Kapitel 10

1668 Words
~~Oriana~~ „Vier Tage.“ So lange war ich nun in Sept Tour gewesen, ohne völlig den Verstand zu verlieren. Ich war mir nicht sicher, ob das etwas Gutes über meine Widerstandsfähigkeit aussagte oder etwas Beunruhigendes darüber, wie schnell ein Mensch anfangen konnte, sich an Umstände anzupassen, um die er nie gebeten hatte. Wahrscheinlich beides. Das Haus hatte einen Rhythmus. Den ersten Tag hatte ich damit verbracht, ihn einfach nur zu beobachten — wie es noch vor der Sonne erwachte, die entfernten Geräusche von Bewegung unten, noch bevor ich die Augen öffnete, der Kaffeeduft, der jeden Morgen wie ein Uhrwerk durch die Flure nach oben zog. Am dritten Tag zuckte ich nicht mehr zusammen, wenn ich Stiefel auf dem Erdgeschossboden hörte oder Stimmen, die irgendwo unter meinem Zimmer schnelles Italienisch sprachen. Ich passte mich an. Ich hasste, dass ich mich anpasste. Das Frühstück war der einzige Teil des Tages mit einer ganz eigenen Art von Spannung. Jeden Morgen saßen nur wir beide an diesem langen Tisch. Ciro am Kopfende, mit Papieren und Kaffee. Ich zu seiner Rechten, mit Tee und dem stillen Versuch, mir nichts anmerken zu lassen, obwohl ich mit einem Mann frühstückte, der mein gesamtes Leben mit einem Vertrag und einer heruntertickenden Uhr auseinandergebaut hatte. Er bedrängte mich nicht. Schwebte nicht ständig in meiner Nähe oder machte spitze Bemerkungen darüber, dass ich hier war, weil ich keine Wahl gehabt hatte. Er — existierte einfach. Auf diese große, ruhige, völlig undurchschaubare Art von ihm. Was fast noch schlimmer war. Am dritten Morgen sah ich von meinem Teller auf und bemerkte, dass er mich beobachtete. Nicht einmal subtil. Einfach — beobachtete. Ellbogen auf dem Tisch, die Kaffeetasse halb zum Mund gehoben, die Augen auf mein Gesicht gerichtet mit dieser besonderen Geduld von ihm, die scheinbar keinen Endpunkt kannte. „Was“, sagte ich trocken. „Nichts“, sagte er. „Dann hör auf zu starren.“ Sein Mundwinkel bewegte sich. Kaum sichtbar. Dann wandte er sich wieder seinen Papieren zu. Ich wandte mich wieder meinem Frühstück zu. Meine Ohren waren warm und ich weigerte mich, das anzuerkennen. Am vierten Morgen war der Tisch nur für eine Person gedeckt. Ich blieb im Türrahmen stehen und sah ihn an. Nica erschien. „Der Herr ist früh gegangen. Er sagte, ich soll dir ausrichten, dass das Gelände heute dir gehört.“ Sie hielt inne, offenbar erinnerte sie sich an die genauen Worte. „Und dass du nichts tun sollst, was ihn irritieren würde.“ Ich sah sie an. Dann lachte ich. Wirklich lachte, kurz und überrascht, das erste echte Lachen, seit das alles begonnen hatte. Es fühlte sich seltsam an, als käme es aus einem Muskel, den ich lange nicht benutzt hatte. Nica lächelte leise und verschwand wieder Richtung Küche. Ich frühstückte allein und zum ersten Mal seit vier Tagen befanden sich meine Schultern ungefähr dort, wo sie normalerweise waren, statt irgendwo oben bei meinen Ohren. Den Großteil des Vormittags verbrachte ich draußen. Das Gelände von Sept Tour war etwas völlig anderes, wenn man tatsächlich Zeit hatte, es zu betrachten. Steinwege, alte Bäume, der Kanal am äußeren Rand, der das Morgenlicht einfing. Ein Ort, der lange genug existiert hatte, um in sich selbst ruhend zu wirken, unbeeindruckt