Kapitel 5: Die Grenzen verschwimmen

1240 Words
Die Tage verschwimmen wie Tinte, die in Papier eindringt. Jeden Morgen packte Iris mit zitternden Händen einen Korb mit Essen und zwang sich, die Stimmen in ihrem Kopf zu ignorieren, die sie dafür verspotteten. Sie war nicht der Typ Frau, der für einen Mann kochte, der sie kaum beachtete, nicht der Typ, der wie ein Dienstmädchen in einer Firmenlobby wartete. Doch Sandras Gesicht – zerbrechlich, blass, jede Sekunde des Schmerzes ertragend – blitzte vor ihr auf, und Iris schluckte ihren Stolz hinunter. Sandra brauchte sie. Also tauchte Iris immer wieder mit dem Korb in der Hand bei Brandt Enterprises auf. Die Rezeptionisten tauschten Blicke, als sie die glänzende Lobby betrat. Die Sicherheitsleute grinsten, bereits an ihre Anwesenheit gewöhnt. Und als sie den Chefetagenflügel betrat, wurde das Geflüster so scharf, dass es ihr durch die Haut schnitt. „Da kommt die Mittagslieferantin.“ „Sehr verzweifelt?“ „Einen CEO mit selbstgekochter Suppe übers Ohr hauen? Erbärmlich.“ Iris zwang sich jedes Mal zu einem Lächeln. Sie redete sich ein, es sei egal. Jedes grausame Lachen, jeder Seitenblick, jede geflüsterte Spitze – nichts davon zählte. Sandras Leben zählte. Wenn das Durchstehen dieser Demütigung bedeutete, dass ihre Schwester überleben konnte, dann würde Iris durchkriechen. Doch die Demütigung schnitt tiefer, als sie zugab. Ruben war nicht einmal leicht zu erreichen. Er lächelte ihr beim Essen zu, lobte die Würze, machte beiläufige Witze, die sie nervös machten. Aber er war vorsichtig. Entgegen seinem Ruf lud er sie nicht so schnell zum Essen ein oder zog sie in seinen Bann. Er ließ sie warten. Er ließ sie hängen. Und jeden Tag sank sie in den Augen der Mitarbeiter tiefer. *** Elias hörte alles, lange bevor er es sah. Die Korridore summten vor Klatsch und Tratsch, eifrige Münder wiederholten Iris’ Namen verächtlich. In Besprechungen, in Aufzügen, sogar in der Cafeteria erhaschte er Bruchstücke. „Schon wieder dieses Mädchen.“ „Hausgemachter Eintopf.“ „Rubens Wohltätigkeitsprojekt.“ Zuerst versuchte er, es zu verdrängen. Iris Roth ging ihn nichts mehr an. Was auch immer sie für dumme, erniedrigende Spielchen mit Ruben trieb, es ging ihn nichts an. Und doch – jedes Mal, wenn er sie sah, verkrampfte sich etwas in seiner Brust. Es lag an ihrer Haltung, trotz des Spotts gerade, mit geradem Rücken. An der Art, wie sich ihre Finger um ihren Korb klammerten, bis ihre Knöchel weiß wurden. An dem flüchtigen Aufflackern von Schmerz, das über ihre Augen huschte, wenn sie dachte, niemand sähe zu. Das war das Mädchen, an das er sich erinnerte. Das Mädchen, das sich einst nicht von der Welt unterkriegen ließ. Doch dann drehte sie sich um und setzte für Ruben dieses süße Lächeln auf, milderte ihre Stimme und lachte zu süß über seine Witze. Eine Show. Eine Maske. Und Elias hasste es. Er hasste es, ihr bei dieser Rolle zuzusehen, hasste es, wie überzeugend sie sein konnte, hasste es, dass Ruben die Risse nicht sah, die er sah. Am meisten hasste er es, dass sie ihm immer noch etwas bedeutete. *** Nach drei Wochen riss ihm die Geduld. Er fand sie im Flur vor Rubens Büro, ihren Korb wie einen Schutzschild in der Hand. Der Duft von frisch gebackenem Brot wehte zwischen ihnen her, warm und unerträglich. „Du hast das wirklich zur Gewohnheit gemacht, nicht wahr?“ Elias’ Stimme war leise, spöttisch, doch die Wut dahinter verlieh jeder Silbe Schärfe. Iris versteifte sich, zuckte aber nicht zusammen. Sie blickte weiter geradeaus und weigerte sich, ihn zur Kenntnis zu nehmen. „Entschuldigen Sie, ich bin beschäftigt.“ Er trat ihr in den Weg. „Hinterherjagen Sie meinem Bruder? Oder erniedrigen Sie sich selbst?“ Ihre Augen blitzten, aber ihre Stimme blieb ruhig. „Ich habe keine Zeit für deine Spielchen, Elias.