Prolog

802 Words
Prolog Luna Odessa „Presse, Luna! Ja, das Baby kommt.“ Reika, die Stimme meines treuen Omegas und meiner Hebamme, drang kaum durch den Schmerz, als ich mich abmühte, meine Babys auf die Welt zu bringen, die sie verbietet. Ja, Zwillinge waren im Blackthorn-Rudel verboten, und als Luna und ihre Mutter musste ich sie heimlich zur Welt bringen. „Mmmmmmm“, hauchte ich, als mich eine weitere Schmerzwelle durchfuhr. Ich biss auf das gefaltete Stück Stoff, das zwischen meinen Zähnen steckte. Ich versuchte so sehr, den Schmerz zu ertragen. „Du bist fast da, Luna, du schaffst das“, flüsterte Reika, während ihre Hände meine zitternden Knie stützten. „Nur noch einmal pressen.“ Mein Griff um die raue Decke unter mir wurde fester. Meine schweißnassen Haare klebten an meinem Gesicht. Ich schloss die Augen, als eine weitere Wehenwelle durch mich hindurchschoss. Und mit aller Kraft presste ich. Mein Körper zitterte, als die ersten schrillen Schreie meines Kindes den engen Raum erfüllten. Mein Körper sackte vor Erleichterung zusammen. „Es ist ein Mädchen“, flüsterte Reika lächelnd, während sie das Baby in ein weiches Tuch wickelte und neben mich legte. „Sie ist stark und gesund.“ Doch bevor ich sie bewundern konnte, traf mich eine weitere Wehenwelle mit voller Wucht. Mein zweites Kind kam. Ich biss die Zähne zusammen und presste. Doch diesmal fühlte sich etwas falsch an. Die Qualen zogen sich hin, mein Körper zitterte, als ich das Kind auf die Welt brachte. Und dann Stille. Reikas Gesicht wurde blass, als sie das zweite Baby in den Armen hielt und ihr den kleinen Rücken rieb, in der Hoffnung, es zu stärken. „Sie lebt“, murmelte sie, „aber schwach.“ Eine seltsame Kälte überkam mich. Meine erschöpften Augen wanderten zwischen ihnen hin und her. Das erste Kind weinte neben mir, voller Leben. Das zweite Kind war klein und still. Mein Herz hämmerte, als die Prophezeiung, die ich vor Monaten erhalten hatte, in meinem Kopf widerhallte: „Du wirst Zwillinge gebären, einen anders als alle Wölfe, die die Königreiche je gesehen haben – stark, mächtig, dazu bestimmt, drei Rudel zu vereinen. Der andere wird gewöhnlich und schwach sein.“ Ich streckte die Hand aus und strich dem ersten Zwilling über die Wange. „Mira“, nannte ich sie. Dann wanderte mein Blick zu dem zerbrechlichen Kind in Reikas Armen. Ein Anflug von Zögern huschte über mein Gesicht, doch er verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Nimm das andere Kind weg.“ Reika blickte scharf auf. „Das andere?“ Ich setzte mich auf, die Erschöpfung der Geburt vergessen, während ich Mira in Felle wickelte. „Du musst sie wegbringen, Reika, weit weg vom Blackthorn-Rudel. Du kannst sie wie dein eigenes Kind aufziehen. Aber niemand aus diesem Rudel darf je erfahren, dass sie hier geboren wurde.“ Reikas Augen weiteten sich, als sie wieder zu Atem kam. „Luna, sie ist immer noch deine –“ „Meine Tochter, ja“, unterbrach ich sie mit entschlossener Stimme. „Aber sie ist nicht die, von der die Prophezeiung sprach. Die Mondgöttin hat mir von Geburt an bei der Entscheidung geholfen. Mira ist das Kind, das die Rudel vereinen wird. Sie ist die Zukunft, also wird sie bei mir bleiben, und ich werde sie selbst großziehen, damit sie ihrem Schicksal folgt. Aber was sie betrifft …“ Ich schluckte, meine Stimme stockte bei dem, was ich als Nächstes sagen wollte: „Sie ist nichts weiter als ein gewöhnlicher Wolf. Sie kann nicht hierbleiben.“ Ich sah das Zögern in Reikas Haltung. „Du musst jetzt gehen. Wenn das Rudel herausfindet, dass ich Zwillinge habe, werden sie beide töten. Willst du das?“ Reika drückte das Baby an ihre Brust, ihr Herz schmerzte. „Gib ihr wenigstens einen Namen“, flehte sie. Ein Anflug von Schuld oder Bedauern durchfuhr mich. Aber ich unterdrückte ihn, bevor er Wurzeln schlagen konnte. Ich wandte den Kopf ab. „Kira“, sagte ich schließlich zu ihr. Reika hielt die Tränen zurück und drückte Kiras kleine Stirn sanft. „Ich werde sie beschützen“, flüsterte sie mit starker Emotion in ihrer Stimme. „Sie hat hier keinen Platz, sie sollte nie zurückkehren“, erinnerte ich sie und drehte Kira ohne einen weiteren Blick den Rücken zu. Mein Ton war endgültig. Meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Mira, die Tochter, die ich auserwählt hatte. Sie war die Zukunft des Blackthorn-Rudels. *** Reika trat zurück und verschwand mit Kira in ihren Armen in der Dunkelheit. Zwei Schwestern, durch Blut verbunden, aber vom Schicksal zerrissen. Der eine wurde erwählt, der andere aufgegeben. Doch das Schicksal hatte seine eigenen Pläne, die selbst Luna Odessa nicht kontrollieren konnte. Dasselbe Schicksal hatte die Angewohnheit, selbst die stärksten Entscheidungen in tiefstes Bedauern zu verwandeln.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD