Kapitel 6

1630 Words
~~Oriana~~ Acht Minuten. Ich starrte auf den Bildschirm und spürte, wie mein ganzer Körper kalt wurde. Acht Minuten, bevor alles, was ich jemals geliebt hatte, in Stücke gesprengt wurde — wegen mir. Weil ich das schreckliche Pech gehabt hatte, in dieser verrotteten Stadt in der falschen Nacht die falsche Gasse entlangzugehen. Meine Kehle zog sich zusammen. Ich presste die Lippen fest aufeinander und weigerte mich, vor diesen Männern zu weinen. Ich hatte Ciro für eine Nacht bereits genug Genugtuung gegeben. Seinen kleinen Marionetten würde ich ganz sicher nicht noch mehr geben. Doch Cassies Gesicht auf dem Bildschirm ließ meinen Kopf nicht los. Mit verbundenen Augen, zitternd, eine Pistole an ihre Stirn gedrückt, als wäre sie nichts. Als hätte ihr Leben keinen Wert. Und Matron. Gott, Matron. Zuerst dachte ich an ihre Hände — immer ihre Hände. Rau und warm, immer mit einem leichten Geruch nach der Suppe, die dauerhaft auf dem Herd stand. Sie legte sie mir auf die Stirn, wann immer ich krank war, prüfte meine Temperatur, noch bevor sie ein Wort sagte. Sie hatte mich großgezogen, ohne darum gebeten worden zu sein. Niemals hatte sie mich fühlen lassen, als wäre ich eine Last. Und dieses Waisenhaus würde wegen mir zu Trümmern werden. 7:03. Beweg dich, Oriana. „Besorgen Sie mir ein Auto.“ Meine Stimme klang härter, als ich mich fühlte. Der Beamte, der mir das Telefon gegeben hatte, sprang sofort auf, und ich wartete nicht einmal darauf, dass er aussprach, was er sagen wollte. Ich ging direkt aus der Station hinaus zurück in die Nachtluft. Ich blieb auf dem Gehweg stehen, atmete durch die Nase und beobachtete ein Paar, das auf der anderen Seite des Kanals sorglos vorbeispazierte. Normale Menschen. Eine normale Nacht. Muss wirklich schön sein. Ein schwarzes Auto hielt vor mir, noch bevor ich mich vollständig entschieden hatte einzusteigen. Trotzdem stieg ich ein. Der Fahrer sagte kein Wort. Er wusste bereits, wohin wir fuhren. Natürlich wusste er das. Ich sah wieder auf das Telefon. 5:41. Die Zahlen verschwammen ineinander. Ich wollte eines klarstellen. Ich kam nicht aus Angst zurück. Ich meine, ja, ich hatte Angst — ich bin schließlich ein Mensch und werde nicht so tun, als wäre es anders. Aber Angst allein war nicht der Grund, warum sich meine Füße bewegten. Es war einfacher als das. Cassie und Matron waren die einzige echte Familie, die ich in meinen fünfundzwanzig Lebensjahren je gekannt hatte. Das Waisenhaus war das einzige Zuhause, das ich je gehabt hatte und kannte. Und ich würde nicht zulassen, dass ein Mann wie Ciro Conti all das zu Asche machte, nur um etwas zu beweisen. Ich konnte später gegen ihn kämpfen. Und ich würde gegen ihn kämpfen. Aber nicht heute Nacht. Die Tore von Sept Tour kamen in Sicht, und mein Magen sank, so wie immer, wenn man auf etwas zuging, das man nicht mehr rückgängig machen konnte. Die Wachen traten zur Seite. Die Türen öffneten sich. Und da stand er. Im Eingang, als hätte er sich keinen Zentimeter bewegt, als hätte er einfach mit unendlicher Geduld gewartet, weil er ohnehin wusste, wie das hier enden würde. Eine Hand in der Tasche. Ein Glas in der anderen. Ganz in Schwarz gekleidet, vom Kragen bis zu den Schuhen, als hätte ihn das Konzept von Farbe persönlich beleidigt. Seine Augen fanden meine, noch bevor ich vollständig durch die Tür getreten war. Und Gott, ich hasste ihn dafür, wie unberührt er aussah. Ich durchquerte die Halle und blieb direkt vor ihm stehen, hob das Kinn, weil der Mann unverschämt groß war und ich mich weigerte, mit seiner Brust zu sprechen. Ich hielt das Telefon zwischen uns hoch, den Bildschirm zu ihm gerichtet. 