KAPITEL 3: Der Omega-Sklave

1545 Words
Die Steinböden des Palastes blieben nie sauber. Egal wie oft Seraya sie schrubbte, immer trug jemand Schlamm vom Übungsplatz oder Wein aus dem Festsaal herein. Ihre Knie schmerzten auf dem kalten Stein, doch heute fühlte sich der Schmerz anders an, denn die Kälte schien ihr bis in die Knochen zu kriechen. Es war, als wäre alles in ihr verletzt. Drei Tage sind vergangen. Drei Tage, seit sie Alpha-König Darius Blackthorne gebrochen und wild in seinen Gemächern gesehen hatte. Drei Tage, seit seine Hände sich um ihren Hals geschlossen und ihm den Tod gedroht hatten, sollte sie sprechen. Sie presste den Lappen fester gegen einen dunklen Fleck, ihre Knöchel waren wund. Der Eimer neben ihr roch nach Asche und bitterer Seife, der Geruch brannte auf ihrer Haut, bis es sich anfühlte, als gehörten ihre Hände ihr nicht mehr. Doch unter all dem konnte sie ihn noch immer riechen. Rauch, Kiefernduft und etwas so Starkes, dass es ihren Wolf wimmern ließ. „Da fehlt eine Stelle“, rief eine Stimme. Serayas Schultern spannten sich an, bevor sie etwas dagegen tun konnte. Sie blickte nicht auf, denn sie wusste bereits, wer es war. Mira lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, und ihr Beta-Duft war selbstgefällig und säuerlich. „Ich bin sicher, deine Augen sind schärfer als meine“, murmelte Seraya leise und wringte den Lappen aus. Das Wasser brannte in den Rissen ihrer Haut, doch der winzige Funke Trotz schenkte ihr einen kurzen Anflug von Wärme. Ihre Lippen verzogen sich zu einem kaum merklichen Schmunzeln, das Mira eigentlich nicht sehen sollte. Doch Mira tat es. Sie stieß sich von der Mauer ab und kam näher, ihre Pantoffeln schlurften über den Stein. Das Geräusch klang in Serayas Ohren wie ein sich näherndes Raubtier. „Was war das?“ Ihre Augen funkelten vor Schalk. Jeder auf dem Palastgelände kannte ihre Spielchen, und niemand wagte es, ihr auch nur versehentlich in die Quere zu kommen. „Nichts“, sagte Seraya schnell, den Kopf gesenkt, ein Bild des Gehorsams. Dennoch regte sich ihr innerer Wolf unter ihrer Haut, unruhig, und flüsterte ihr zu, dass es nicht richtig sei, so mit ihr zu sprechen. Warum verbeugst du dich immer? Warum lässt du es zu? Die Frage hämmerte in ihrer Brust, aber sie unterdrückte das Gefühl, wie immer, denn Überleben war wichtiger als Stolz. Mira hockte sich so nah vor Seraya, dass diese den süßen Duft der Früchte, die sie zum Frühstück gegessen hatte, noch in ihrem Atem wahrnehmen konnte. Serayas leerer Magen verkrampfte sich schmerzhaft. „Du siehst heutzutage ganz anders aus“, fuhr Mira fort. „Fast so, als ob …“ Seraya spürte einen Schauer der Angst. Hatte Mira es bemerkt? Hatte sie etwas geahnt? Serayas Hände zitterten um den Lappen. Sie zwang sie, stillzuhalten. „Vielleicht sollte ich dem Steward sagen, dass du wieder Widerworte gegeben hast. Er bestraft kleine Omegas, die das Krabbeln verlernt haben, mit Vergnügen.“ Hinter ihnen ertönte ein Lachen. Nicht Miras. Ein tieferes, amüsiertes Lachen. Serayas Herz sank. Sie blickte auf. Zwei Wachen waren am Ende des Ganges stehen geblieben, beide mit Speeren bewaffnet, beide beobachteten das Geschehen, als wäre es ein Schauspiel zu ihrer Belustigung. Ihre Blicke verweilten zu lange, schwer von grausamem Interesse. „Schaut mal, wen wir hier haben“, sagte der erste. „Die kleine Maus, die den Boden schrubbt wie ein braver Omega.“ Der andere Wächter lachte. „Vielleicht braucht sie Nachhilfe in Sachen Haltung. Kriech, Omega“, sagte er grinsend, hob seine Waffe und klopfte mit dem Griff auf den Boden. Der dumpfe Schlag hallte wider. „Zeig uns, wie tief du sinken kannst.“ Serayas Wangen glühten, sengende Scham kroch ihr den Nacken hinauf. Ihre Finger umklammerten den Lappen so fest, dass er in ihre Haut schnitt. Sie kniete weiter, den Lappen in der Hand, den Blick auf den Stein gerichtet, obwohl ihre Sicht verschwommen war. Wenn sie aufblickte, wenn sie ihre Wolfswut erkennen ließe, würden sie sie vernichten. Gelächter hallte durch den Flur und prallte wie ein grausamer Chor von den Gewölben ab. Die Erinnerung an goldene, vor Schmerz glühende Augen, an Krallen, die über Holzböden kratzten. Auch der Alpha-König war gekrochen, auf seine Weise. Gebrochen und blutend in seiner verschlossenen Kammer. „Ich bin am Arbeiten“, sagte sie leise. Der Stiefel des ersten Wächters schabte über den Stein, als er näher trat. „Hast du das gehört? Es glaubt wohl, es könne widersprechen.“ „Lächerlich“, sagte Mira und warf den Kopf zurück. „Sogar dein Wolf versteckt sich vor dir.