Kapitel 2 – Die Blicke
Die Mensa roch nach warmer Currywurst, frischen Brötchen und dem leichten Sprudel von verschütteter Apfelschorle. Während wir zu Mittag aßen – Gerald stocherte in seinem Schnitzel mit Pommes herum, ich berührte meinen Salat kaum – ließ ich alles raus. Mein Tablett war fast unangetastet; jeder Bissen fühlte sich an wie Blei im Hals. „Gerald, ich hasse diese negative Aufmerksamkeit, die ich wegen dir bekomme“, sagte ich leise, damit die Tische um uns herum nicht jedes Wort mitbekamen. „Die Blicke auf den Fluren, das Flüstern hinter meinem Rücken – als wäre ich eine Eindringlingin, die sich den ganzen Scheinwerfer stiehlt. Alle denken, wir wären… etwas, das wir nicht sind. Und das macht mich wahnsinnig.“
Er legte die Gabel ab, sein Gesicht wurde ernst unter dem summenden Neonlicht.
Gerald – der Cousin, der mir am ersten Tag die S-Bahn-Routen und meinen Spind erklärt hatte.
Aber jetzt wurde seine schützende Seite scharf.
„Ich verstehe das“, sagte er leise. „Ich wollte dich nicht in diesen Schlamassel ziehen. Ich versuche, es diskreter zu halten – keine gemeinsamen Wege mehr zu jedem Unterricht, keine auffälligen Hallos auf dem Flur.“ Seine Stimme hatte diesen großen-Cousin-Ton, der versprach, er würde es richten, auch wenn er noch nicht wusste, wie. „Aber du bist Familie, Nadia. Ich werde nicht so tun, als gäbe es dich nicht, nur weil ein paar Idioten ihre Klappe nicht halten können.“
Ich nickte, doch der Knoten in meinem Magen blieb. Als Cousins hatten wir uns immer gegenseitig den Rücken freigehalten – besonders nach dem Umzug, der unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte. Damals war familiäre Nähe normal, ohne Fragen. Hier in dieser neuen Stadt wurde jede nette Geste in Klatsch verdreht. Wenn ich mich von ihm distanziere, verliere ich den einzigen Menschen, der wirklich versteht, was ich durchmache. Wenn ich es nicht tue, werden die Gerüchte nur lauter. Exzellenz bedeutet fokussiert bleiben – Notizen, Noten, Abitur –, aber wie konzentriere ich mich, wenn alles wie eine Falle wirkt?
Nach dem Essen schlüpfte ich auf die Mädchentoilette, um Luft zu holen. Das kalte Porzellan unter meinen Handflächen beruhigte mich, während ich mir Wasser ins Gesicht spritzte. Im Spiegel sah ich müde Augen und Zöpfe, die noch vom Morgen ordentlich waren. Warum muss Familie hier alles so kompliziert machen? Früher war es einfach – zusammen sein, ohne dass jemand starrte oder urteilte. Jetzt fühlt es sich an wie ständige Überwachung. Ich drückte meine Stirn eine Sekunde lang gegen das kühle Glas. Vielleicht sollte ich in der Schule Abstand halten. Keine gemeinsamen Pausen mehr, keine schnellen Gespräche zwischen den Stunden. Aber der Gedanke tat mehr weh als die Blicke. Gerald war mein Anker in diesem Meer aus fremden Gesichtern und unausgesprochenen Regeln.
Ich trocknete mein Gesicht ab und ging zurück zum Klassenzimmer.
Als ich an der Tür ankam, stand sie halb offen. Geralds Stimme drang heraus – fest, ein bisschen gereizt. „Nein, ernsthaft – sie ist meine Cousine. Deshalb passe ich auf sie auf. Familie.“
Aber die Jungs kauften es nicht. Leises Lachen rollte durch den Raum. „Ja, klar, das sagst du“, grinste einer von ihnen, d**k vor Sarkasmus. „Gute Ausrede, Mann.“
Die Worte trafen wie eine Ohrfeige. Mein Herz hämmerte, Wut stieg heiß in meiner Brust hoch. Sie machen aus etwas völlig Unschuldigem etwas Dreckiges. Soll ich jetzt reingehen und es klarstellen? Schreien, dass er wirklich mein Cousin ist? Oder beweist das nur, dass ich „anklammernd“ bin, wie sie denken? Ich erstarrte im Flur, das Linoleum kalt unter meinen Sneakers, der Atem kurz und flach. Die Glocke würde gleich läuten. Ich konnte mich nicht bewegen.