2:19 — weiter herunterzählend. „Stoppen Sie es“, sagte ich. „Die Bombe, die Waffe, alles. Sofort.“ Er sah auf den Bildschirm. Dann auf mich. Etwas huschte über sein Gesicht, so schnell, dass ich es nicht benennen konnte, bevor es verschwand. „Und im Gegenzug?“ fragte er leise. Ich hielt seinem Blick stand und sagte es schlicht: „Ich werde den Vertrag unterschreiben.“ Er prahlte nicht. Zeigte dieses schreckliche Lächeln nicht. Er griff einfach in seine Jacke, sagte etwas leise auf Italienisch in sein Telefon und steckte es wieder ein. Die Uhr auf meinem Bildschirm wurde schwarz. Ich atmete. Nur einmal. Kurz und leise, aber ich atmete. „Cassie“, sagte ich sofort. „Sie wird gerade freigelassen. Sie wird innerhalb einer Stunde in Ihrem Hotel sein.“ Er legte leicht den Kopf schief und beobachtete mich, als würde man etwas betrachten, auf das man lange gewartet hatte. „Sie sind schneller zurückgekommen, als ich erwartet hatte.“ „Ich bin nicht wegen Ihnen zurückgekommen“, sagte ich flach. „Das sollte ganz klar sein.“ „Ich weiß.“ Er sagte es so einfach, so ruhig, dass es mich überraschte. Keine Arroganz darin. Nur diese zwei Worte zwischen uns. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte, also tat ich nichts. Er drehte sich um und ging zur Treppe, und ich blieb einen Moment stehen und sah ihm nach, hasste die Tatsache, dass ich ihm folgen musste, hasste noch mehr, dass sich meine Füße bereits bewegten, bevor ich mich bewusst dazu entschieden hatte. Das Arbeitszimmer war genau die Art Raum, die zu ihm passte — dunkles Holz, schwere Vorhänge, eine einzelne Lampe, die schwach auf dem Schreibtisch brannte. Der Vertrag lag bereits bereit, denn natürlich hatte er nie daran gezweifelt, dass ich zurückkommen würde. Ich stand über dem Schreibtisch und las jedes einzelne Wort. Er saß auf der anderen Seite des Raumes in einem Sessel und ließ mich. Er drängte mich nicht, stand nicht über mir, sagte überhaupt nichts. Er wartete einfach, ein Knöchel über das Knie gelegt, und beobachtete mich mit diesem unlesbaren Ausdruck. Ich ließ mir Zeit, denn ich war Anwältin, bevor ich irgendetwas anderes war, und ich würde nichts unterschreiben, was ich nicht gelesen hatte. Zeile für Zeile, Klausel für Klausel. Einiges war unkompliziert. Einiges ließ meinen Blutdruck steigen. Aber nichts überraschte mich. Genau so ein Mann hätte einen Ehevertrag bereitliegen, noch bevor die Frau überhaupt zugestimmt hatte. Ich kam zur letzten Seite. Nahm den Stift. Meine Hand zitterte nicht. Das überraschte mich wirklich. Das Geräusch des Stifts auf dem Papier fühlte sich endgültig an. Ich legte ihn ab, richtete mich auf und sah zu ihm hinüber. „Ich habe eine Bedingung“, sagte ich. Er hob eine Augenbraue. „Cassandra und Matron sind tabu. Das Waisenhaus ist tabu. Nichts wird sie jemals berühren. Das ist nicht verhandelbar.