Kapitel 5

1829 Worte
Ich schluckte schwer und kämpfte gegen die Bitterkeit in meiner Kehle an, während ein Sturm aus Gefühlen in mir tobte. „Aber Miss Isabellas Image passt nicht zum Thema unseres Produkts“, sagte ich und bemühte mich, meine Stimme ruhig zu halten, während ich es Alexander erklärte. Isabella Blackwood, international bekannt für ihren kühlen, eleganten Stil, passte eindeutig nicht zu der aktuellen Positionierung unserer Marke. „Das ist dein Geschäft, nicht meines“, erwiderte Alexander gleichgültig. „Ich bin sicher, du wirst eine Lösung finden. Diese Markenkooperation ist für Isabella sehr wichtig. Du wirst den gesamten Prozess überwachen.“ Ich fühlte mich wie betäubt. Mein Gesicht war so starr geworden, dass es sich kaum noch bewegen ließ. Der vertraute Schmerz in meiner Brust flammte auf, wurde jedoch sofort wieder unterdrückt. Alexander setzte so viel Vertrauen in meine Fähigkeiten – und doch übergab er ohne zu zögern seine erste Liebe direkt in meine Hände und drängte mich dazu, ihr den Weg zu ebnen. Alexander… glaubst du wirklich, ich hätte kein Herz? Glaubst du, ich würde dabei nichts empfinden? „In Ordnung. Ich werde mein Bestes geben“, sagte ich mit heiserer Stimme, als lägen Glasscherben in meiner Kehle. Jedes Wort kostete mich all meine verbleibende Kraft. Ich ging ins Badezimmer, würgte und versuchte mich zu übergeben, doch nichts kam heraus. Das Baby in meinem Bauch war unheimlich still, und ein scharfer Stich der Schuld durchzuckte mich. Unwillkürlich legte ich eine Hand auf meinen Bauch und versuchte, mich innerlich zu beruhigen. Die Frau im Spiegel kam mir fremd vor – blass, mit geröteten Augen. Der Schmerz raubte mir beinahe den Atem. Ich spritzte mir wiederholt kaltes Wasser ins Gesicht und sagte mir immer wieder, dass alles gut werden würde. Es wird schon gut gehen… Es ist nur eine Markenkooperation für Isabella – Verträge organisieren, ein Werbeshooting planen. Das ist mein Fachgebiet. Ich schaffe das. Ich starrte mein Spiegelbild an und zwang mich zu einem schwachen Lächeln. Bevor mein Vater gestorben war, hatte ich ihm versprochen, stark zu bleiben – egal, welche Schwierigkeiten mir begegneten. Ich wusste, dass er irgendwo von oben zusah, und ich durfte ihn nicht enttäuschen. Und auch nicht das Baby, das in mir wuchs. Zurück im Büro rief ich sofort den Agenten von Lena Ashford an, entschuldigte mich geduldig und arrangierte für sie stattdessen eine kleinere Duftmarken-Kooperation. Außerdem versprach ich, sie künftig bei passenden Projekten zuerst zu berücksichtigen. Das schien Sophia Archer etwas zu besänftigen. Nachdem ich aufgelegt hatte, ließ ich mir die Akte von Isabella Blackwood bringen, und kurz darauf begann unsere Abteilungsbesprechung. Nach einem ganzen Arbeitstag hatten wir schließlich drei mögliche Optionen ausgewählt. Ich ließ meine Assistentin daraufhin Isabellas Agenten kontaktieren, um Gespräche über die Kooperation zu vereinbaren. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, massierte erschöpft den Nasenrücken und ließ meinen Blick über die Papiere auf meinem Schreibtisch schweifen. Scheidungsvereinbarung. Als ich sie kurz durchblätterte, konnte ich nicht umhin zu bemerken, wie großzügig Alexander gewesen war. Im Falle unserer Scheidung würde ich zwei Villen erhalten, zehn Prozent der Firmenanteile und zwanzig Millionen Dollar. Wirklich großzügig, CEO Hawthorne. Ich lächelte bitter und wollte nicht weiter darüber nachdenken. Als ich den Besprechungsraum betrat, waren der Operationsdirektor, der Produktmanager und der Kreativdirektor bereits da. Doch Isabella Blackwood und ihr Team waren noch nicht erschienen. Genervt wandte ich mich an meine Assistentin. „Rufen Sie Isabellas Agenten an und sagen Sie ihnen, sie sollen sich beeilen.“ Kurz darauf kam sie zurück. „Direktorin Vivienne, ich habe angerufen. Sie sagten, sie wären gleich hier.