KAPITEL EINS

2280 Words
KAPITEL EINS Detective Mackenzie White bereitete sich auf das Schlimmste vor, als sie an diesem Nachmittag durch das Maisfeld wanderte. Die Maisstängel, gegen die sie im Hindurchlaufen mit ihrer Jacke strich, erzeugten ein dumpfes Geräusch, das ihr auf die Nerven ging. Es schien ihr, als ob die Lichtung, die sie suchte, meilenweit entfernt wäre. Als sie sie schließlich erreichte, blieb sie wie angewurzelt stehen und wünschte sich, an jedem anderen Ort zu sein. Dort hing der tote, größtenteils nackte Körper einer Frau in ihren Dreißigern an einer Stange, auf ihrem Gesicht war der Ausdruck der Angst und des Leids eingebrannt. Es war ein Ausdruck, den Mackenzie sich wünschte, nie gesehen zu haben – und sie wusste, dass sie ihn nie wieder vergessen könnte. Auf der Lichtung standen fünf Polizisten, die jedoch nichts Bestimmtes taten. Sie versuchten, beschäftigt auszusehen, doch sie wusste, dass es nur Schau war. Sie war sich sicher, dass keiner von ihnen so etwas schon einmal gesehen hatte. Mackenzie erkannte sofort, nachdem sie die blonde, an die hölzerne Stange gefesselte Frau sah, dass viel mehr dahintersteckte. Etwas, mit dem sie noch nie zu tun gehabt hatte. So etwas geschah normalerweise nicht in den Maisfeldern Nebraskas. Mackenzie näherte sich der Leiche und ging langsam um sie herum. Währenddessen konnte sie die Augen der anderen Polizisten auf sich spüren. Sie wusste, dass einige von ihnen dachten, dass sie ihren Job zu ernst nähme, denn sie schaute sich alles immer einen Hauch zu genau an und suchte nach Bedrohungen und Verbindungen, die fast schon absurd schienen. Sie war eine junge Frau, die in den Augen vieler Männer auf dem Revier zu schnell die Position eines Detectives erreicht hatte, das war ihr bewusst. Sie war eine ehrgeizige junge Frau, die etwas größeres im Visier hatte, als Detective in einer Kleinstadt mitten in Nebraska zu sein. Mackenzie ignorierte sie und konzentrierte sich stattdessen voll und ganz auf die Leiche, wobei sie die Fliegen wegscheuchte, die überall herumschwirrten. Insbesondere kreisten sie um den toten Körper der Frau, wo sie eine kleine schwarze Wolke bildeten, denn die Hitze war nicht gerade geeignet für eine Leiche. Es war schon den ganzen Sommer lang heiß gewesen und es fühlte sich so an, als ob sich all diese Wärme auf dieser Lichtung des Maisfeldes aufgestaut hätte. Mackenzie trat näher heran und betrachtete die Frau, wobei sie versuchte, die Übelkeit und eine Welle der Traurigkeit zu unterdrücken. Der Rücken der Frau war mit Striemen übersät. Sie schauten alle gleich aus, woraus Mackenzie schloss, dass sie wohl von dem gleichen Instrument verursacht wurden. Ihr kompletter Rücken war voller Blut, das mittlerweile getrocknet und klebrig war. Die Rückseite ihres Tangas hatte sich ebenfalls damit vollgesaugt. Als Mackenzie ihren Rundgang beende, trat ein kleiner und doch kräftiger Polizist zu ihr heran. Sie kannte ihn gut, auch wenn sie ihn nicht sonderlich mochte. „Hallo Detective White“, sagte der Polizeichef Chief Nelson. „Chief“, gab sie zurück. „Wo ist Porter?“ In seiner Stimme lag nichts Herablassendes, doch sie konnte es trotzdem spüren. Dieser abgehärtete Polizeichef in seinen Fünfzigern, der aus der Gegend kam, wollte nicht, dass eine fünfundzwanzigjährige Frau versuchte, den Fall zu lösen. Walter Porter, ihr vierundfünfzig Jahre alter Partner wäre für diesen Job am besten geeignet. „Auf der Straße“, antwortete Mackenzie. „Er redet gerade mit dem Bauer, der die Leiche gefunden hat. Er wird bald wieder hier sein.“ „Okay“, sagte Nelson, der sich sofort besser zu fühlen schien. „Was halten Sie von dem hier?