kapitel 5

1180 Words
Die Industrie-Druckerei war eine Höhle aus Schatten und kaltem Stahl. In ihrem Inneren summte die Luft vom hohen Fiepen der Server, die auf maximaler Kapazität liefen. Clara saß auf einer Plastikkiste, ihr Laptop ruhte auf einer Metallwerkbank. Sie hatte seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen. Ihre Augen waren rot gerändert, aber ihr Verstand war nie schärfer gewesen. ‎ ‎„Er bewegt sich schnell,“ sagte Jax, ihre Stimme hallte von den hohen Backsteinwänden wider. Sie hockte auf einer Leiter und verdrahtete eine Reihe von Signalstörsendern in die alten Dachbalken des Gebäudes. „Das Auto, das du gesehen hast? Das ist ein Kundschafter. Silas schickt nicht nur ein Team; er zieht einen Perimeter. Er versucht, uns einzukesseln.“ ‎ ‎Clara sah nicht von ihrem Bildschirm auf. „Er will mir Angst machen. Er denkt, wenn er sein Gesicht zeigt, klappe ich zusammen. Er hält mich immer noch für das Mädchen, das ihn um Erlaubnis gefragt hat, ein Kleid für die Gala zu kaufen.“ ‎ ‎„Bist du das?“ fragte Jax und kletterte herunter. ‎ ‎Clara hörte auf zu tippen. Sie sah auf ihre Hände. Sie waren staubig und schmierig vom Ausräumen der Geräte. In London waren ihre Hände immer perfekt manikürt gewesen, weich und nutzlos. Jetzt waren es die Hände einer Erbauerin. ‎ ‎„Das Mädchen, das er geheiratet hat, starb in dem Moment, als er den Fünf-Millionen-Scheck auf den Tisch geworfen hat,“ sagte Clara. „Sie war ‚angemessen‘. Diese Version von mir ist ein Fehler, den er nicht beheben kann.“ ‎ ‎Der Einbruch ‎ ‎Ein schwerer, dumpfer Schlag vibrierte plötzlich durch den Boden. Das war kein Klopfen; das war ein Rammbock. ‎ ‎„Sie sind am nördlichen Ladedock!“ schrie Jax und stürzte zu ihrem Hauptterminal. „Clara, die Firewalls halten, aber die physische Sicherheit nicht. Diese Türen halten keine zehn Minuten gegen professionelles Equipment stand.“ ‎ ‎„Lass sie rein,“ sagte Clara ruhig. ‎ ‎Jax erfror. „Was? Bist du verrückt? Wenn sie den Laptop kriegen, kriegen sie die Verschlüsselungsschlüssel. Silas gewinnt.“ ‎ ‎„Er gewinnt nur, wenn er den richtigen Laptop kriegt,“ erwiderte Clara. Sie stand auf und ging zur Mitte des Raums. „Jax, initiiere die ‚Mirror-Trap‘. Schick den _Aether_-Kern auf die Cloud-Server in Island. Lass eine Attrappen-Version auf den lokalen Laufwerken zurück. Sorg dafür, dass es aussieht, als würden wir verzweifelt versuchen, ihn zu retten.“ ‎ ‎Jax grinste, ihre Zähne blitzten weiß gegen den Schmutz in ihrem Gesicht. „Du lockst ihn an.“ ‎ ‎„Ich gebe ihm genau das, was er will,“ flüsterte Clara. „Die Chance, der Held seiner eigenen Geschichte zu sein.“ ‎ ‎Die Konfrontation ‎ ‎Die Metalltüren stöhnten und gaben schließlich mit einem kreischenden Geräusch zerreißenden Stahls nach. Ein Team von vier Männern in taktischer Ausrüstung trat ein, ihre Taschenlampen schnitten durch die Dunkelheit. Sie schossen nicht; sie waren da, um Vermögenswerte zu sichern. ‎ ‎Ihnen folgend, mit der Anmut eines Panthers über die Trümmer steigend, war Silas Vane. ‎ ‎Er wirkte völlig fehl am Platz in seinem maßgeschneiderten marineblauen Anzug. Der Staub von der zerbrochenen Tür setzte sich auf seinen Schultern ab, aber er klopfte ihn nicht ab. Er ging auf Clara zu, bis nur noch fünf Fuß zwischen ihnen lagen. Das Summen der Server war das einzige Geräusch zwischen ihnen. ‎ ‎„Du siehst müde aus, Clara,“ sagte Silas. Seine Stimme war leise, fast besorgt – sein gefährlichster Tonfall. ‎ ‎„Und du siehst aus wie ein Mann, dessen Aktienkurs gerade auf null gefallen ist,“ erwiderte Clara, das Kinn erhoben. ‎ ‎Silas sah sich in dem verfallenen Gebäude um. „Du hast einen Palast gegen das hier eingetauscht? Für einen Keller in einem Slum? Ich dachte, ich hätte dir mehr beigebracht.