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Emma
Das fröhliche Lächeln meiner Großeltern begrüßt uns, als wir händchenhaltend das Haus betreten, und ich weiß, dass ich das Richtige getan habe, indem ich Marcus bleiben ließ – auch wenn es für mich weitere Herzschmerzen bedeutet.
Denn ich meinte, was ich sagte.
Ich ziehe nicht bei ihm ein.
Ich werde ihn nach unserer Rückkehr aus Florida nicht einmal mehr sehen.
Im Moment habe ich jedoch keine andere Wahl, als so zu tun, als sei er mein Freund. Oder zumindest ein Mann, mit dem ich mich regelmäßig treffe. Denn ich will meinen Großeltern nicht um halb eins erklären müssen, warum ich einen Mann wegschicke, der den ganzen Weg von New York hierhergeflogen ist, um mit mir zusammen zu sein – einen gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der zweifellos alles ist, was sie sich von meinem zukünftigen Partner wünschen.
Abgesehen von dem Teil, in dem ich nicht so bin, wie er es sich wünscht – und das Oma und Opa zu erklären, wäre viel zu schmerzhaft gewesen. Ich wäre in Tränen aufgelöst, und sie meinetwegen am Boden zerstört gewesen. Und sehr, sehr enttäuscht.
Sie haben sich offensichtlich Hoffnungen gemacht, so sehr, dass sie ihren Nachbarn von ihm erzählten.
Natürlich werde ich ihnen irgendwann die Wahrheit sagen müssen, aber es muss nicht heute Abend sein – oder zu irgendeinem Zeitpunkt während dieses Besuchs. Denn Marcus hatte recht: Es würde das Thanksgiving meiner Großeltern ruinieren. Es ist ihr Lieblingsfeiertag, weshalb ich immer versuche, einzufliegen, um ihn mit ihnen zu verbringen. Beide mögen Weihnachten nicht, weil es laut Oma zu kommerziell ist, aber sie lieben alle Traditionen des Thanksgiving.
Nein, es ist am besten, wenn ich ihnen von der Trennung erzähle, sobald ich wieder in New York bin. Sie werden immer noch verärgert sein, aber es wird über Skype einfacher sein, so zu tun, als ginge es mir gut. Im Moment sind meine Gefühle zu verwirrt, zu ungestüm, besonders wenn Marcus hier einfach so auftaucht. Ich verstehe nicht, warum er hier ist, warum er versucht, es so aussehen zu lassen, als könnten wir eine Zukunft haben, wenn es mehr als offensichtlich ist, dass …
»Habt ihr beiden Turteltauben alles geklärt?«, fragt Opa, steht von der Couch auf, als wir das Wohnzimmer betreten, und bevor ich antworten kann, nickt Marcus und lächelt breit.
»Das haben wir, danke. Emma war einfach nur verärgert, dass ich Mary bereits alles verraten hatte. Sie wollte diejenige sein, die euch beiden sagt, dass wir zusammenziehen werden.«
Ich sehe rot. Das tue ich buchstäblich.
Zuerst habe ich Angst, dass die Blutgefäße in meinen Augen durch die Wutexplosion in mir aufgeplatzt sind, aber dann stelle ich fest, dass mir ein Teil meiner Haare ins Gesicht gefallen ist. Ich streiche sie aus der Stirn und öffne den Mund, um Marcus zu zerreißen – auch meine gute Miene zum bösen Spiel hat ihre Grenzen –, als Oma mädchenhaft aufkreischt und nach vorne stürmt.
»Oh, das ist so aufregend«, freut sie sich und nimmt uns beide in eine parfümierte Umarmung. Sie tritt zurück und dreht sich um, um Opa anzustrahlen. »Sind das nicht die besten Nachrichten aller Zeiten, Ted?«
»In der Tat«, sagt Opa, während Marcus aus irgendeinem Grund niest. »Wir sind so froh, dass Emma endlich aus dieser Kellerwohnung herauskommt. Mary hat mir gesagt, dass sie bei dir einziehen wird, richtig?«
»Das ist richtig«, sagt Marcus, während ich versuche, die richtigen Worte zu finden, um diesen Wahnsinn zu widerlegen. »Meine Wohnung hat viel Platz für Emma und ihre Katzen.«
»Was ist mit deiner Arbeit?«, fragt Opa mich. »Dein Buchladen ist in Brooklyn, wie willst du da hinkommen, wenn du in Manhattan wohnst?«
»Oh, das habe ich auch schon gefragt«, antwortet Oma, bevor ich zu Wort komme. »Marcus’ Privatfahrer«, sie grinst bei diesen Worten, »wird sie jeden Tag in den Buchladen fahren und wieder zurückbringen. Und da das Apartment in Tribeca liegt, nur ein paar Blocks vom Tunnel entfernt, wird die Fahrt nicht viel länger dauern als ihre derzeitige Pendelei – du weißt schon, mit dem Gehen zur U-Bahn, dem Warten auf den Zug und alldem.«
Sie haben bereits die Logistik meines Arbeitsweges besprochen?