“ Mackenzie wusste nicht, wie sie die Frage beantworten sollte. Sie wusste, dass er sie testete. Das hatte er von Anfang an getan, sogar bei unscheinbar kleinen Dingen auf dem Polizeirevier. Das tat er bei keinem der anderen Polizisten und Detectives und sie war sich ziemlich sicher, dass er es bei ihr nur tat, weil sie jung und eine Frau war. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass es mehr als nur ein dramatisch aufgezogener Mord war. Sie konnte ihren Verdacht jedoch noch nicht begründen. Waren es die zahlreichen Striemen auf ihrem Rücken? War es die Tatsache, dass die Frau einen Körper wie aus einem Männermagazin hatte? Ihre Brüste waren definitiv nicht echt und wenn Mackenzie schätzen müsste, dann würde sie vermuten, dass auch ihr Hintern operiert worden war. Sie trug ziemlich viel Makeup, das teilweise verschmiert und durch die Tränen aufgelöst war. „Ich denke“, sagte Mackenzie, als sie schließlich auf Nelsons Frage einging, „dass das hier ein reines Gewaltverbrechen war. Ich glaube nicht, dass die Gerichtsmediziner Anzeichen einer Vergewaltigung werden feststellen können. Die meisten Männer, die eine Frau für s*x entführen, missbrauchen sie nicht auf solche Weise, auch wenn sie vorhaben, sie danach umzubringen. Die Art ihrer Unterwäsche lässt darauf schließen, dass sie in einem provokativen Milieu tätig war. Um ehrlich zu sein, würde ich aufgrund ihres Makeups und der üppigen Fülle ihrer Brüste alle Stripclubs in Omaha anrufen und nachfragen, ob letzte Nacht eine ihrer Tänzerinnen verschwunden ist.“ „Das ist bereits geschehen“, erwiderte Nelson selbstgefällig. „Die Tote heißt Hailey Lizbrook, sie ist dreiundfünfzig Jahre alt, hat zwei Kinder und war eine Mittelklassetänzerin im Club The Runway in Omaha.“ Er ratterte die Fakten herunter, als ob er eine Bedienungsanleitung vorlesen würde. Mackenzie nahm an, dass er schon lange genug eine Position innehatte, in der Opfer keine Menschen mehr waren, sondern einfach nur Rätsel, die gelöst werden mussten. Doch Mackenzie, die erst seit ein paar Jahren in dem Gebiet arbeitete, war nicht so abgehärtet und herzlos. Sie betrachtete die Frau mit zwei Augen, mit dem einen versuchte sie herauszufinden, was passiert war, aber mit dem anderen sah sie auch die Frau, die zwei Kinder zurückgelassen hatte – zwei Söhne, die den Rest ihres Lebens ohne ihre Mutter verbringen müssten. Dass die Frau als Mutter von zwei Kindern Stripperin war, führte Mackenzie zu der Annahme, dass sie Geldprobleme gehabt haben musste und dass sie so gut wie alles dafür getan hätte, um für ihre Kinder zu sorgen. Doch nun war sie hier, an einen Pfahl gefesselt und von einem gesichtslosen Mann schwer misshandelt – Ein Rascheln der Maisstängel hinter ihr unterbrach ihren Gedankengang. Sie drehte sich um und sah wie sich Walter Porter seinen Weg durch den Mais bahnte. Als er auf die Lichtung trat und den Dreck sowie die Maisgrannen von seinem Mantel wischte, machte er einen genervten Eindruck. Er schaute sich einen Moment lang um, bevor sein Blick auf Hailey Lizbrooks Leiche am Pfahl fiel. Auf sein Gesicht legte sich ein überraschter Ausdruck, sein ergrauter Schnurrbart zog sich in einem seltsamen Winkel nach rechts. Dann schaute er zu Mackenzie und Nelson, zu denen er schnell trat. „Porter“, sagte der Polizeichef. „White löst den Fall bereits. Sie ist ziemlich scharfsinnig.