von allem, was innerhalb seiner Mauern geschah. Ich ging langsam, die Hände in den Taschen, und ließ mein Gehirn endlich tun, wofür es seit meiner Ankunft keinen Platz gehabt hatte. Richtig denken. Zuerst dachte ich an Cassie, die am Tag zuvor angerufen hatte und weniger panisch, dafür deutlich wütender geklungen hatte — was ehrlich gesagt eine Erleichterung war. Wut war Cassies natürlicher Lebensraum. Panik nicht. Ich dachte an Matron, deren Schweigen an einer empfindlichen Stelle in meiner Brust saß, gegen die ich immer wieder unabsichtlich drückte. Ich dachte an die Arbeit. An die Fälle auf meinem Schreibtisch zu Hause. An das Leben, das ich noch vor einer Woche geführt hatte und das sich jetzt anfühlte, als hätte es zu einer völlig anderen Person gehört. Und dann dachte ich an Ciro. Genauer gesagt an vor zwei Nächten, als ich mein Zimmer verlassen hatte, um Wasser zu holen, und ihn am Fenster am Ende des Korridors stehen sah. Er stand einfach dort im Dunkeln und blickte aufs Wasser hinaus, ohne Jacke, die Ärmel hochgekrempelt — und zum ersten Mal seit ich ihn kannte, wirkte er wie jemand, der etwas Schweres mit sich trug und es gelegentlich irgendwo im Privaten abstellen musste. Er hatte sich umgedreht, als er mich hörte. Wir hatten uns angesehen. Keiner von uns hatte ein Wort gesagt. Und ich war wieder in mein Zimmer gegangen und hatte danach eine Stunde wach gelegen, und darüber ärgerte ich mich immer noch. Ciro kam am Abend zurück. Ich spürte, wie sich das Haus veränderte, noch bevor ich ihn hörte — diese besondere Verschiebung der Atmosphäre, die eintrat, wenn er durch die Eingangstüren ging, als würde sich das Gebäude selbst anpassen. Ich saß im kleinen Salon neben dem Hauptkorridor, die Beine unter mir auf dem Sofa, ein Buch im Schoß, das ich mehr anstarrte als las. Schritte auf der Treppe. Sie hielten vor dem Salon. Die Tür öffnete sich. Ciro stand im Türrahmen, noch in seiner Jacke, und seine Augen fanden mich sofort, so wie immer, als wäre es einfach selbstverständlich, mich in einem Raum zu lokalisieren. „Du bist noch wach“, sagte er. „Ich wohne hier offenbar“, sagte ich, ohne vom Buch aufzusehen. Eine Pause. Dann trat er ein. Er setzte sich nicht ans andere Ende des Raumes. Er setzte sich ans andere Ende desselben Sofas. Nicht nah. Ein ganzes Sofakissen lag zwischen uns. Aber auch nicht weit entfernt, und der Raum war klein genug, dass seine Präsenz sofort spürbar war. Mir wurde augenblicklich seine Wärme bewusst, der leichte dunkle, saubere Duft seines Parfums, die Art, wie er sich setzte wie ein Mann, der müde war, es aber niemals zugeben würde. Ich las denselben Satz dreimal und verstand nichts davon. Er hob die Hand und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Ich blätterte eine Seite um, die ich nicht beendet hatte. „Wie war dein Tag“, fragte er. Ich sah kurz zu ihm hinüber. Er blickte geradeaus, den Kopf leicht gegen das Sofa gelehnt. „Gut“, sagte ich. „Das Gelände ist schön.“ „Mm.