Erstes Kapitel.Dort, wo das französische Departement Finistère1 tatsächlich schon bald zu Ende ist, liegt im Bezirke Quimper die kleine, uralte Stadt Concarneau. Sie ist von großem malerischen Reiz, der nicht nur auf den grauen Befestigungsmauern, den gewundenen Straßen und den altväterischen Häusern liegt, sondern der auch von dir zerklüfteten Küste ausgeht, auf welcher ein gut Teil der romantischen Geschichte des mittelalterlichen Frankreichs sich abgespielt hat. Ziemlich im Hintergrunde der Bai de la Forest gelegen und fast allseitig von Wasser umspült, nährt sich die gute Stadt vom Sardellenfang und von ihrem — Reiz. Zumeist jedoch, wenigstens in der Neuzeit, von ihrem Reiz, der jährlich Hunderte von Künstlern anzieht, so daß Concarneau mit Recht für eine der am meisten besuchten Malerkolonien gilt.
Aus aller Herren Ländern kommen sie hin, die malbeflissenen Männlein und Weiblein, um mit mehr oder weniger großem Geschick die unnachahmliche Durchsichtigkeit der Wogen und die ebenso unnachahmlichen Tinten der Lust, die sich über diesem interessanten Erdzipfel mit zuweilen ganz unbeschreiblich schönen Dunstgebilden schmückt, nachzuahmen.
Und nicht nur vor jeder pittoresken Felspartie und jeder alten Mauer, die sich zwischen Concarneau und dem ihm benachbarten Fischerdörfchen Pont-Aven erhebt, haben schon Staffeleien gestanden, auch draußen im Meere, auf den kleinen Glenainseln, wird der Pinsel fleißig gehandhabt, werden in allen Sprachen der Welt Kunstgespräche geführt, gleiten entzückte, suchende, abschätzende Augen über die nur zuweilen lächelnde, meist aber großartig ernste Natur.
Kurzum Concarneau gehört den Malern!
An einem Februartag des Jahres 1884 gingen Jan Frit, ein junger Antwerpener Künstler, und ein etwa vierzigjähriger, eleganter Herr langsam die Hafenstraße entlang.
Es war ein ungemein stürmischer Tag. Die schweren Wolkenmassen lagerten fast auf dem Meere, das, jetzt glanzlos und düster, unter tollem Lärm gegen den Kai anschlug und die Schiffe, welche gut verankert im kleinen Hafen lagen, einen hüpfenden, fast lächerlichen Tanz ausführen ließ. Ein feiner Sprühregen, der schon seit Stunden niederging und alles triefen machte, begann soeben, sich in einen richtigen Guß zu verwandeln.
»Nun, Herr König, haben Sie noch nicht genug Feuchtigkeit an und um sich?« fragte Jan Frit lächelnd, indem er den Kragen seines Überrocks aufschlug.
»Lassen Sie mich nur noch ein bißchen den für mich so seltenen Anblick genießen,« bat König. »Man hatte recht, als man mir sagte, daß Concarneau unter allen Umständen prächtige Stimmung hat.«
»Es ist tatsächlich so,« gab der Niederländer zu. »Trotzdem jedoch freue ich mich auf ein Glas Burgunder bei Papa Briac.«
Eine Weile noch genoß der andere das interessante Schauspiel, welches die aufgeregte See bot, die sich das alte Städtchen holen zu wollen schien, dann bogen die beiden Herren in ein krummes Gäßchen ein, woselbst Papa Briac eine gemütliche Weinstube hielt, in welcher das Künstlervolk sich besonders gern zusammenfand.
»Sie werden mich heute mit le Jeune bekannt machen?« fragte König
»Und mit Fleury und der hübschen Miß Kildonan, einem reisenden Weibe,« setzte der junge Maler hinzu.
