Drei

1822 Worte
Drei Dritte-Person-POV Die Luft im Studio von Golden Fashion hing schwer vom Duft von Weichspüler und bevorstehenden Deadlines. Sonnenlicht, gefiltert durch die durchsichtigen Vorhänge ihres riesigen, loftartigen Raumes, erleuchtete Staubpartikel, die in der Luft tanzten – ein stilles Ballett, das vom rhythmischen Surren ihrer industriellen Nähmaschine begleitet wurde. Makisha arbeitete, als hätte sie keinerlei Sorgen. Ihr dunkles Haar, normalerweise akribisch gestylt, war zu einem unordentlichen Dutt hochgebunden, einzelne Strähnen umrahmten ein Gesicht, das sowohl von Intensität als auch von einem subtilen, wissenden Lächeln geprägt war. Sie empfand nichts als pure Zufriedenheit bei der Skizze, die sie gemacht hatte, die sie erschaffen hatte. „Woah“, staunte Chloe, ihre Kollegin, die sich sehr bemühte, ihre Freundin zu werden, voller Bewunderung. „Das ist mehr als nur eine Skizze, Makisha. Das ist Magie. Wenn ich doch nur so sein könnte wie du“, schmollte Chloe, die Augen weiterhin auf das Tablet gerichtet, auf dem Makisha zeichnete. Das Design war ein Meisterwerk. „Oh, bitte Chloe. Es ist nur ein zufälliges Kleid“, murmelte Makisha lächelnd, während sie die letzten Handgriffe machte. „Zufällig? Um Himmels willen, du nennst das zufällig? Ich wette, selbst Madame Louises Mund wird offen stehen, wenn sie das sieht“, grinste Chloe frech. „Meinst du?“, fragte Makisha und biss sich auf die Innenseite der Wange, während sie ihr Design skeptisch betrachtete. „Ich weiß es!! Zeig es ihr einfach zuerst und…..“, Chloe redete immer noch. „Und was zum Teufel geht hier vor?“, ein schwerer französischer Akzent hallte durch das Studio und beide Mädchen rissen die Köpfe hoch. Madame Flora Louise. Sie ist groß wie ein Riese und, ehrlich gesagt, hässlich. Ein Blick auf sie und man würde an die Bulldogge erinnert werden, die man im Zoo gesehen hat. Ihr Fett harmonierte schlecht mit ihren Muskeln und verlieh ihr dieses unangenehme Erscheinungsbild. Mit anderen Worten: Sie war ein reich gekleideter Pavian. „Ich habe eine Frage gestellt, oder nicht?“, fragte sie und ragte über die beiden Mädchen hinweg, die erschrocken zurückwichen. Makisha hielt ihr Tablet fest hinter ihrem Rücken, außerhalb von Madame Louises Sichtfeld. „Es ist nichts…. Madame Louise. Wir haben nur geredet“, sprach Makisha mutig. „Gerede? Sieh dich um“, fauchte Louise. „Wir haben eine Modenschau vorzubereiten. Übersetzung? Jeder sollte beschäftigt sein, aber ihr beide vertrödelt eure Lebenszeit mit Tratsch!“, brüllte sie und ließ Chloe zusammenzucken. „Und du. Ist das dein Platz? Solltest du hier sein?“, fragte sie und funkelte Chloe an. „Meine Entschuldigung, Madame“, senkte sie respektvoll leicht den Kopf, bevor sie hastig davonlief. „Es tut mir leid, dass ich getrödelt habe, Madame, aber ich bin mit meinem Teil der Arbeit fertig“, verteidigte sich Makisha wahrheitsgemäß. Es war nicht ihre Schuld, dass sie effizienter war als alle anderen Designer im Raum. „Du bist fertig, ja? Würde es dich umbringen, dich mit den anderen zusammenzutun, damit wir die Arbeit rechtzeitig erledigen können?“ „Ich wusste nicht, dass wir anderen helfen dürfen“, murmelte Makisha. „Was hältst du da?“, fragte Madame Louise mit verschränkten Armen. „W…was?“ „Was. Hältst. Du. Da? Du wärst verdammt, wenn du mich ein drittes Mal bitten lässt, es zu wiederholen“, warnte Louise. „Es ist nichts. Nur das Zeichentablet….“, Makisha stotterte, als Louise ihre Hand ausstreckte. „Gib es her“, befahl sie. „Ma?“ „Ich. Sagte. Gib. Es. Her!