“ Er sah mich einen langen Moment an. „Einverstanden“, sagte er. „Ich meine es ernst, Ciro.“ „Ich auch.“ Da war keine Show darin. Kein Grinsen, kein erhobenes Glas, nichts. Nur ein ruhiger Blick, der sich — gegen jeden Instinkt — irgendwie fest anfühlte. Ich wandte mich von ihm ab und sah aus dem Fenster auf Venedig unter mir — das Wasser fing die Lichter ein, die alten Gebäude standen genau dort, wo sie seit Jahrhunderten standen, völlig gleichgültig gegenüber dem Chaos in diesem Anwesen. Ich hatte gerade einen Vertrag unterschrieben, um einen Mann zu heiraten, den ich vor ungefähr achtundvierzig Stunden kennengelernt hatte. Einen Mann, der mich entführt, betäubt, alles bedroht hatte, was ich liebte, und dann die Dreistigkeit besaß, völlig unbeeindruckt zu wirken. Ich, Oriana Vitale, die Jahre damit verbracht hatte, eine Karriere aufzubauen, indem sie gegen Männer wie ihn kämpfte. Ich. Ein leises, humorloses Lachen wollte mir entkommen, doch ich schluckte es herunter. Schritte hinter mir, langsam und ruhig. Er blieb nah genug stehen, dass ich die Veränderung der Luft um mich herum spüren konnte. „Ihr Zimmer wurde vorbereitet.“ Seine Stimme war jetzt tiefer, die Schärfe von zuvor zu etwas beinahe — beinahe Menschlichem abgeschliffen. „Sie werden alles haben, was Sie brauchen.“ „Ich möchte heute Abend persönlich mit Cassie sprechen.“ „Die entsprechenden Arrangements werden getroffen.“ Ich nickte und starrte auf das Wasser. „Oriana.“ Ich erstarrte. Es war das erste Mal, dass er meinen echten Namen benutzte. Nicht Kitty, nicht Doll, nicht Wife. Mein Name. Ich drehte mich leicht, nicht ganz. „Sie haben die richtige Entscheidung getroffen“, sagte er. Ich sah ihn richtig an, dieses unerträglich gefasste Gesicht, und spürte etwas in meiner Brust aufflackern, das ich sofort unterdrückte. „Tun Sie das nicht“, sagte ich leise. „Was nicht?“ „So tun, als wäre das eine Entscheidung gewesen.“ Er sagte nichts. Ich ging an ihm vorbei zur Tür, und dieses Mal hielt er mich nicht auf. Nica wartete im Flur, unsicher, als hätte sie nervös gewartet und versucht, es nicht zu zeigen. Ihr Gesicht wurde von Erleichterung überflutet, als sie mich sah. „Herrin, ich—“ „Oriana“, sagte ich, nicht unfreundlich. „Einfach Oriana.“ Sie blinzelte, nickte schnell und führte mich den Flur entlang zu meinem Zimmer. Ich ließ sie. Ich war heute Nacht zu müde, um über Namen zu diskutieren. Das Zimmer war dasselbe, in dem ich an diesem Morgen aufgewacht war, nur dass jetzt frische Kleidung bereitlag, ein warmes Essen auf dem Beistelltisch stand, um das ich nicht gebeten hatte, und eine einzelne rote Rose in einer Glasvase auf der Fensterbank. Ich stand einen Moment mitten im Raum und betrachtete alles. Dann setzte ich mich auf die Bettkante, vergrub mein Gesicht in den Händen und erlaubte mir endlich — privat — zusammenzubrechen. Nur für ein paar Minuten. Morgen würde ich wieder stark sein. Morgen würde ich anfangen herauszufinden, wie ich diesen Albtraum überstehen konnte, ohne mich selbst völlig zu verlieren. Aber heute Nacht? Heute Nacht war ich einfach nur ein Mädchen, das für die Menschen, die es liebte, freiwillig in die Höhle des Löwen zurückgekehrt war. Und ich war erschöpft.
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