“ „Das ist sie manchmal“, entgegnete er abweisend. So war es immer. Nelson machte ihr in Wirklichkeit kein Kompliment. Tatsächlich zog er Porter damit auf, ein junges Mädchen am Hals zu haben, das aus dem Nichts auftauchte und die Position eines Detectives ergattert hatte – das hübsche junge Mädchen, das nur wenige Männer über Dreißig auf dem Polizeirevier ernst nahmen. Und Porter konnte das bei Leibe nicht ausstehen. Während sie es genoss, zuzusehen, wie Porter sich unter den Neckereien wand, war es das nicht wert, sich unzulänglich oder nicht geschätzt zu fühlen. Immer wieder hatte sie Fälle gelöst, bei denen die anderen Männer nicht weiterkamen, und sie wusste, dass sie sich dadurch bedroht fühlen. Sie war gerade einmal fünfundzwanzig, viel zu jung, um sich in dem Beruf, den sie einmal geliebt hatte, ausgebrannt zu fühlen. Aber jetzt, da sie an Porter und diese Polizeistation gebunden war, fing sie an, ihren Beruf zu hassen. Porter machte Anstalten zwischen Nelson und Mackenzie zu treten, um ihr zu bedeuten, dass es jetzt seine Show war. Mackenzie bemerkte, wie sie so langsam anfing zu kochen, doch sie schluckte es herunter. Das tat sie schon seit drei Monaten, seit ihr aufgetragen wurde, mit ihm zusammenzuarbeiten. Vom ersten Tag an hatte Porter kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sie nicht mochte. Immerhin war sie der Ersatz für Porters vorherigen Partner, mit dem er achtundzwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, und der laut Porter aus dem Dienst entlassen worden war, um einer jüngeren, weiblichen Kollegin Platz zu machen. Mackenzie ignorierte dieses offenkundige Fehlen von Respekt, sie ließ es nicht zu, dass es ihre Arbeitseinstellung beeinflusste. Ohne ein Wort zu verlieren ging sie zu der Leiche. Sie schaute sie sich genau an. Es tat ihr innerlich weh, sie so genau zu betrachten, und doch war sie davon überzeugt, dass er keine Leiche gab, die sie so sehr treffen würde, wie die erste, die sie je gesehen hatte. Sie hatte schon fast den Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr jedes Mal, wenn sie einen Tatort betrat, die Leiche ihres Vaters vor Augen hatte. Aber an diesem Punkt war sie noch nicht ganz angekommen. Sie war sieben Jahre alt gewesen, als sie das Schlafzimmer betreten und ihn auf dem Bett in einer Pfütze seines eigenen Blutes liegend gesehen hatte. Seitdem bekam sie das Bild nicht mehr aus dem Kopf. Mackenzie suchte nach Beweisen dafür, dass es sich nicht um ein Sexualdelikt handelte. Sie sah keine Kratzspuren oder blaue Flecken an ihren Brüsten oder am Hintern, auch fand sie kein Blut an ihrem Schambereich. Dann schaute sie die Hände und Füße der Frau an und fragte sich, ob es sich vielleicht um einen religiösen Mord handeln könnte, doch weder an den Handflächen, Fußknöcheln noch an den Füßen konnte sie Anzeichen einer Kreuzigung feststellen. In dem kurzen Bericht, den sie und Porter erhalten hatten, stand, dass die Kleider des Opfers noch nicht gefunden wurden. Mackenzie hielt es für Wahrscheinlich, dass sie der Mörder entweder noch bei sich oder schon entsorgt hatte. Das deutete darauf hin, dass er entweder sehr vorsichtig oder fast schon grenzwertig besessen war. Wenn man hierzu noch die Tatsache hinzuzählte, dass seine Tat in der letzten Nacht sehr wahrscheinlich nicht aus einem sexuellen Motiv heraus begangen hatte, dann erhielt man einen schwer fassbaren und kalkulierenden Mörder. Mackenzie zog sich zum Rand der Lichtung zurück, um die gesamte Szene in sich aufzunehmen. Porter warf ihr einen Seitenblick zu, dann ignorierte er sie einfach und wandte sich wieder seinem Gespräch mit Nelson zu. Sie bemerkte, dass die anderen Polizisten sie beobachten. Zumindest einige von ihren verfolgten ihre Arbeit. Sie hatte ihre Stelle mit dem Ruf, außerordentlich klug zu sein und war von der Mehrzahl ihrer Ausbilder auf der Polizeiakademie geschätzt worden. Hin und wieder stellten ihr jüngere Polizisten – sowohl Männer als auch Frauen – ernstgemeinte Fragen und holten ihre Meinung über einen Fall ein. Andererseits war ihr auch bewusst, dass ihr einige der