“ ‎ ‎„Du hast mir beigebracht, dass alles einen Preis hat, Silas. Ich habe nur beschlossen, dass ich dir zu teuer bin, um mich zu behalten.“ ‎ ‎Silas trat näher, seine meerkalten Augen durchsuchten die ihren. Zum ersten Mal sah er nicht auf ein Tablet. Er sah sie an – wirklich sah er sie an. Ein Flackern von etwas lag in seinem Blick – nicht Liebe, aber eine verdrehte Art von Respekt. ‎ ‎„Gib mir den Laptop,“ sagte er und hielt eine Hand aus. „Der Vorstand ist weg. Die Firma liegt in Trümmern. Aber mit _Aether_ können wir neu aufbauen. Wir können das mächtigste Paar der Welt sein. Keine Verträge mehr. Keine Platzhalter-Rollen mehr. Eine echte Partnerschaft.“ ‎ ‎Clara sah auf seine ausgestreckte Hand. Es war dieselbe Hand, die ihre Scheidungspapiere unterschrieben hatte, ohne mit der Wimper zucken. ‎ ‎„Du verstehst es immer noch nicht,“ sagte sie, ein Lachen stieg in ihrer Kehle auf. „Ich will deine Welt nicht neu aufbauen, Silas. Ich habe mir bereits meine eigene gebaut.“ ‎ ‎Die Falle schnappt zu ‎ ‎Silas’ Stirn legte sich in Falten. „Wovon redest du?“ ‎ ‎„Archimedes!“ rief Silas seinem Fixer zu, der bei den Server-Racks stand. „Sind die Daten sicher?“ ‎ ‎Archimedes sah von seinem Tablet auf, sein Gesicht war blass. „Silas… es ist eine Schleife. Die Daten, die wir ziehen… das ist nicht der Algorithmus. Das ist ein Selbstzerstörungs-Skript.“ ‎ ‎Das Licht in der Lagerhalle sprang auf hellrot. Jeder Bildschirm im Raum begann, ein einziges Bild zu blinken: die digitale Nelke. ‎ ‎„In dreißig Sekunden,“ sagte Clara und sah auf ihre Uhr, „wird _Aether_ einen letzten Trade ausführen. Es wird jeden verbleibenden Vermögenswert verkaufen, der mit dem Namen Vane verbunden ist. Es wird den Erlös an die Opfer der Carrington-Fusion spenden. Bis du dieses Gebäude verlässt, Silas, wirst du nicht nur deinen Job los sein. Du wirst pleite sein.“ ‎ ‎Silas’ Beherrschung brach endgültig. Er stürzte auf sie zu, aber sein eigenes Sicherheitsteam trat zurück, ihre Telefone summten mit dringenden Nachrichten. Sie waren Söldner; sie arbeiteten nicht für Männer, die nicht bezahlen konnten. ‎ ‎„Das würdest du nicht tun,“ zischte Silas, sein Gesicht Zentimeter von ihrem entfernt. „Du würdest dich selbst zerstören, nur um mir wehzutun?“ ‎ ‎„Ich zerstöre mich nicht,“ sagte Clara und wich zurück in die Schatten, wo Jax mit einer Ausstiegsstrategie wartete. „Ich bin diejenige, der die Cloud-Server in Island gehören. Ich bin diejenige mit der einzigen Kopie des echten _Aether_.“ ‎ ‎Sie erreichte die Hintertür, ihre Hand am Riegel. ‎ ‎„Es ist nur Geschäft, Silas,“ rief sie, als die Server hinter ihm zu rauchen und zu funken begannen, die Attrappen-Laufwerke zu nutzlosem Plastik schmolzen. „Und du bist gefeuert.“ ‎ ‎Sie trat hinaus in die San Francisco-Nacht, die kühle Luft füllte ihre Lungen. Hinter ihr blieb der „Eiskönig“ im Dunkeln stehen, umgeben von den Ruinen eines Königreichs, das er nicht mehr regierte. ‎
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