Jordan Perspektive
Ich wache benommen auf, bevor mein Wecker klingelt, und schalte ihn schnell ab, damit der Lärm weder Sarah noch meinen Vater Maxwell stört. Ich gähne, während ich mich dehne und die Verspannungen in meinem Rücken spüre, verursacht von den alten, durchgelegenen Federn der Matratze, die mich über Nacht eindrücken und ihre Spuren hinterlassen haben. Die eine Decke, die ich besitze, falte ich behutsam zusammen und lege sie auf die Matratze auf dem Boden, bevor ich ins düstere Badezimmer gehe, das Teil des Kellers ist, wo ich schlafe.
Ich habe keine Zeit, unter der Dusche zu träumen, also dusche ich schnell, das Wasser eiskalt. Ich hasse kalte Duschen leidenschaftlich, aber mein Vater hat das warme Wasser hier unten abgestellt als Teil meiner andauernden Strafen. Ich putze mir die Zähne und steige aus der Dusche, drehe das Wasser ab und wickle ein Handtuch um mich. Es passt kaum um meinen Körper, wegen meiner größeren Statur. Ich fröstele und gehe zurück in mein Schlafzimmer, wenn man es so nennen kann, und schnappe mir schnell meine übliche Kleidung. Jeans, ein Sweatshirt und einen übergroßen Hoodie. Ich wusste, es würde keine Rolle spielen, dass die Kinder in der Schule mich trotzdem aufziehen würden, aber ich fühlte mich einfach nicht wohl in eng anliegender Kleidung und zog es vor, meinen Körper so weit wie möglich zu verstecken.
Ich ziehe mich an und gehe dann nach oben in die Küche. Ich mache schnell das Frühstück und mein Vater kommt mit finsterer Miene herein. Als Gamma steht er früh auf, um zu trainieren, und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass jeden Morgen das Frühstück gekocht wird. Er schnuppert in die Luft, der Duft von Speck zieht ihm entgegen, und entspannt sich etwas, während er sich grunzend an den Tisch setzt.
„Guten Morgen, Vater„, sage ich demütig und begrüße ihn höflich.
Er nimmt mich kaum wahr, während er auf den Tisch starrt. Ich lade schnell seinen Teller mit Speck, Eiern, Rösti und Toast voll und bringe ihn zu ihm. Ich hole eine Tasse Kaffee und stelle sie ihm auch vor. Er fängt an zu essen, schnell und leise, während ich einen weiteren Teller mit frischem Obst und Toast fülle. Sarah würde den Speck und das andere leckere Essen, das ich gemacht habe, nicht essen, da es ihrer Meinung nach zu fettig für ihre Figur wäre. Ich spüre, wie ich speichern und mein Magen knurrt, während das übrig gebliebene Essen da liegt.
Sarah kommt herein, ein spöttisches Grinsen auf dem Gesicht. Ihr Gesicht ist wie immer perfekt geschminkt und sie trägt trendige, modische Kleidung. Ihr Rock ist kurz und ihr T-Shirt ist bauchfrei, sodass ihr straffer Bauch sichtbar ist. Es ist schwer, sich neben ihr nicht wie ein Elefant zu fühlen, und angesichts des Lächelns in ihrem Gesicht weiß sie genau, welche Wirkung sie auf mich hat. Sie zieht eine Augenbraue hoch und setzt sich an den Tisch, genau in dem Moment, in dem Vater den letzten Bissen hinunterschluckt.
„Beeil dich“, schnappt sie ungeduldig nach mir und wedelt mit der Hand, dabei genervt guckend. „Ich muss in die Schule, weißt du. Meine Freunde warten auf mich“, fügt sie mit einem höhnischen Grinsen hinzu. „Im Gegensatz zu dir, der niemanden in der Schule hat. Armselig“, sagt sie mit dem Kopf schüttelnd.
Mein Vater bleibt schweigsam sitzen. Er steht auf, schiebt seinen Stuhl zurück. Er ist leger gekleidet für das Training und zieht seine Jacke an. Es ist kalt draußen, man kann den Nebel vom Fenster aus sehen und den Tau auf den Blättern der Bäume, wenn man genau hinsieht. Wenn man Sarah ansieht, habe ich keine Ahnung, wie sie nicht vor Kälte erfriert.
„Ich komme wie immer zur üblichen Zeit nach Hause“, grunzt Vater und beugt sich hinunter, um Sarah auf die Stirn zu küssen. Eine so einfache Geste, aber eine, die mir jedes Mal Tränen in die Augen treibt. Sie schließt die Augen und lehnt ihren Kopf an ihn, eine Zuneigungsgeste. Gott, das tut weh. Es tut so weh, dass meine Brust wie Feuer brennt. Warum konnte er nicht auch so auf mich schauen? Nur einmal hätte ich es geliebt, wenn er mich so geküsst hätte, wie er sie küsst. Wie ein liebevoller Elternteil. Es ist nur eine weitere ultimative Erinnerung daran, wie sehr er mich hasst. Ich schaue weg, als er sich aufrichtet und zur Haustür geht.
