Kapitel 4 – Das Gift

1043 Words
Kapitel 4 – Das Gift Am Tag nach dem Toiletten-Showdown wachte ich auf und rechnete mit Feuer. Sirenen, Graffiti an meinem Spind oder Ophelia, die mich bei den Fahrradständern mit einem Grinsen abfängt, das scharf genug ist, um Blut zu ziehen. Nichts. Nur der gleiche graue Berliner Himmel, die gleiche ratternde U-Bahn und der gleiche Chor aus Flüstern, der abrupt verstummte, sobald ich hinsah. Es machte mich nervös. Stille fühlte sich an wie eine Falle. In der Pause stellte Valentina mich im Flur. Sie planen was, murmelte sie. Ophelia lässt nicht locker. Aber was? Sie zuckte die Schultern. Pass auf dich auf, das ist alles. Ich passte auf. Zwei Tage lang lächelte Ophelia. Richtige Lächeln – klein, höflich, fast menschlich. Sie hielt Türen auf. Schob Zettel rüber. Einmal lachte sie sogar über meinen miserablen Witz über quadratische Gleichungen. Ich sagte mir, ich sei paranoid. Sagte mir, Papa würde sagen: Überdenken verschwendet Energie, Nadi. Dann kam Freitag. Ich fand Gerald vor Bio warten, wie immer jonglierte er mit seinem Rucksack. „Triff Judith“, sagte er und nickte zu dem Mädchen neben ihm. Dunkle Locken, Sommersprossen, Kopfhörer immer halb auf. Sie winkte schüchtern. „Dein Cousin redet nonstop von dir.“ Gerald verdrehte die Augen. „Nur die peinlichen Sachen.“ Wir lachten – leicht, vertraut –, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte es sich nicht gestellt an. Judith war… anders. Sie flüsterte nicht. Sie wog jedes Wort nicht ab. Sie fragte einfach, ob ich mit ihr nach Hause laufen wolle. Ich sagte Ja, bevor mein Hirn mitkam. Wir gingen am Dönerladen vorbei, an Jungs, die einen Ball gegen die Wand kickten. Sie erzählte von ihrem kleinen Bruder, der über Mathe-Hausaufgaben weinte. Ich erzählte von Papas Post-it, das an jedem Spiegel im Haus klebte – Bildung überdauert alles. Sie starrte nicht, als wäre ich kaputt. Sie sagte nur: „Klingt, als hätte dein Vater gewusst, was wichtig ist.“ Wir gingen danach zu ihrer Mutter in die kleine Modemarkt – Reihen von Schals, Parfümflaschen, laute Popmusik. Sie ließ mich Hüte probieren. Ich lachte so laut, dass der Security mich anstarrte. Als wir gingen, drückte sie mir einen roten Barett in die Hand. „Geschenk. Steht dir sowieso besser.“ Ich umarmte sie, ohne nachzudenken. Der Knoten in meiner Brust löste sich – als könnte ich vielleicht doch noch normal sein. Am Abend kam der erste komische Moment. Ophelia schrieb: Hey, später mit Juliet nach Hause laufen? Ich runzelte die Stirn. Klar, tippte ich zurück, dann hielt ich inne. Juliet? Sie schickte ein Herz-Emoji. Sie ist cool, wenn man über den Eyeliner hinwegsieht. Die nächste Woche war ein Wirbel. Ophelia, Juliet und ich wurden ein Trio. Mensa-Tische. Spind-Selfies. Sie nannten mich Nadi, als würden wir uns ewig kennen. Ich schwebte. Endlich hörten die Blicke auf. Leute nickten Hallo. Gerald neckte mich wegen meiner „Squad“. Ich neckte zurück. Ich war glücklich. Gefährlich glücklich. Dann verschob sich etwas. Zuerst winzig. Juliet fing an, Ophelias Sätze zu Ende zu sprechen. Ophelia sprach Juliets zu Ende. Insider-Witze, die mich außen vor ließen. Nachrichten im Gruppenchat, die ich öffnete und schon voll waren – Threads rasten so schnell vorbei, dass ich den Witz verpasste. Eines Abends schickte ich eine Sprachnachricht über ein Geschichtsprojekt. Beide ließen mich auf gelesen stehen. Am nächsten Tag in der Cafeteria schob ich mein Tablett neben Juliet. Sie und Ophelia kicherten über etwas auf Juliets Handy. Ich beugte mich vor. „Was ist so lustig?