Kapitel 3 – Der Spiegel

1030 Words
Kapitel 3 – Der Spiegel Die Toilette war zu meinem Lieblingsort im Gymnasium geworden. Die Tür schlug hinter mir zu, das metallische Echo ließ meine Zähne klappern. Die Neonröhren summten über mir wie gefangene Insekten und warfen hartes weißes Licht über die gesprungenen Fliesen. Ich umklammerte den Waschbeckenrand so fest, dass meine Knöchel weiß wurden, und starrte das Mädchen im Spiegel an – blutunterlaufene Augen, Zöpfe, die sich lösten, Mund eine dünne Linie, die nichts mehr von der selbstbewussten hatte, die ich zu Hause geübt hatte. Papas Stimme schnitt durch die Stille, scharf wie an dem Tag, als es passierte. Nadi, du bist meine Chance. Neun Jahre alt. Eine 3 in Biologie. Sein Stethoskop auf dem Tisch wie ein Urteil. Meine Tochter vergisst das Vorstellungsgespräch für die Leistungsgruppe? Kein Schreien – nur diese stille, chirurgische Enttäuschung, die tiefer schnitt als jeder Schrei. Enttäuschung. Das Wort schmeckte immer noch nach Metall. Später, als der Krebs ihn geholt hatte, fand ich seine Arzttasche. Darin das Post-it von Großvater Lorenz: Bildung überdauert alles. Ich hatte es in derselben Nacht über meinen Schreibtisch geklebt. Jede perfekte Note seitdem war eine Rückzahlung. Jede leere Zeile auf dem heutigen Mathetest fühlte sich wie Diebstahl an. Ich atmete aus, wischte mir grob mit Papierhandtüchern das Gesicht ab, die nach Bleiche rochen. „Licht biegt sich um Hindernisse“, sagte Mama immer. Gerade jetzt waren die Hindernisse Ophelias Gift und meine eigenen zitternden Finger. Kein Verstecken mehr auf Toiletten. Ich straffte die Schultern und ging zurück. Die Klassenzimmertür quietschte, als ich sie aufstieß. Die Lehrerin war noch weg – wahrscheinlich im Kopierraum. Die Flüsterstimmen trafen mich, bevor ich meinen Platz erreichte. Loras Stimme, absichtlich laut: „Sie ist einfach rausgerannt wie eine Drama-Queen. Und dann kommt sie zurück und tut so, als wäre nichts gewesen.“ Jasmin schnaubte. „Klassisch. Ophelias Freundin war vorhin da und hat es direkt gesagt: Die Neue ist total von sich eingenommen. Denkt, sie steht über allen. Nicht mit ihr abgeben.“ Mia beugte sich vor. „Ja. ‚Sie schaut nur auf dich herab.‘ Wir haben alle genickt. Warum das Risiko eingehen?“ Lora warf die Haare zurück. „Genau. Spricht kaum mit jemandem außer Valentina – als wären wir ihre Zeit nicht wert.“ Ich blieb zwei Tische entfernt stehen. Die Luft wurde d**k. Sie bemerkten mich dann – drei Köpfe drehten sich ruckartig um, Augen verengten sich. Ich sprach zuerst, Stimme leise, aber klar. „Ophelia hat jemanden geschickt, um euch das zu sagen?“ Stille. Lora fing sich am schnellsten, Kinn hochgereckt. „Was geht dich das an?“ „Alles“, sagte ich und trat näher. „Weil ich noch nie ein einziges Wort zu Ophelia gesagt habe. Nie schief angeschaut. Also sagt mir – warum darf sie entscheiden, dass ich ‚von mir eingenommen‘ bin, bevor ich überhaupt eine Chance hatte, in dieser Schule Luft zu holen?“ Jasmin rutschte unruhig hin und her. „Wir wiederholen nur, was wir gehört haben.“ „Ihr wiederholt Lügen“, unterbrach ich. „Und ihr wiederholt sie laut genug, dass ich es höre. Also sagt es mir ins Gesicht oder hört auf, so zu tun, als wärt ihr nicht dabei.“ Loras Augen blitzten. „Pass auf deinen Ton auf, Neue. Du kommst hier nicht rein und tust so, als würdest du den Laden schmeißen.“ „Ich tue gar nichts“, schoss ich zurück, Stimme gerade so laut, dass sie trug. „Ich stelle eine Frage. Warum hasst Ophelia mich? Was habe ich ihr getan? Oder ist es einfacher, einfach Befehle zu befolgen, ohne zu fragen warum?“ Mia schaute zu Lora, unsicher. „Ophelia ist seit der fünften Klasse hier. Sie kennt die Leute.“ „Und ich bin seit zwei Wochen hier“, sagte ich. „Zwei. Wochen. Und schon bin ich die Feindin? Weil ich lerne? Weil ich nicht über eure Witze lache? Oder weil jemand entschieden hat, dass das neue Mädchen mit den Zöpfen nicht dazugehört?“ Jasmin murmelte: „Du machst das größer, als es ist.“ „Nein“, sagte ich und beugte mich vor. „Ihr habt es größer gemacht, als ihr zugestimmt habt, mich auszugrenzen, ohne mich zu kennen. Also schaut mir in die Augen und sagt mir – glaubt ihr wirklich, ich denke, ich bin besser als ihr? Oder habt ihr einfach Angst davor, was Ophelia tut, wenn ihr nicht mitspielt?“ Lora stand langsam auf, Stuhl scharrte. „Du denkst wohl, du bist so schlau, was? Kommst hier rein und stellst uns zur Rede, als wären wir dir Erklärungen schuldig.“ „Ich will keine Erklärungen“, sagte ich und hielt ihrem Blick stand. „Ich will die Wahrheit. Warum darf eine Person die ganze Klasse gegen mich aufhetzen, bevor ich etwas falsch gemacht habe? Warum seid ihr so schnell dabei, ihr zu glauben, und so langsam, überhaupt Hallo zu sagen?“ Der Raum wurde totenstill. Sogar die Uhr schien innezuhalten. Jasmin sprach schließlich, Stimme klein. „Es ist einfach… einfacher so.“ „Einfacher“, wiederholte ich, das Wort bitter auf der Zunge. „Jemanden auszugrenzen, den man nicht kennt, statt herauszufinden, wer er ist. Das nennt ihr einfach?“ Lora öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Die Glocke schrillte durch den Flur. Die Lehrerin kam zurück, Arme voll mit Kopien, ahnungslos. Ich drehte mich zuerst weg und glitt auf meinen Stuhl. Mein Heft war noch offen bei der halbfertigen Gleichung. Valentinas Hand streifte meine unter dem Tisch – stille Unterstützung. Während ich auf die Seite starrte, fiel mir etwas ins Auge. Durch das schmale Glasfenster in der Klassenzimmertür hing ein Schatten. Glänzendes Haar, scharfe Augen – Ophelia. Sie stand draußen, Arme verschränkt, und beobachtete die ganze Szene. Ihr Gesicht war ausdruckslos, Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, aber ihr Blick bohrte sich eine lange Sekunde in meinen, bevor sie sich umdrehte und den Flur hinunter verschwand. Ich starrte auf die Seite. Papas Stimme hallte ein letztes Mal: du bist meine Chance. Ich nahm meinen Stift auf. Die Linie zitterte, aber sie bewegte sich. Eine weitere Gleichung. Ein weiterer Atemzug. Ein weiteres Biegen des Lichts.
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