Ich bin sprachlos vor Wut. Buchstäblich sprachlos.
»In der Tat«, sagt Marcus, während ich gegen meine gelähmten Stimmbänder ankämpfe. »Es wird auch so viel sicherer für sie sein. Ihr kennt den Zustand dieser Züge heutzutage. Außerdem wird dieser Winter voraussichtlich kälter sein als sonst, und sie wird es im Auto gemütlich und warm haben.« Mit einem zärtlichen Blick zieht er mich an seine Seite und küsst mir auf den Kopf.
Oma sieht aus, als würde sie gleich vor Freude schmelzen, und selbst Opa schnieft, als wäre er den Freudentränen nahe.
Die vernichtende Erwiderung, die ich im Begriff war zu entfesseln, erstirbt auf meinen Lippen. Denn was für ein Arschloch wäre ich, wenn ich ihnen das hier verderben würde? Solange ich mich erinnern kann, haben sich meine Großeltern um mich gesorgt, zuerst aus Angst, dass meine soziopathische Mutter ihre Tochter – mich – vernachlässigen würde, und dann, dass meine Kindheit mit ihr bleibende Narben in meiner Psyche hinterlassen hat. Mit dieser Sorge vermischen sich tiefsitzende Schuldgefühle, dass ihre Tochter so geworden ist, wie sie war, zusammen mit dem Bedauern, dass sie das Sorgerecht für mich nicht eingeklagt haben, als ich klein war.
»Ich dachte immer, sie würde zu sich kommen und ihr Verhalten ändern, weil sie erkennen würde, wie schädlich es für dich, ihr Kind, war«, vertraute sich Oma mir weinend an, nachdem meine Mutter gestorben war, und ich als dumme Elfjährige ihnen erzählte, wie es gewesen war, mit ihr zu leben. »Aber das hat sie nie getan, oder? Wir hätten dich ihr schon vor Jahren wegnehmen sollen, zur Hölle mit den Anwaltskosten und Gerichten, die die Mutter begünstigen.«
Opa denkt genauso – weshalb es nach meinem College-Abschluss jede Überredungstaktik in meinem Arsenal brauchte, um die beiden zu überzeugen, endlich in den Ruhestand zu gehen und nach Florida zu ziehen. Sie hatten mich in Brooklyn mehr als nur ungern allein gelassen, aber ich hatte gewusst, dass das ganze Jahr über Sonne und Leben am Strand ihr Lebenstraum war, weshalb ich standhaft geblieben war und behauptet hatte, ich sei erwachsen und bräuchte meine Unabhängigkeit.
Schließlich gaben sie nach – nur um sich weiterhin Sorgen um mich zu machen. Obwohl sie jahrzehntelang in New York gelebt haben, erschreckt sie jetzt alles an der Stadt, von den Menschenmassen über die Winter bis hin zu der Art und Weise, wie sie ein ständiges Ziel für Terroristen ist. Und die Tatsache, dass ich dort völlig allein lebe, macht es noch unendlich schlimmer, denn sie stellen sich immer wieder vor, dass ich krank werde oder mich verletze und niemand da ist, der sich um mich kümmert.
Deshalb ist das, was Marcus ihnen verspricht, für sie so reizvoll. Sicherheit, Wärme, Liebe und Unterstützung – er hat genau die Dinge angeboten, die meine Großeltern für mich wollen, und mich damit in eine Ecke gedrängt.
Ich kann ihnen diese Freude nicht verwehren, auch wenn sie nur kurz anhält.
Anstatt also Marcus mit der vollen Wucht meiner Empörung zu vernichten, trete ich unauffällig aus seiner Umarmung heraus und sage: »Es ist schon spät. Lasst uns morgen weiter darüber reden.« Nachdem ich die Gelegenheit hatte, den lügenden, manipulativen Scheißkerl unter vier Augen anzuschreien.
»Natürlich.« Oma strahlt. »Kommt, ich habe das Gästezimmer für euch beide vorbereitet.«
Moment mal. Gästezimmer. Meint sie ein Zimmer? Da es sich um Florida handelt, haben meine Großeltern zwei freie Schlafzimmer, von denen eines gleichzeitig das Wohnzimmer und auch Büro von Opa ist – und ich hatte angenommen, dass sie Marcus in das eine und mich in das andere Zimmer stecken würden, wie es sich gehört. Aber das scheint nicht zu geschehen.
Ein flaues Gefühl breitet sich in meinem Magen aus, und ich folge Oma mit Marcus auf den Fersen aus dem Wohnzimmer.
»Hier ist es«, sagt sie und öffnet eine Tür zu einem gemütlichen, sanft beleuchteten Zimmer mit einem ordentlich gemachten Queen-Size-Bett und einem angeschlossenen Bad. »Alles sauber und bereit für euch.«
Lieber Gott. Bitte erschieß mich jetzt.