“ Doch während die Minuten verstrichen, wurde die Ungeduld der anderen immer deutlicher. Schließlich konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. „Schicken Sie mir bitte die Nummer von Isabellas Agenten.“ Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür. Isabella und Alexander traten gemeinsam ein. „Miss Blackwood, Boss – Sie sind auch hier?“ begrüßte ein Mitarbeiter sie hastig. Ich verengte die Augen, während sie hereinkamen. Ihre Nähe war unübersehbar. Isabella trug ein sanftgelbes Kleid und hatte ihren Arm spielerisch in Alexanders eingehakt. Er wiederum trug den eleganten Anzug, den sie ihm am Morgen ausgesucht und auf das Bett gelegt hatte. Die anderen warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu. Gerüchte kursierten schon lange, dass die Oscar-prämierte Miss Blackwood Alexanders erste Liebe war. Und offenbar stimmten sie. Sie passen wirklich perfekt zusammen. Der Gedanke traf mich wie ein Messerstich in die Brust. Meine Finger krümmten sich unwillkürlich zu Fäusten, doch ich zwang mich zu einem neutralen Gesichtsausdruck und trat nach vorn. „Boss, Miss Blackwood – da Sie beide hier sind, können wir beginnen.“ Alexander hatte einmal versprochen, mich nach unserer Scheidung weiterhin wie eine Schwester zu behandeln. Doch tief in meinem Herzen wusste ich, dass jemand, der einst so tief geliebt hatte, niemals einfach nur ein Freund werden konnte. Als ich die Verbindung zwischen ihm und Isabella sah, wurde mir klar, dass ich niemals um den Platz konkurrieren konnte, den sie in seinem Herzen einnahm. Isabella bemerkte mich und wirkte ehrlich überrascht. Sie griff nach meiner Hand. „Vivienne! Du bist auch hier!“ Ich senkte den Blick kurz auf ihre Hand, die meine hielt, zog mich dann leise zurück und nickte höflich. Isabella schien meine Distanz nicht zu bemerken und lächelte warm. „Es sind schon drei Jahre! Du bist so viel reifer geworden. Ich erinnere mich noch, als du im College warst und mich immer Schwägerin genannt hast.“ Niemand wirkte überrascht. Direktorin Vivienne war schließlich CEO Hawthornes Adoptivschwester – und es war offensichtlich, dass sie und die Oscar-Preisträgerin Isabella Blackwood sich gut kannten. Inzwischen vermuteten wahrscheinlich alle, dass meine Beziehung zu Alexander längst vorbei war. Drei Jahre zuvor hatte Alexander Isabella nach Ashford Manor gebracht. Damals war ich noch im College. Obwohl meine Universität weit entfernt lag, machte ich jeden Tag den langen Weg – nur um seine gelegentlichen Besuche nicht zu verpassen. Und an diesem Tag verpasste ich ihn nicht. Mit eigenen Augen sah ich, wie Alexander Isabella seiner Familie als seine Freundin vorstellte. Ich sah, wie sie sich im Garten umarmten und küssten. Damals dachte ich, dass ich ihn vielleicht mein ganzes Leben lang nur aus der Ferne betrachten würde. Als ich später Alexander Hawthorne heiratete, fühlte es sich wie ein Traum an. Doch weil es ein Traum war, wusste ich, dass er eines Tages enden würde. Und Isabella Blackwood war diejenige, die mich daraus aufweckte. Ein stechender Schmerz breitete sich in meiner Brust aus, doch ich zwang mich zu einem schwachen Lächeln. „Lange nicht gesehen, Miss Blackwood. Sie sehen noch strahlender aus als früher.“ Ich wusste, dass ich sie wohl nie wieder „Schwägerin“ nennen würde. Isabella lächelte. „Danke. Du auch. Übrigens, Vivienne – gefällt dir das signierte Album von Avery Rose? Ich habe gehört, du bist ein Fan. Sie ist eine Freundin von mir aus dem Ausland, also habe ich sie gebeten, es zu unterschreiben, als ich zurückkam.“ Für einen Moment fühlte ich mich wie vom Blitz getroffen. Meine ruhige, gefasste Fassade brach plötzlich zusammen. Es war, als wäre ich zum Narren geworden – zur Belustigung aller. Ich sah Alexander an, meine Augen flehten. Ich wünschte mir so sehr, dass er sagen würde, Isabella habe sich geirrt – dass das Geschenk von ihm gewesen sei. Doch Alexander sah mich nur kalt an. Seine Worte trafen mich wie ein Messer. „Was ist? Gefällt dir das Geschenk nicht, das Isabella dir mitgebracht hat?