Silas Vane stand am Kopfende eines Konferenztischs, aber er saß nicht. Sein Sakko lag ab, die Ärmel hochgekrempelt – ein seltenes Zeichen von Aufgewühltheit. Um ihn herum starrten fünf der besten forensischen Analysten der Stadt auf einen Bildschirm, der einen einzelnen, pulsierenden roten Punkt mitten im Atlantik zeigte.
„Erklären Sie das,“ befahl Silas. Seine Stimme war ein tiefes Vibrieren, das die Analysten zusammenzucken ließ.
„Es ist ein Geister-Signal, Sir,“ stammelte der leitende Techniker. „Die Quelle scheint ein Frachtschiff zu sein, aber wenn wir es anpingen, springt der Standort zu einem Rechenzentrum in Zürich, dann zu einem privaten Server in Singapur. Wir jagen einem Schatten hinterher.“
Silas wandte seinen Blick einem Mann zu, der in der Ecke saß und leise auf einem dünnen, mattschwarzen Tablet tippte. Das war Archimedes.
„Ist sie so gut?“ fragte Silas.
Archimedes sah nicht auf. „Sie ist nicht nur gut, Silas. Sie ist geduldig. Dieser Code wurde nicht in einer Nacht geschrieben. Sie hat das jahrelang in deinem eigenen Haus gebaut. Du hast nicht nur eine Frau geheiratet; du hast ein Trojanisches Pferd beherbergt.“
Silas spürte einen scharfen Stich von etwas, das er seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlt hatte: Reue. Nicht wegen der Ehe, sondern wegen der Nachlässigkeit. Er hatte Clara jeden Tag angesehen und nichts gesehen.
„Findet sie,“ sagte Silas, seine Augen färbten sich wieder in der Farbe eines Wintermeers. „Mir ist das Geld egal, das sie genommen hat. Ich will den Code. Und ich will, dass sie zurückgebracht wird. Dieses ‚Geschäft‘ ist nicht beendet.“
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Der versteckte Krieg
Zurück in San Francisco war die Luft in der kleinen Wohnung heiß. Sechs zusätzliche Server summten auf dem Boden, zusammengehalten von Jax’ chaotischer Verkabelung.
„Archimedes schnüffelt am Zürich-Knoten,“ sagte Jax, ihr blaues Haar vom Schein der vier Monitore erleuchtet. „Er ist schnell. Schneller, als ich dachte.“
Clara saß am Schreibtisch, ihre Augen auf den Marktdaten fixiert. „Er sucht mich. Aber er sollte sich die Carrington-Aktien ansehen. Silas’ größte Partner fangen an zu panikieren.“
„Warum?“ fragte Jax und schob sich ein Stück Thai-Basilikum in den Mund.
„Weil _Aether_ ihnen gerade ein anonymes Geschenk geschickt hat,“ flüsterte Clara. Sie drückte Enter. „Einen detaillierten Bericht über jedes illegale Offshore-Konto, mit dem Silas diese Fusion finanziert hat. Wenn Silas der Eiskönig ist, drehe ich die Hitze auf, bis sein ganzer Thron schmilzt.“
„Mutiger Schachzug,“ grinste Jax. „Aber sobald dieser Bericht in den Nachrichten landet, wird Silas aufhören, Hacker zu schicken. Er wird Männer mit Waffen schicken.“
Clara stand auf und ging auf den kleinen Balkon. Sie blickte in den San-Francisco-Nebel hinaus. Sie hatte keine Angst mehr. Die „angemessene“ Frau, die an diesem langen Mahagonitisch saß, war tot.
„Sollen sie ruhig kommen,“ sagte Clara. „Bis sie hier sind, wird Vane Capital nicht mehr existieren. Jax, starte Phase Zwei. Wir leaken als Nächstes die Singapur-Logs.“
Plötzlich vibrierte Claras Burner-Phone. Eine unbekannte Nummer.
Sie zögerte, dann ging sie ran. Sie sagte nichts.
„Der Wein war wirklich ausgezeichnet, Clara,“ kam Silas’ Stimme durch die Leitung, kristallklar und eisig ruhig. „Aber du hast eine Sache vergessen. Ich kaufe nie einen Kasten von irgendetwas, ohne genau zu wissen, wo es gelagert wird. Bis bald.“
Die Leitung verstummte.
Clara sah Jax an. „Er hat uns gefunden.“
Jax geriet nicht in Panik. Sie griff nur nach ihrer Tasche. „Dann ist es wohl gut, dass ich den Motor laufen gelassen habe. Schnapp dir den Laptop. Wir gehen.“
Die Wohnung war ein verschwommener Rausch, während sie sich bewegten. Jax stopfte ein Gewirr von Kabeln in ihren Rucksack, während Clara ihren Laptop zuklappte, ihr Kopf raste.