»Das ist die Dame, deren ›Klippenküste bei Sturm‹ in Paris so großen Anklang fand? Das Bild hat auch mir imponiert.«
»Dieselbe. Hoffentlich wird die niedliche Miß Ihnen nicht weniger gefallen als ihr Bild.«
»Werde ich auch ihr Atelier sehen können?«
»Atelier? — Wenn Sie ihr Kämmerchen so nennen wollen — warum denn nicht? Die kleine Kildonan, die eine so große Künstlerin ist, lebt nämlich in ziemlicher Dürftigkeit.«
»O!«
»Ja. Die Kritik« — Jan Frit verbeugte sich bei diesen Worten gegen seinen Begleiter — »ist natürlich einstimmig für sie, aber das Publikum kauft ihre Bilder nicht. Die Kildonan hat eben einen richtigen schottischen Hartkopf, sie macht dem Geschmack derer, die kaufen könnten, nicht das geringste Zugeständnis. Und die meisten verstehen ihre allerdings ein wenig eigenartige Kunst nicht«
Jan Frit wollte noch allerlei über die von ihm vermutlich nach zwei Richtungen hin verehrte Kollegin sagen, aber da wurden seine Gedanken plötzlich von ihr abgelenkt.
Eine alte, ein wenig absonderlich aussehende Dame kam eilig aus einem Hause. Sie war sichtlich bekümmert und dachte in ihrem Kummer nicht daran, das alte Seidenkleid, das um ihre hagere Gestalt hing und das von einem einst prächtig gewesenen, jetzt fast schon schäbig wirkenden Samtmantel teilweise bedeckt war, aufzunehmen, sondern sie zog die Schleppe achtlos hinter sich her.
»Aber Madame Malachow — in diesem Wetter gehen Sie auf die Straße«?« redete Frit die Frau an, indem er höflich den Hut vor ihr abnahm.
Frau Malachows welkes Gesicht erhellte sich ein wenig, als sie Frit erkannte. Sie reichte ihm die Hand. »Ich muß zum Doktor,« sagte sie seufzend, »Iwan geht es heute ziemlich schlecht.«
»Das Wetter — das abscheuliche Wetter! Heute geht es keinem Menschen gut,« suchte Frit Frau Malachow zu trösten. »Aber ich will selbst den Doktor holen. Gehen Sie nur wieder hinauf. — Ich kann Sie natürlich hier nicht stehen lassen,« wendete er sich ohne jede Verlegenheit an König, »Sie gehen am besten mit Frau Malachow. Im Atelier Iwans finden wir uns wieder.«
Damit war der ausnahmsweise sehr lebhafte Niederländer schon fort.
So blieb denn König nichts anderes übrig, als der alten Dame, die ihn mit freundlicher Geste dazu einlud, zu folgen.
»Nur wenn das Atelier, in welchem ich Herrn Frit erwarten soll, tatsächlich ein Raum ist, in welchem ich niemand störe, nehme ich Ihre Erlaubnis an, gnädige Frau,« sagte König zu seiner Führerin.
»Mein Sohn wird gar nicht wissen, daß er einen Gast hat. Kommen Sie also ruhig mit, mein Herr.«
In der ersten und einzigen Etage des Hauses angelangt, führte Frau Malachow ihren Gast in einen großen, hellen Raum, dessen Ausstattung bewies, daß er ernster Arbeit gewidmet war. »Wollen Sie es sich hier bequem machen!« sagte sie mit der eigenartigen Aussprache der Russen, nickte ihm freundlich zu und verließ das Atelier
König sah sofort, daß er sich hier nicht langweilen würde, fand überhaupt, daß er in diesem guten Concarneau aus einer Anregung in die andere fiel. Natürlich war er darüber vergnügt und gab sich diesem Vergnügtsein mit vollem Behagen hin.