“ Zögernd reichte Makisha ihr das Tablet, und zum ersten Mal in der Geschichte sah Makisha, wie Madame Louises sonst so hartes Gesicht in Überraschung und Ehrfurcht umschlug. „Das… Das ist…. Wer hat das gezeichnet?“, fragte sie sprachlos. „Ich habe es gezeichnet, Madame“, antwortete Makisha und blickte zu Boden, während sie geduldig auf ihr Schicksal wartete. „Du… hast das skizziert?“, fragte sie, und als Makisha nickte, ging sie ohne ein weiteres Wort davon – natürlich mit dem Design. „Was war das denn?“, fragte sich Makisha, doch plötzlich begann sich alles zu drehen. Sie spürte, wie die Galle ihr bis in den Hals hochstieg, und sie rannte direkt in die nächstgelegene Toilette. Nachdem sie alles erbrochen hatte, was sie zu Mittag gegessen hatte, spülte sie den Mund aus, betätigte die Spülung und lehnte sich erschöpft gegen die Wand. Sie hatte schon seit Ewigkeiten erbrochen, Fieber gehabt, das nur ein paar Stunden anhielt und dann verschwand. Sie war so schwach gewesen – wäre sie nicht so fleißig, hätte es ihre Arbeit stark beeinträchtigt. Sie hatte sich vorgenommen, bald einen Arzt aufzusuchen. Sie hatte nur noch keine Zeit dafür gefunden. Sich dazu zwingend aufzurichten, ging sie aus der Toilette hinaus und traf auf Chloe, die besorgt aussah. „Geht es dir gut?“, fragte das Mädchen und fühlte Makishas Stirn auf Fieber. „Ja, mir geht’s gut“, schaffte es Makisha zu sagen, trotz der Tatsache, dass sich ihre Sicht plötzlich verdoppelte. Die Welt begann langsam vor ihr zu verschwimmen. „Aber du siehst blass aus. Und du erbrichst dich die ganze Woche schon! Was, wenn du dir einen Virus eingefangen hast oder so? Lass uns zu einem Arzt gehen!“, hörte sie Chloes besorgte Stimme in ihrer eigenen verschwommenen Welt widerhallen. „Ich habe gesagt, mir geht es gu…“, begann Makisha, als sie zu Boden fiel und die Welt vollkommen schwarz wurde. Chloe schrie panisch. „Jemand helfen!!! Sie ist ohnmächtig geworden! Ruft einen Krankenwagen!“, rief sie und fügte ihrer Darbietung ein wenig Drama hinzu. ★★★ „Kisha? Baby Girl. Kish, wach auf“, hallte eine vertraute, aber gedämpfte Stimme in Makishas Kopf und zwang sie, die Augen zu öffnen. Sie blinzelte und nahm die weißen Wände und die Decke wahr. Den Geruch konnte sie überall erkennen. Den Geruch von Medikamenten…. Blut…. Sie war im Krankenhaus. „Oh Jesus. Gott sei Dank lebst du! Ich dachte, ich hätte dich verloren“, zog Gigi sie in eine sanfte Umarmung, Sorge stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. „Was zum Teufel ist passiert? Warum bin ich hier? Ich war doch gerade noch bei der Arbeit….“, brach Makisha ab und versuchte sich zu erinnern, aber da war nichts. „Du bist ohnmächtig geworden, Kisha. Ich habe dir gesagt, du sollst deine Arbeitszeiten reduzieren! Du hörst nie zu. Das ist Stress, der seinen Tribut fordert“, schimpfte Gigi. „Ich kann nicht. Du weißt, ich brauche das zusätzliche Geld“, stöhnte Makisha wegen des pochenden Schmerzes in ihrem Kopf. „Dann nimm einfach Hilfe von mir an. Du weißt, dass ich in der Lage bin, für dich zu sorgen“, sagte Gigi besorgt und hielt Makishas Hand fest. „Natürlich weiß ich das. Ich möchte nur nicht die Art Freundin sein, die sich an dir festklammert. Das klingt cringe“, schaffte Makisha ein Lächeln. „Du hörst nie zu“, seufzte Gigi. Der Arzt kam herein, begleitet von einer Krankenschwester, die näher trat, um Makishas Vitalwerte zu überprüfen. „Hallo, Miss Makisha. Wie fühlen Sie sich?“, fragte der Arzt mit einem freundlichen Lächeln. „Ich fühle mich verdammt müde und…. ich glaube, in meinem Kopf steigt gerade eine Party. Ich fühle mich auch schwach“, antwortete Makisha, während der Arzt sich Notizen machte. „Wann war Ihre letzte Menstruation?