Ich hatte noch nie einen Freund, der bei meinen Großeltern übernachtet hat, denn als ich das letzte Mal ernsthaft mit jemandem zusammen war – meinem College-Freund Jim – lebten sie noch in Brooklyn, in einem umgebauten Zwei-Schlafzimmer-Apartment, das ich mit ihnen teilte. Es war kaum größer als meine jetzige Wohnung, und die Wände waren superdünn, so dass Jim und ich unsere Zeit im Haus seiner Eltern in Long Island verbrachten.
Was bedeutet, dass ich keinen Präzedenzfall habe, mit dem ich dies vergleichen könnte. Dennoch würde die Logik diktieren, dass die meisten Großeltern – selbst so liberale wie meine – ihre Enkelin nicht dazu ermutigen würden, vorehelichen s*x unter ihrem eigenen Dach zu haben.
Natürlich waren meine Großeltern nie wie die meisten, aber ist ein bisschen Prüderie zu viel verlangt?
Ich möchte wirklich, wirklich nicht das Bett mit Marcus teilen.
Oder besser gesagt … nach diesen hirnschmelzenden Küssen draußen will ich es viel zu sehr.
»Danke, Mary. Das sieht toll aus. Wir wissen eure Gastfreundschaft wirklich zu schätzen«, sagt Marcus, der wieder die Führung übernimmt, bevor ich herausfinden kann, wie ich mit dieser Entwicklung umgehen kann. Und warum gehen meine Großmutter und er so vertraut miteinander um?
Sind sie Kumpels geworden, während sie auf Opa und mich gewartet haben?
Er geht um mich herum, als er mit meinem Koffer in der einen Hand und einem Seesack, der wohl sein Gepäck ist, in der anderen den Raum betritt. Wahrscheinlich hat er die Sachen aus dem Wohnzimmer geholt, als ich nicht hinsah – aber wie kann er überhaupt Gepäck haben? Um so schnell hierherzukommen, muss er gleich nach meiner Abreise in ein Flugzeug gesprungen sein.
Hat er eine Übernachtungstasche in seinem Privatjet, falls er auf die Schnelle einer Frau nachjagen will?
Moment, warum mache ich mir Sorgen um sein Gepäck, wenn wir gezwungen sind, uns ein Bett zu teilen? Das ist keine praktikable Schlafsituation. Überhaupt nicht. Angesichts von Marcus’ intensivem Sexualtrieb und der Tatsache, dass ich in Flammen aufgehe, wenn er mich auch nur anhaucht, ist es ziemlich sicher, dass wir, sobald sich diese Tür schließt, in der Horizontalen landen werden – und das darf nicht passieren, weil ich sonst den Verstand verliere. Ich muss Oma auf jeden Fall um getrennte Zimmer bitten. Aber wie kann ich das tun, ohne die ganze Täuschung einzugestehen? Sie und Opa haben mich in einem Bademantel bei ihm zu Hause gesehen, also kann ich nicht gerade so tun, als ob unsere Beziehung nicht schon so weit fortgeschritten wäre.
Während ich mit diesem Dilemma kämpfe, stellt Marcus beide Taschen ab und beginnt, meinen Koffer auszupacken. Er nimmt meine Kleidung heraus und legt sie mit der ruhigen Selbstsicherheit eines Mannes, der jedes Recht hat, sich um meine Sachen zu kümmern, in ordentlichen Stapeln auf das Bett. Zu jeder anderen Zeit würde mein Kiefer auf dem Boden aufkommen, aber nach alldem, was heute Abend passiert ist, lässt mich seine Verwegenheit ziemlich kalt.
Was mich stört, ist, dass meine Großmutter bei dieser arroganten Zurschaustellung heller strahlt. Für sie muss es so aussehen, als ob wir schon vollkommen eingespielt sind, wie ein altes Ehepaar. Wahrscheinlich denkt sie, dass Marcus mir hilft, indem er für mich auspackt, anstatt seine Handlungen als das zu sehen, was sie sind: eine rücksichtslose Übernahme meines Lebens. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie Opa erzählt, was für ein netter Mann Marcus ist, so häuslich und fürsorglich und organisiert.
Jetzt hängt er gerade meine T-Shirts im Schrank des Gästezimmers auf. Nach Farben geordnet, von hell bis dunkel. Wie ein Serienmörder.
Er muss derjenige mit einer Zwangsstörung sein, nicht sein Butler.
»Gute Nacht, Liebling. Gute Nacht, Marcus«, sagt Oma, bevor ich eine Lösung für das Bettenproblem finden kann. »Schlaft schön.«
Nach einer schnellen Umarmung eilt sie davon, und dann bleibt mir keine Wahl mehr.
Während ich mich fühle, als müsste ich einen Drachenhort betreten, balle ich die Fäuste und gehe ins Gästezimmer.