Rapunzel saß auf ihrem perfekt gestylten Himmelbett, das niemand außer ihr je zu Gesicht bekam, und starrte auf die Analysen ihrer Social-Media-Accounts. Die Zahlen waren… mittelmäßig. Nicht schlecht, aber auch nicht atemberaubend. Und Mittelmaß war das Schlimmste, was einer Influencerin passieren konnte. Ihr letzter Post – ein ästhetisch inszeniertes Bild von ihr am Fenster mit dem Sonnenuntergang im Hintergrund – hatte nicht die erhoffte Reichweite erzielt. Der Algorithmus strafte sie mal wieder ab. Zu wenig Interaktion in den ersten zehn Minuten, zu wenig Shares, zu wenig Emotion. »Hast du etwa vergessen, im ersten Kommentar einen Call-to-Action zu schreiben?« Gothel hatte ihr vorhin eine Sprachnachricht geschickt, und Rapunzel hörte sie sich nun mit zusammengebissenen Zähnen an. »Liebes, Engagement ist der Schlüssel! Niemand liked einfach nur ein Bild! Du musst sie dazu bringen, zu kommentieren. Stell Fragen, provoziere, sei ein bisschen kontrovers! Und wo bleibt dein neuer Reel-Content? Die Leute wollen Bewegung, Schnelligkeit! t****k regiert das Game, und du machst immer noch Standbilder? Komm schon, Rapunzel, du bist besser als das!« Rapunzel verdrehte die Augen. Sie hatte keine l**t, ihren Followern mal wieder eine künstliche Frage zu stellen wie: »Welches Haaröl benutzt ihr?« oder »Welches Emoji beschreibt eure Stimmung heute?« Das Problem war: Es funktionierte. Es war fast unheimlich, wie sehr der Algorithmus ihr Leben bestimmte. Poste zu spät? Pech gehabt. Falsches Hashtag? Schon bist du unsichtbar. Zu wenig Kommentare? Ab in die digitale Bedeutungslosigkeit. Rapunzel wusste, dass sie im Grunde nicht für ihre Fans postete – sondern für den Algorithmus. Er war der wahre König dieser Welt. Unsichtbar, unberechenbar, erbarmungslos. Gothel hatte es einmal sehr deutlich formuliert: »Vergiss Romantik, vergiss Talent, vergiss, was du denkst, was die Leute wollen. Es zählt nur eines: Wie oft wirst du den Leuten in den Feed gespült? Wie oft werden sie dazu gebracht, auf dich zu klicken? Der Algorithmus ist dein Gott. Verehre ihn oder geh unter.« Es war beängstigend, wie recht sie hatte. Content oder Existenzkrise? Rapunzel starrte auf ihren Bildschirm. Was sollte sie als Nächstes posten? Ein weiteres Beauty-Tutorial? Zu langweilig.
Ein Q&A? Zu vorhersehbar.
Ein kleiner Skandal? Hm. Vielleicht. Sie hatte mal gehört, dass ein bisschen Drama gut für die Reichweite war. Die Leute liebten es, sich über Dinge aufzuregen. Aber worüber? Vielleicht sollte sie ein emotionales Video drehen. Irgendwas mit Tränen. »Ich habe eine große Entscheidung getroffen…« oder »Ich muss euch etwas sagen…« Der Klassiker. Sie stellte sich vor, wie sie dramatisch in die Kamera sah, mit leicht verwischtem Mascara, und flüsterte: »Leute… ich bin so lange stark geblieben… aber ich kann das nicht mehr.« Natürlich ohne zu sagen, was genau sie nicht mehr konnte. Spannung musste sein. Und dann würde sie in den Kommentaren nachlesen, wie wild die Spekulationen waren. Aber war das wirklich der Weg, den sie gehen wollte? Sie seufzte und ließ sich nach hinten auf das Bett fallen.
Irgendwo da draußen lebten Menschen ihr Leben ohne darüber nachzudenken, ob ihre Existenz von einem Algorithmus abhängt. Sie gingen einfach raus, trafen Leute, lachten, ohne dabei ein Mikrofon in der Hand zu haben. Wie wäre es, wenn sie einfach mal nichts postete? Nur für einen Tag.
Ein Experiment. Ein Test. Rapunzel griff nach ihrem Handy, öffnete i********:… und legte es dann wieder weg. Für heute würde der Algorithmus ohne sie auskommen müssen.