Kapitel 3: Geister des Waisenhauses

1050 Words
Elias’ Sicht Die Lichter des Ballsaals brennen wie Verhörlampen. Zu hell. Zu grell. Jeder Kristall des Kronleuchters glänzt wie ein starres Auge, beobachtend, anklagend. Musik schwillt an – Geigen und geflüstertes Lachen, das sich durch Champagnerbläschen zieht. Parfüm und Macht ersticken in der Luft. Und dann – sie. Jenseits des glitzernden Meeres aus juwelenbesetzten Masken und polierten Lächeln steht sie. Leise lachend, die Lippen wie Sünde geschminkt. Sie lehnt sich dicht an Ruben, ihre Stimme kräuselt sich wie Rauch zu seinem Ohr, als hätte er ihre Wärme verdient. Etwas in mir zuckt. Heftig. Eine alte Wunde reißt ohne Vorwarnung auf. Ich bewege mich nicht. Ich atme nicht. Denn für eine unmögliche Sekunde fühle ich mich wieder wie vierzehn. Dieses Lachen. Es bricht wie Sonnenlicht durch zerbrochenes Glas und zerschneidet Jahre der Stille. Vertraut auf eine Weise, die an den Rändern meiner Erinnerung kratzt und mich zurück in Schatten zieht, die ich zu begraben glaubte. Wer ist sie? Ich kann nicht wegsehen. Mein Griff um den Stiel meines Glases wird fester, bis er protestierend stöhnt, zerbrechlich unter der Kraft meiner Hand. Der Champagner zittert. Ruben bemerkt es nicht – zu sehr damit beschäftigt, sich in ihrem Glanz zu sonnen, eine Wärme aufzusaugen, die nie für Männer wie ihn bestimmt war. Er glaubt, er gewinnt. Er glaubt, sie gehört ihm. Aber ich sehe die Wahrheit. Ihr Lächeln – zu präzise. Jeder Blick – zu berechnend. Masken erkennen Masken. Ein Atemzug kratzt meine Kehle hinunter wie Glasscherben. Und dann – Ein Blitz. Ein schiefes Grinsen. Schmutzige Wangen und eine Stimme, scharf vor Lachen. He, Jack! Hör auf zu grübeln. Hilf mir, Pater Gabriels Kekse zu stehlen. Mein Puls rast. Das Glas zittert in meiner blutenden Hand. Das kann nicht sein. Der Kronleuchter wirft Prismen über ihr Haar, als sie den Kopf neigt, und die Bewegung ist so schmerzhaft vertraut, dass es sich anfühlt, als würde mir eine Klinge zwischen die Rippen gleiten. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen – ein Waisenhaushof in der Sommerhitze, Murmeln, die im Staub rollen, ein Mädchen, das mich zum Lächeln herausfordert. Nein. Nein, der Junge ist tot. Begraben unter dem Namen, den sie ihm gegeben haben. Jack. Doch sein Geist flüstert ihren Namen, bevor ich ihn stoppen kann. Iris. Der Klang in meinem Kopf ist rau. Zerbrechlich. Ein Name, den ich seit Jahren nicht ausgesprochen habe – einer, der nach Rauch und gestohlenen Keksen und unter rissigen Decken geflüsterten Versprechen schmeckt. Ich verdränge die Erinnerung. Fest. Doch sie steigt trotzdem auf, kratzt sich durch die Fäulnis wie etwas Lebendiges. *** Rückblende Jack. Der Name, unter dem sie mich kannte. Der Name, den sie begruben, als sie mich in Ketten aus Gold und Blut zurückzerrten. Der vergessene Zwilling. Der Fehler. Der Unfall, den sie auszulöschen versuchten. Im Waisenhaus wusste niemand, dass ich einen Bruder hatte. Niemand kannte die Familie mit den Marmorböden und den zu Waffen geschärften Lächeln. Alles, was sie sahen, war ein weiterer Junge mit aufgeschürften Knien, zu viel Schweigen und Augen, die nicht zu seinem Namen passten. Und dann war da sie. Iris. Sie ließ mich nie im Schatten bleiben. „Du kannst dich nicht für immer verstecken“, sagte sie einmal und drückte mir Murmeln in die Hand, ihr Grinsen unbekümmert und sonnenhell. „Du bist nicht aus Glas, Jack.