Millies Perspektive
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Am nächsten Tag konnte ich ausschlafen. Ich schätzte es wirklich, eine wohlhabende Familie zu haben, was mir den Luxus ermöglichte, nur im Sommer arbeiten zu müssen.
Während des Schuljahres gaben Dad Caleb und mir Taschengeld. Er sagte immer, wir sollten uns auf unser Studium konzentrieren, aber zugleich wollte er, dass wir den Wert des Geldes zu schätzen lernen. Daher hielt er strikt an der Höhe unseres Taschengeldes fest und ließ uns es uns durch Hausarbeiten verdienen.
Samstage waren traditionell für Hausarbeiten reserviert. Wenn wir Pläne mit Freunden hatten, konnten wir unsere Aufgaben vorher erledigen, aber bis spätestens Montagmorgen musste alles erledigt sein.
Also schleppte ich mich aus dem Bett und ging langsam die Treppe hinunter. Mama und Papa saßen am Tisch und tranken Kaffee. Ihr Gespräch verstummte, als ich die Küche betrat.
„Morgen“, grummelte ich und schenkte mir eine Tasse Kaffee ein.
„Guten Morgen, mein Schatz“, sagte Mama lächelnd.
Ich setzte mich mit meiner Tasse an den Tisch. Nachdem ich den ersten Schluck genommen hatte, seufzte ich zufrieden und spürte, wie ein Lächeln auf meine Lippen schlich. Als ich aufblickte, sahen mich beide Elternteile belustigt an.
„Was?“ fragte ich, leicht verwirrt.
„Es ist erst 8 Uhr morgens. Warum bist du überhaupt wach?“ neckte mich Dad.
„Ich bin nun mal ein Frühaufsteher“, verteidigte ich mich.
Mama lachte leise und tätschelte meinen Arm.
„Du hättest so lange draußen bleiben sollen wie dein Bruder. Er kam erst nach Mitternacht nach Hause“, fügte sie hinzu.
„Schön für ihn“, erwiderte ich sarkastisch und nahm einen weiteren Schluck. „Also, was steht heute auf der Liste der Hausarbeiten?“
Da meine Mutter Hausfrau ist, erledigt sie unter der Woche das meiste der Reinigung. Am Wochenende verteilt sie dann Aufgaben an uns. Meistens sind das Dinge wie unsere eigene Wäsche waschen, unsere Zimmer aufräumen oder gelegentlich den Pool reinigen und Staub wischen.
„Heute gibt es keine Hausarbeiten“, sagte Mama ausweichend und vermied es, mir in die Augen zu sehen.
„Keine Hausarbeiten?“ fragte ich skeptisch und zog die Augenbrauen zusammen.
„Nein“, bestätigte Dad und tat so, als wäre seine Kaffeetasse auf einmal unheimlich faszinierend.
„Okay“, sagte ich und stellte meine Tasse auf den Tisch. „Was ist los? Ist jemand gestorben? Nana etwa?“ Panik kroch in mir hoch.
„Nein, nein, nichts dergleichen, Schatz“, beruhigte mich Mama und legte ihre Hand auf meinen Arm. „Wir haben nur heute Abend etwas vor...“
Ich hob eine Augenbraue.
„Irgendwas vor heute Abend, das uns davon abhält, Hausarbeiten zu machen…“ Ich schüttelte den Kopf. „Kriege ich etwa kein Taschengeld? Denn das ist völlig in Ordnung, ich kann trotzdem meine Aufgaben erledigen.“
„Nein, mein Schatz“, sagte Dad mit einem Lächeln. „Wir wissen nur, dass es dir nicht gefallen wird, also gönnen wir dir heute eine Pause. Und wenn du eine Pause bekommst, muss Caleb auch eine bekommen.“
Fair genug.
„Okay, also wo gehen wir hin, was mir nicht gefallen wird?“ fragte ich neugierig.
„Wir sind heute Abend bei einem alten Studienfreund von mir zum Abendessen eingeladen. Er hat eine Tochter und einen Sohn. Es wird ganz locker sein“, erklärte er.