“ Juliet drehte den Bildschirm weg – nur ein Blitz von meinem eigenen Gesicht, mitten im Lachen, Lippen seltsam verzerrt. „Nichts“, sagte sie. „Insider-Witz.“ Ophelias Lächeln war klein, vorsichtig. „Mach dir keine Sorgen, Nadi. Du würdest es eh nicht verstehen.“ Ich schluckte den Schmerz runter. Du würdest es eh nicht verstehen. Als wäre ich immer noch die Außenseiterin. Nach der Schule erwischte ich sie draußen am Mall – Arme untergehakt, Köpfe zusammen. Sie sahen mich nicht. Juliets Lachen schallte – hoch, scharf, das, das sie benutzte, wenn etwas wehtat. Ich wich zurück, bevor sie mich bemerkten. Meine Brust fühlte sich hohl an, als hätte jemand das Glück mit einem Löffel rausgekratzt. In dieser Nacht fand Mama mich, wie ich auf meine Noten starrte. Bio: D. Mathe: F. Ich hatte noch nie ein rotes F gesehen. Es sah aus wie Blut. Sie setzte sich auf mein Bett, rieb mir den Rücken wie damals, als ich sechs war. Licht biegt sich, erinnerst du dich? Ich wollte ihr glauben. Aber das Licht wurde schwächer. Sonntag schrieb Juliet: Shopping? Ich sagte Ja. Wir trafen uns im Mall. Sie kaufte mir ein neues Notizbuch – Leder, braun, roch nach neuem Auto. Wir liefen zusammen nach Hause, Schritte im Takt. Sie stupste mich an. „Alles okay?“ Ich hätte ihr fast alles erzählt. Fast. Stattdessen lächelte ich. „Ja. Nur… Schulkram.“ Sie drückte meinen Arm. „Wir kriegen das hin. Das machen beste Freundinnen doch, oder?“ Beste Freundinnen. Das Wort lag seltsam in meinem Mund. Weil ich in dieser Nacht i********: öffnete und Ophelia und Juliet zusammen gepostet sah – Caption: Besties forever. Darunter Juliets Kommentar: Endlich das tote Gewicht los. Kein Emoji. Kein Tag. Aber das Foto? Es waren wir drei – bis sie mich rausgeschnitten hatten. Ich starrte, bis meine Augen brannten. Papas Stimme flüsterte: Du bist meine Chance. Ich war mir nicht mehr sicher, für wen die Chance war. Montagmorgen gingen Ophelia und Juliet Arm in Arm den Flur entlang. Sie sahen mich. Juliets Lächeln war süß. Ophelias Augen glitten über mich hinweg, als wäre ich Möbel. Ich wartete darauf, dass sie winken. Sie taten es nicht. Sie gingen einfach weiter – lachend über etwas, bei dem ich nicht dabei war. Die Leute starrten wieder. Ich spürte das alte Gewicht zurück auf meinen Schultern – nur schwerer jetzt, weil ich mir erlaubt hatte zu hoffen. In dieser Nacht schaute ich im Spiegel auf den roten Barett auf meiner Kommode. Hübsch. Leer. Genau wie die Freundschaft, die ich gefunden zu haben glaubte. Ich flüsterte in die Dunkelheit: „Wie lange war es echt?“ Das Zimmer blieb still. Aber irgendwo hinter der Stille hörte ich Ophelias Lachen – leise, zufrieden. Wartend. Und das jagte mir am meisten Angst ein.
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