Daß in diesem Atelier nicht nur ein tüchtiger Mann sich eifrig seiner edlen Kunst hingab, was eine größere Anzahl vollendeter und begonnener Bilder bewies, sondern daß auch sorgende Frauenhände da walteten, konnte man aus der fast peinlichen Sauberkeit erkennen, welche hier überall herrschte und welche durch etliche Kleinigkeiten, die sozusagen über den hübschen Raum hingestreut worden waren, anmutig gemacht wurde. Gestickte Kissen und Teppiche, die reichlich vorhanden waren, nahmen dem sonst einfach eingerichteten Raum alle Kahlheit, und einige hübsch gestellte Gruppen verschiedener Pflanzen verliehen ihm eine große Freundlichkeit.
Ein Umstand jedoch befremdete den berühmten Kunstkritiker. Es gab da keine farbenbesetzte Palette, keine nassen Pinsel und kein Bild auf der Staffelei, vor welcher König jetzt nachdenklich stand, nachdem er mit Freude und Bewunderung und auch mit einem gewissen grüblerischen Staunen die vorhandenen fertigen Kunstwerke betrachtet hatte. Der Künstler, welcher all dies geschaffen, war wohl ernstlich krank, der hatte wohl schon seit längerer Zeit den Pinsel aus der Hand gelegt.
»Wie schade, wenn es für immer wäre!« dachte König und ließ sich soeben in dem Sessel nieder, der vor der leeren Staffelei stand, als eine wohlklingende Stimme sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr, daß wir Sie so lange allein ließen.«
König hatte sich sofort wieder erhoben und verneigte sich vor der jungen Dame, welche auf ihn zu ging.
»Mein Fräulein,« sagte er, »gestatten Sie mir, mich Ihnen vorzustellen, ehe ich Ihnen meinen Dank für den Genuß ausspreche, den ich hier im Atelier Ihres lieben Kranken gefunden habe.«
Sie lächelte und schüttelte das Haupt, indem sie in ihrer hübschen fremdklingenden Weise fortfuhr: »Das ist unnötig, Herr König. Jan Frit, der soeben mit dem Doktor gekommen ist, hat Frau Malachow und mir bereits gesagt, wen wir im Hause haben. Da bin ich denn sogleich gegangen, Sie im Namen Iwans — ich bin seine Braut — zu begrüßen; es tut mir wohl, daß Sie, der große, der unbestechliche Kunstkritiker, von ›Genuß‹ sprachen.«
Das junge Mädchen streckte König beide Hände entgegen, und er beeilte sich, diese trotz mancher Arbeitsspuren schönen Hände kameradschaftlich zu schütteln, denn die junge Dame flößte ihm große Sympathie ein.
Sie waren bald in ein Gespräch vertieft, im Verlaufe dessen sie erfuhr, daß Doktor Hans König ständiger Mitarbeiter einer großen österreichischen Zeitung sei, daß er einen vierzehntägigen Urlaub erhalten habe, um verschiedene Kunstausstellungen zu besichtigen, daß ein Pariser Bekannter ihm geraten habe, nach Concarneau zu gehen, und daß er, wiewohl höchst befriedigt von diesem Ausflug, dennoch schon mit merkbarer Sehnsucht an seine Vaterstadt Wien denke, denn dort sollte — man schrieb jetzt den 27. Februar — am 3. März seine Verlobung gefeiert werden.
Er hatte recht launig seine Reise geschildert und hatte auch mit seinem Glücksgefühl nicht zurückgehalten, und das tat ihm jetzt leid, denn er bemerkte soeben, daß seiner Zuhörerin schöne Augen voll Tränen standen.
»Ich bin roh,« sagte er reuig. »Ich habe Ihnen weh getan. Ich vergaß, daß Ihr eigenes bräutliches Glück getrübt ist. Verzeihen Sie mir. Hoffentlich ist die Krankheit Ihres Verlobten nicht derart, daß sie zu ernster Besorgnis Anlaß gibt?«
Er erschrak über die Wirkung seiner Worte. Das Mädchen war in bitteres Weinen ausgebrochen.
