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SOZIALTECHNIK
Alanna hatte kein besonders gutes Gefühl, ihrem besten Freund etwas vorzugaukeln. Auch wenn sie den Eindruck nicht loswurde, dass er selbst Geheimnisse vor ihr hatte.
Sie sah Brayden vom Beifahrersitz des Wagens aus an, mit dem sie die regennasse Autobahn entlangfuhren, die quer durch Miami schnitt. Er schwieg. Eine dichte Mähne aus Rastalocken fiel ihm über die Schultern, und seine Tätowierung mit den chinesischen Schriftzeichen war unter seinem grünen Leibchen gut sichtbar. Die Zeichen waren eine Referenz an seine chinesische Abstammung väterlicherseits, zu einem Viertel jedenfalls, wie er einmal bemerkte.
Als sie bei einem karibischen Schnellimbiss an der Bird Road auf ein paar Happen hielten, fragte sie ihn schließlich, warum niemand etwas von Javier gehört oder gesehen hatte in der ganzen letzten Woche. Die beiden waren seit Kindheit enge Freunde, und wenn jemand über den Grund von Javiers Verschwinden Bescheid wissen musste, dann war es mit Sicherheit Brayden. Aber er meinte, er habe nicht die geringste Ahnung und verbrachte den Rest der Mahlzeit damit, schweigend auf seinem Hühnersandwich herumzukauen.
Sie war sich ziemlich sicher, dass er log. Und doch war er war nicht halb so gut im Lügen wie sie. Alanna hatte ihn gedrängt, das Auto zu nehmen und in Javiers Wohnung vorbeizuschauen um zu sehen, ob alles auch wirklich in Ordnung war, und Brayden ließ sich schließlich darauf ein. Sie hielt sich mit ihren wahren Beweggründen zurück. Wenn er so tat, als wisse er von nichts, dann würde sie das auch tun.
Als sie mit dem orangefarbenen Wagen in die Brickell Avenue einbogen, unterdrückte sie schon zum vielleicht hundertsten Mal an diesem Tag den Drang, auf ihr Mobiltelefon zu sehen. Javiers Textnachricht von gestern hatte sie die ganze Nacht kaum schlafen lassen.
Brayden parkte vor dem hochaufragenden Wohnkomplex, in dem sich Javiers Apartment befand. Er nahm sein Wertkartenhandy aus der Tasche, um ihn anzurufen. Er benutzte wie alle Hacker die meiste Zeit unangemeldete und anonyme Telefone, um auf Nummer sicher zu gehen. Alanna musterte derweil die schimmernde Glasfassade des Gebäudes.
Brayden ließ es ein paarmal läuten.
„Anrufbeantworter“, sagte er dann mit seinem dicken jamaikanischen Akzent.
„Glaubst du mir jetzt? Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich bin mir ganz sicher.“
„Du bist einfach zu nervös“, erwiderte er, noch mit dem Telefon am Ohr. „Es kommt mir überhaupt komisch vor, dass du in der ganzen Zeit, in der ihr zusammen wart, nie seine Standortdaten angezapft hast so wie von all den anderen Leuten. Das hätte uns die Fahrt erspart.“
Sie warf Brayden einen bösen Blick zu. Er hörte nicht auf, über ihre Internet-Betrugsmaschen, mit denen sie nun mal ihr Geld verdiente, zu frotzeln – und das viel häufiger als alle anderen, die sie in der Szene kannte. Nicht, dass ihm diese Kommentare zustünden. Er war schließlich auch kein Engel. Laut Javier haben er und seine Hacktivisten-Kumpel sogar einmal die Webseite des US-Bundesfinanzamtes geknackt. Obwohl, sie haben nichts Schlimmes angerichtet oder gar gestohlen. Es ging nur darum, Lücken zu finden. Auf diese Weise machten Hacker wie er ihr Geld mit Firmen und Institutionen. Kopfgeld nannte man das.
Er selbst sah sich als einen Grauhut-Hacker, eine Mischung aus „gutem“ Weißhut-Hacker und „bösem“ Schwarzhut-Hacker. Also einer, der nicht unbedingt kriminelle Absichten hat, sondern durchaus gewissen ethischen Standards folgt. Alanna bedeutete der Begriff wenig. Ihre Welt war in schwarz und weiß aufgeteilt, und da passte nichts dazwischen. Wenn es nach ihr ging, waren sie beide Internet-Kriminelle. Das schönzureden machte für sie keinen Sinn.
Brayden sprach Javier aufs Band, dass sie vor seinem Haus stehen and warten würden. Dann schob er seine rechte Hand an Alanna vorbei, um ihr die Wagentür zu öffnen.
„Ich parke in der nächsten Straße. Lass dir nicht zu viel Zeit.“
„Du willst nicht mit mir rauf gehen?“, fragte sie überrascht. Einer der Gründe, mit ihm hierher zu fahren, war ja, dass sie nicht alleine in das Apartment gehen wollte.
