Nadias POV
Mein Kopf pocht schlimm, als würde jemand daraufhämmern. Ich greife mir an die Schläfen und zucke zusammen, als Natalias Stimme den Schmerz durchschneidet.
„Es ist wirklich traurig.“ Sie lehnt sich an meine Kommode, die Arme verschränkt. Ihre Lippen verziehen sich zu einem grausamen Lächeln. „Damien klang so wütend – der Beweis, siehst du, dass er immer noch etwas um dich gibt.“
Früher habe ich so sehr um Damian gegeben, dass ich ihren Lügen geglaubt habe.
Sie hat mir erzählt, Wut bedeute Zuneigung, aber das ist keine echte Zuneigung. Damian gibt nichts um mich. Er hasst mich nur.
Erinnerungen aus meinem früheren Leben ängstigen mich zutiefst. Ich erinnere mich klar an diesen Tag. Ich habe Natalias Getränk getrunken und bin ohnmächtig geworden. Als ich wieder zu mir kam, haben alle mir die Schuld gegeben. Damien war wütend – er hat mich beschuldigt, sein wichtiges Meeting ruiniert und Dokumente aus Eifersucht vernichtet zu haben. Zur Strafe hat er mich stundenlang in einem GP-Tank voller Wasser eingesperrt.
Mein einziger Rettungsanker waren die Schwimmfähigkeiten, die ich als Kind erlernt hatte, als ich heimlich zum See des Rudels geschlichen bin. Ich bin im Wasser getreten, bis meine Muskeln brannten und schließlich versagten – aber es hat mich am Leben gehalten.
Bevor ich etwas sagen kann, stolpere ich auf wackligen Beinen zum Fenster und schaue hinaus. Es ist Damiens schwarzer SUV, der vor dem Rudelhaus abrupt anhält.
Mein Atem stockt. Kalter Schweiß bedeckt meine Haut. Er ist hier. Er wird mich töten.
Natalia beobachtet mich, ihr Lächeln wird größer. „Schau dich an, wie eine erschrockene kleine Maus“, spottet sie und dreht eine Haarsträhne. „Wohin willst du laufen, Nadia? Du kannst dich nicht vor ihm verstecken.“
Mein Herz schlägt so heftig, dass es herauszufallen droht. Ich habe nicht nachgedacht. Ich bin einfach in meinem Nachthemd aus dem Zimmer gerannt. Ich stolpere in den Flur. Mein Kopf rast nach einem Fluchtweg. Das Rudelhaus ist groß, aber jeder Platz fühlt sich wie eine Falle an. Damiens Wut ist wie ein Sturm, dem ich nicht entkommen kann. Ich brauche einen sicheren Ort. Jemanden, der ihn davon abhält, mir wieder wehzutun.
Dann denke ich an Damiens Onkel, Alpha Viktor Blackwood. Er ist wegen des Feiertags hier. Er kommt nie gerne zu Besuch, aber Damiens Vater, sein Bruder, hat ihn angefleht, diesen Feiertag hier im Familiensitz zu verbringen. Viktor ist der Einzige, den Damien fürchtet. Der Einzige, der mir helfen könnte.
Viktor ist nichts wie Damien. Er ist kälter, härter und zeigt keine Gefühle. Als Alpha des Ironclaw-Rudels hat er seine Macht auf Rücksichtslosigkeit aufgebaut. Die Leute sagen, er sehe Frauen nur als Werkzeuge, die man benutzt und wegwirft, niemals als Gleichberechtigte. Macht ist alles für ihn. Er ist Ende vierzig, wirkt aber zeitlos.
Ich habe Geschichten über ihn gehört. Er hat den Alpha eines rivalisierenden Rudels in einem einzigen Kampf besiegt. Er lächelt nie und liebt nicht. Er ist nur gekommen, weil sein Bruder ihn gebeten hat. Damien hasst ihn. Sie streiten sich immer, Damiens heiße Wut gegen Viktors kalte Kontrolle. Aber jetzt ist Viktor meine einzige Hoffnung.
Angst treibt mich an. Meine Füße tragen mich den Flur entlang, vorbei an Bildern der Blackwood-Alphas, die herabschauen. Mein Atem ist kurz, als ich Viktors Tür erreiche. Ich habe nicht geklopft. Ich stoße sie einfach auf und stolpere hinein.
Meine Augen finden Viktor. Er steht am Bett, ein weißes Handtuch tief um die Hüften gebunden. Die Haare auf seiner breiten Brust tropfen noch vom Wasser aus der Dusche. Sein nasses Haar ist zurückgestrichen. Seine grauen Augen fixieren mich so kalt. Er ist nur Muskel und Gefahr, mit Narben an den Armen und einem großen Wolfstattoo auf dem Rücken. Einen Moment lang ist er still. Sein Kiefer spannt sich an, während er mich fragend anstarrt.
Ich habe kein Wort zu ihm gesagt. Ich springe einfach auf sein Bett und ziehe die Laken über den Kopf, wie ein Kind, das sich vor einem Monster versteckt. Mein Herz pocht. Mein Atem geht schnell.