»Mein Fräulein —« sagte er, »ich bitte —«
Da nahm sie sich zusammen und sagte leise: »Iwan ist so schwer krank, daß wir das Schlimmste fürchten müssen.« — Und plötzlich fuhr sie sehr lebhaft fort: »Deshalb freut es mich so innig, daß Sie, dessen Ruf auch hier bekannt ist, an seinen Werken Gefallen finden.«
»So großes Gefallen, mein Fräulein, daß ich mich sehr darüber wundere, Ihren Verlobten, der ein ganz bedeutender Künstler ist, noch in keiner Ausstellung vertreten gesehen zu haben, und daß ich mich schäme, eingestehen zu müssen, daß mir sein Name bis vor einer Stunde durchaus fremd war.«
Er hatte sich bei seiner lebhaften Entgegnung unwillkürlich erhoben, und auch die junge Dame war aufgestanden. Er sah sie verwundert an. Sie benahm sich aber auch so, daß sie Verwunderung erregen mußte.
Ihre Augen, die seltsam aufgeblitzt hatten, waren jetzt hartnäckig auf den Boden gerichtet, ihre Wangen wechselten wieder und wieder die Farbe, und sie schien ihre Zähne nur deshalb in die Unterlippe zu graben, um sich so selber am Reden zu verhindern.
Endlich redete sie aber doch, machte eine Bemerkung und ging sonderbarerweise auf ein weitab liegendes Thema über. »O, ich kenne Wien auch! War schon mehrmals dort.« Und dann fragte sie: »Sie besuchen vermutlich jede bedeutende Kunstausstellung?« Dabei sah sie ihm wieder voll, ihm schien es sogar lauernd, ins Gesicht.
Natürlich mußte er bejahen. Sie aber verfolgte diesen Gegenstand nicht weiter, was ihn auch wieder befremdete.
Es entstand eine Pause der Verlegenheit, die König schließlich damit beendete, daß er abermals an eines der Bilder, die an der Wand hingen, herantrat und dessen Vorzüge in streng sachlicher Art zu beleuchten begann, wobei sie ihm mit Interesse zuhörte.
»Auf eines bin ich noch nicht gekommen,« beendete König nachsinnend seine Kritik, »darauf nämlich, wer auf Iwan Malachow, der heute wie ein neuer Stern für mich aufgeht, Einfluß genommen hat. Ich kenne nämlich diese Art, den Pinsel zu führen, diese besondere Art der durchsichtigen Untermalung schon. Sie ist wohl von ein und demselben Meister auf mehrere seiner Schüler übergegangen, und ich habe diese Art zu malen schon irgendwo anders gesehen.«
»Und Sie finden sie gut, diese Art zu malen?« Des Mädchens Gesicht hatte wieder den scharf forschenden Ausdruck von vorhin.
»Ganz meisterhaft!« sagte König. »Wo kann ich sie denn nur schon gesehen haben?«
»Iwan verkauft seine Bilder alle nach Amerika,« sagte, auch wieder recht unvermittelt, die junge Dame und griff — merkwürdigerweise zitterte ihre Hand dabei — nach einem Medizinschächtelchen, das auf dem Tische lag, neben welchem sie stand. In der Tat — ihre Hand zitterte, denn das runde Schächtelchen entglitt ihr und rollte ein gutes Stück über den Boden.
König wollte es aufheben, ging deshalb dem Schächtelchen nach und griff danach; da rollte es noch ein Stückchen weiter, unter eine Etagere, auf deren Fächern volle Mappen lagen.
»Bitte, lassen Sie doch die Schachtel, sie ist leer.«
»Mich dünkt, daß ich hier vor einer Art Schatzkammer stehe,« sagte König, und seine Augen konnten sich dabei von einem Bildchen nicht trennen, das auf einer der Mappen lag. Schließlich langte er danach.
»Ah — das ist ja prächtig, ganz prächtig!« rief er, sich in den Anblick des Bildchens versenkend, geradezu begeistert aus. »O, bitte, lassen Sie mich mehr von den intimen Arbeiten Ihres Verlobten sehen! In seinen Skizzen, in seinen Entwürfen lernt man ja eigentlich einen Künstler am genauesten kennen.«