Zeige nicht, wie sehr es dich verletzt, Jordan, denke ich mir, während Sarah mich wissend ansieht, lass sie nicht sehen, wie sehr es dich beeinflusst. Sie wird es nur nutzen, um dich zum Weinen zu bringen. Ich konzentriere mich auf meine Atmung und beobachte, wie Sarah genüsslich ihren Joghurt isst und jeden Bissen vor mir auskostet, ihre Augen vor Schabernack glitzern. Ich kenne diesen Blick gut. Es bedeutet, dass sie etwas im Schilde führt. Ich stehe in der Ecke der Küche und wünsche mir, sie würde sich beeilen und gehen. Vielleicht könnte ich dann essen. Mein Magen knurrt laut. Es erfüllt die Küche und meine Wangen brennen vor Verlegenheit. Sarah muss es gehört haben. Wenn sie es gehört hat, zeigt sie es nicht, sie kaut ihr Obst und ihren Toast, während ich sabbernd da sitze. Ich darf erst essen, wenn jedes Mitglied meiner Familie, das heißt Sarah und mein Vater, gegessen hat. Das wurde mir eingebläut. Also zwinge ich mich dazu, den Duft des Essens nicht einzuatmen, obwohl ich immer ungeduldiger werde.
Endlich, als ich dachte, ich würde es nicht mehr aushalten, beendet Sarah ihr Essen und wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab. Sie lässt den Löffel auf den Teller fallen und steht auf, die schmutzigem Geschirr für mich stehen lassend. Sie lacht leise, als sie das Essen noch immer da liegen sieht und neigt dabei leicht den Kopf.
„Na, ich errate mal, du hast Hunger“, sagt sie süß. „Ich habe gehört, wie dein Magen vorhin geknurrt hat. Du Schwein. Hast du gestern Abend nicht zu Abend gegessen?“, bemerkt sie. „Ich denke, das sollte genug für dich sein. Du brauchst kein weiteres Essen, sondern Bewegung und eine Diät. Es ist peinlich, eine Schwester wie dich zu haben.“
Jedes Wort ist wie ein Dolchstoß ins Herz. Ich zucke zusammen und beiße mir auf die Lippe, in der Hoffnung, dass sie ihren Vortrag bald beendet. Sie lehnt sich vor, ihre dunklen Augen begutachten mich von oben bis unten. „Du wirst nie so hübsch sein wie ich, noch wirst du einen Gefährten finden. Welcher Gefährte will schon jemanden wie dich?“ fügt sie hinzu und wirft ihr Haar über die Schulter.
Weine nicht, weine nicht, sage ich zu mir selbst, auch wenn mein Körper anfängt zu zittern. Sie hat gerade meine größte Angst offenbart. Die Leute, die verwandeln, sie haben eine heilige Bindung, die nur mit ihrem Gefährten besteht. Sie beschützen sich gegenseitig und lieben sich ab dem Moment, in dem sie einander in die Augen sehen. Aber sie können auch entscheiden, ihren Gefährten abzulehnen. Der Schmerz dabei ist unerträglich, wenn die Bindung zerbricht, und manche erholen sich nie wirklich von dem Schmerz, von der Ablehnung ihrer zweiten Hälfte. Sie werden entweder zu Verbannten oder verlieren den Verstand, ihre Wölfe werden wahnsinnig und die Gemeindemitglieder sind gezwungen, sie zu töten. Ich wollte mit jeder Faser meines Seins vermeiden, einer von ihnen zu werden.
Was, wenn das mir passiert? Ich spüre, wie Panik in mir hochsteigt, als Sarah mir ein hämisches Grinsen schenkt. Ich bin größer als die anderen Verwandeln-er, der Rest von ihnen sieht aus wie Models. Was, wenn mein Gefährte einen Blick auf mich wirft und schon dort entscheidet, dass ich nicht gut genug bin? Ich träumte von einem Gefährten, der daher kommt und mich verzaubert, aber es gab immer diese Angst in mir davor, dass der Prinz Charming sich als ein Schurke in Verkleidung erweisen könnte. Der Gedanke daran, von meinem Gefährten ungeliebt und ungewollt zu sein, reicht aus, um mich zu zerstören. Ich werde bleich und Sarah setzt mir den Dolchstoß noch tiefer.
„Niemand kümmert sich um dich, nur damit du Bescheid weißt. Selbst wenn du mit achtzehn einen Gefährten findest, garantiere ich dir, dass er dich nie wieder zu Gesicht bekommen will. Warum räumst du uns nicht allen einen Gefallen und bringst dich um? Zumindest musst du nicht die Demütigung einer offenen Zurückweisung ertragen.“
Atme, Jordan, atme. Ein, aus, ein, aus. Meine Hände ballen sich zu Fäusten. Meine Geduld schwindet dahin. Ich halte mich gerade so zusammen.