„Was machst du hier?“ Seine Stimme kommt endlich, kalt und bedrohlich. Er reißt die Laken weg, und ich zucke zusammen. Sein großer Körper steht über mir, die Augen kalt. „Verschwinde.“
„Bitte!“ sage ich schnell, knie mich hin und umklammere seine Beine. „Damien ist zurück, und er wird mir wehtun, weil ich ihn im Büro bloßgestellt habe. Natalia hat mich unter Drogen gesetzt, ich schwöre es!“
Viktors Gesicht bleibt hart. Es wird sogar noch kälter. „Nicht mein Problem“, sagt er emotionslos. „Steh auf und geh, oder ich ziehe dich raus.“
„Nein, bitte!“ Ich greife nach seinem Handgelenk. Er versteift sich, seine Augen dunkel und intensiv. Plötzlich spüre ich einen Sog, gefährlich und aufregend, aber ich schiebe ihn beiseite, obwohl mein Wolf sich hier wohlfühlt.
„Ich mache alles. Alles, was du willst. Beschütze mich nur. Lass ihn mich nicht holen.“
Er reißt sein Handgelenk frei und tritt zurück. Seine kalten Augen verweilen auf mir, gleiten über mein durchsichtiges Nachthemd, mein zerzaustes Haar, und dann durchbricht er endlich die Stille.
„Dein Streit mit ihm ist mir egal“, schnauzt er. „Du bist Damiens Eigentum, nicht meins. Kümmere dich selbst um deine Probleme.“
„Ich kann nicht!“ Tränen brennen in meinen Augen. Ich hasse es, schwach zu klingen, aber ich kann nicht anders. „Er wird mich wieder in den Ofen sperren oder Schlimmeres tun! Du weißt nicht, wie schlimm er wird, wenn er wütend ist!“ Das Trauma lässt mich zittern.
Viktors Augenbraue hebt sich ein wenig, aber sein Gesicht wird noch kälter, als wäre er von meiner Antwort überrascht. „Wieder?“ fragt er. Er tritt näher, sein Duft – saubere Seife und etwas Wildes – erfüllt die Luft, während mein Wolf in mir knurrt und begehrt. Mein Herz rast schneller, nicht nur vor Angst, sondern wegen der Art, wie mein Wolf nach der verbotenen Frucht gierig ist.
„Er ist stärker. Er ist der Alpha. Niemand hält ihn auf, nicht meine Eltern, nicht das Rudel. Du bist der Einzige, den er fürchtet! Bitte hilf mir.“ Meine Stimme zittert, während ich zu ihm aufsehe, unsere Blicke verschränkt. Es ist Feuer in seinem Blick jetzt, verborgen unter seiner kalten Persönlichkeit.
„Ich rette keine Menschen.“
„Bitte!“ sage ich lauter, meine Hände fest.
Seine Augen verengen sich. Er kommt näher, sein Schatten bedeckt mich. Seine Hand streift versehentlich meinen Arm und schickt Schauer über meinen Rücken. „Du glaubst, mir ist deine traurige Geschichte wichtig?“ sagt er leise, gefährlich. „Du bist nichts für mich. Weniger als nichts. Verschwinde, bevor ich dich zwinge.“
Ich schüttle den Kopf, Tränen laufen. „Bitte… ich weiß, dass es dir egal ist. Aber du hasst Damien. Benutz mich, wenn du willst. Lass ihn mich nur nicht holen.“ Ich lehne mich vor, stehe auf und komme ihm näher, verzweifelt, meine Hand berührt seine Brust, ziehe mich an ihn heran.
Seine Haut ist heiß unter meinen Fingern. Er zieht sich nicht sofort zurück. Stattdessen greift er mir ans Kinn, sanft aber fest, und neigt mein Gesicht nach oben. Seine Berührung ist elektrisch. Unsere Gesichter sind nah. Ich sehe das Verlangen in seinen Augen, vermischt mit Kontrolle. Kontrolle des Widerstands.
„Tu so, als wäre ich eine deiner Geliebten. Bitte. Mach es glaubwürdig. Damit er abhaut.“
Seine Lippen verziehen sich zu einem dunklen, sexy Lächeln, dem ersten, das ich je gesehen habe. Sein Daumen streichelt langsam und neckend meinen Kiefer. „Du willst das? Sei vorsichtig, Kleine.“ Seine Stimme ist heiser. „Ich esse meine Mahlzeiten nicht einfach. Ich verschlinge sie.“ Die Worte hängen in der Luft und lassen meinen Körper heiß werden. Angst und Verlangen mischen sich in mir. Seine Augen brennen in meine, gefährlich und verlockend. Er beugt sich näher an mein Gesicht. Mein Herz pocht mit einer neuen Art von Nervenkitzel, während ich auf seine nächste Reaktion warte.
Doch dann dringt von draußen Damiens Stimme durch die Wände, kalt und wütend. „Nadia! Wo zum Teufel bist du?“
Ich friere ein. Ich ziehe mich zurück aufs Bett und bedecke mich. Natalias Stimme folgt. „Damien, beruhige dich. Sie versteckt sich wahrscheinlich, weil sie sich für das schämt, was sie getan hat. Ich habe gesehen, wie sie hierhergegangen ist.“
Viktors Augen wandern zur Tür, dann zurück zu mir. „Du bist mehr Ärger, als du wert bist“, murmelt er.
Meine Tränen fließen.
Bevor er sprechen kann, klopft es an der Tür des Zimmers neben Viktors Tür.
„Ich weiß, dass du da drin bist. Komm raus, Nadia, du Schlampe.“ Damien ruft.