Oray bückte sich und hob die schwarze Schatulle auf, mit der er gesprochen hatte. Mit seinen runzligen Händen hielt er das kleine, rechteckige Kästchen fest, schob den Stuhl zurück und trat in den Schatten. Seine Hände zitterten, als die Energie im Inneren des Kästchens vor Gier nach Magikas und Ishas Magie zu pulsieren begann. Er wusste, auf was sie es abgesehen hatten – die Schatulle, seine Schatulle. Sie wollten sie ihm wegnehmen und sie zerstören.
Er hätte ihnen die Schatulle gegeben, wenn er gekonnt hätte – aber die dunkle Magie, die ihn umhüllte, machte es ihm unmöglich, das kleine Kästchen aus der Hand zu geben. Stattdessen drückte er es schützend an seinen Körper.
„Ich befehle dir zu gehen“, forderte Oray mit zitternder Stimme.
„Oray, du bist krank. Gib mir die Schatulle, und ich bringe dich zurück in unsere Gemächer, damit du dich ausruhen kannst“, bat Magika ihn mit sanfter Stimme und ging einen Schritt auf ihn zu.
„Das ist nicht für dich. Es ist mein Geschenk. Niemand sonst darf es haben“, antwortete Oray.
„Wann hat sie es dir zurückgegeben, Oray? Die Meerhexe ist von der Zauberinsel verbannt worden. Das weißt du doch. Du hast versprochen, es mir zu sagen, wenn sie zurückkommt. Bitte gib mir das Kästchen, mein Lieber. Ich vermisse den Mann, der du warst. Was für eine unnatürliche Magie auch immer in der Schatulle ist, sie bringt dich um“, sagte Magika und ging weiter auf ihn zu.
Oray zitterte. Er wollte der Bitte seiner Frau nachgeben. Er vermisste ihre sanfte Berührung, das Lachen in ihrer Stimme, die Liebe, die sie füreinander empfanden. Sie vervollständigte ihn …
Nein, sie versucht, dich zu täuschen, zischte eine Stimme in seinem Kopf.
Unsere Liebe …, begann Oray zu argumentieren, bevor er zusammenzuckte, als ein intensiver Schmerz seinen Körper durchschoss.
… ist eine Illusion. Sie versuchen, dich zu zerstören. Es ist soweit. Ruf die Meerhexe, befahl die Stimme. Wir werden die Täuschung der Königin und ihrer Anhänger stoppen.
„Bitte, Oray“, flehte Magika und blieb weniger als dreißig Zentimeter entfernt von ihm stehen.
Oray sah seine Frau blinzelnd an und streckte automatisch die Hand nach ihr aus, als sie ihm die Hand entgegenstreckte. Seinen Lippen entwich ein Zischen, dann stolperte er einige Schritte rückwärts, bis er gegen das Bücherregal hinter ihm stieß und stehenblieb.
„Meerhexe … Mir wurde … befohlen, dich zu rufen“, sagte Oray mit einem Schaudern. Er senkte den Kopf und kämpfte darum, den letzten Rest seines Verstandes zu bewahren. „Magika … Du musst fliehen. Es ist zu spät. Ich kann nicht länger dagegen ankämpfen.“
Magika wich erschrocken zurück, als sich die kleine Schatulle in seinen Händen auflöste und in einen dunklen Nebel verwandelte, der ihn umwaberte. Oray hob den Kopf und schaute seine Frau gequält an. Die Anstrengung, die Kreatur davon abzuhalten, sich mit seiner Magie zu verbinden, zehrte an ihm. Sein Blick fiel auf den jungen Krieger, der hinter Magika auftauchte.
„Es ist zu spät. Ich kann nur hoffen, dass ich ihn lange genug in Schach halten kann, damit du unsere Königin in Sicherheit bringen kannst“, stieß Oray mühsam hervor. Eine Schwärze hatte sich um seine Kehle gelegt.
„NEIN!“, schrie Magika und streckte erneut die Hand nach ihrem Mann aus.
„Ihr müsst fliehen, Eure Majestät“, befahl Isha und zog sie hinter sich her. „Mit der Magie meines Schwertes werdet Ihr den König befreien.“
Isha schwang sein glühendes Schwert durch den schwarzen Nebel, aber Oray wusste, dass es zu spät war. Die Schatulle in seiner Hand hatte sich verändert und formte sich jetzt zu einer geisterhaften Kreatur, die entschlossen war, ihn zu unterwerfen. Schwarze Tentakel kollidierten mit Ishas Schwert. Goldene Funken glühten auf, bevor die in Ishas Schwert enthaltene Magie knisterte und zischte. Die schwarze Essenz saugte die zusätzliche Magie gierig auf.
Oray konnte spüren, wie sich die Meerhexe mit der fremden Lebensform verband. Tief in seinem Inneren war er erstaunt, dass das junge Mädchen, das er seit ihrer Geburt kannte, in der Lage gewesen war, gegen die böse Kraft zu kämpfen, die in der schwarzen Essenz enthalten war. Die Verbindung, die er mit ihr hatte, erlaubte ihm zu sehen, was mit Magna geschehen war. Die Parallelen zu seiner eigenen Situation waren erschreckend.
Sie war überwältigt worden, genau wie er, und sie war immer noch da, gefangen in der Essenz. Dennoch konnte er immer noch das Wesen des jungen Mädchens spüren, das sich unter den Schichten versteckte und sich befreien wollte. So sehr er auch darum gekämpft hatte, die bösartige Lebensform zu verstehen, ihr zu widerstehen und sie einzudämmen, letztendlich hatte sie ihn in ihren vernichtenden Bann gezogen.
„Herz, kalt wie Eis, schütze meine Seele hinter einer gefrorenen Wand. Ich befehle dir, mich jetzt zu versiegeln.“ Oray flüsterte den Zauberspruch mit gequälter Stimme.
„Oray, NEIN!“ schrie Magika, die sich bemühte, zu ihrem Mann zu gelangen.
Magikas kläglicher Schrei durchdrang ihn für einen Moment, bevor der Zauber wirkte. Oray wusste, dass die einzige Möglichkeit, sein Königreich – und das, was noch von ihm selbst übrig war – zu schützen, darin bestand, einen Zauber zu sprechen, der nur von seiner Königin oder durch den Tod des Wesens aufgehoben werden konnte. Eine dünne Eisschicht bildete sich auf seiner Haut und färbte sie hellblau. Er atmete kleine warme Luftwölkchen aus, bevor sich weiße Kristalle bildeten. Der Blutfluss in seinen Adern verlangsamte sich, bis es irgendwann gar nicht mehr floss.
Er war lebendig und doch irgendwie nicht. Sein Körper war steif und bewegte sich wie eine Marionette an einer Schnur, die von einem unerfahrenen Puppenspieler gehandhabt wurde, als er von der bösen Masse, die ihn umgab, angestoßen wurde. Die Emotionen der letzten Sekunde seines Bewusstseins waren auf seinem Gesicht eingefroren. Das letzte, woran er sich erinnern würde, war Magikas verzweifeltes Gesicht.
Oray bekam nicht mit, was als nächstes geschah. In seiner gefrorenen Welt war er für die Kreatur nicht mehr von Nutzen. Nichts konnte ihn jetzt noch berühren oder kontrollieren – nicht einmal die schmerzerfüllten Schreie seiner Geliebten konnten das Eis durchdringen, das seine Seele schützte.