Als sie mich endlich bemerkten, wie ich zu meinem Platz schlich, erstarb ihr Lachen mitten im Satz. Eine unbehagliche Stille senkte sich über den Raum wie Nebel. Ihre Blicke huschten weg – manche schuldbewusst, manche herausfordernd –, aber das Urteil hing immer noch d**k in der Luft. Ich sagte nichts. Rutschte nur auf meinen Stuhl, tat so, als blätterte ich in meinem Ordner, während meine Gedanken rasten. Exzellenz bedeutet, diesen Mist zu ignorieren. Konzentrier dich auf die Bücher, die Noten, die Zukunft. Aber wie lange kann ich so tun, als würde es nicht wehtun? Wenn ich den Mund aufmache, explodiert alles. Wenn ich schweige, frisst es mich auf wie eine offene Wunde. Und Gerald – er versucht es, aber das könnte ihn mit runterziehen.
Zwei Wochen waren vergangen, seit ich an diesem Gymnasium angefangen hatte, und die Isolation hatte sich leise, aber tief eingenistet. Die meisten Klassenkameraden sprachen kaum noch mit mir – Flur-Nicken wurde zu abgewandten Blicken, Gruppenchats, in die ich nie aufgenommen wurde, Pausen allein am Rand einer Bank. Bin ich wirklich so einschüchternd? Oder passe ich einfach nicht rein? Die Einsamkeit war konstant, ein leises Summen unter allem anderen.
Außer bei Valentina.
Sie war klein, mit scharfen Augen hinter dünnen Gläsern und einer stillen Intelligenz, die sich nicht ankündigen musste. Sie saß direkt neben mir, unsere Tische fast aneinander, und ihre kleinen Gesten fühlten sich wie Rettungsringe an: Sie schob mir ohne Worte einen extra Stift rüber, teilte ihre makellosen Notizen, schenkte mir ein schnelles Lächeln, wenn der Raum zu kalt wurde. In diesem Ozean aus Schweigen war sie die Einzige, die mich sichtbar machte.
Heute, während des Geschichtsunterrichts – der Lehrer dozierte über alte Reiche und Kolonialhandel –, meldete sich Valentina. Ihre Antwort war präzise, verband Handelsrouten und kulturelle Verschiebungen auf eine Weise, die ich in meinen Nachhol-Lektüren nur gestreift hatte. Der Lehrer nickte anerkennend.
Dann unterbrach Ophelia Darke – die Klassenbully mit glänzendem Haar, einer rasiermesserscharfen Zunge und einem Grinsen, das Glas schneiden konnte – sie. „Halt die Klappe, Besserwisserin. Niemand hat nach deinem TED Talk gefragt.“
Der Raum spannte sich an. Ein paar Kichern breiteten sich aus. Ophelias Freundinnen tauschten Blicke, nährten sich von ihrer Energie.
Ich beugte mich zu Valentina und flüsterte heftig: „Ignorier sie. Sie fühlt sich nur von allen bedroht, die schlauer sind als sie.“
Aber selbst während ich es sagte, flackerte Zweifel auf. Ziehe ich Valentina in meinen Mist? Sie ist die Einzige, die mit mir redet. Wenn das eskaliert, zieht sie sich vielleicht zurück – und dann bin ich wirklich allein. Während ich noch murmelte und versuchte, leise zu bleiben, drehte sich die ganze Klasse gegen mich. Stimmen erhoben sich plötzlich wie eine Welle: „Kümmere dich um deinen eigenen Kram, Neue!“ „Wer hat dich gefragt?“ „Halt dich raus!“
Es prasselte auf mich nieder – laut, gnadenlos. Mein Gesicht brannte, das Herz pochte in meinen Ohren. Das ist genau das Drama, das ich geschworen habe zu vermeiden. Eine kleine Geste der Unterstützung, und plötzlich bin ich das Ziel. Soll ich zurückbrüllen? Rufen, dass Ophelia das echte Gift ist? Oder wegrennen, bevor es mich ganz verschlingt? Exzellenz fühlt sich gerade unmöglich an.
Ich bekam keine Luft mehr. Ich sprang auf, der Stuhl scharrte laut, und rannte zur Tür. Sie knallte hinter mir zu, als ich in den Flur floh. Allein lehnte ich mich gegen die kalten Metallspinde, die Brust hob und senkte sich, Tränen brannten in meinen Augen. Die Neonröhren summten über mir, gleichgültig.
Zwei Wochen drin, und es brach mich schon. Wie lange halte ich das noch durch, bevor ich zersplittere?