3.

1253 Worte
Kapitel 3: Die Entscheidung Die Stunden nach Starkes Besuch sind wie in einem Nebel. Ich sitze auf dem Sofa, das Licht des frühen Abends wirft lange Schatten auf den Boden. Die Wohnung ist still, fast unheimlich still. Der Klang meines eigenen Atems scheint laut in den Ohren. Ich kann das Gewicht der Gedanken nicht abschütteln – die Worte von Stark hallen in meinem Kopf. Was hat er gemeint? Was soll ich jetzt tun? Ich schaue auf mein Handy, dann wieder auf den Fernseher, der stumm läuft. Es ist, als ob mein ganzes Leben in diesem Moment stillsteht. Ich habe Jon seit dem Nachmittag nicht mehr erreicht, und das fühlt sich irgendwie… falsch an. Sollte er sich nicht melden? Sollte er nicht wissen, was für eine Auswirkung sein Verhalten auf mich hat? Ich beiße mir auf die Lippe, mein Blick geht zur Uhr. Es ist spät geworden, aber der Drang, mit Jon zu sprechen, wächst. Ich kann die Unsicherheit nicht mehr ertragen. Also tippe ich ihm eine Nachricht. „Wir müssen reden. Es geht um etwas Wichtiges. Kannst du morgen vorbeikommen?“ Ich starre auf die Worte auf dem Bildschirm. Mein Herz schlägt schneller, als ich auf „Senden“ drücke. Sofort danach überkommt mich eine Welle der Nervosität. Was, wenn er nicht antwortet? Was, wenn er mir wieder aus dem Weg geht? Doch zu meiner Überraschung vibriert mein Handy wenig später. Eine Nachricht von Jon. Ich zögere nicht lange, um sie zu öffnen. „Ich bin unterwegs. Ich komme in einer Stunde zu dir. Keine Sorge, wir werden alles klären.“ Ich lege das Handy auf den Tisch und atme tief durch. Eine Stunde. So viel Zeit, um all die Fragen zu formulieren, die in meinem Kopf schwirren. Aber auch so viel Zeit, um mich selbst zu beruhigen. Mein Kopf dreht sich, meine Gedanken springen von einem Thema zum anderen, und ich weiß, dass ich mich auf dieses Gespräch vorbereiten muss. Ich stehe auf, gehe durch die Wohnung und überlege, was ich anziehen soll. Irgendetwas, das mich sicher und stark erscheinen lässt. Etwas, das meine Entschlossenheit zeigt, auch wenn ich innerlich noch unsicher bin. Als ich mich für ein schlichtes, aber elegantes Outfit entschieden habe, gehe ich in die Küche und bereite mir eine Tasse Tee zu. Meine Hände zittern ein wenig, als ich die Tasse halte, aber ich versuche, ruhig zu bleiben. Es ist nur ein Gespräch, denke ich. Nichts, wovor ich Angst haben sollte. Aber tief in mir spüre ich, dass dieses Gespräch alles verändern wird. Wenige Minuten später klingelt es an der Tür. Mein Herz setzt für einen Moment aus. Ich gehe zur Tür, atme tief ein und öffne sie. Da steht Jon, in seinem typischen, selbstbewussten Outfit, das immer so perfekt aussieht. Doch heute ist etwas anderes an ihm. Es ist, als ob er sich bewusst ist, dass er in einer Zwickmühle steckt. „Ayra“, sagt er, sein Lächeln ist nicht so strahlend wie sonst. „Du wolltest reden. Was ist los?“ Ich spüre, wie meine Wut in mir hochsteigt. Wie konnte er mir all diese Zeit lang so etwas vorlügen? Wie konnte er mir ein Leben versprechen, das nicht einmal wirklich existierte? „Komm rein“, sage ich, meine Stimme ruhiger, als ich fühle. Er tritt ein und schließt die Tür hinter sich. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und setze mich auf das Sofa, während er sich mir gegenüber niederlässt. Es ist merkwürdig ruhig zwischen uns. Zu ruhig. „Was ist los, Ayra?“, fragt Jon, und ich höre den Hauch von Besorgnis in seiner Stimme. „Was hat dich so aufgewühlt?