“ Sie war Licht. Unbekümmertes, strahlendes Licht in einer Welt aus Grau. Wenn andere Kinder sich über meine Stille lustig machten, warf sie ohne zu zögern Steine ​​nach ihnen. Wenn ich blutete, riss sie Streifen aus ihrem Kleid, um meine Wunden zu verbinden. Als ich dachte, Schweigen sei Sicherheit, lehrte sie mich, dass Lachen lauter sein kann als Schmerz. Sie war meine erste Rebellion. Meine erste Freundin. Meine erste – alles. Ich erinnere mich noch an den Geruch von Kreidestaub, der in ihrem Haar klebte. Die Wärme ihrer Finger, die sich wie ein Schwur um meine schlossen. Ich werde dich nie anlügen, Jack. Niemals. *** Zurück in die Gegenwart Ich zwinge mich zu atmen, langsam und flach, obwohl sich meine Lungen wie eiserne Käfige anfühlen. Sie erkennt mich nicht. Natürlich nicht. Wie auch? Als sie mich das letzte Mal sah, blutete ich im Dunkeln, ein Schatten, verschluckt von Männern mit zu viel Geld und ohne Seele. Doch jetzt – hier in Seide und Schatten stehend – kenne ich die Wahrheit: Sie ist real. Das Mädchen im Park – das zitternde Hände auf meine Wunde drückte und mir sagte, ich solle nicht wie eine Idiotin sterben – das war kein Fiebertraum. Das war sie. Iris Roth. Der Stiel des Glases knackt zwischen meinen Fingern mit einem Geräusch wie Knochen. Ein purpurroter Fleck breitet sich auf meiner Handfläche aus und tropft langsam und obszön den zerbrochenen Kristall hinunter. Ruben dreht sich um, Ärger flackert in seinen Augen wie ein Streichholz. „Vorsicht, Bruder“, murmelt er mit spöttischer Stimme. „Blute nicht auf den Boden.“ Bruder. Er sagt es wie Fluch und Krone zugleich. Dann sieht sie mich an – nur ein kurzes Flackern. Ihre Augen streifen meine zum ersten Mal seit Jahren, und etwas regt sich in ihren Tiefen, wie ein Streichholz, das im Dunkeln angezündet wird. Erkennen? Oder nur Neugier? Weiß sie es? Nein. Noch nicht. Aber sie wird es wissen. Denn einst, vor langer Zeit, schwor sie: Ich werde dich nie anlügen, Jack. Und jetzt lügt sie mit jedem perfekten Lächeln. Eine langsame, giftige Hitze durchströmt mich – noch kein Verlangen. Etwas Älteres. Dunkleres. Sie beugt sich näher zu Ruben. Ihre Finger streifen seinen Ärmel, und diese kleine, berechnende Berührung lässt etwas in mir explodieren. Kalte Gewissheit macht sich breit: Sie versucht ihn zu verführen. Meinen Bruder. Den Mann, den ich mein ganzes Leben lang verachtet habe. Der Kronleuchter dreht sich. Die Musik schwillt an. Meine Welt verengt sich zu einem einzigen, brennenden Schwur: Wenn Ruben sie berührt, brenne ich dieses Haus nieder. Ich wende mich ab, bevor meine Wut die Maske, die ich trage, zerbricht. Blut tropft mein Handgelenk hinunter, heiß und glitschig an meinem Ärmelaufschlag, und malt mich in einer Wahrheit, die ich nicht verbergen kann. Mein Name schmeckt wie Asche auf meiner Zunge. Elias Brandt. Der Junge, den sie gerettet hat. Der Mann, der zum Geist wurde. Sie wird sich an mich erinnern. Und wenn sie es tut – Wird sie kein Lachen zurückbringen. Es wird Feuer sein.
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