Der erste Schultag in der kleinen Dorfschule hatte Lena schon morgens den Atem geraubt. Das Gebäude wirkte älter, knarrte bei jedem Schritt und roch nach Kreide, altem Holz und einem Hauch von nassem Laub, das vom Wind durch die offenen Fenster geweht wurde. Sie erinnerte sich daran, wie anders es in ihrer alten Schule gewesen war: helle Flure, neue Tische, die Geräusche von Hunderten Stimmen, die in einem endlosen Summen miteinander verschmolzen.
Damals hatte sie Freunde gehabt, mit denen sie lachen konnte, die ihre Geheimnisse kannten und sie akzeptierten, egal wie seltsam sie sich manchmal fühlte. Sophie, die immer die lautesten Witze riss; Max, der ihr beim Lernen half und immer ein bisschen nervös war, wenn Lehrer sie zu streng ansahen; und Elena, die stille Beobachterin, die oft einfach neben ihr saß und nickte, wenn sie etwas erzählte, das sonst niemand verstand.
Jetzt saß Lena allein in der kleinen Aula, und jede Bewegung der neuen Mitschüler schien unter einem Mikroskop zu stehen. Sie wollte sich unsichtbar machen, aber das klappte nicht. Jede Berührung von neugierigen Blicken brannte sich in ihre Haut. Manche Schüler tuschelten, andere starrten offen. Sie erinnerte sich an das Gefühl, das sie einst in der Stadt gehabt hatte, wenn ein Lehrer eine Frage stellte, und sie sich plötzlich unter hundert Augen wiederfand. Damals war es unangenehm, aber vertraut. Jetzt war es lähmend und fremd.
Und dann war da Noah.
Er saß in der hintersten Ecke des Klassenzimmers, so still, dass es fast unheimlich wirkte. Sein Blick schien oft in die Ferne zu schweifen, als würde er Dinge sehen, die sonst niemand wahrnahm. Lena konnte nicht anders, als immer wieder zu ihm zu sehen. Ein unbewusster Drang, der sie sowohl faszinierte als auch beängstigte.
In der Pause setzte sie sich auf eine Bank unter einer alten Eiche, deren Äste sich wie Arme über den Schulhof spannten. Die Blätter raschelten leise im Wind, und für einen Moment war sie wieder Kind, wieder in ihrer alten Schule, wo sie auf den Bänken saß und Sophie und Max Geschichten erzählten, während die Sonne durch die Glasfenster fiel. Sie konnte das Lachen hören, das damals so einfach war, und ein Stich von Sehnsucht durchfuhr sie.
„Du bist still.“
Lena zuckte zusammen. Noah stand vor ihr, als hätte er die Bank und den Schulhof lautlos betreten. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Sein Blick war wie immer – dunkel, durchdringend, als würde er nicht nur sie, sondern auch das, was in ihr verborgen war, erkennen.
„Ich…“, begann sie, doch die Worte versagten ihr. „Ich bin nur müde.“
Er nickte, und für einen Moment war da ein Hauch von Verständnis in seinen Augen, ein stilles Einverständnis, das sie zugleich beruhigte und nervös machte. Lena dachte an Max, der früher immer gewusst hatte, wann sie etwas bedrückte, und daran, dass hier niemand das tat. Niemand, außer vielleicht Noah.
Die Tage vergingen. Lena begann, die Struktur der Schule zu erkennen: Wer freundlich war, wer sich zurückzog, wer sich hinter Cliquen versteckte. Die Klassenräume waren klein, das Licht fiel schräg durch die alten Fenster, und die Schatten der Bäume draußen bewegten sich wie lebendige Zeichen auf den Wänden. Alles wirkte intensiver, mystischer, fast unwirklich – ganz anders als das helle, grelle Licht ihrer alten Klassenzimmer.
Sie bemerkte auch, dass Noah oft allein auf dem Sportplatz stand oder im Schatten der Flure entlangschritt, als wäre er gleichzeitig Teil der Welt und außerhalb von ihr. Er sprach kaum, doch seine Anwesenheit war spürbar, wie ein Puls, der die Luft um sie herum verdichtete.
In stillen Momenten erinnerte sie sich an früher: an die Nachmittage in der Stadt, in denen sie und Sophie im Park saßen und Pläne schmiedeten, an die Wochenenden, an denen sie Max und Elena besuchten, an die kleine Gewissheit, dass jemand sie immer verstand. Jetzt fühlte sie sich isoliert, in einer Schule, die kleiner, älter und fremder war, und doch war da dieses merkwürdige Ziehen, das sie zu Noah hinlenkte.
Nachmittags, als der Himmel sich färbte und die Schatten der Bäume länger wurden, lag Lena wieder in ihrem Zimmer. Sie dachte an die Gespräche, die sie früher geführt hatte, an das Lachen, die Streitigkeiten, die einfachen Freundschaften, die plötzlich so weit entfernt wirkten. Und sie dachte an Noah, der wie ein Rätsel in der Ecke ihrer Wahrnehmung existierte – stark, geheimnisvoll, fast unnahbar, und doch seltsam vertraut.
Das Heulen aus dem Wald, das sie in der ersten Nacht gehört hatte, spukte in ihren Gedanken weiter. Sie erzählte sich selbst, dass es nur Tiere waren, oder der Wind, doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Wald mehr war als nur Bäume und Schatten. Dass Noah mehr war als nur ein stiller Junge am Ende des Klassenzimmers.
Und irgendwo in ihr wuchs das Wissen, dass die Antworten nicht in den Klassenzimmern lagen, sondern draußen, zwischen den Bäumen, wo die Nacht lebte. Aber der Moment für das volle Geheimnis war noch nicht gekommen. Noch nicht.