“ Stille. Nicht wirklich unangenehm. Eher die Art von Stille, die zwischen zwei Menschen entsteht, die etwas zu sagen haben und noch nicht entschieden haben, ob sie es tun sollen. Ich schloss mein Buch. Ich betrachtete sein Profil. Der Kiefer. Die Linie seines Halses über dem geöffneten Kragen. Seine Hände, die ruhig und schwer auf seinen Oberschenkeln lagen. „Kann ich dich etwas fragen“, sagte ich. „Du wirst es ohnehin tun“, sagte er. Fair genug. „Warum bist du enthaltsam geblieben“, fragte ich. Die Frage landete im Raum und blieb dort. Ciro bewegte sich nicht. Spannte sich nicht an, wich nicht aus. Er wurde einfach sehr still auf diese ihm eigene Weise, und die Stille zog sich so lange, dass Oriana dachte, er würde vielleicht gar nicht antworten. „Weil nichts davor es wert war“, sagte er. Seine Stimme war leise. Nicht weich — Ciros Stimme war nie wirklich weich — aber tiefer als gewöhnlich. Als spräche er eher zum Raum als zu mir. Ich ließ das einen Moment wirken. Die Lampe auf dem Beistelltisch tauchte den Raum zwischen uns in warmes Licht. Draußen tat Venedig, was es immer tat — Wasser, entfernte Geräusche und diese besondere nächtliche Ruhe einer auf Altem erbauten Stadt. „Und jetzt“, sagte ich. Ich hatte nicht vorgehabt, das zu sagen. Es rutschte einfach heraus. Ciro wandte den Kopf und sah mich an. Und da war er — dieser Blick. Derjenige, der etwas mit der Luft in jedem Raum machte, in dem er auftauchte. Langsam, direkt und mit dem vollen, ruhigen Gewicht eines Mannes, der offenbar schon vor langer Zeit entschieden hatte, was er fühlte, und einfach gewartet hatte. Mein Magen machte etwas, das ich nicht näher untersuchen wollte. „Oriana kennt die Antwort darauf bereits“, sagte er. Tief. Ruhig. Eine Stimme, die nicht laut sein musste, um einen Raum zu füllen. Das Kissen zwischen uns fühlte sich plötzlich sehr dünn an. Mir war jeder einzelne Punkt des Beinahe-Kontakts bewusst — die wenigen Zentimeter zwischen meinem Knie und seinem, der kleine Abstand zwischen unseren Armen auf der Sofalehne. Nichts berührte sich. Nichts war auch nur nahe daran. Aber das Bewusstsein darüber war laut genug für sich allein. „Der Vertrag sagt–“, begann ich. „Du bist sicher“, sagte er schlicht. „Ich habe gesagt, ich gebe dir Zeit.“ „Ich weiß.“ „Warum siehst du dann aus, als würdest du entscheiden, ob du weglaufen sollst“, sagte er. Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Denn das war ärgerlicherweise, peinlicherweise genau das, was geschah. Ich stand auf. „Gute Nacht“, sagte ich, und meine Stimme blieb ruhig, wofür ich zumindest dankbar war. Ich ging zur Tür. „Oriana.“ Ich blieb stehen. Drehte mich nicht um. „Schlaf gut“, sagte er. Leise. Vollkommen gelassen. Als hätte er alle Zeit der Welt und keinerlei Zweifel daran, wie die Dinge letztendlich ausgehen würden. Ich ging hinaus. Die Treppe hinauf. In mein Zimmer und direkt zum Fenster, legte die Finger gegen das kühle Glas und blickte aufs Wasser hinaus. Mein Herz schlug schneller, als es irgendeinen Grund dazu hatte. Ich lehnte die Stirn gegen das Glas und atmete einen Moment lang. Nichts davor war es wert gewesen. Draußen glitzerte Venedig wie immer weiter, völlig gleichgültig. Ich stand lange dort, bevor ich mich schließlich vom Fenster löste. Ich steckte in Schwierigkeiten. Echten, ernsthaften Schwierigkeiten. Und das Schlimmste — der Teil, der mich noch lange nach dem Zubettgehen an die Decke starren ließ — war, dass diese Schwierigkeiten dunkle Augen und eine ruhige Stimme hatten und mich noch nicht ein einziges Mal berührt hatten.
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