„Wozu? Wenn er nicht antwortet, dann bedeutet es, dass er entweder nicht hier ist oder von niemanden gestört werden will.“
„Komm mit mir hoch. Es wird nur ein paar Minuten dauern.“
Er senkte den Kopf. Die Rastalocken fielen in einem Bausch nach unten.
„Ich muss zuerst einen Parkplatz finden. Abgesehen davon verstehe ich die Aufregung nicht, die du hier machst. Du kennst Javier ja. Wahrscheinlich ist er gerade tief konzentriert am Hacken, um von den Firmen Kopfgeld für ihre Programmierfehler zu kassieren.“
Sie rieb sich den Nacken. Unter normalen Umständen könnte Brayden ja recht haben mit der Vermutung, dass Javier mit seinem üblichen „ethischen Hacken“ beschäftigt war, aber nicht jetzt. Zu viele Rätsel umgaben sein Verschwinden.
Seine Studienfreunde hatten seit Tagen nichts von ihm gehört. Er sei die ganze Woche dem Unterricht ferngeblieben, sagten sie. Und doch war er einfach nicht der Typ dafür, sich von einem auf den anderen Augenblick in Luft aufzulösen. Wenn er für einen Notfall oder so etwas die Stadt hätte verlassen müssen, hätte er mit Sicherheit jemandem Bescheid gesagt.
„Bist du überhaupt nicht besorgt?“, wollte sie von Brayden wissen.
„Pffft. Der Junge hat immer einen klaren Kopf bewahrt. Wenn er Leute beschummeln würde so wie du, dann würde ich mir Sorgen machen.“
„Gut. Warte im Auto.“
„Lass die Finger von den Wohnungen älterer Leute. Ich weiß, du würdest denen ihr Geld und ihren Schmuck stehlen, wenn sich nur die Gelegenheit bietet“, sagte er in seiner sarkastischen Art.
Alanna ignorierte seine Bemerkung und trat in die schwüle Hitze hinaus. Er fuhr den Wagen bis zum Stoppzeichen am Ende der Straße weiter. Sie wartete, bis er an der Kreuzung nach rechts abbog und ging dann auf die Drehtüre des Gebäudes zu.
Sie stahl nicht das Geld anderer Leute. Nur deren persönliche Daten. Identitäten und Details ihrer Finanztransaktionen. Kreditkartennummern. Ausweise und Passwörter. Medizinische Aufzeichnungen. Informationen, die man gut zu Geld machen konnte.
Sie gelangte zu diesen Daten auf die gleiche Weise, wie sie nun am Wachmann vorbeizukommen gedachte, der in der Mitte der Eingangshalle saß – mit Sozialtechnik. Leute hacken. Es war eine der vielen Fähigkeiten, die sie von ihrem Vater mitbekommen hatte. Der war ein „guter“ Hacker gewesen und hatte dafür wenig Verwendung, und so gab er ihr nur die Grundlagen weiter. Den Rest hatte sie sich selbst beigebracht, als sie als junge Ausreißerin in Miami ganz auf sich selbst gestellt über die Runden kommen musste.
Der Wachmann kauerte hinter dem Empfangstresen. Alanna schritt über den gebohnerten Marmorboden und warf einen Blick in seine Richtung. Er war vertieft in ein Video einer anarchistischen Demonstration, das auf seinem Smartphone lief. Sie schaute kurz auf ihr eigenes Telefon. Keine neuen Nachrichten.
Es dauerte eine Weile, bis sie seine Aufmerksamkeit erheischen konnte. Sie tappte mit ihren Fingerspitzen auf den Tresen und räusperte sich. Er war ein recht stramm gekleideter Typ, in seinen Mittzwanzigern, schätzte sie. Schließlich sah er auf und blickte sie von seinem ledernen Bürostuhl aus an. Er rückte den Kragen seines weißen Polohemds zurecht und musterte sie genau. Endlich: Ein aufmerksames Publikum, dachte sie.
„Ich möchte ein Studio-Apartment mieten. Kann ich mit jemandem vom Vermietungsbüro sprechen?“
„Haben Sie einen Termin?”
„Nein. Ich habe mir andere Wohnungen in der Gegend angesehen und dachte, ich schaue mal rein. Ist das in Ordnung?“
Er zögerte mit einer Antwort. Sie lächelte ihn strahlend an und klimperte mit den Wimpern. Er lächelte zurück, legte ein Blatt Papier und einen Stift auf den Tresen und wies sie an, sich einzutragen. Sie notierte ihren Namen und die Uhrzeit, und der Sicherheitsbeamte stand auf und führte sie zum Aufzug.
Es lief alles wie am Schnürchen. Er entsperrte die Liftbedienung mit seinem Schlüsselbund und drückte den Aufwärtsknopf. Und doch schien es, als würde er sie misstrauisch ansehen. Sie war sich nicht sicher. Erkannte er sie? Bei ihrem letzten Besuch hatte sie ihn hinter genau diesem Schreibtisch gesehen. Er schien ihr damals wenig Beachtung zu schenken, denn Javier war ja da, und sie gingen gemeinsam als ein Pärchen nach oben. Damals, als sie noch zusammen waren.