„Das weißt du nicht“, flüstere ich, „mein Gefährte wird mich lieben, egal was passiert“, sage ich zu ihr und sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht.
„Glaube, was du willst“, zuckt sie mit den Schultern, „ich sage nur, wie es ist. Es ist besser, keine zu hohen Erwartungen zu haben“, sagt sie gemein, „dein Gefährte wird wahrscheinlich ein niedriger Omega sein. Das wäre doch lustig, oder? Ein Omega, der einen anderen Omega ablehnt.“
„Ja, und ich wette, dein Gefährte lehnt dich auch ab, wenn er erst einmal erfährt, was für eine böse Hexe du bist“, zische ich, mein Körper bebt vor innerer Entrüstung.
Ihr Mund klappt auf. Ich spüre einen kurzen Moment des Triumphes. Ich habe es geschafft, sie zu schockieren. Ich habe keine Zeit, mich darüber zu freuen. Ihre Hand schnellt vor und packt meinen Hals, drückt fest zu und unterbricht den Luftfluss zu meinen Lungen. Ich kratze an ihren Händen. Sie schaut mich an, während ich trete und mich wind, mein Gesicht wird blau. Ihr Wolf ist nah an der Oberfläche und gibt ihr die Kraft, mich zu überwältigen. Meine Sicht wird trübe.
„Hör zu, du Schlampe.“, zischt sie, als ich an ihrer Hand kratze und ihr Gesicht sich verzieht.
Kann nicht atmen. Ich kratze an ihren Armen. Sie überragt mich und mit erstaunlicher Kraft, vielleicht nicht so erstaunlich, da sie schon verwandelt hat, schleudert sie mich gegen die Schränke. Mein Körper knallt gegen sie und rutscht dann benommen zu Boden. Ich spüre, wie sich eine Beule an der Rückseite meines Kopfes bildet.
„Versuch niemals, mir zu widersprechen“, sagt sie mit Gift in der Stimme, „du bist nur eine Dienerin, so weit unter mir, dass es lächerlich ist. Es ist eine Schande, dass Vater dich noch nicht umgebracht hat.“
Ich beobachte mit verschwommenen Augen, wie sie sich zu dem übrig gebliebenen Essen hinüber beugt. Ich ringe verzweifelt nach Luft, aber mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich sehe, wie sie es nimmt.
„Lass es“, keuche ich, bettelnd, und sie kichert.
„Du solltest mir dankbar sein, du fetter Mistkerl“, knurrt sie und dann, während ich zuschaue, meine Augen sich langsam wieder fokussieren, wirft sie das Essen einfach so in den Mülleimer direkt vor mir. Sie spuckt darauf, um sicher zu gehen. Es ist abscheulich. Der Mülleimer stinkt und ist bereit, heute entleert zu werden, also ist es keine Option, es wieder rauszuholen. Warum kann sie nicht weniger hasserfüllt sein?
Meine Schultern sacken nach unten. Das sollte mein einziges Essen für den Tag sein, bis nach der Schule. Ich werde den ganzen Tag hungern müssen. Sarah knallt den leeren Teller auf den Tisch, beinahe zerbrochen. Ich zucke zusammen und sehe zu, wie sie ohne ein weiteres Wort die Küche verlässt, das Geräusch der Haustür, die auf und wieder zu geht, als sie zur Schule geht. Ich höre ihr Auto wegfahren. Ich bin ganz allein im Haus. Ich komme zitternd auf die Beine. Ich muss das Geschirr abspülen und zur Schule gehen. Anders als Sarah muss ich zu Fuß gehen und es ist eine gute Strecke entfernt. Die Zeit ist nicht auf meiner Seite, bemerke ich nervös. Aber während ich das Geschirr abwasche, ziehen Tränen meine Wangen hinunter, auch wenn ich verzweifelt versuche, sie wegzublinzeln. Ich erfreue mich daran, von einem schönen Prinzen zu träumen, der sich verzweifelt in mich verliebt und mir seine Hand zur Hochzeit anbietet. Aber Märchen sind nur Märchen, denke ich traurig und die Realität ist viel, viel härter zu bewältigen. Ich blinzele die Tränen weg, beende die Arbeit, schnappe mir meinen Rucksack und verlasse das Haus, als ich den langen, harten Weg zur Schule antrete. Vielleicht hatte Sarah recht, denke ich elendig, vielleicht sollte ich mein Leben wirklich beenden. Aber ein kleiner Teil von mir gibt die Idee, endlich wegzugehen und meine eigene Gemeinde zu finden, die ich als Familie nennen kann.