Kapitel 2-2

471 Words
Während der Fahrt drehen sich meine Gedanken um Lucas. Haben die Wächter ihm meine Flucht gemeldet? Ist er wütend? Fühlt er sich, als hätte ich ihn mit meiner Flucht hintergangen? Ich liebe dich. Ich gehöre dir. Selbst jetzt röten sich meine Wangen noch, als ich mich an diese Worte erinnere, die ich in einem Traum gesagt habe, der vielleicht kein Traum war. Bis zu jener Nacht hatte ich nicht gewusst, was ich für ihn fühle, hatte nicht begriffen, dass ich mich in ihn verliebt hatte. Es gab so viele Dinge zwischen uns, die falsch waren, Angst und Wut und Misstrauen, so dass ich eine ganze Weile gebraucht habe, um diese eigenartige Sehnsucht zu verstehen. Den Grund für etwas so Irrationales und Sinnloses zu erkennen. Ich werde dich vermissen. Das hat mir Lucas gesagt, als er mich am nächsten Morgen auf seinen Schoß gesetzt und mich umarmt hat, und fast wäre ich in Tränen ausgebrochen. Wusste er, was er mit diesen verwirrend liebevollen Worten bei mir auslöste? War diese ungewohnte Zärtlichkeit Teil seiner teuflischen Rache? Ein noch sadistischerer Weg, mich zu zerstören und dabei nicht einmal einen blauen Fleck zu hinterlassen? Die Straße verschwimmt vor meinen Augen, und ich bemerke, dass die Tränen, die ich an jenem Tag zurückgehalten hatte, jetzt mein Gesicht hinunterlaufen und das Adrenalin durch die Flucht den Schmerz dieser Erinnerung verstärkt. Ich will nicht darüber nachdenken, wie Lucas mich gebrochen hat, dass er mir Sicherheit versprochen hatte und mir stattdessen das Herz brach, aber ich kann nichts dagegen tun. Die Erinnerungen wiederholen sich immer wieder in meinem Kopf, und ich kann nichts dagegen tun. Etwas an Lucas’ Verhalten in den letzten Tagen beschäftigt mich, irgendein unstimmiger Unterton, den ich wahrgenommen, aber nicht sofort vollständig verarbeitet habe. »Hör verdammt nochmal auf, für ihn zu betteln«, hatte Lucas mich angefahren, als ich ihn bat, meinen Bruder zu verschonen. »Ich entscheide, wer lebt, nicht du.« Es gab weitere Dinge, die er gesagt hat. Dinge, die mich verletzt haben. Trotzdem waren seine Berührungen, als er mich in jener Nacht nahm, nicht wütend gewesen. Lustvoll, ja. Krankhaft besitzergreifend, definitiv. Aber es gab keine Wut – zumindest nicht jenen Zorn, den ich von einem Mann erwartet hatte, der mich ausreichend hasst, um es zuzulassen, dass der Einzige, der mir von meiner Familie geblieben ist, umgebracht wird. Und dann das »Ich werde dich vermissen« am nächsten Morgen. Das hat einfach nicht zusammengepasst. Nichts davon passt zusammen – außer natürlich, genau das war Lucas’ Plan. Vielleicht war er noch nicht damit fertig, mich völlig in den Wahnsinn zu treiben. Von diesen ganzen Überlegungen bekomme ich Kopfschmerzen, und ich wische mir meine Tränen aus dem Gesicht, bevor ich das Steuer wieder fester umfasse. Was auch immer Lucas mit mir vorhatte, ist jetzt egal. Ich bin entkommen, und ich kann nicht weiterhin zurückblicken. Ich muss nach vorn schauen.
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