Sie erwiderte kurz seinen Blick und schaute dann weg. Es war das Beste, wenn sie nicht reagierte. Viele Kerle gafften sie an. Oder machten Bemerkungen über ihr Aussehen. Sie hatte aufgehört zu zählen, wie oft das Wort exotisch gefallen war. Es war eine höfliche Art zu sagen, dass man ihre ethnische Zugehörigkeit nicht sofort einordnen konnte. Viele haben es versucht, bei diversesten Gelegenheiten, aber noch nie war jemand dahintergekommen, dass sie irisch-malaysischer Abstammung war. Das war scheinbar einfach zu fremdartig.
Der Sicherheitsbeamte ging zurück zu seinem Schreibtisch und teilte ihr mit erhobenen Augenbrauen mit, dass sich das Vermietungsbüro im obersten Stockwerk befände.
„Zwölfter Stock. Gehen Sie einfach in das Büro am Pool. Die können Ihnen alle Fragen beantworten.“
Allein im Aufzug, drückte sie zuerst auf den Knopf für zwölf und dann für drei – Javiers Etage. Ihre kleine List hatte gewirkt. Der Schwierigkeitsgrad auf ihrer Sozialtechnik-Skala war gering, vielleicht eine Zwei. Es war nicht viel Können erforderlich. Nur ein paar Lügen und ein kokettes Lächeln.
Und doch war Alanna angespannt. Sie zog es vor, ihre Zielpersonen per Telefon oder E-Mail zu manipulieren statt von Angesicht zu Angesicht.
Sie warf einen letzten Blick auf ihr Mobiltelefon und verstaute es in ihrer schwarzen Lederhandtasche. Seit gestern Morgen hatte sie sich an die Hoffnung geklammert, dass Javier sich zurückmelden würde. Doch er hatte nicht auf ihre Sprachnachrichten reagiert, und auch nicht auf ihre Textnachrichten und E-Mails. Es gab nur diese einzige Nachricht von ihm, die er an ihr Telefon geschickt hatte, und die kam mit einem blinkenden roten Notsignal.
Alanna. Ich bin in Schwierigkeiten. Komm und hilf mir.
Es gab keine weiteren Details. Sie stellte sich die schlimmsten Dinge vor.
Sie erzählte Brayden nichts davon. Die Nachricht war schließlich nur an sie gerichtet. Überhaupt hatte sie seit der Trennung nicht mehr viel über Javier gesprochen, und auch Brayden begann Schweigen zu breiten über alles, was mit ihrem Ex-Freund zu tun hatte.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Sie ging rasch in die Richtung von Javiers Wohnung.
Es war eines dieser Gebäude, das so hochmodern konzipiert war, dass es unmöglich gemütlich sein konnte. Obwohl, es war viel schöner als das in Olympia Heights, in dem sie ihre Bude hatte. Aber auch viel unheimlicher. Bis heute war sie noch nie alleine diesen Flur entlang gegangen. Sie nahm den Widerhall ihrer Schritte auf dem glanzlosen Keramikboden viel deutlicher wahr. Ihr Schatten huschte über die beigefarbenen Wände. Als das automatische Deckenlicht plötzlich erlosch, war es, als schienen die Wände näher zu kommen. Sie fühlte sich unwohl.
Schließlich erreichte sie Javiers Tür und klopfte an den weißen Metallrahmen. Keine Antwort. Sie klopfte noch zweimal, presste ihr Ohr an die kalte Oberfläche der Tür und hielt den Atem an, als sie lauschte. Doch es blieb still. Sie blieb resignierend mit der Stirn an der Tür lehnen und verlor sich in Gedanken. Seit sechs Wochen rätselte sie, was der Grund für Javiers Verschwinden war. Warum er nach zwei Jahren ihre Beziehung auf einmal abgebrochen hatte und seitdem jeden Kontakt zu ihr mied. Sie konnte jetzt nicht einfach weggehen.
Dann umfasste sie den Türknauf. Verriegelt. Während ihre Finger das kalte Messing umklammerten, verzogen sich ihre Lippen zu einem Grinsen. Ein großer Vorteil, wenn man sich für ihre Art zu leben entschieden hatte, war die Freiheit, sich zu bewegen, wo immer man wollte – sowohl online als auch in der realen Welt. Die Türen blieben nur geschlossen, solange sie es zuließ. Sie griff in die Gesäßtasche ihrer Jeans und holte einen Dietrich und einen Torsionsschlüssel hervor. Es war Zeit für Antworten.
Sie zog sich die Kapuze ihres dunkelgrauen Pullovers über den Kopf und spähte den Flur hinunter, während sie sich gegen die Tür lehnte und den Dietrich in das Schloss schob. Wenn sie jetzt ein aufmerksamer Mieter bemerkte und einen Notruf absetzte, würde sie in null Komma nichts in einem Streifenwagen der Polizei von Miami landen. Sie war sich des Risikos bewusst. Aber sie blieb kontrolliert. Vor Jahren hatte sie ihrem Vater ein Versprechen gemacht. Sie würde sich niemals verhaften lassen. Sie hatte nicht die Absicht, das jemals zuzulassen.