„Der Wein,“ flüsterte Clara, ihre Stimme angespannt. „Er hat die Lieferung zurückverfolgt. Er hat nicht die Server gefunden; er hat die Adresse in den digitalen Logs des Kellermanagers gefunden.“
„Ist egal wie,“ sagte Jax und griff sich eine Handvoll Festplatten. „Wir haben drei Minuten. Mein Auto steht in der Gasse.“
Sie hetzten die schmale, schwach beleuchtete Hintertreppe hinunter. Die Luft draußen war eiskalt, der Nebel verschluckte die Straßenlaternen. Sie hatten gerade Jax’ verbeulten schwarzen Kleinwagen erreicht, als ein glatter SUV mit getönten Scheiben um die Ecke bog, seine Scheinwerfer schnitten wie Zwillingsklingen durch den Nebel.
„Los!“ schrie Clara.
Jax trat aufs Gas. Die Reifen quietschten auf dem nassen Asphalt. Im Rückspiegel beschleunigte der SUV und schlängelte sich mit erschreckender Präzision durch den spärlichen Verkehr um 2:00 Uhr nachts.
Der High-Speed-Schatten
„Er ruft nicht die Polizei,“ knurrte Jax und umklammerte das Lenkrad. „Das sind private Auftragskräfte. Silas will keine Festnahme; er will eine Rückholung.“
„Er will den Quellcode,“ korrigierte Clara und blickte zurück. Der SUV holte auf. „Wenn er _Aether_ zurückbekommt, kann er die Beweise für seine Verbrechen löschen, bevor die Behörden die Dateien überhaupt öffnen.“
„Dann sorgen wir dafür, dass er das nicht kann,“ sagte Jax. „Festhalten!“
Jax riss eine scharfe, illegale Kehrtwende über einen Betonmittelstreifen und steuerte auf die Industrie-Docks des Embarcadero zu. Clara öffnete ihren Laptop auf den Knien. Der Bildschirm ruckelte mit jedem Stoß des Autos.
„Was machst du?“ schrie Jax.
„Sorge dafür, dass die Presse weiter hinsieht,“ sagte Clara, ihre Finger flogen. „Phase Zwei ist zu langsam. Ich springe direkt zu den ‚Black Box‘-Dateien.“
Die Nuklear-Option
Auf dem Bildschirm erschien ein Fortschrittsbalken: `[LEAKE: VANE CAPITAL POLITICAL PAYROLL – 45% ABGESCHLOSSEN]`
Wenn Silas das Verfolgungsspiel spielen wollte, würde sie das Zerstörungsspiel spielen. Indem sie seine Liste bestochener Politiker veröffentlichte, traf sie nicht nur seinen Geldbeutel – sie verbrannte seinen gesamten sozialen und rechtlichen Schutz.
„Sie rammen uns!“ schrie Jax.
_KRACH._
Der SUV krachte in ihren hinteren Stoßfänger. Der Kleinwagen geriet ins Schleudern und wäre beinahe in eine Reihe geparkter Schiffscontainer gedreht.
„Fast… geschafft…“ zischte Clara.
`[UPLOAD ABGESCHLOSSEN. DATEN ÖFFENTLICH.]`
Plötzlich verlangsamte der SUV. Er hielt nicht an, zog sich aber zurück.
„Warum halten sie an?“ keuchte Jax, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen.
Clara sah auf ihr Handy. Die News-Alerts liefen bereits ein. _Vane Capital Skandal: Senatorennamen geleakt._
„Weil Silas gerade hundert Anrufe von sehr mächtigen, sehr wütenden Leuten bekommen hat,“ sagte Clara, ihr Atem beruhigte sich endlich. „Er ist nicht mehr der Jäger. Er ist die Beute.“
Das neue Safehouse
Sie fuhren nicht zurück in die Wohnung. Jax fuhr, bis sie ein schäbiges, neonbeleuchtetes Motel am Stadtrand erreichten. Es war die Art von Ort, an den man ging, um zu verschwinden.
Im Zimmer lag eine schwere Stille. Clara saß auf der Bettkante, das blaue Licht des Laptops war das Einzige, das ihr müdes Gesicht erhellte.
„Er weiß, dass wir in der Stadt sind,“ sagte Jax und prüfte die Jalousien. „Er wird die Flughäfen sperren. Er wird die Brücken sperren. Wir stecken in San Francisco fest.“
Clara sah auf den Bildschirm. _Aether_ lief noch, seine räuberischen Algorithmen wurden stärker mit jedem Datenbit, das es aus Silas’ zusammenbrechendem Imperium fraß.
„Nein,“ sagte Clara, ein neuer Funke Trotz in ihren Augen. „Er denkt, er hat mich in seiner Welt gefangen. Aber er ist derjenige, der jetzt in meiner festsitzt. Jax, ruf deine Kontakte an. Wir verstecken uns nicht mehr. Wir kaufen ein Gebäude.“
Clara sah sich den neuesten Aktienkurs des „Eiskönigs“ an. Er stürzte ab.
„Es ist nur Geschäft, Silas,“ flüsterte sie in den leeren Raum. „Und das Geschäft läuft schlecht.“