“ Ich schaue ihn an, meine Augen treffen die seinen. Es fühlt sich wie eine Prüfung an. Ich kann ihm nicht einfach alles verzeihen, auch wenn er mir verspricht, dass alles in Ordnung ist. „Du bist nicht der Mann, der du vorgibst zu sein“, sage ich schließlich, und die Worte fühlen sich befreiend an. Ich habe mich endlich dazu durchgerungen, die Wahrheit zu sagen. „Und ich weiß es jetzt. Stark hat mir alles erzählt.“ Jon sieht mich an, seine Augen weit aufgerissen. „Stark? Was hat er dir gesagt?“ Seine Stimme klingt alarmiert, aber auch ein bisschen verteidigend. „Er hat mir gesagt, dass du mit anderen Frauen sprichst, dass du Dinge tust, die du mir nie gesagt hast. Und das ist nicht das erste Mal, dass ich es bemerke, Jon“, fahre ich fort. „Ich habe es immer ignoriert, aber jetzt… jetzt kann ich nicht mehr einfach so tun, als wäre alles in Ordnung.“ Es ist still, und ich sehe, wie er nach Worten ringt. Er schließt die Augen für einen Moment und atmet tief ein, als ob er versucht, seine Gedanken zu ordnen. „Ayra, es tut mir leid“, sagt er schließlich, seine Stimme klingt jetzt viel leiser. „Ich habe dich enttäuscht. Aber du musst verstehen, dass es nicht so einfach ist, wie du denkst.“ „Was bedeutet das?“ frage ich, und meine Stimme wird schärfer. „Du hast mich verletzt, Jon. Du hast mir all diese Versprechungen gemacht, und jetzt sehe ich, dass sie leer sind. Alles, was du mir gezeigt hast, war eine Lüge.“ „Ich wollte dich nie verletzen“, sagt er, und jetzt klingt seine Stimme verzweifelt. „Es ist nur… ich habe mich verloren. In dieser ganzen Sache mit der Arbeit, der Verantwortung. Es war nie ein Vorwurf an dich, Ayra. Ich habe einfach… vergessen, was wirklich wichtig ist.“ „Vergessen?“, wiederhole ich ungläubig. „Wie kann man so etwas vergessen?“ „Es war nie beabsichtigt“, sagt er, fast flehend. „Ich wollte dir alles geben, was du dir gewünscht hast. Aber in diesem ganzen Chaos habe ich den Kontakt zu dir verloren. Und es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.“ Seine Worte erreichen mich nicht. Sie scheinen leer zu sein, als wären sie nur eine weitere Entschuldigung, die nicht zu meinen Gefühlen passt. „Jon, es ist zu spät“, sage ich schließlich. „Ich kann nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert.“ Sein Gesicht verzieht sich, und für einen Moment sehe ich, wie verletzt er ist. Aber dann wird sein Blick wieder ernst. „Was willst du jetzt tun? Willst du wirklich alles aufgeben, was wir haben?“ „Was wir haben?“, wiederhole ich. „Was haben wir wirklich, Jon? Du hast mir nie die Wahrheit gesagt, du hast mich nie wirklich einbezogen. Du hast mir nur deine eigene Version einer Zukunft verkauft, die nicht existiert.“ „Du hast keine Ahnung, wie schwer es für mich war“, sagt er, und seine Stimme klingt jetzt brechend. „Du hast keine Ahnung, was ich alles auf mich genommen habe, um dir ein Leben zu bieten. Und du kannst mir nicht einfach alles wegnehmen.“ „Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr weiter so tun“, sage ich und atme tief durch. „Du hast mir versprochen, dass wir in den Urlaub fahren würden, dass wir eine Zukunft haben würden. Aber was du mir wirklich gegeben hast, ist ein leeres Versprechen.“ Jon steht auf, seine Hände sind zu Fäusten geballt. „Und was willst du jetzt tun, Ayra? Soll ich gehen?“ Ich sehe ihm in die Augen, und diesmal ist es mir egal, wie schmerzhaft es ist. „Ja, Jon. Es ist Zeit zu gehen.“
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