“ Mein Gesicht erstarrte. Nach einer langen Pause fand ich meine Fassung wieder. „Über die Vergangenheit können wir ein anderes Mal sprechen“, sagte ich leise. „Alle warten schon. Lassen Sie uns jetzt mit der Arbeit beginnen.“ „Gut“, sagte Isabella und wandte sich an Alexander. „Alexander, du gehst zurück ins Büro. Vergiss nicht, wir essen später zusammen.“ „Mhm.“ Ich sah ihm nach, während eine bittere Hilflosigkeit meine Brust erfüllte. Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass hinter Alexanders Entscheidungen vielleicht noch ein wenig Rücksicht steckte. Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass er vielleicht noch Gefühle für mich hatte. Wie lächerlich. Das Meeting endete um drei Uhr nachmittags, und beide Teams schüttelten sich die Hände. Ich sammelte die Unterlagen vor mir ein. „Danke für Ihre harte Arbeit. Ich lade alle zum Essen ein. Unten hat ein neues Fondue-Restaurant eröffnet – das Essen soll großartig sein.“ Eliza Knight, Isabellas Agentin, lächelte. „Das klingt gut. Wir nehmen die Einladung gerne an.“ Die Mitarbeiter beider Seiten tauschten Höflichkeiten aus, während wir zum Aufzug gingen. Eliza fragte: „Isabella, Mr. Hawthorne wollte doch mit dir essen. Sollen wir ihn nicht auch einladen?“ Isabella lächelte. „Ich kann ihn fragen, aber vielleicht hat er keine Zeit.“ „Wie könnte er ablehnen? Er ist doch immer so nett zu dir.“ Isabellas Assistentin neckte sie: „Schwester Isabella, sei doch nicht so bescheiden. Was für eine Beziehung hast du eigentlich zu Mr. Hawthorne? Kaum bist du wieder im Land, gibt er dir sofort die Position als Markenbotschafterin von V&R. Das sagt doch alles.“ „Schon gut, genug jetzt“, sagte Isabella und warf mir einen leicht verlegenen Blick zu. „Vivienne, bring du sie schon mal nach unten. Ich komme später mit Alexander.“ Als ich ihr Lächeln sah, durchzuckte mich erneut ein Schmerz. Ich nickte nur stumm, legte die Unterlagen in meinem Büro ab und ging hinunter ins Fondue-Restaurant, um einen privaten Raum zu reservieren. Ich bestellte einige Beilagen und versuchte, die Stimmung aufzulockern. Das war meine Arbeit. Und ich hatte die Kontrolle. Am Tisch wurde die Atmosphäre bald lebhaft. Die Mitarbeiter beider Seiten unterhielten sich und lachten. Eliza Knight lenkte das Gespräch auf mich. „Ich habe schon von Direktorin Vivienne gehört. Sie arbeiten sicher schon lange in dieser Branche, oder?“ Der Produktmanager mischte sich sofort ein und klopfte mir stolz auf die Schulter. „Gar nicht so lange – erst drei Jahre. Aber lassen Sie sich von ihrem Alter nicht täuschen. Direktorin Vivienne ist sehr fähig. Letztes Jahr wurde das MOBA-Mobile-Game DOTA2 ein riesiger Erfolg. Sie war als Marketingberaterin beteiligt.“ Doch Eliza schien das nicht besonders zu interessieren. Stattdessen fragte sie: „Ach so? Ich habe gehört, Direktorin Vivienne ist die Schwester von Chairman Hawthorne?“ Der Produktmanager verzog das Gesicht, sagte jedoch nichts. Ihre Worte deuteten klar an, dass ich nur wegen Vetternwirtschaft so weit gekommen war. Ich lächelte höflich. „Das könnte man so sagen. Mein Großvater hat sich um mich gekümmert.“ „Von Chairman Hawthorne persönlich ausgebildet zu werden, ist natürlich etwas Besonderes“, sagte Eliza lächelnd. In ihren Worten lag ein unterschwelliger Ton. Nicht nur der Produktmanager sah unzufrieden aus – auch die anderen Mitarbeiter wirkten unbehaglich. Ich blieb ruhig. „Mein Vater und Chairman Hawthorne waren alte Freunde. Deshalb hatte ich das Glück, nicht auf der Straße zu landen.“ Eliza hob leicht die Augenbrauen. „Ach wirklich? Ich dachte, es läge daran, dass Ihr Vater Chairman Hawthorne seine Leber gespendet hat?“
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN