dieser berauschenden Mischung aus Kiefer und Gewitterwolken, die drohte, drei Monate von Silas' kaltblütiger Konditionierung zunichte zu machen.
Ich schlüpfte durch die Fenstertüren hinaus und betrat einen abgelegenen Steinbalkon mit Blick auf die Nordgärten. Die kühle Nachtluft traf mein Gesicht, und ich umklammerte das Marmorgeländer, meine Knöchel wurden weiß.
„Er hätte uns fast gesehen“, flüsterte meine Wölfin mit leiser, unruhiger Stimme. „Er hat uns in die Augen gesehen und das Mädchen aus dem Schlamm erkannt.“
„Er hat einen Geist gesehen“, zischte ich leise. „Und er wird weiterhin einen sehen, bis ich etwas anderes entscheide.“
„Ein Geist sollte nicht so schön sein“, knurrte eine Stimme aus den Schatten.
Ich zuckte nicht zusammen. Ich erschrak nicht. Meine neuen Instinkte nahmen seine schweren, rhythmischen Schritte wahr, noch bevor er sprach. Ich drehte mich langsam um und lehnte mich in einer Pose geübter Lässigkeit gegen das Geländer.
Kaelen stand in der Tür, seine Silhouette zeichnete sich erschreckend gegen das Licht des Ballsaals ab. Er hatte seine Anzugjacke ausgezogen, sein weißes Hemd war am Kragen aufgeknöpft und gab den Blick auf seine sehnigen Nackenmuskeln frei. Er sah aus wie ein Raubtier, das seine Beute endlich in die Enge getrieben hatte.
„Du bist mir gefolgt, Alpha“, sagte ich mit sanfter Stimme. „Solltest du nicht bei deiner zukünftigen Luna sein? Ich glaube, sie hat dich mit einem ziemlich ... scharfen Blick gesucht.“
Kaelen ignorierte den Seitenhieb. Er trat auf mich zu, seine Bewegungen waren raubtierhaft und bedächtig. „Wer bist du, Lyra? Und komm mir nicht mit diesem Unsinn vom Schattenrudel. Ich kenne Silas Vane. Er hat keine ‚Sekunden‘, die so aussehen wie du. Er hat keine Wölfe, die den Geruch eines Sturms in sich tragen.“
„Vielleicht kennst du ihn nicht so gut, wie du denkst“, entgegnete ich und neigte meinen Kopf. „Menschen verändern sich. Rudel entwickeln sich weiter.“
Er war jetzt nur noch wenige Zentimeter von mir entfernt. Er schlug mit der Hand auf das Geländer neben meinem Kopf und drückte mich damit zwischen seinen Körper und den Abgrund zum Garten darunter. Das schiere Gewicht seiner Alpha-Aura lastete auf mir – eine erdrückende, unsichtbare Kraft, die jeden rangniedrigeren Wolf dazu brachte, sich unterwürfig auf die Knie zu fallen.
Früher wäre ich zusammengebrochen. Ich hätte ihn um Gnade angefleht.
Jetzt empfand ich nur eine leichte Irritation. Ich sah ihm direkt in die Augen, mein Blick war fest und ohne zu zucken. Ich verbeugte mich nicht. Ich zuckte nicht zurück.
Kaelens Augen weiteten sich. Seine goldenen Iris flackerten, ein Zeichen dafür, dass sein Wolf an die Oberfläche drängte, verwirrt durch meine fehlende Reaktion. „Du ... du unterwirfst dich nicht.“
„Ich verneige mich nur vor denen, die ich respektiere, Alpha Blackwood“, flüsterte ich und beugte mich näher zu ihm, bis sich unsere Nasen fast berührten. „Und bis jetzt habe ich heute Abend noch nichts gesehen, das meinen Respekt verdient.“
Sein Knurren war eine körperliche Vibration, die ich in meiner eigenen Brust spürte. Sein Blick fiel auf meine Lippen, dann huschte er zu meinen Augen hinauf. Der Balkon war schwach beleuchtet, nur vom fernen Mond, aber er war nah genug, um die violetten Flecken zu sehen, die in meinen grauen Iris tanzten.
