Kapitel 2 - Stimmen im Wald

775 Worte
Die Nacht legte sich wie ein schwerer Mantel über das Dorf. Lena lag wach in ihrem Bett und starrte an die Decke, doch ihre Gedanken ließen sie nicht los. In der Stadt hatte sie den Lärm gewöhnt gehabt – Autos, Stimmen, Musik, alles gleichzeitig. Jetzt war es die Stille, die sie bedrückte, die Stille, die sich wie Wasser um sie legte und sie fast ertrinken ließ. Vor ihrem inneren Auge erschienen Bilder aus der Vergangenheit: ihre alte Wohnung, die Farben ihres Zimmers, das vertraute Chaos auf dem Schreibtisch, das Lachen ihrer Mutter. Sie hatte geglaubt, stark zu sein, als sie alles zurückließ – doch jetzt fühlte sie sich klein, verloren, fremd in einer Welt, die sie nicht verstand. Ein kalter Luftzug drang durch das leicht geöffnete Fenster und ließ die Vorhänge flattern. Lena zog die Decke enger um sich. Draußen war der Wald noch dichter als am Tag, und unter dem Mondlicht wirkten die Baumkronen wie schwarze Flammen, die gegen den Himmel leckten. Ein merkwürdiges Zittern ging durch sie hindurch, als hätte der Wald selbst sie beobachtet. Dann hörte sie es. Ein Heulen, tief und langgezogen, das durch die Bäume schnitt und ihr Herz gleichzeitig füllte und zerbrach. Es war kein gewöhnlicher Schrei. Es war voller Schmerz, voller Macht, als würde er aus einer anderen Welt stammen, aus einem Ort, den nur die Nacht kannte. Lena presste die Hände gegen die Ohren, doch das Geräusch drang trotzdem in jede Faser ihres Körpers. Sie sprang aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Mond stand hoch am Himmel, rund und silbern, und tauchte die Baumstämme in ein gespenstisches Licht. Zwischen den Schatten schien sich etwas zu bewegen – doch als sie genauer hinsah, war da nur Dunkelheit. Oder doch nicht? Ihr Herz schlug schneller, eine Mischung aus Angst und einer seltsamen Anziehung, die sie nicht erklären konnte. Lena erinnerte sich an ihre Kindheit. Sie war immer diejenige gewesen, die die Nacht geliebt hatte, das Geheimnisvolle. Stundenlang saß sie am Fenster, sah den Sternenhimmel an und träumte davon, irgendwohin zu gehören, irgendwohin, wo die Welt größer war als sie selbst. Vielleicht war das hier genau das – nur viel gefährlicher, viel realer. Ein Rascheln ließ sie zusammenzucken. Ein Windstoß? Ein Tier? Sie wagte es nicht, nachzusehen. Doch das Heulen kam erneut, näher diesmal, intensiver. Es war nicht wütend, nicht aggressiv – eher klagend, suchend. Lena spürte einen seltsamen Sog in ihrer Brust, als würde sie gerufen werden, als würde der Ruf selbst ein Teil von ihr sein. Sie erinnerte sich an Noah, den Jungen aus der Schule. Etwas an ihm hatte sie berührt, etwas in seinen Augen, das sie nicht verstand. Vielleicht war er dieser Ruf, dachte sie für einen Moment. Aber das war absurd. Er konnte nicht das Heulen verursachen. Oder doch? Die Nacht dehnte sich endlos. Lena spürte, wie ihre eigenen Ängste und Hoffnungen sich miteinander verknüpften. Die Einsamkeit, die sie seit der Scheidung ihres Lebens mit sich trug, die Sehnsucht nach Nähe und Verständnis – alles schien in diesem Moment an einem Punkt zusammenzufließen. Dann geschah etwas Unvorhergesehenes. Ein Schatten huschte zwischen den Bäumen. Groß, schnell, fast lautlos. Lena hielt den Atem an. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Der Schatten verharrte, als würde er sie beobachten, bevor er verschwand. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Nach Hause laufen? Den Vater wecken? Oder dem Wald einfach den Rücken kehren und so tun, als wäre nichts geschehen? Doch etwas in ihr sagte: „Du kannst nicht wegsehen.“ Ein weiteres Heulen. Dieses Mal kam es aus der Ferne, aber es war direkt für sie bestimmt, als würde es ihr eine Botschaft übermitteln, die sie noch nicht verstand. Lena setzte sich auf ihr Bett, die Beine an die Brust gezogen. Sie konnte nicht schlafen, nicht wegsehen, nicht weglaufen. Stattdessen schloss sie die Augen und ließ die Erinnerungen zu – an das Leben, das sie zurückgelassen hatte, an die Momente, in denen sie glücklich gewesen war, an die Menschen, die sie geliebt hatte. Und tief in ihrem Inneren erkannte sie, dass sie hier, in dieser fremden und geheimnisvollen Welt, vielleicht etwas finden konnte, das sie bisher nie gekannt hatte: ein Gefühl von Verbindung, ein Gefühl von Wahrheit. Und irgendwo da draußen, zwischen den Schatten der Bäume, wusste sie instinktiv, dass er sie beobachtete. Nicht bedrohlich, nicht feindlich – nur aufmerksam. Lena wusste, dass diese Nacht alles verändern würde. Dass sie etwas gespürt hatte, das größer war als Angst, größer als Vertrautheit. Etwas, das sie rief, das sie suchte, das sie verändern würde, ob sie wollte oder nicht. Das Heulen verklang allmählich, doch in ihrem Kopf hallte es weiter. Wie ein Versprechen, das sie noch nicht verstand.
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