Kapitel Neun

563 Words
Es regnete leicht, als ich das Café betrat. Kael war schon da. Natürlich war er schon da. Er war immer früh da, eine Anekdote, die ich in den langen Wochen des Beobachtens und der vielen Details, die ich eigentlich vergessen haben sollte, über ihn gelernt hatte. Er saß am Fenster, eine Tasse Kaffee vor sich, und las ein Buch. Ein richtiges Buch, nicht sein Handy – typisch Kael. Er las immer richtige Bücher. Er sah auf, als ich hereinkam. Seine Augen trafen mich sofort, als wüsste er schon, wo ich sein würde, noch bevor ich es selbst wusste. Ein kleines, kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen, nicht die Art von Lächeln, die er anderen schenkte, sondern ein echtes, ein zurückhaltendes. Ich setzte mich ihm gegenüber, zog meinen Mantel aus und bestellte einen Kaffee. „Du bist pünktlich.“ „Du bist zu früh.“ „Das ist dasselbe.“ Ich lachte – kurz, überrascht. Er sah mich an, als ob mein Lachen ihn interessierte, als ob er es unbedingt beobachten wollte. „Wie war dein Morgen?“, fragte er dann, so beiläufig, als säßen wir schon hundertmal so da. Das Seltsame an Kael war, dass er eine Art Normalität herbeiführte, die alles andere als normal war. Als ob er die Welt um sich herum durch seine friedliche Ausstrahlung beeinflussen könnte. Wir unterhielten uns eine Stunde lang. Über sein aktuelles Projekt, eine alte Villa aus dem 19. Jahrhundert, die er restaurierte und deren Fassade er wie ein Chirurg freigelegt hatte. Über mein Buchprojekt für Westwind Press, das nun offiziell in Produktion ging. Über das Buch, das ich ihm empfohlen hatte und das er inzwischen gelesen hatte. „Das Ende hat mich überrascht.“ „Das Ende hat mich wütend gemacht.“ Eine Augenbraue hob sich. „Warum?“ „Weil sie nachgegeben hat. Sie hatte alles richtig gemacht, und dann hat sie nachgegeben.“ Er sah mich einen Moment lang an. „Vielleicht ist Nachgeben manchmal Stärke.“ „Oder Kapitulation.“ „Dazwischen liegt ein schmaler Grat.“ „Ich treffe feine Unterscheidungen.“ Etwas hatte sich in seinem Gesicht verändert. Etwas Unscheinbares. Etwas Tiefgründiges. Er beugte sich leicht vor. „Ja“, sagte er. „Das tust du.“ Mir wurde bewusst, dass ich ihm schon eine Weile in die Augen gestarrt hatte. Ich wandte den Blick von mir ab und sah auf meine Tasse. Draußen regnete es stärker. Keiner von uns stand auf, um zu gehen. Wir bestellten eine zweite Runde. Als wir das Café endlich verließen, zwei Stunden nachdem wir es betreten hatten, blieben wir einen Moment unter der Markise stehen. Der Regen bildete einen Vorhang vor uns. „Das war gut“, sagte Kael. Nicht: Das war wunderbar. Nicht: Das sollten wir wiederholen. Einfach nur: Das war gut. Als würde er eine Tatsache feststellen. „Ja“, sagte ich. Er sah mich an. Dieser Blick, der so viel sagte … und doch so wenig. „Nächste Woche?“, fragte er. Ich hätte zögern sollen. Ich hätte die Situation abwägen sollen: Lila, die Komplexität, die unausgesprochenen Regeln des Anstands. Stattdessen: „Mittwoch.“ Er nickte. Schlagte seinen Mantelkragen hoch. Und ging hinaus in den Regen, ohne sich umzudrehen. Ich wartete, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann ging ich selbst hinaus in den Regen. Er war kalt auf meiner Haut. Und mir war warm.
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