Zweites Kapitel.-1

2012 Words
Zweites Kapitel.Doktor Haus König kam gegen elf Uhr Nachts in seiner Wiener Wohnung an, einem reizend gelegenen Gartenpavillon im neunzehnten Stadtbezirke. Die Frau, welche ihn schon seit längerer Zeit bediente, und welche ihr bescheidenes Logis in einem der nächsten Häuser hatte, erwartete ihn, geschäftig fragend, ob er denn gut gefahren sei und ob er wohl auch schon gegessen habe; auf alle Fälle habe sie Tee, Eier und Schinken hergerichtet. Aber er hatte schon auf dem Bahnhofe gespeist, stellte die appetitlich servierten Eßwaren dem alten Weiblein zur Verfügung, verabschiedete sie und ging zu Bett, um die sich merklich machende Reisemüdigkeit gründlich auszuschlafen. Aber der Schlaf wollte lange nicht kommen, und als er sich endlich doch einstellte, kam der Traum mit ihm — ein sehr lebhafter Traum, aus welchem König plötzlich erwachte. Er fand nicht sogleich zur Wirklichkeit zurück, er mußte sich erst eine gute Weile besinnen. Dann setzte er sich mit einem Ruck aufrecht und sagte laut und mit großer Bestimmtheit: »Jan Frit hat recht, das Mädchen denkt vollkommen normal.« Das sagte der Doktor ganz vernehmlich, und dann wartete er gar nicht mehr auf den Schlaf — er wußte ja, daß der in der heutigen Nacht doch nicht mehr zu ihm kommen werde. Stunde um Stunde schlich in schier unerträglicher Langsamkeit hin. Endlich aber dämmerte es doch. Königs Verlobungstag brach an. Aber wessen der Doktor merkwürdigerweise nur ganz flüchtig gedachte, das war — seine Braut. Und er liebte sie doch so herzlich, seine hübsche, zarte Lena, er nahm sich allen Ernstes vor, sie recht, so recht glücklich zu machen. Und trotzdem hatte er jetzt, von einer quälenden Ungeduld getrieben, kaum einen Gedanken für sie. Es war noch nicht acht Uhr Morgens, als er schon auf seinem Rade saß und nach dem ersten Bezirk fuhr. Das Künstlerhaus war sein Ziel. Er war da wohl bekannt. »Ah, der Herr Doktor sind schon zurück! Und in aller Früh geb’n S’ uns schon die Ehr’!« Mit diesen Worten empfing ihn der Diener, der das Vestibül reinigte, stellte schnell den Besen in eine Ecke und wollte König seines kurzen Mantels entledigen. Dieser jedoch wehrte ihn freundlich ab und ging eiligst in die Ausstellungsräume, welche für den allgemeinen Besuch noch unzugänglich waren, denn noch hingen nicht alle Bilder, noch waren nicht alle für die morgen zu eröffnende Frühjahrsausstellung angenommenen Skulpturen an den für sie bestimmten Plätzen untergebracht. Ganze Wagenladungen von Topfpflanzen und Teppichen harrten noch geschickter Hände, welche sie an passenden Stellen unterbringen sollten. Ganze Berge von Kisten verschiedensten Formates waren noch zu umgehen, wenn man von einem der Säle in den anderen gelangen wollte, und recht unharmonisch war auch der Lärm, welcher derzeit in den sonst so vornehm stillen Räumen herrschte, denn da wurde an allen Ecken und Enden noch genagelt und gehämmert, riefen die Arbeiter einander dies und jenes zu, und gaben die gestrengen Mitglieder der Hängekommission ihre Anweisungen und Befehle. Durch all diesen Wirrwarr und Lärm schlängelte sich der Kritiker, bis er in einem der großen Seitensäle anhielt. Da war es bereits säuberlich und still. Lang, sehr lange blieb König, welcher jede Begleitung abgelehnt hatte, in diesem Saale, und als er endlich ging, geschah es im Zustande großer Zerstreutheit. Er bemerkte nicht, daß einer der Herren von der Hängekommission, ein berühmter Maler, ihn gegrüßt hatte, ihm die Hand entgegenstreckte, er hörte auch den Gruß des Dieners nicht, der ihm die Tür öffnete, und er vergaß sogar sein Rad, das er dem Hausdiener in Verwahrung gegeben hatte. In Gedanken versunken ging er nach seiner Redaktion. Er fand erst einen einzigen seiner Kollegen vor. Diesem sagte er, daß er gestern nacht angekommen sei, daß er den heutigen Tag zur Ordnung etlicher Privatangelegenheiten benützen müsse, da er Abends seine Verlobung feiern wolle, morgen werde jedoch das Blatt den die Eröffnung der Kunstausstellung betreffenden Artikel ganz bestimmt bringen können. Danach betrat Doktor König einen Blumenladen, der seine prächtige Auslage gegen die Ringstraße zu hatte, kaufte einen herrlichen Strauß blaßroter Rosen, winkte einen Fiaker herbei und fuhr nach Hause, woselbst er rasch Toilette machte. Eine halbe Stunde, nachdem er seine Wohnung wieder verlassen