Kapitel 2 - Tell me lies

809 Words
Kapitel 2 - Tell me lies, Sweet Little lies Miguel war der Erste, der sich bewegte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Hastig krabbelte er von Stacy herunter, als hätte er sich verbrannt. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkte er tatsächlich schockiert – fast so, als hätte er nicht damit gerechnet, erwischt zu werden. Stacy hingegen blieb ruhig. Sie griff sich das Bettlaken, wickelte es sich locker um den nackten Körper und setzte sich auf. Kein schlechtes Gewissen. Kein Versuch, sich zu verstecken. Nur dieser Blick, der Elena sofort traf – kühl, überlegen. „Wie lange?“ Elena erkannte ihre eigene Stimme kaum. „Wie lange geht das schon?“ Miguel öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. „Ich… also… es ist nicht so, wie du denkst…“ „Schon lange“, fiel Stacy ihm ins Wort. Ihre Stimme klang fast gelangweilt. „Sehr lange.“ Elena sah von einem zum anderen. „Miguel wollte es dir schon ewig sagen“, plapperte Stacy weiter. „Und die kleinen Hinweise, die ich dir gegeben habe … die hast du leider nie verstanden.“ Die Worte trafen wie Schläge. „Ich dachte, du wärst meine Freundin“, brachte Elena hervor. „Ich habe dir alles erzählt. Unsere Probleme. Unsere Ehe.“ Ihre Stimme zitterte, trotz aller Mühe. „Wie konntest du nur?“ Stacy verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Tja“, sagte sie kühl, „jetzt kannst du dir wohl denken, warum ihr keinen s*x hattet.“ Elena spürte, wie sich ihr Hals zuschnürte. Sie wagte es nicht zu blinzeln. Wenn sie jetzt weinte, würden sie es genießen. Das würde sie ihnen nicht geben. Sie atmete tief ein. Sammelte jede verbliebene Kraft. „Raus“, sagte sie ruhig. „Ihr beide. Sofort.“ Stille. „Ich will euch nicht mehr sehen.“ Sie hob den Kopf. „Und übrigens: Ihr seid gefeuert. Beide.“ Dann lachte jemand. Laut. Unverschämt. Das Lachen füllte den Raum und zerriss den letzten Rest von Illusion. Jetzt erst fand auch Miguel seine Stimme. „Dein Geschäft“, sagte Miguel schließlich, beinahe beiläufig, „und auch die Wohnung gehören dir schon seit langem nicht mehr.“ Elena blinzelte. Einmal. Ihr Herz setzte aus. „Erinnerst du dich“, fuhr er fort, „dass Stacy öfter mit Verträgen ankam? So nebenbei. Du warst immer im Stress, hast nur die Überschriften gelesen und blind unterschrieben.“ Stacy richtete sich ein wenig auf, das Laken fest um sich geschlungen. „Das war meine Idee“, platzte es stolz aus ihr heraus. „Du warst immer so beschäftigt.“ Elena spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. „Die Scheidungspapiere hast du übrigens auch schon unterschrieben“, setzte Stacy nach. „Die bringe ich morgen zum Anwalt.“ In diesem Moment verlor Elena alles. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, ihr wurde übel. Sie sagte nichts mehr. Konnte nichts mehr sagen. Die Wut ließ ihre Hände zittern, während sie die Fingernägel so fest in ihre Handflächen drückte, dass sie nicht bemerkte, wie es warm wurde, wie Blut sickerte. Sie drehte sich einfach um. Langsam ging sie zur Tür. Jeder Schritt fühlte sich unwirklich an, als würde sie neben sich herlaufen. Sie zog sie hinter sich zu, leise, fast höflich. Im Treppenhaus begann sie zu laufen. Barfuß, die Schuhe noch in der Hand, hastete sie hinunter, vorbei an vertrauten Wänden, die plötzlich fremd wirkten. Unten griff sie nach ihrem Autoschlüssel, riss die Tür auf. „Elena!“, rief Miguel aus dem Fenster hinunter. „Nimm wenigstens deinen Kram mit!“ Sie reagierte nicht. Sie stieg ein, schloss die Tür und startete den Motor. Ihre Hände zitterten, aber sie fuhr los. Weg von allem. Weg von ihnen. Erst als das Haus hinter ihr verschwand, ließ sie den Atem los, den sie die ganze Zeit angehalten hatte. Im Radio lief Tell me lies, sweet little lies. Elena lachte trocken auf. Wie lange hatte sie in dieser Lügenblase gelebt? Sie fuhr direkt zu ihrem Geschäft. Oder dem, was einmal ihres gewesen war. Das Licht brannte noch, als hätte sich nichts verändert. Sie schloss auf, ging hinter den Tresen, öffnete Ordner. Kontoauszüge. Zugänge. Manche ließen sich nicht mehr öffnen. Bei anderen erschien nur eine Fehlermeldung. Ihr Herz rutschte ihr in den Magen. Elena ließ sich auf den Stuhl sinken, vergrub den Kopf in den Händen und erlaubte sich zu weinen. Nur dieses eine Mal, schwor sie sich. Die Tränen kamen lautlos, schwer, brennend. „Wie konnte ich nur so dumm sein“, flüsterte sie. Ihre Brust zog sich zusammen. „Und das Erbe meiner Eltern…“ Sie schluchzte. „Verzeiht mir.“ Der Raum war still. Und zum ersten Mal seit Jahren war sie – gezwungen, alles zu sehen, was sie verloren hatte und was sie nie wirklich besessen hatte.
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