Kapitel 5

566 Words
Die Erste Prüfung Die verlassenen Fabriken sahen aus wie Kadaver riesiger Tiere: eingestürzte Dächer, rostige Maschinen, zerbrochene Fenster wie leere Augenhöhlen. Der Regen hatte aufgehört, doch der Boden war morastig, jeder Schritt ein leises Schmatzen. Elara bewegte sich lautlos, die Sinne weit offen. Hier roch es nach altem Öl, Schimmel – und nach Wölfen. Mehreren. Frisch. Sie hörte sie, bevor sie sie sah: ein leises Knurren, dann das Klicken von Krallen auf Beton. Fünf Schatten lösten sich aus der Dunkelheit. Keine normalen Wölfe. Ihre Augen glühten rot, das Fell war fleckig, als wäre es von innen heraus verfault. Hybride vielleicht. Oder schlimmer: Verfluchte. Die Anführerin – eine hagere Wölfin mit einer langen Narbe quer über die Schnauze – trat vor. „Falscher Ort, falsche Zeit, Alpha“, zischte sie. Ihre Stimme klang wie reißendes Metall. „Das hier ist unser Revier.“ „Ich suche nur jemanden“, sagte Elara ruhig. „Ich will keinen Ärger.“ „Zu spät.“ Die Wölfin grinste, zeigte gelbe, abgebrochene Zähne. „Wir riechen die Einsamkeit an dir. Die macht schwach.“ Elara seufzte innerlich. Manche lernten es nie. Der erste Angriff kam von der Seite – schnell, aber vorhersehbar. Elara wirbelte herum, packte den Angreifer am Kiefer und schleuderte ihn gegen eine rostige Säule. Betonstaub explodierte. Dann brach die Hölle los. Sie kämpften schmutzig: Zähne in Flanken, Krallen in Augen, einer versuchte, ihr von hinten die Sehnen durchzubeißen. Elara wechselte fließend zwischen Wolf, Zwischenform und Mensch – nutzte jede Gestalt, um ihre Feinde zu überraschen. Doch sie waren zu viele. Ein besonders großer Hybride rammte sie von der Seite, nagelte sie gegen eine Wand. Schmerz explodierte in ihrer Schulter. Sie spürte, wie etwas knackte. „Jetzt stirbst du“, knurrte er. In diesem Moment hörte sie ein Winseln – hoch, panisch, jung. In der Ecke kauerte ein kleiner Wolf, kaum älter als ein Jahr, angekettet an einem Stahlrohr. Ein Omega. Verletzt, zitternd. Etwas in Elara rastete ein. Mit einem Brüllen, das die Fensterscheiben erzittern ließ, stieß sie den Großen zurück, sprang über zwei weitere hinweg und landete direkt vor dem Jungen. Sie zerfetzte die Kette mit einem einzigen Prankenhieb. „Lauf!“, befahl sie. Der Kleine zögerte nur eine Sekunde – dann rannte er. Die Hybriden wandten sich nun alle gegen sie. Elara blutete aus mehreren Wunden, doch der Zorn machte sie stärker. Sie kämpfte wie ein Sturm: schnell, präzise, unbarmherzig. Als der letzte fiel – winselnd, die Kehle durchgebissen – war sie allein mit dem Echo ihres Atems. Der kleine Omega kam vorsichtig zurück. Seine Augen waren groß, golden, verängstigt. „Danke“, flüsterte er. Elara ließ sich auf ein Knie sinken, atmete schwer. „Wer bist du?“ „Finn“, sagte er leise. „Sie… sie haben mich gefangen gehalten. Wollten mich als Köder benutzen.“ „Für wen?“ „Für ihn.“ Finn schluckte. „Den mit den silbernen Haaren. Den Propheten sagt, er kommt irgendwann hierher.“ Elaras Herz machte einen Sprung. „Kennst du einen Weg zu diesem Propheten?“ Finn nickte zögernd. „Ja. Aber es ist gefährlich. Und… ich hab Angst.“ Sie legte eine blutige Hand auf seinen Kopf. Sanft. „Dann komm mit mir. Ich beschütze dich.“ Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Elara nicht nur stark – sondern auch verantwortlich. Und das fühlte sich seltsam… richtig an.
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