hatte, hielt sein Fiaker, ein echter Wiener Schnellfahrer, vor einer ziemlich tief in einem herrlichen Garten gelegenen Villa in Hietzing. Es war ein sehr geräumiges Landhaus, und es war im gemütlichen Stile längst vergangener Zeiten gebaut, Zeiten, in denen man mit Licht und Luft und mit dem Raum noch nicht zu sparen gewohnt war. Königs künftiger Schwiegervater, der Kommerzienrat Ludwig v. Mühlheim, ein reicher Seidenwarenfabrikant, hatte dieses überaus vornehme Landhaus schon seit etwa dreißig Jahren in Besitz. Es sah heute schon recht altväterisch aus, aber gerade das war Mühlheim lieb. Er hütete sich, irgend welche einschneidende Veränderungen in diesem, ihm von vielen mißgönnten Besitz vorzunehmen, denn andernfalls hätte das uralte Wappen, welches angenehm auffallend über dem breiten Tore angebracht war, lächerlich gewirkt, so aber gehörte es eben zu dem Hause, wie der großartig angelegte Park mit seinen Baumriesen, seiner Eremitage, seinen steifen Sandsteinfiguren und Felsengrotten dazu gehörten, die nicht nur auf das ehrwürdige Alter dieses Besitzes, sondern auch auf dessen vornehme Zeit hindeuteten. Der Kommerzienrat v. Mühlheim war ein wenig eitel. Er war kein gewöhnlicher Geldprotz. Er wollte nur das durch seine Tüchtigkeit und viel Glück sehr bedeutend gewordene Vermögen in angenehmer Art genießen und zur »Gesellschaft« gerechnet werden. Zu ersterem war ihm eine einigermaßen glänzende Häuslichkeit und zu letzterem war ihm das Bekanntsein mit angesehenen Menschen nötig. Als seine Töchter heranwuchsen, hatte er eine Zeitlang daran gedacht, durch sie mit dem alten Adel in Berührung zu kommen, aber diesen Gedanken hatte er, nachdem er sich etliche adelige Freier näher betrachtet hatte, bald fallen lassen. Seine älteste Tochter Edwine und sein herziges Naturkind Lena waren ihm denn doch viel zu lieb, um sie Männern zu geben, die um die Töchter warben, aber das Geld meinten. Wirklich vornehme, nicht nur ihrem Namen nach vornehme Bewerber waren eben im Hause des ehemaligen Fabrikanten nicht erschienen. Mit dieser Art, sich in die »Gesellschaft« einzuführen, war es also nichts. Da fiel es dem wackeren Kommerzienrat ein, daß es ja auch einen »Geistesadel« gäbe. Er fing an, sich mit Künstlern bekannt zu machen, und da er seit jeher viel Geschmack in seiner Lebensführung bewiesen hatte und somit auch den Künsten gegenüber kein Fremder war, gelang es ihm bald, einen Bekanntenkreis zu gewinnen, welcher ihm nicht nur viel Vergnügen, sondern auch Ehre einbrachte. Sein gemütliches und elegantes Heim war schließlich ein gern besuchter Sammelplatz so mancher geworden, welche in der Kunstwelt bedeutende Rollen spielten. Unter denen, die gern, sogar sehr gern in Mühlheims Hause verkehrten, befand sich auch König. Daß dieser nicht nur eine glänzende Anstellung, sondern auch ein recht beträchtliches Vermögen besaß, war Mühlheim sehr recht, denn so brauchte er ihm, da der Doktor sich um Lenas Herz und Hand zu bewerben begann, nicht zu mißtrauen und brauchte der wachsenden Liebe seines Kindes kein Hindernis in den Weg zu legen, ja konnte mit Befriedigung des Doktors Aussprache entgegensehen. Diese war knapp vor Königs Reise erfolgt, und heute abend sollte die Verlobung im Kreise der Intimen des Hauses gefeiert werden. Als der Wagen Königs vor dem prächtigen Gittertor der Villa hielt, tauchten an einem Fenster derselben ein paar blonde Köpfe auf. »Da ist er ja, der Heißersehnte!« rief der Inhaber des einen, ein etwa sechzehnjähriger Bursche, dem der Übermut aus den blitzenden blauen Augen schaute. Das hübsche Mädchen an seiner Seite war rot geworden. »Geniere dich nur nicht. Eile ihm doch entgegen,« meinte der Junge, die Schwester zärtlich anstoßend. »Laß das sein, Erich,« unterbrach ihn in ruhiger, aber doch bestimmter Weise sein Hofmeister, der auch ans Fenster getreten war, um den jungen Herrn ohne viele Umstände aus dem Salon zu führen. Erich Mühlheim ließ es sich ohne weiteres gefallen, schon deshalb, weil er, wie er zu behaupten pflegte, für Rührszenen keine Schwäche besaß — dann aber wohl auch, weil »dieser Herr Braun« nun einmal bezüglich seiner ja doch der Herr »über Leben und Tod« war. Übrigens verging Erich nicht gerade in Furcht vor seinem Präzeptor, denn im Hinausgehen schrie er noch ein paarmal, wiewohl Braun ihm lachend den Mund zuhielt: »Auf den Flügeln der Liebe! Auf den Flügeln der Liebe!