“, fragte der Arzt plötzlich. „Bitte?“, fragten sowohl Gigi als auch Makisha. „Wann war Ihre letzte Menstruation?“, wiederholte er, und Makisha durchforstete ihr Gedächtnis. Oh Scheiße. „Vor zwei Monaten? Aber das ist bei mir normal! Hormonelle Sachen….“, versuchte Makisha sich zu verteidigen. „Nun, dazu weiß ich nicht, was ich sagen soll, denn der Schwangerschaftstest, den wir durchgeführt haben, war positiv“, verkündete der Arzt. „Sie haben was gesagt?!“ Die Farbe wich Makishas Gesicht mit Blitzgeschwindigkeit. „Sie sind im zweiten Monat schwanger, Miss. Herzlichen Glückwunsch“, lächelte er. „Da Sie sich im ersten Trimester befinden, rate ich Ihnen, sich von allem fernzuhalten, was zu stressig oder anstrengend ist. Sie brauchen viel Ruhe, denn bei der Menge an Stress, die Sie in den letzten Monaten durchgemacht haben… könnten Sie das Baby verlieren, wenn nicht aufgepasst wird…“, der Arzt verstummte, als er bemerkte, dass beide Mädchen aussahen, als hätten sie einen Geist gesehen. „Geht es… Ihnen gut?“ Gigi war die Erste, die sich von dem Schock erholte. „Natürlich geht es uns gut. Oh mein Gott! Kisha!! Awwn, ich kann nicht glauben, dass du einen Mini-Henry in dir trägst. Ich bin mir ganz sicher, dass Henry den ersten Flug zurück nach Las Vegas nehmen wird, sobald er das hört“, gurrte Gigi, bevor sie sich an den Arzt wandte. „Das Baby hat definitiv einen Vater, also bitte…. geben Sie uns etwas Zeit allein“, schenkte sie ihm ein breites Lächeln. „Ja, klar“, sagte er und ging mit der Krankenschwester hinaus, während Gigi sich in Zeitlupe zu Makisha umdrehte. „Wie bist du schwanger geworden?!“, flüster-schrie sie. „Vergiss das, wer hat dich geschwängert?!“ Makisha versuchte angestrengt nachzudenken, doch das Einzige, was in ihrem Kopf widerhallte, waren die Worte des Arztes. „Sie sind im zweiten Monat schwanger, Miss.“ „Zwei Monate schwanger!“ „Zwei…. Monate…. Schwanger.“ Das letzte ging in Zeitlupe durch ihr Gehirn. Zwei Monate! Jennys Hochzeit! Glasaufzug, Zimmer 9999! Ihre Augen weiteten sich bei der Erkenntnis. Sie blickte auf ihren Bauch. Das Baby, das sie trug, war das Produkt dieser einen zufälligen Nacht. Es schien, als hätte Gigi es ebenfalls begriffen, denn sie fluchte laut vor Frustration und Unglauben. „Mädels!!“, platzte Jenny aufgeregt in das Zimmer. „Rat mal was?“, keuchte sie nach Luft, da sie gerannt war. „Was?“, fragte Gigi, während Makisha versuchte sich vorzustellen, was schlimmer sein könnte als eine ungeplante Schwangerschaft. „Also, jemand online hat mich gefragt, wer die Designerin meines Hochzeitskleides war, und ich habe Makisha geantwortet. Sie ist ein Star-Model und sie möchte, dass Makisha ihr Hochzeitskleid entwirft. Ich glaube, die Hochzeit ist bald, obwohl sie noch kein Datum festgelegt haben. Sie will etwas Außergewöhnliches. Mit diesem Vertrag hat sie versprochen, dir Verbindungen zu der Modelagentur zu verschaffen, mit der sie arbeitet. Sie wird dafür sorgen, dass du deren sichere Anlaufstelle wirst. Mädchen!!! Du hast es geschafft!“, schrie Jenny. Makishas Herz sank bis in die Magengrube. Mit ihrer Schwangerschaft? Es gab keine Möglichkeit, das zu schaffen, ohne sich zu überarbeiten. Der Fötus in ihr war so zerbrechlich, und selbst wenn sie nicht darauf vorbereitet war, war sie auch nicht bereit, ihn zu verlieren. Ich schätze, das war der Punkt, an dem sie sagte…. Tschüss, Modedesign. Es ist vorbei.
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