Männer, die sich ebenfalls auf der Lichtung befanden, anzügliche Blicke zuwarfen. Sie wusste nicht, was schlimmer war: die Männer, die auf ihren Hintern starrten, wenn sie vorbeiging, oder diejenigen, die hinter ihrem Rücken das kleine Mädchen auslachten, das die Rolle eines knallharten Detectives spielen wollte. Als sie die Szene betrachtete, überkam sie wieder der nagende Verdacht, dass etwas hier einfach nicht stimmte. Sie hatte das Gefühl, ein Buch zu öffnen und die erste Seite einer Geschichte zu lesen, von der sie wusste, dass sie voller Intrigen stecken würde. Und das ist gerade erst der Anfang, dachte sie. Ihr Blick wanderte zu dem Dreck um die Stange und sah ein paar Fußabdrücke, die aussahen, als ob jemand beim Gehen seine Füße nicht richtig hochgehoben hätte, doch daraus konnte man keine Abzüge erstellen. Ebenfalls entdeckte sie fast schon geschwungene Linien auf dem Boden. Sie ging in die Hocke, um sich die Spuren näher anzuschauen. Dabei fiel ihr auf, dass die geformten Abdrücke nebeneinander verliefen und den hölzernen Pfahl umrundeten, sodass der Eindruck entstand, dass ihr Verursacher mehrmals um ihn herumgegangen sein musste. Dann betrachtete sie wieder den Rücken der Frau und bemerkte, dass die Striemen auf der Haut in etwa die gleiche Form hatten wie die Spuren auf dem Boden. „Porter“, sagte sie. „Was ist denn?“, fragte er, verärgert, dass sie ihn einfach unterbrochen hatte. „Ich glaube, ich habe die Spuren der Waffe gefunden.“ Porter zögerte einen Moment, bevor er zu der Stelle ging, an der Mackenzie im Dreck kauerte. Als er neben ihr in die Hocke ging, stöhnte er leicht auf und sie konnte hören, wie sein Gürtel knirschte. Er wog etwa fünfundzwanzig Kilo zu viel, was sich immer deutlicher machte, je weiter sich diese Zahl der dreißig näherte. „Eine Art Peitsche?“, vermutete er. „Schaut so aus.“ Sie untersuchte den Boden, wobei sie den Spuren im Sand bis hin zum Pfahl folgte – dabei fiel ihr etwas Anderes auf. Es war so unauffällig, so klein, dass sie es fast nicht gesehen hätte. Sie ging zu dem Pfahl, darauf bedacht, die Leiche nicht zu berühren, bevor die Forensiker sie nicht untersucht hatten. Wieder ging sie in die Hocke, doch diesmal bekam sie die volle Nachmittagshitze zu spüren, die sie niederdrückte. Unerschrocken rückte sie mit ihrem Kopf näher an den Pfahl heran, so nah, dass sie ihn fast mit ihrer Stirn berührte. „Was zur Hölle tun Sie da?“, fragte Nelson. „Hier ist etwas eingeritzt“, sagte sie. „Es schaut aus, als wären es Zahlen.“ Porter trat heran um nachzuforschen, doch er konnte sich nicht noch einmal hinunterbeugen. „White, dieses Holzstück ist locker zwanzig Jahre alt“, meinte er. „Diese Einkerbungen schauen genauso alt aus.“ „Vielleicht“, entgegnete Mackenzie. Aber das glaubte sie nicht. Porter, der schon das Interesse an ihrer Entdeckung verloren hatte, ging zurück zu Nelsen, mit dem er die Informationen abglich, die ihm der Bauer, der die Leiche gefunden hatte, gegeben hatte. Mackenzie holte ihr Handy hervor und fotografierte die Zahlen ab. Sie vergrößerte das Bild, wodurch sie deutlicher wurden. Sie so detailliert zu sehen, verstärkte das Gefühl, dass all das hier der Anfang etwas viel Größeren war. N511/J202 Die Zahlen sagten ihr gar nichts. Vielleicht hatte Porter Recht, vielleicht bedeuteten die Zahlen überhaupt nichts. Vielleicht stammten sie von dem Holzfäller, der den Pfahl geschaffen hatte. Vielleicht hatte ein einsames Kind irgendwann im Laufe der Jahre die Nummer eingeritzt. Aber all diese Vermutungen fühlten sich nicht richtig an. Nichts davon fühlte sich richtig an. Und tief in sich drinnen wusste sie, dass dies erst der Anfang war.
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