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Yulia
»Yulia Tzakova?«
Mein Herz setzt einen Schlag aus, während ich herumwirbele, und meine Hand automatisch das Messer umfasst, das in meiner Jeans steckt.
Ein dunkelhaariger Mann steht vor mir. Er sieht völlig durchschnittlich aus, bis hin zu seiner Sonnenbrille und dem Cap. Er hätte irgendjemand auf diesem vollen Markt in Villavicencio sein können, aber das ist er nicht.
Er ist Obenkos venezolanischer Kontaktmann.
»Ja«, antworte ich, ohne meine Hand von dem Messer zu lösen. »Sind Sie Contreras?«
Er nickt. »Bitte folgen Sie mir«, sagt er auf Russisch mit einem spanischen Akzent.
Ich lasse den Griff meines Messers los und folge dem Mann, der beginnt, sich durch die Menge zu schlängeln. Genau wie er trage ich ein Cap und eine Sonnenbrille – zwei Dinge, die ich in einer anderen Tankstelle auf dem Weg hierher gestohlen habe – aber ich fühle mich immer noch so, als würde gleich jemand auf mich zeigen und rufen: »Das ist sie. Das ist die Spionin, nach der Esguerras Männer suchen.«
Zu meiner Erleichterung achtet niemand auf mich. Neben dem Cap und der Sonnenbrille habe ich ein weites T-Shirt und ebenso weite Jeans an derselben Tankstelle erstanden. In dieser formlosen Kleidung und meinen ins Cap gesteckten Haaren sehe ich eher wie ein junger Mann als eine junge Frau aus.
Contreras führt mich zu einem unauffälligen blauen Van, der an einer Straßenecke parkt. »Wo ist das Fahrzeug, mit dem Sie hierhergekommen sind?«, fragt er, als ich auf der Rückbank Platz nehme.
»Ich habe es ein Dutzend Straßen von hier entfernt geparkt, genauso wie mich Obenko angewiesen hatte«, erkläre ich ihm. Seit meinem ersten Anruf in Miraflores habe ich zwei weitere Male mit meinem Chef gesprochen, und er hat mir diesen Treffpunkt und Anweisungen, wie es weitergehen soll, gegeben. »Ich denke nicht, dass ich verfolgt worden bin.«
»Vielleicht nicht, aber wir müssen Sie trotzdem innerhalb der nächsten Stunden aus dem Land schaffen«, sagt Contreras und lässt den Van an. »Esguerra spannt sein Netz immer weiter. Ihr Bild ist bereits an allen Grenzübergängen angekommen.«
»Wie werden Sie mich dann hier herausbekommen?«
»Im Kofferraum ist eine Lattenkiste«, erwidert Contreras, als wir aus der Parklücke auf die Straße fahren. »Und einer der Grenzwächter schuldet mir noch einen Gefallen. Mit ein bisschen Glück sollte das ausreichend sein.«
Ich nicke und spüre, wie die kalte Luft aus der Klimaanlage in mein schweißiges Gesicht bläst. Ich bin die ganze Nacht gefahren und habe nur einmal angehalten, um ein neues Auto zu stehlen und mir neue Kleidung zu besorgen. Jetzt bin ich erschöpft. Außerdem habe ich die ganze Zeit auf der Straße mit dem Geräusch von Hubschraubern und dem Heulen von Sirenen gerechnet. Die Tatsache, dass ich ohne Zwischenfälle so weit gekommen bin, grenzt geradezu an ein Wunder, und ich weiß, dass meine Glückssträhne jederzeit enden könnte.
Aber auch diese Befürchtung ist nicht stark genug, um meine Erschöpfung zu verdrängen. Als Contreras’ Van auf die Autobahn in nordöstliche Richtung fährt, spüre ich, dass sich meine Augenlider schließen, und ich kämpfe nicht gegen den übermächtigen Drang, zu schlafen, an.
Ich muss nur einige Minuten schlafen, und dann werde ich bereit sein für das, was auch immer als Nächstes kommen mag.
»Yulia, wachen Sie auf.«
Die Dringlichkeit in Contreras’ Stimme reißt mich aus einem Traum, in dem ich mit Lucas einen Film geschaut habe. Ich reiße meine Augen auf, während ich mich gerade hinsetze, und verschaffe mir einen schnellen Überblick über die Situation.
Die Sonne geht bereits unter, und wir scheinen in einer Art Verkehrsstau zu stehen.
»Wo sind wir? Was ist das?«
»Straßenblockade«, sagt Contreras angespannt. »Sie überprüfen alle Fahrzeuge. Sie müssen in die Kiste gehen, jetzt sofort.«
»Ihr Grenzwächter ist nicht –«
»Nein, wir sind immer noch etwa dreißig Kilometer von der Grenze zu Venezuela entfernt. Ich weiß nicht, weshalb sie die Straße gesperrt haben, aber es kann nichts Gutes bedeuten.«
Scheiße. Ich öffne meinen Gurt und krieche durch das kleine Fenster in den Kofferraum des Vans. Wie Contreras gesagt hat, befindet sich hier eine Lattenkiste, aber sie sieht zu klein aus, um eine Person aufzunehmen. Ein Kind vielleicht, aber keine Frau meiner Größe.
Andererseits passen bei Auftritten von Zauberern Menschen in alle möglichen Behälter, die viel zu klein aussehen. Genauso wird das bei dem Zaubertrick mit der zersägten Jungfrau häufig gemacht: Ein sehr gelenkiges Mädchen ist der »Oberkörper« und ein zweites die »Beine«.
Ich bin nicht so gelenkig wie die typische Assistentin eines Zauberers, aber ich bin um einiges motivierter.
Ich öffne die Kiste, lege mich auf den Rücken und versuche, meine Beine so nahe an mich zu ziehen, dass ich den Deckel über mir schließen kann. Nach einigen frustrierenden Minuten muss ich einsehen, dass das eine unmögliche Aufgabe ist; meine Knie ragen mindestens fünf Zentimeter über den Rand der Kiste heraus. Warum hat Contreras eine so kleine Kiste besorgt? Einige Zentimeter tiefer, und sie wäre in Ordnung gewesen.
Das Fahrzeug beginnt, sich in Bewegung zu setzen, und mir wird klar, dass wir uns dem Kontrollpunkt nähern. Die Türen des Vans werden sich jeden Moment öffnen, und sie werden mich entdecken.
Ich muss in diese verdammte Kiste passen.
Ich beiße meine Zähne zusammen, drehe mich auf die Seite und versuche, meine Knie in den kleinen Spalt, zwischen meine Brust und die Wand der Kiste, zu quetschen. Sie passen nicht hinein, also atme ich tief ein und versuche es erneut, wobei ich den Schmerzausbruch in meiner Kniescheibe ignoriere, als sie gegen die Metallkante stößt. Während ich das versuche, höre ich laute Stimmen, die Spanisch sprechen, und spüre, dass der Van wieder stehengeblieben ist.
Wir sind am Kontrollpunkt angekommen.
Hektisch drehe ich mich, um den Deckel der Kiste zu nehmen und ihn mit zitternden Händen über mich zu ziehen.
Schritte und Stimmen nähern sich dem Kofferraum des Vans.
Sie werden die Türen öffnen.
Mit klopfendem Herzen ziehe ich mich zu einem unglaublich kleinen Ball zusammen und quetsche dabei meine Brüste mit meinen Knien ein. Selbst mit der betäubenden Wirkung des Adrenalins schreit mein Körper vor Schmerzen durch diese unnatürliche Position auf.
Der Deckel trifft auf den Rand der Kiste, und die Türen des Vans öffnen sich.