Meine Augen weiteten sich, bevor ich genervt stöhnte und meinen Kopf auf den Tisch legte.
Ich hasse es, neue Leute kennenzulernen. Ich bin einfach nicht der gesellige Typ, weshalb Vanessa meine einzige Freundin war. Ich könnte schwören, dass ich irgendeine Art von sozialer Angst habe. Normalerweise ließen mich meine Eltern zu Hause, wenn sie mit Leuten zusammenkamen, die ich nicht kannte.
Meine Eltern sind wirklich verständnisvoll und drängen mich nie über meine Grenzen hinaus.
„Warum muss ich mitkommen?“ fragte ich schließlich, nachdem ich meinen Kopf wieder gehoben hatte.
„Das sind alte Freunde von mir, Schatz. Sehr wichtige Menschen. Ich möchte, dass sie meine einzige Tochter kennenlernen – mein ganzer Stolz, das Licht meines Lebens“, sagte Dad mit einem breiten Grinsen.
„Okay, Dad“, entgegnete ich in einem gelangweilten Ton.
Dad strahlte mich trotzdem an.
„Du wirst sie lieben, und sie werden dich lieben“, fügte Mama aufmunternd hinzu. „Ihre Kinder sind in deinem Alter, Zwillinge, vielleicht findest du ja neue Freunde. Sie fangen am Montag mit dir zusammen in der Schule an.“
Großartig. Noch mehr Leute, die mich entweder ärgern oder meiden werden.
Ich seufzte ergeben. Es sah so aus, als hätte ich keine Wahl. Na gut, wenigstens konnte ich den Tag ohne Hausarbeiten genießen und mich um mich selbst kümmern.
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Nach einem langen Tag voller Selbstfürsorge, bei dem ich meine Nägel lackierte, meine Füße pflegte, Gesichtsmasken auftrug, ein Peeling machte und schließlich ein entspannendes Bad nahm, war ich fast bereit, loszugehen.
Tatsächlich fühlte ich mich so entspannt, dass die meisten meiner üblichen Ängste wie weggeblasen waren. Ich betrachtete mein Spiegelbild im Badezimmerspiegel. Ja, ich habe mein eigenes Bad direkt neben meinem Schlafzimmer – ein weiterer kleiner Luxus.
Ich trug ein süßes, leichtes Sommerkleid. Es war gelb mit kleinen weißen Gänseblümchen übersät. Die Vorderseite war mit Knöpfen versehen, und der Stoff war angenehm dünn. Ich liebte es. Es passte wunderbar zu meinen schmutzig-blonden Locken, die locker über meine Schultern fielen.
Der obere Teil meiner Haare war zu einem halben Pferdeschwanz hochgesteckt, der Rest fiel in sanften Locken herab. Ich zog durchsichtige, weiße Oberschenkelstrümpfe an und kombinierte sie mit einem Paar weißer, flacher Schuhe.
Ich ging zurück ins Bad, um Mascara und klaren Lipgloss aufzutragen. Noch ein letzter Blick in den Spiegel – ich sah fantastisch aus!
Genau in diesem Moment klopfte es an meiner Tür.
„Herein“, rief ich.
Caleb öffnete die Tür.
„Mama und Papa wollten, dass ich frage, ob du...“ Er verstummte, als er mein Outfit sah, und verzog das Gesicht. „Das wirst du nicht anziehen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Warum nicht?“ fragte ich.
„Weil...“, antwortete er, als wäre das selbstverständlich.
„Wirklich beeindruckend“, murmelte ich leise und schnappte mir meine braune Ledertasche vom Bett, die ich mir über die Schulter warf. Dann schob ich mich an meinem kleinen Bruder vorbei und ging die Treppe hinunter. Caleb folgte mir und beschwerte sich ununterbrochen darüber, dass mein Kleid zu kurz sei und ich eine Hose anziehen sollte.
„Mama“, rief ich, als wir schließlich bei unseren Eltern ankamen, die bereits an der Tür warteten.
„Frag sie bloß nicht!“, schrie Caleb. „Sie wird dir sowieso zustimmen.“
Ich verschränkte die Arme und sah Mama direkt an.
„Mama, sag deinem Sohn, dass ich absolut in Ordnung aussehe“, verlangte ich fordernd.
„Papa, sag deiner Tochter, dass sie eine Hose anziehen muss“, konterte Caleb im gleichen Tonfall.
Caleb und ich starrten uns finster an, keiner von uns bereit, nachzugeben. Mein Kleid war so lang, dass man nicht mal sah, dass ich Oberschenkelstrümpfe trug – sie sahen eher wie Strumpfhosen aus. Caleb tat, als wäre ich nackt! Ich wusste, dass er nur der beschützende Bruder war, aber das hier war doch übertrieben.
„Zuerst einmal, wie wäre es, wenn ihr beide euren Tonfall ändert?“, sagte Mama ruhig, aber bestimmt.
Caleb und ich schluckten, tauschten schuldbewusste Blicke und wendeten uns dann betreten an unsere Mutter.
„Tut mir leid, Mama“, murmelte ich.
„Tut mir leid, Dad“, stimmte Caleb ebenso zerknirscht zu.
„Entschuldigung angenommen“, sagte Mama zufrieden. „Also, was genau ist das Problem? Ich finde, deine Schwester sieht gut aus, Caleb.“
Caleb verdrehte genervt die Augen.
„Ihr Kleid ist zu kurz“, wiederholte er.
„Dann schau halt nicht hin“, schlug ich schnippisch vor.
Caleb öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, aber Dad unterbrach ihn.
„Schluss jetzt, ihr beiden. Caleb, deine Schwester sieht vollkommen in Ordnung aus. Auf geht’s“, entschied er und öffnete die Tür.
Ich warf Caleb einen triumphierenden Blick zu, der eindeutig „Ha, ich habe gewonnen“ sagte, schwang meine Haare und ging hinaus. Caleb murrte leise hinter mir, aber ich ignorierte ihn. Wir stiegen ins Auto und machten uns auf den Weg.
„Hattest du gestern Abend Spaß?“ fragte ich Caleb.
„Es war okay, denke ich“, antwortete er.
Ich runzelte die Stirn bei seiner wenig begeisterten Antwort.
„Was ist passiert?“ fragte ich weiter.
„Nichts“, erwiderte er knapp.
„Lügner“, warf ich ihm vor.
Caleb verdrehte die Augen und atmete schwer aus. Ich beschloss, es erstmal gut sein zu lassen. Es war sicher schwer für Caleb, mit den Leuten befreundet zu sein, die mich letztes Jahr so sehr gemobbt hatten. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig.
Wenn ich letztes Jahr nicht so empfindlich gewesen wäre, müsste Caleb sich jetzt nicht so fühlen. Er ist einer der Gründe, warum ich dieses Jahr anders sein will. Caleb sollte nicht ständig auf mich aufpassen müssen – er sollte auf Partys gehen und eine Freundin haben.
Aber ich war mir nicht sicher, ob das wirklich Calebs Ding war. Ich glaube, er würde gern wie ein normaler Teenager feiern, aber ich bezweifle, dass ihm die Leute gefallen. Auch ohne mich in der Gleichung. Und ehrlich gesagt, konnte ich ihm das nicht verübeln.
Die beliebten Kids waren alle gemein und falsch, sogar untereinander. Es wäre vielleicht anders, wenn Caleb echte Freunde unter ihnen finden könnte, aber genau das war wahrscheinlich das Problem.
Der Rest der Fahrt verlief ruhig, unterbrochen nur vom 80er-Rock, der im Radio lief. Ich verdrehte die Augen.
Dads Vorliebe für alte Rockmusik. Ich muss zugeben, ich mag Guns N’ Roses wirklich. Aber das würde ich Caleb nie im Leben gestehen. Papa wusste es allerdings.
Als ich 13 war, hatte Dad uns Tickets für eines ihrer Konzerte besorgt. Ich konnte kaum glauben, dass sie überhaupt noch tourten. Wir hatten Mama und Caleb erzählt, dass wir ein Vater-Tochter-Date hätten – nur ein Film und Abendessen. Aber in Wahrheit gingen wir zum Konzert, und es war großartig.