« Lena aber eilte nicht hinunter, sie schaute leuchtenden Auges dem geliebten Manne entgegen und nickte ihm, der heraufgrüßte, zu. Da legte sich ein Arm um ihre Schultern. Edwine, Lenas ältere Schwester, war es, die ihr jetzt liebevoll in die Augen sah. »Bist du sehr glücklich?« fragte sie lächelnd. Lena nickte nur, dann schloß sie plötzlich ihre Arme um Edwine und preßte sie leidenschaftlich an sich, während sie ihr zuflüsterte: »So glücklich, daß ich mir’s — neben dir — gar nicht verzeihen kann.« Edwine machte sich sanft frei. Ruhig schaute sie in der Schwester Augen, und sanft lächelnd entgegnete sie: »Laß dich’s nicht kränken, daß ich für meine Person mit dieser Seite des Lebens fertig bin.« »Du wirst wirklich nie einen anderen lieben?« »Nie!« war die feste Antwort. Dann ging Edwine aus dem Zimmer. Von draußen her wurden rasche Schritte hörbar. Der schmerzliche Zug, der soeben noch auf Lenas lieblichem Gesichte gelegen, schmolz wie Schnee im Sonnenschein. Jetzt tat sich die Tür auf — im nächsten Augenblick hielt König, der jetzt alles andere vergessen hatte, die Geliebte in den Armen. Und er sagte, der sonst so Beredte, nichts als ein paarmal, tief aufatmend: »Mein Glück! Du mein süßes, herziges Glück!« Ein Viertelstündchen gönnte man den beiden, dann kamen die Familienmitglieder eines nach dem anderen herein, um König zu begrüßen, und bald vereinte ein gemütliches Frühstück die fröhlich Plaudernden, denen König verschiedenes von seiner Reise erzählen mußte. Plötzlich schwieg er und brach ein wenig unvermittelt die Schilderung seiner Fahrt von Paris nach Concarneau ab. Und es war doch gar nichts Unangenehmes vorgefallen. Es war nur ein Eilbrief an den Kommerzienrat gekommen, in welchem einer der für heute abend geladenen Gäste die angenommene Einladung nicht etwa rückgängig machte, sondern nur bat, um eine Stunde später kommen zu dürfen, da er eine unabweisbare Abhaltung habe. Selbiger Gast — er hieß Viktor Colmar — hätte auch ganz fortbleiben können; den beiden Liebenden war er gleichgültig, und Edwine — um deren Gunst dieser Herr sich leidenschaftlich bewarb — war ihm geradezu abgeneigt. Dieser Brief also konnte an Königs schlechter Laune keine Schuld haben. Der Kommerzienrat, der kein Freund schlechter Launen und stockender Gespräche war, fand rasch neue Themata und war schließlich, weil es nun einmal wie ein kalter Hauch über der kleinen Tafelrunde lag, froh darüber, daß sein künftiger Schwiegersohn durch seine Berufspflichten gezwungen war, bald wieder zur Stadt zurück: zukehren. König mußte nicht nur noch einmal die Ausstellung besuchen, er mußte Nachmittags auch noch sein Referat schreiben, das er sonst wohl erst Abends seinem Blatte zuzustellen pflegte, das aber heute schon früher fertig sein mußte, da König ja heute abend anderes zu tun hatte, als an Kunstkritiken zu denken. Gegen zwölf Uhr verabschiedete sich König denn auch und fuhr nach der Ausstellung, die um ein Uhr eröffnet werden sollte. Er langte eine halbe Stunde früher dort an und begab sich sogleich in die Ausstellungsräume,woselbst jetzt schon alles an Ort und Stelle gebracht und jede Spur der fieberhaften Tätigkeit, welche vor Stunden da noch geherrscht hatte, völlig verwischt war. Noch war dem Publikum der Zutritt nicht freigegeben worden, dennoch aber herrschte schon ziemlich viel Bewegung in den verschiedenen Sälen, denn es waren nicht nur die Berichterstatter der Zeitungen, sondern auch viele Künstler anwesend, welche den intimen Genuß, den nun einmal der Eröffnungstag bietet, haben wollten. Man konnte die Maler plaudernd, die Journalisten Notizen machend, da und dort beisammenstehen oder von Bild zu Bild gehen sehen. Auch König war jetzt nur Kritiker. Er schaute, notierte, plauderte über seine Reise und sprach sich über dieses und jenes Kunstwerk aus. Daß seine Augen dabei jemand suchten, der nicht kam, bemerkte keiner. — Nachdem die Eröffnungsfeierlichkeit vorüber war, schrieb König im Vestibül auf eine Visitenkarte wenige Zeilen. Sie lauteten: »Ich muß Sie unbedingt heute noch sprechen. Bin bis sechs Uhr zu Hause.« Die mit Umschlag versehene Karte übergab er einem Dienstmann mit dem Auftrage, den Brief sofort zu besorgen. Darauf nahm er einen Fiaker, der auch sein Rad mitnahm, und fuhr nach Hause.
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