Kapitel 4 – Salz in der Luft
Elena ging zurück zu ihrem Fiat.
Sie öffnete den Kofferraum, verstaute den Koffer und setzte sich ans Steuer. Für einen Moment blieb sie einfach sitzen, die Hände locker auf dem Lenkrad.
Dann fuhr sie los.
Ihr Weg führte sie zur Barceloneta. Zum Strand mitten in der Stadt, den sie früher geliebt hatte. Sie parkte direkt an der Promenade – ohne ein Ticket zu ziehen. Es war ihr egal. Das Auto lief ohnehin noch über ihren Noch-Ehemann. Ein kleiner, bitterer Gedanke huschte durch ihren Kopf.
Eigentlich hoffte sie insgeheim sogar auf ein Knöllchen.
Sie stieg aus, atmete tief ein. Salz lag in der Luft, vermischt mit Sonnencreme, Kaffee und dem fernen Rauschen des Meeres. Elena schlenderte die Promenade entlang, langsamer als sonst. Zum ersten Mal seit Langem ohne Ziel.
In einem kleinen Laden blieb sie stehen.
Bikinis. Strandtücher. Farben.
Sie merkte, wie fremd ihr das alles geworden war. Als hätte sie dieses Leben irgendwann einfach ausgeblendet. Sie kaufte einen schlichten Bikini, ein weiches Strandtuch, zahlte und steckte alles in ihre Tasche.
Arbeit.
Immer nur Arbeit.
Kein Platz für Sonne. Kein Platz für Leichtigkeit. Kein Platz für sie selbst.
Wie lange lebte sie eigentlich schon so?
Sie ging weiter, hörte das Lachen der Menschen, das Klirren von Gläsern, Musik aus offenen Cafés. Irgendwann hatte sie all das nicht mehr wahrgenommen. Wann war es passiert? Wann hatte die Arbeit alles eingenommen? Und warum hatte sie es zugelassen?
Elena blieb stehen, blickte hinaus aufs Meer.
Vielleicht war es genau das gewesen. Nicht nur Miguel. Nicht nur der Verrat.
Sondern dass sie sich selbst irgendwo auf diesem Weg verloren hatte.
Sie zog die Schultern zurück, atmete noch einmal tief durch und ging weiter.
Morgen würde sie fliegen.
Und vielleicht – ganz vielleicht – würde sie auf dieser Insel etwas wiederfinden, von dem sie nicht einmal mehr wusste, dass sie es vermisste.
Elena beschloss, den Tag nicht völlig im Schatten enden zu lassen.
Wenn sie schon ging, dann wollte sie wenigstens einen guten letzten Eindruck von dieser Stadt behalten. Sie zog sich um und genoss noch ein paar Stunden den Sonnenschein auf ihrer Haut, den Sand unter ihren Füßen und einen kleinen Spaziergang am Wasser.
Später setzte sie sich an eine Strandbar, klappte ihren Laptop auf und checkte ein. Der Wind spielte mit ihren Haaren, irgendwo lief leise Musik. Sie bestellte sich ein Glas Wein, später noch eines. Nicht aus Leichtsinn, sondern um den Knoten in ihrer Brust ein wenig zu lösen.
Das Meer glitzerte im Abendlicht. Menschen lachten. Das Leben ging weiter.
Ihr Flug ging früh. Sehr früh. Fünf Uhr morgens. Sie rechnete kurz – und entschied sich dagegen, noch ein Hotel zu buchen. Wozu? Sie würde die Zeit einfach am Flughafen verbringen. Abschiede brauchten keinen Schlaf.
Als die Sonne langsam unterging, zahlte sie, klappte den Laptop zu und machte sich auf den Weg zurück zu ihrem Auto.
Ein kleiner, fast hoffnungsvoller Blick zur Windschutzscheibe.
Kein Knöllchen.
Sie lächelte schief.
Natürlich nicht.
Elena stieg ein, fuhr los, ließ die vertrauten Straßen ein letztes Mal an sich vorbeiziehen. Der Flughafen tauchte hell erleuchtet vor ihr auf. Sie parkte im Parkhaus direkt am Terminal, öffnete den Kofferraum und räumte das Auto aus.
Der Fiat stand still, als hätte er verstanden.
Sie schloss die Tür, legte den Schlüssel auf den Beifahrersitz und blieb einen Moment stehen. Für sie war es klar: Das hier war kein „Bis bald“.
Es war ein Abschied für immer.
Mit dem Koffer in der Hand ging sie Richtung Terminal, ohne sich noch einmal umzudrehen. Barcelona gehörte zu einem Leben, das es nicht mehr gab.
Vor ihr lag nur noch eins:
Ein Flug.
Eine Insel.
Und die Hoffnung, dass irgendwo dort draußen ein neuer Anfang auf sie wartete.
Am Flughafen schlenderte Elena durch die Geschäfte, die sich langsam leerten. Die Nacht hatte etwas Eigenartiges an sich. Zu ruhig. Zu weit weg vom echten Leben.
Dann blieb sie stehen.
Mitten im Gang.
Wie erstarrt.
Aus einem der kleinen Läden strömte ein Duft – Kokosnuss, Sonnencreme, warme Haut nach einem Tag am Meer. Ihr Lieblingsgeruch. Doch diesmal war er anders. Intensiver. Tiefer. Fast so, als würde er sie einhüllen.
Elena schloss unwillkürlich die Augen.
Für einen Moment fühlte es sich an, als stünde sie nicht mehr im Flughafen, sondern irgendwo draußen. In der Sonne. Frei. Der Duft legte sich um sie wie eine unsichtbare Umarmung, beruhigend und gleichzeitig beunruhigend.
Dann war er weg.
Einfach verschwunden. Als hätte es ihn nie gegeben.
Verwirrt öffnete sie die Augen, schüttelte sich leicht und atmete tief durch. „Reiß dich zusammen“, murmelte sie leise und ging weiter.
Doch nach ein paar Schritten blieb sie erneut stehen.
Etwas war anders.
Sie drehte sich um, ließ den Blick durch den Gang wandern. Menschen gingen an ihr vorbei, Koffer rollten über den Boden, Stimmen hallten. Alles wirkte normal und doch hatte sie das deutliche Gefühl, beobachtet zu werden.
Elena sah sich noch einmal um.
Da war nichts.
Und trotzdem blieb dieses Kribbeln auf ihrer Haut.
Sie zog ihren Koffer weiter hinter sich her und versuchte, den Moment abzuschütteln. Vielleicht war es nur die Müdigkeit. Oder der Abschied.