Natürlich wurden wir dabei erwischt, als wir gegen 1 Uhr nachts mit neuen T-Shirts und Souvenirs nach Hause kamen. Mama versuchte, wütend auf uns zu sein, aber das hielt gerade mal eine halbe Stunde an.
Ich schwelgte in diesen Erinnerungen, als Dad schließlich in eine schicke, bewachte Wohnanlage einbog. Er hielt an einem kleinen Wachhäuschen. Ein Wachmann in Uniform trat vor, seine dunkle Haut strahlte Ruhe und Autorität aus, während er Dad prüfend ansah.
Dad lächelte ihn freundlich an.
„Guten Abend“, grüßte Dad den Wachmann.
„Wen wollen Sie besuchen?“ fragte der Mann direkt.
Oh, jemand, der auf den Punkt kommt.
„Wir besuchen Adam Whitlock. Ich bin ein alter Freund von ihm“, erklärte Dad.
„Einen Moment bitte“, sagte der Wachmann, bevor er in das kleine Häuschen zurückkehrte.
Mama und Dad tauschten einen Blick, was dazu führte, dass auch Caleb und ich uns ansahen. Caleb zuckte mit den Schultern, und ich verdrehte die Augen. Dieser Ort schien auf Sicherheit bedacht zu sein. Nicht schlecht. Vielleicht sollten wir auch in eine Gated Community ziehen.
„Vielleicht sollten wir auch in so eine bewachte Anlage ziehen“, sagte Mama, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
Ich schnaubte bei dem entsetzten Blick, den Dad ihr zuwarf.
„Meine Liebe, ich verdiene zwar gut, aber nicht genug für diese Art von Luxus“, lachte er.
Mama zuckte mit den Schultern, und Caleb und ich unterdrückten ein Kichern. Kurz darauf kam der Wachmann zurück und trat an unser Auto heran. Sein Gesicht war nach wie vor ausdruckslos.
„Mr. Whitlock erwartet Sie. Sie können passieren“, sagte er und öffnete das Tor.
Caleb und ich tauschten noch einen Blick, als Dad weiterfuhr. Die Häuser hier waren riesig, wirklich riesig. Draußen spielten ein paar Kinder Basketball, während die Sonne unterging. Einige Frauen und Männer standen in ihren Vorgärten und kümmerten sich um die Pflanzen. Sie alle winkten uns freundlich zu, als wir vorbeifuhren.
„Freundliche Nachbarschaft“, murmelte Caleb.
„Das kann man wohl sagen“, stimmte ich zu.
Dad fuhr ganz bis zum Ende der Wohnanlage und bog in die Einfahrt des letzten Hauses ein. Niemand war draußen, aber in den Fenstern brannten überall Lichter. Dad parkte das Auto, und wir schauten alle auf das riesige Haus.
Es war modern und zur Hälfte aus Ziegeln gebaut. Das war wohl das größte Haus, das ich je gesehen habe – und auch das größte in der ganzen Nachbarschaft. Wunderschön war es, das musste ich zugeben.
„Na gut, lasst uns reingehen“, sagte Dad, und ich hörte die Aufregung in seiner Stimme.
Er sprang aus dem Auto und kam herüber, um Mama die Tür zu öffnen. Ich sah zu Caleb hinüber, der immer noch mit weit aufgerissenen Augen auf das Haus starrte. Als er mich ansah, zog er die Augenbrauen zusammen.
„Glaub bloß nicht, dass ich dir die Tür öffne“, meinte er spöttisch.
Ich schnaubte und stieß meine Tür auf.
„Wer braucht dich schon dafür“, erwiderte ich und stieg aus.
Ich sah mich um und ließ meinen Blick über die anderen Häuser schweifen. Dieser Ort war wirklich schön, selbst wenn viele der Häuser ziemlich ähnlich aussahen. Plötzlich erregte eine Bewegung im Nachbarhaus meine Aufmerksamkeit. Ein Vorhang wurde hastig zugezogen. Ich starrte für einen Moment darauf.
„Komm schon, Millie“, rief Mama.
„Bin schon unterwegs“, antwortete ich.