Er erstarrte. Sein Atem stockte, und seine Hand streckte sich aus, sein Daumen schwebte nur einen Millimeter von meinem Kinn entfernt.
„Diese Augen“, raunte er mit brüchiger Stimme. „Ich habe diese Augen schon einmal gesehen. Bei einem Mädchen, das eigentlich schwach sein sollte. Einem Mädchen, das kein Recht hatte, mich so anzusehen, wie du es tust.“
„Und was ist mit ihr passiert?“, fragte ich, während mein Herz wie wild gegen meine Rippen hämmerte.
„Sie ist gestorben“, flüsterte Kaelen, während sein Daumen endlich meine Haut berührte.
Die Berührung war elektrisierend. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte die duftmaskierende Halskette. Der blutrote Stein verdunkelte sich, als die rohe Kraft der Partnerbindung anschwoll und versuchte, den magischen Schleier zu durchbrechen. Für einen Herzschlag verschwand der Geruch von Schatten und Regen und wurde durch den reinen, unverkennbaren Duft von Ozon und Zeder ersetzt.
Kaelens Nasenflügel blähten sich. Seine Pupillen weiteten sich, bis seine Augen fast vollständig schwarz waren. „Elara?“
Der Name war Gebet, Frage und Geständnis zugleich.
Ich blieb vollkommen still, meine Gedanken rasten. Wenn ich es jetzt zugab, war ich wieder in seiner Macht. Ich war wieder die abgelehnte Omega.
Ich streckte die Hand aus und entfernte langsam und bewusst seine Hand von meinem Gesicht. Ich drückte seine Finger gerade so fest, dass er sich daran erinnerte, dass ich stark war.
„Mein Name ist Lyra“, sagte ich, während der Duft der Schatten zurückkehrte, als die Halskette wieder zu leuchten begann. „Ich weiß nicht, wer diese Elara ist, aber wenn sie tot ist, solltest du sie vielleicht in Frieden ruhen lassen. Es bringt Unglück, die Toten zu verfolgen, Alpha. Sie haben die Angewohnheit, dich mit sich in den Abgrund zu reißen.“
Ich wollte an ihm vorbeigehen, aber er packte mich verzweifelt am Arm. „Warte.“
„Gibt es ein Problem, Alpha Blackwood?“
Silas Vane trat auf den Balkon, seine Präsenz wie eine Wand aus Eis. Er sah nicht wütend aus, sondern gelangweilt, was viel beängstigender war. Er betrachtete Kaelens Hand auf meinem Arm mit dem klinischen Interesse eines Mannes, der entscheidet, welches Glied er zuerst amputieren soll.
„Deine zukünftige Luna hält die erste Tischrede“, sagte Silas, seine eisblauen Augen auf Kaelen gerichtet. „Es wäre ein ziemlicher Skandal, wenn der Alpha dabei erwischt würde, wie er sich mit dem Stellvertreter eines anderen Mannes im Dunkeln versteckt.“
Kaelen starrte Silas an, dann wieder mich. Die Verwirrung in seinen Augen war qualvoll anzusehen, und zum ersten Mal verspürte ich einen Funken echter, boshafter Befriedigung. Ich wollte, dass er an seiner geistigen Gesundheit zweifelte. Ich wollte, dass er Seraphina ansah und eine blasse Imitation der Frau sah, die er weggeworfen hatte.
Kaelen ließ meinen Arm los, seine Hand zitterte leicht. „Das ist noch nicht vorbei.“
„Oh, ich glaube, es fängt gerade erst an“, sagte ich und nickte ihm höflich und oberflächlich zu.
Ich ging an Silas' Arm zurück in den Ballsaal. Ich schaute nicht zurück, aber ich spürte Kaelens Blick auf mir, schwer und besessen.
„Du spielst mit dem Feuer, Elara“, murmelte Silas, als wir ins Licht traten.
„Gut“, antwortete ich und richtete meinen Blick auf das Podium, auf dem Seraphina stand und einen goldenen Kelch in den Händen hielt. „Ich habe mein ganzes Leben lang Kälte empfunden. Es ist Zeit, dass ich etwas brennen sehe.“