“ Seraya konnte fast ihren eigenen Herzschlag hören, als ein Schatten auf sie fiel. "Genug." Die Stimme war sanfter als die von Mira, tiefer als die der Wachen. Seraya zuckte zusammen und ließ beinahe ihren Lappen fallen. Kael stand breitschultrig im Schatten des Torbogens, das Leder seiner Rüstung knarrte bei jeder Bewegung. Sein dunkles Haar fiel ihm locker ins Gesicht, und die Präsenz seines Wolfes lag wie eine drohende Gewitterwolke in der Luft. Die Wachen richteten sich auf, plötzlich misstrauisch. „Wir waren gerade –“ "Du wolltest gerade gehen", befahl Kael. Sie murmelten zwar Beschwerden, gehorchten aber, ihre Schritte verhallten im Korridor und ließen nur noch das leise Tropfen von Wasser aus dem Lappen in Serayas Händen zurück. Mira warf Seraya einen letzten misstrauischen Blick zu, bevor sie ihnen folgte, wobei ihre Röcke vor Ärger raschelten. Für eine Weile herrschte Stille zwischen ihnen. Endlich atmete sie aus. Ihre Arme zitterten, während sie immer heftiger schrubbte, bis ihr Spiegelbild im nassen Boden verschwamm. Ein Mädchen mit dunklen Locken, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, ein Schmutzfleck auf der Wange, Augen, die viel zu müde für ihr Alter aussahen. Zwanzig Jahre, und sie fühlte sich schon uralt. Ist das alles, wozu ich bestimmt bin? Schmutz abzukratzen, bis nichts mehr von mir übrig ist? Kael trat näher, und Seraya zuckte zusammen. Sie konnte nichts dagegen tun. Er blieb stehen, sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. "Seraya." Sie blickte zu Boden. „Ich muss noch mit dem Putzen fertig werden.“ "Sieh mich an." Die Worte waren sanft, ganz anders als die harten Befehle des Königs. Doch sie jagten ihr trotzdem ein Schauer über den Rücken. Langsam hob sie den Kopf. Kaels grüne Augen strahlten Besorgnis aus. „Bist du verletzt?“ Die Frage war vorsichtig formuliert, voller Bedeutung. Er wusste es. Irgendwie wusste er, dass etwas passiert war. "Nein", flüsterte sie. Er hockte sich hin und begab sich auf ihre Höhe. „Wenn dich jemand... wenn dich irgendjemand bedroht hat, kannst du es mir sagen.“ Einen Moment lang wäre es ihr beinahe gelungen. Beinahe hätte sie die Wahrheit preisgegeben: den Zusammenbruch des Königs, seine Hände an ihrer Kehle, den dreitägigen Countdown zu ihrem Tod. Doch dann erinnerte sie sich an Darius' Worte: „Ich werde dir die Haut von den Knochen reißen.“ „Mir geht es gut“, log sie. Kaels Kiefer verkrampfte sich. Er glaubte ihr nicht. „Gut, aber du darfst sie nicht anlocken.“ „Ich habe ihn nicht provoziert“, sagte Seraya und richtete sich auf, ohne ihm in die Augen zu sehen. Das tat sie nie. Ihm in die Augen zu sehen, fühlte sich an, als würde man zu lange in ein Feuer starren – unmöglich zu vergessen. „Ich bin einfach meiner Arbeit nachgegangen.“ „Ich hab dich gehört, Seraya.“ Seine Mundwinkel zuckten, es war weder ein Lächeln noch ein Tadel. „Deine Zunge wird dir eines Tages noch Probleme bereiten. Gut, dass du mich hast, nicht wahr?“ Ihre Lippen zuckten unwillkürlich. „Und ich danke dem Himmel jeden Tag.“ Kaels Blick wurde für einen Herzschlag weicher. Blitzschnell bemerkte sie es, bevor sein Gesichtsausdruck wieder hart wurde. Hatte ich es mir nur eingebildet? Dieses Aufblitzen von Menschlichkeit unter all dem Stahl? „Geht ihnen aus dem Weg. Heute Abend ist nicht die Zeit, aufzufallen.“ „Heute Abend?“, fragte sie stirnrunzelnd. Wie zur Antwort drang ein leises Grollen durch die Steinmauern. Leise. Fern. Fast wie Donner. Der Mond trommelt. Seraya wurde eiskalt, ihr Puls hämmerte gegen ihre Rippen. Jeder Wolf in Silberfang kannte dieses Geräusch. Die Trommeln riefen das Rudel nur einmal im Jahr zusammen, bei Vollmond, zum Fest. Und dieses Jahr hatten sich bereits Gerüchte in der Kaserne verbreitet: Der Alpha-König selbst würde unter dem Rudel wandeln, suchen und auswählen. Ihre Finger zitterten, als sie den Lappen flach auf den nassen Boden presste, als könne der Stein ihren wirren Gedanken Halt geben. Was, wenn er mich ansieht? Was, wenn er es nicht tut? Was ist schlimmer? Kaels Blick huschte zu dem Geräusch und dann wieder zu ihr. Einen Moment lang lag etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen, eine Warnung, ein Versprechen, sie konnte es nicht deuten. Dann richtete er sich auf, zog seine Handschuhe fester und ging davon, wobei seine Stiefel den Korridor entlang hallten wie ein eigener Trommelschlag. Die Trommeln wurden lauter. Seraya kniete weiter, während ihr der Lappen aus den Fingern glitt und das Seifenwasser in ihren Rock einzog, bis der Stoff kalt und schwer an ihren Beinen klebte. Ihr Wolf wand sich unruhig in ihr, drückte gegen ihre Rippen, rastlos, als wüsste er bereits etwas, was sie nicht wusste. Der Mond ging auf. Und mit ihm ihr Schicksal.
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