“ Er beugte sich näher, sein Atem streifte ihr Ohr. „Wenn du nur Geld willst, warum verführst du mich nicht stattdessen? Ich bin auch reich.“ Das riss sie aus der Fassung. Sie wirbelte zu ihm herum, ihre Augen brannten. „Denkst du das von mir? Dass ich ein Parasit bin, der bereit ist, sich an jeden Brandt zu klammern, der auch nur einen Puls hat?“ Er lächelte grausam und kalt. „Nicht wahr?“ Ihre Lippen öffneten sich, Empörung zitterte auf ihrer Zunge – doch dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Etwas Dunkles und Scharfes glitt in ihren Blick, als öffneten seine Worte eine Tür, die sie verschlossen gehalten hatte. Sie packte sein Handgelenk und zerrte ihn in den nächsten leeren Konferenzraum. Die Tür schlug hinter ihnen zu, das Schloss rastete ein. Iris drückte ihn zurück gegen den Tisch, ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt. Ihre Stimme klang zischend, brüchig und wütend. „Du bist besessen von mir, nicht wahr? Du folgst mir mit deinen Augen, du kochst vor Wut, wenn ich mit Ruben rede, du kannst mich nicht in Ruhe lassen. Na schön. Wenn du das willst, dann nimm es.“ Und bevor Elias reagieren konnte, trafen ihre Lippen auf seine. *** Eine erstarrte Sekunde lang rührte sich Elias nicht. Sein Verstand schrie ihn an, sie von sich zu stoßen, sich daran zu erinnern, was aus ihr geworden war, sich an jedes grausame Wort zu erinnern, an jeden Verrat, den sie seiner Meinung nach begangen hatte. Doch ihr Mund war wie Feuer auf seinem. Ihr Geschmack war ihm unerträglich vertraut und zog ihn zurück in eine Zeit vor der Bitterkeit, vor dem Verrat, bevor alles zerbrochen war. Sein Körper verriet ihn, seine Hände umklammerten ihre Taille und zogen sie näher an sich. Iris küsste ihn wie eine Frau, die verzweifelt etwas beweisen will – wütend, rücksichtslos, verschlingend. Elias erwiderte den Kuss wie ein Mann, der gegen seinen Willen verhungert. Es war nicht sanft. Es war nicht zärtlich. Es war Krieg. Ihre Nägel gruben sich in seine Schultern. Seine Hand verfing sich in ihrem Haar und riss ihren Kopf gerade weit genug zurück, damit sie atmen konnte, doch keiner von beiden wollte aufhören. „Das wolltest du doch, oder?“, fauchte sie zwischen den Küssen. „Um zu sehen, wie tief ich gefallen bin?“ Sein Lachen war bitter, seine Stimme heiser. „Du bist nicht gefallen – du hast dich verändert. Du bist nicht mehr Iris.“ Ihre Augen glänzten, doch ob vor Wut oder etwas anderem, konnte er nicht sagen. „Dann hör auf, mich zu küssen.“ Er konnte es nicht. Ihre Münder trafen sich erneut, verzweifelter, brutaler. Der Tisch grub sich in ihren Rücken, die Luft im Raum wurde geschmolzen. Jeder Kuss war Widerstand und Kapitulation zugleich, beide kämpften gegen Kämpfe, die sie nicht benennen konnten. *** Als Iris sich schließlich von ihm löste, waren ihre Lippen geschwollen, ihre Brust hob und senkte sich. Sie starrte ihn mit etwas an, das dem Entsetzen nahekam. Elias’ Augen waren genauso wild. Seine Hände schwebten noch immer an ihrer Taille, hin- und hergerissen zwischen Festhalten und Loslassen. Keiner sprach. Die Stille war ohrenbetäubend, nur unterbrochen von ihrem unregelmäßigen Atem. Schließlich trat Iris zurück. Sie strich ihr Kleid glatt, zwang ihre zitternden Hände zur Ruhe und hob das Kinn. „Das ist nie passiert.“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort, doch sie wartete nicht auf seine Antwort. Sie schloss die Tür auf, schlüpfte in den Flur und war verschwunden, bevor Elias sich rühren konnte. Er stand wie erstarrt im leeren Raum, die Lippen noch immer brennend, die Fäuste geballt. Es war falsch gewesen. Es war ein Fehler gewesen. Und doch – er wollte mehr.
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