Was der Grat weiß-a

1002 Words
Die Gestalt trat ganz ins Licht der Veranda, und Lena stockte der Atem. Alpha Hadley. Kanes Vater. Er stand direkt hinter der Schulter ihrer Mutter, die Hände vor der Brust verschränkt, mit einer Art von Stille, die von jahrzehntelanger Übung herrührte, seine wahren Gefühle zu verbergen. Er wirkte nicht überrascht, Lena zitternd auf der untersten Stufe stehen zu sehen. Er sah eher aus wie ein Mann, der lange auf genau diesen Moment gewartet hatte und auf schreckliche Weise erleichtert war, dass er endlich gekommen war. „Lena.“ Die Stimme ihrer Mutter brach erneut, ihre Hand streckte sich nach ihr aus und sank wieder zu Boden, als Lena nicht danach griff. „Komm herein. Bitte. Das ist kein Gespräch für die Veranda.“ „Nein.“ Lenas Blick blieb auf Alpha Hadley gerichtet. „Ich glaube, das ist genau das Richtige für die Veranda. Ich würde mir wünschen, dass es jeder in diesem Rudel hört, so wie jeder in der Halle vor einer Stunde mitansehen musste, wie dein Sohn mich gedemütigt hat.“ Etwas huschte über das Gesicht der Alpha – nicht direkt Scham, aber fast. „Lena, du verstehst nicht, in welcher Lage wir waren …“ „Dann erklär es mir.“ Ihre Stimme wurde lauter, so scharf, dass im Nachbarhaus das Licht anging. Es war ihr egal. „Denn aus meiner Sicht haben meine eigene Mutter und der Vater meines Alphas mein ganzes Leben lang bestimmt, was ich über mich selbst wissen darf.“ Ihre Mutter zuckte zusammen, als hätte sie einen Schlag getroffen. „So war es nicht.“ „Wie war es dann?“ Lenas Hände ballten sich zu Fäusten. „Weil mir gerade ein Fremder auf dem Bergrücken gesagt hat, meine Verbindung zu Kane sei nur vorgetäuscht. Erfunden. Eine Tarnung für etwas, das du vor dreiundzwanzig Jahren begraben hast. Er erzählte mir von einem Massaker, dass ich die Einzige bin, die es überlebt hat, und dass das Ablehnungsritual, das Kane heute Abend vollzogen hat, gar keine Ablehnung war – es war das letzte Puzzleteil eines Siegels, das all das verborgen hielt.“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort, die Wut wich endlich etwas Roherem. „Also sag mir, dass ich mich irre, Mom. Sag mir, dass er lügt. Denn ich wünsche mir so sehr, dass diese Nacht nur der schlimmste Herzschmerz meines Lebens ist und nichts weiter.“ Ihre Mutter antwortete nicht sofort. Das war Antwort genug. Alpha Hadley trat vor, und Lenas Mutter legte ihm die Hand auf den Arm – nicht, um ihn zurückzuziehen, sondern um sich an ihm abzustützen, was Lena mehr sagte, als ihnen beiden wahrscheinlich bewusst war. Dreiundzwanzig Jahre geteilter Geheimnisse veränderten Menschen. Es ließ sie sich auf unbewusste, kleine Weise aneinander stützen, über die keiner mehr nachdenken musste. „Alles, was man dir gesagt hat“, sagte Alpha Hadley mit leiser, bedächtiger Stimme, der Stimme eines Mannes, der bedingungslosen Gehorsam gewohnt war, „wurde dir gesagt, um dich am Leben zu erhalten.“ „Überlebt wovon?“, fragte Lena eindringlich. „Von denen, die die Ashwood-Blutlinie ausgelöscht haben“, sagte er, „und die dich sofort geholt hätten, sobald sie erfahren hätten, dass auch nur ein Teil von ihnen überlebt hat.“ Die Nacht wurde ganz still. Selbst der Wind schien still zu sein, als ob der Wald selbst sich beugte, um zu lauschen. „Es stimmt also“, flüsterte Lena. „Alles.“ Die Fassung ihrer Mutter brach endgültig. Sie kam die Stufen herunter, griff nach Lenas Händen, und diesmal ließ Lena sie zu ergreifen, zu benommen, um sich loszureißen. „Du warst sechs Monate alt“, sagte ihre Mutter, Tränen liefen ihr nun ungehindert über die Wangen. „Ich war dabei in der Nacht, als es geschah. Ich war die Einzige, die dich retten konnte, bevor sie ihr Werk vollendeten.“ „Du warst dabei?“, fragte Lena mit schwacher Stimme. „Du kanntest das Ashwood-Rudel?“ „Ich bin in es hineingeboren.“ Der Griff ihrer Mutter verstärkte sich, verzweifelt, als fürchtete sie, Lena könnte verschwinden, sobald sie losließ. „Ich bin vor dem Massaker fortgegangen, habe in Crimson Moon eingeheiratet und mir hier ein Leben aufgebaut, das nichts mit meiner Herkunft zu tun hat. Und dann deine richtige Mutter – Lena, ich bin nicht deine Mutter. Ich war es nie. Ich habe dich in der Nacht aufgenommen, als alle anderen, zu denen du gehörtest, ermordet wurden, und ich habe dich wie mein eigenes Kind aufgezogen, weil es der einzige Weg war, dich am Leben zu erhalten.“ Lenas Knie gaben nach. Sie spürte, wie Kanes Hand ihren Ellbogen von hinten umfasste – sie hatte ihn nicht einmal den Weg entlang folgen hören, nicht bemerkt, dass er ihr so nahe gekommen war – und für einen verwirrenden Augenblick war es nur der Mann, der sie eine Stunde zuvor öffentlich gedemütigt hatte, der sie aufrecht hielt. „Du bist nicht meine Mutter“, wiederholte Lena, die Worte schmeckten ihr fremd im Mund. Einundzwanzig Jahre voller Geburtstage, Gutenachtgeschichten, einer Frau, die sich vor zwei Nächten im Küchenlicht die Haare flocht und ihr sagte: *In diesem Kleid wird er sich an dich erinnern* – all das auf einer Lüge dieses Ausmaßes. „Ich bin deine Mutter, in jeder Hinsicht, die zählt“, sagte ihre Mutter – *nicht* ihre Mutter, sondern eine Fremde in der Gestalt der einzigen Mutter, die Lena je gekannt hatte – mit Nachdruck. „Ich habe dich geliebt, seit ich dich aus dem brennenden Haus gerettet habe. Das war nie eine Lüge.“ „Aber alles andere war es.“ Lena riss ihre Hände los und wich zurück, bis sie gegen Kanes Brust hinter ihr stieß. Diesmal wich sie nicht zurück. Sie hatte nicht die Kraft, diesen Kampf noch zusätzlich zu all dem anderen, was um sie herum zusammenbrach, auszutragen. „Die Bindung zu Kane. Der Grund, warum er mich zurückgewiesen hat. Alles – arrangiert. Erschaffen. Ein Käfig, der wie Schicksal aussehen sollte, damit ich nie Fragen stelle.“
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